Rede zum Schuljahresabschluß am 29. September 1809
by Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Language: German
Durch allergnaedigste Befehle bin ich angewiesen, bei der feierlichen
Verteilung der Preise, welche die allerhOechste Regierung den SchUelern,
die sich durch ihre Fortschritte auszeichnen, zur Belohnung und noch
mehr zur Aufmunterung bestimmt, in einer oeffentlichen Rede die
Geschichte der Gymnasialanstalt im verflossenen Jahre darzustellen
und dasjenige zu beruehren, wovon fuer das Verhaeltnis des Publikums zu
derselben zu sprechen zweckmaessig sein kann. So ehrerbietigst ich
diese Pflicht zu erfuellen habe, so sehr liegt die eigene Aufforderung
dazu in der Natur des Gegenstandes und Inhaltes, der eine Reihe
koeniglicher Wohltaten oder deren Wirkungen ist und dessen Darstellung
den Ausdruck der tiefschuldigsten Dankbarkeit fuer dieselbe
enthaelt--einer Dankbarkeit, die wir in Gemeinschaft mit dem Publikum
der erhabenen Sorge der Regierung fuer die oeffentlichen
Unterrichtsanstalten darbringen.--Es sind zwei Zweige der
Staatsverwaltung, fuer deren gute Einrichtung die Voelker am
erkenntlichsten zu sein pflegen, gute Gerechtigkeitspflege und gute
Erziehungsanstalten; denn von keinem uebersieht und fuehlt der
Privatmann die Vorteile und Wirkungen so unmittelbar, nah und einzeln
als von jenen Zweigen, deren der eine sein Privateigentum ueberhaupt,
der andere aber sein liebstes Eigentum, seine Kinder, betrifft.
Die hiesige Stadt hat die Wohltat einer neuen Schuleinrichtung um so
lebhafter erkannt, je groesser und allgemein gefuehlter das Beduerfnis
einer Veraenderung war.
Die neue Anstalt hatte ferner den Vorteil, auf alte, mehrere
Jahrhunderte bestandene Anstalten, nicht auf eine neue zu folgen; es
konnte sich somit an sie die vorhandene Vorstellung einer langen
Dauer, eines Bleibenden knuepfen, und das entgegenkommende Zutrauen
wurde nicht durch den Gegengedanken gestoert, dass die neue Einrichtung
etwas vielleicht nur Voruebergehendes, Experimentartiges sei,--ein
Gedanke, der besonders, wenn er sich in den Gemuetern derer, denen die
unmittelbare Ausfuehrung anvertraut ist, [festsetzt,] oefters sogar
faehig ist, eine Einrichtung in der Tat zu einem blossen Experiment
herabzusetzen.
Ein innerlicher Grund des Zutrauens ist aber, dass die neue Anstalt
bei wesentlicher Verbesserung und Erweiterung des Ganzen das Prinzip
der aelteren erhalten hat und insofern nur eine Fortsetzung derselben
ist. Und es ist merkwuerdig, dass dieser Umstand das Charakteristische
und Ausgezeichnete der neuen Einrichtung ausmacht.
Indem das sich endigende Studienjahr das erste Jahr und die
Geschichte unserer Anstalt in demselben die Geschichte ihrer
Entstehung ist, so liegt der Gedanke ihres ganzen Planes und Zweckes
zu nahe, als dass wir von ihm ab und schon auf einzelne Begebenheiten
derselben unsere Aufmerksamkeit richten moechten. Weil die Sache
selbst soeben erst geworden ist, so beschaeftigt noch ihre Substanz
die Neugierde und die nachsinnendere Ueberlegung. Das Einzelne aber
ist teils aus den oeffentlichen Anzeigen bekannt; teils, wie auch das
weitere Detail, was und wie und wieviele Schueler dieses Jahr gelehrt
worden, ist in dem gedruckt dem Publikum mitzuteilenden
Schuelerkatalog enthalten. Es sei mir daher erlaubt, in der hohen
Gegenwart Eurer Exzellenz und dieser hochansehnlichen Versammlung
mich an das Prinzip unseres Instituts zu halten und ueber sein
Verhaeltnis und seine Grundzuege und deren Sinn einige allgemeine
Gedanken vorzulegen, soweit die zerstreuende Vielgeschaeftigkeit, die
mein Amt gerade in diesem Zeitpunkte mit sich brachte, mir zu sammeln
erlaubte.
Der Geist und Zweck unserer Anstalt ist die Vorbereitung zum
gelehrten Studium, und zwar eine Vorbereitung, welche auf den Grund
der Griechen und Roemer erbaut ist. Seit einigen Jahrtausenden ist
dies der Boden, auf dem alle Kultur gestanden hat, aus dem sie
hervorgesprosst und mit dem sie in bestaendigem Zusammenhange gewesen
ist. Wie die natuerlichen Organisationen, Pflanzen und Tiere, sich
der Schwere entwinden, aber dieses Element ihres Wesens nicht
verlassen koennen, so ist alle Kunst und Wissenschaft jenem Boden
entwachsen; und obgleich auch in sich selbststaendig geworden, hat sie
sich von der Erinnerung jener aelteren Bildung nicht befreit. Wie
Anteus seine Kraefte durch die Beruehrung der muetterlichen Erde
erneuerte, so hat jeder neue Aufschwung und Bekraeftigung der
Wissenschaft und Bildung sich aus der Rueckkehr zum Altertum ans Licht
gehoben.
So wichtig aber die Erhaltung dieses Bodens ist, so wesentlich ist
die Abaenderung des Verhaeltnisses, in welchem er ehemals gestanden hat.
Wenn die Einsicht in das Ungenuegende, Nachteilige alter Grundsaetze
und Einrichtungen ueberhaupt und damit der mit ihnen verbundenen
vorigen Bildungzwecke und Bildungsmittel eintritt, so ist der Gedanke,
der sich zunaechst auf der Oberflaeche darbietet, die gaenzliche
Beseitigung und Abschaffung derselben. Aber die Weisheit der
Regierung, erhaben ueber diese leicht scheinende Hilfe, erfuellt auf
die wahrhafteste Art das Beduerfnis der Zeit dadurch, dass sie das Alte
in ein neues Verhaeltnis zu dem Ganzen setzt und dadurch das
Wesentliche derselben ebensosehr erhaelt, als sie es veraendert und
erneuert.
Ich brauche nur mit wenigen Worten an die bekannte Stellung zu
erinnern, welche das Erlernen der lateinischen Sprache ehemals hatte,
dass dasselbe nicht sowohl fuer ein Moment des gelehrten Studiums galt,
sondern den wesentlichsten Teil desselben ausmachte und das einzig
hoehere Bildungsmittel war, welches demjenigen dargeboten wurde, der
nicht bei dem allgemeinen, ganz elementarischen Unterrichte
stehenbleiben wollte; dass fuer die Erwerbung anderer Kenntnisse,
welche fuers buergerliche Leben nuetzlich oder an und fuer sich von Wert
sind, kaum ausdrueckliche Anstalten gemacht waren, sondern es im
ganzen der Gelegenheit der Erlenung jener Sprache ueberlassen war, ob
etwas und wieviel dabei von ihnen anflog,--dass jene Kenntnisse zum
Teil fuer eine besondere Kunst, nicht zugleich fuer ein Bildungsmittel
galten und groesstenteils in jene Schale gehuellt waren.
Die allgemeine Stimme erhob sich gegen jenes unselig gewordene
Lateinlernen; es erhob sich das Gefuehl vornehmlich, dass ein Volk
nicht als gebildet angesehen werden kann, welches nicht alle Schaetze
der Wissenschaft in seiner eigenen Spache ausdruecken und sich in ihr
mit jedem Inhalt frei bewegen kann. Diese Innigkeit, mit welcher die
eigene Sprache uns angehoert, fehlt den Kenntnissen, die wir nur in
einer fremden besitzen; sie sind durch eine Scheidewand von uns
getrennt, welche sie dem Geiste nicht wahrhaft einheimisch sein laesst.
Dieser Gesichtspunkt, die fehlerhaften, oft zum durchgaengigen
Mechanismus herabsinkenden Methoden, die verabsaeumte Erwerbung vieler
wichtiger Sachkenntnisse und geistiger Fertigkeiten hat sich nach und
nach die Kenntnis der lateinischen Sprache von ihrem Anspruche, als
Hauptwissenschaft zu gelten, und von ihrer lange behaupteten Wuerde,
allgemeines und fast ausschliesendes Bildungsmittel zu sein,
abgesetzt. Sie hat aufgehoert, als Zweck betrachtet zu werden, und
diese geistige Beschaeftigung hat dagegen sogenannte Sachen, und
darunter alltaegliche, sinnliche Dinge, die keinen Bildungsstoff
abzugeben faehig sind, ueber sich maechtig werden sehen muessen. Ohne in
diese Gegensaetze und deren weitere Bestimmungen, ihre Uebertreibungen
oder aeusserliche Kollisionen einzugehen, genuege es hier, uns des
weisen Verhaeltnisses zu freuen, das unsere allerhoechste Regierung
hierin festgesetzt hat.
Erstlich hat dieselbe durch die Vervollkommnung der deutschen
Volksschulen die allgemeine Buergerbildung erweitert, es werden
dadurch allen die Mittel verschafft, das ihnen als Menschen
Wesentliche und fuer ihren Stand Nuetzliche zu erlernen; denen, die das
Bessere bisher entbehrten, wird dasselbe hierdurch gewaehrt; denen
aber, die, um etwas Besseres als den ungenuegenden allgemeinen
Unterricht zu erhalten, nur zu dem genannten Bildungsmittel greifen
konnten, wird dasselbe entbehrlicher gemacht und durch zweckmaessigere
Kenntnisse und Fertigkeiten ersetzt.--Auch die hiesige Stadt sieht
der vollstaendigen Organisation dieser dem groessten Teil des uebrigen
Koenigreichs bereits erwiesenen Wohltat, erwartungsvoll
entgegen--einer Wohltat, deren wichtige Folgen fuer das Ganze kaum zu
berechnen sind.
Zweitens hat das Studium der Wissenschaften und die Erwerbung hoeherer
geistiger und nuetzlicher Fertigkeiten, in ihrer Unabhaengigkeit von
der alten Literatur, in einer eigenen Schwesteranstalt ihr
vollstaendiges Mittel bekommen.
Drittens endlich ist das alte Sprachenstudium erhalten. Es steht
teils nach wie vor als hoeheres Bildungsmittel jedem offen, teils aber
ist es zur gruendlichen Basis des gelehrten Studiums befestigt worden.
Indem dasselbe nun neben jenes getreten ist, ist es seiner
Ausschlieslichkeit verlustig geworden und kann den Hass gegen seine
vorherigen Anmassungen getilgt haben. So auf die Seite getreten, hat
es um so mehr das Recht, zu fordern, dass es in seiner Abscheidung
frei gewaehren duerfe und von fremdartigen, stoerenden Einmischungen
ferner unbehelligt bleibe.
Durch diese Ausscheidung und Einschraenkung hat es seine wahrhafte
Stellung und die Moeglichkeit erhalten, sich um so freier und
vollstaendiger ausbilden zu koennen. Das echte Kennzeichen der
Freiheit und Staerke einer Organisation besteht darin, wenn die
unterschiedenen Momente, die sie enthaelt, sich in sich vertiefen und
zu vollstaendigen Systemen machen, ohne Neid und Furcht nebeneinander
ihr Werk treiben und es sich treiben sehen, und dass alle wieder nur
Teile eines grossen Ganzen sind. Nur was sich abgesondert in seinem
Prinzip vollkommen macht, wird ein konsequentes Ganzes, d.h. es wird
etwas; es gewinnt Tiefe und die kraeftige Moeglichkeit der
Vielseitigkeit. Die Besorgnis und Aengstlichkeit ueber Einseitigkeit
pflegt zu haeufig der Schwaeche anzugehoeren, die nur der vielseitigen
inkonsequenten Oberflaechlichkeit faehig ist.
Wenn nun das Studium der alten Sprachen wie vorher die Grundlage der
gelehrten Bildung bleibt, so ist es auch in dieser Einschraenkung sehr
in Anspruch genommen worden. Es scheint eine gerechte Forderung zu
sein, dass die Kultur, Kunst und Wissenschaft eines Volkes auf ihre
eigenen Beine zu stehen komme. Duerfen wir von der Bildung der
neueren Welt, unserer Aufklaerung und den Fortschritten aller Kuenste
und Wissenschaften nicht glauben, dass sie die griechischen und
roemischen Kinderschuhe vertreten haben, ihrem alten Gaengelbande
entwachsen auf eigenem Grund und Boden fussen koennen? Den Werken der
Alten moechte immerhin ihr groesser oder geringer angeschlagener Wert
bleiben, aber sie haetten in die Reihe von Erinnerungen, gelehrter
muessiger Merkwuerdigkeiten, unter das blose Geschichtliche
zurueckzutreten, das man aufnehmen koennte oder auch nicht, das aber
nicht schlechthin fuer unsere hoehere Geistesbildung Grundlage und
Anfang ausmachen muesste.
Lassen wir es aber gelten, dass ueberhaupt vom Vortrefflichen
auszugehen ist, so hat fuer das hoehere Studium die Literatur der
Griechen vornehmlich, und dann die der Roemer, die Grundlage zu sein
und zu bleiben. Die Vollendung und Herrlichkeit dieser Meisterwerke
muss das geistige Bad, die profane Taufe sein, welche der Seele den
ersten und unverlierbaren Ton und Tinktur fuer Geschmack und
Wissenschaft gebe. Und zu dieser Einweihung ist nicht eine
allgemeine, aeussere Bekanntschaft mit den Alten hinreichend, sondern
wir muessen uns ihnen in Kost und Wohnung geben, um ihre Luft, ihre
Vorstellungen, ihre Sitten, selbst, wenn man will, ihre Irrtuemer und
Vorurteile einzusaugen und in dieser Welt einheimisch zu werden,--der
schoensten, die gewesen ist.
Wenn das erste Paradies das Paradies der Menschennatur war, so ist
dies das zweite, das hoehere, das Paradies des Menschengeistes, der in
seiner schoeneren Natuerlichkeit, Freiheit, Tiefe und Heiterkeit wie
die Braut aus ihrer Kammer hervortritt. Die erste wilde Pracht
seines Aufgangs im Morgenlande ist durch die Herrlichkeit der Form
umschrieben und zur Schoenheit gemildert; er hat seine Tiefe nicht
mehr in der Verworrenheit, Truebseligkeit oder Aufgeblasenheit,
sondern sie liegt in unbefangener Klarheit offen; seine Heiterkeit
ist nicht ein kindisches Spielen, sondern ueber die Wehmut
hergebreitet, welche die Haerte des Schicksals kennt, aber durch sie
nicht aus der Freiheit ueber sie und aus dem Masse getrieben wird. Ich
glaube nicht zu viel zu behaupten, wenn ich sage, dass, wer die Werke
der Alten nicht gekannt hat, gelebt hat, ohne die Schoenheit zu kennen.
In einem solchen Elemente nun, indem wir uns [darin] einhausen,
geschieht es nicht nur, dass alle Kraefte der Seele angeregt,
entwickelt und geuebt werden, sondern dasselbe ist ein eigentuemlicher
Stoff, durch welchen wir uns bereichern und unsere bessere Substanz
bereiten.
Es ist gesagt worden, dass die Geistestaetigkeit an jedem Stoffe geuebt
werden koenne, und als zweckmaessigster Stoff erschienen teils aeusserlich
nuetzliche, teils die sinnlichen Gegenstaende, die dem jugendlichen
oder kindlichen Alter am angemessensten seien, indem sie dem Kreise
und der Art des Vorstellens angehoeren, den dieses Alter schon an und
fuer sich selbst habe.
Wenn vielleicht, vielleicht auch nicht, das Formelle von der Materie,
das Ueben selbst von dem gegenstaendlichen Kreise, an dem es geschehen
soll, so trennbar und gleichgueltig dagegen sein koennte, so ist es
jedoch nicht um das Ueben allein zu tun. Wie die Pflanze die Kraefte
ihrer Reproduktion an Licht und Luft nicht nur uebt, sondern in diesem
Prozesse zugleich ihre Nahrung einsaugt, so muss der Stoff, an dem
sich der Verstand und das Vermoegen der Seele ueberhaupt entwickelt und
uebt, zugleich eine Nahrung sein. Nicht jener sogenannte nuetzliche
Stoff, jene sinnliche Materiatur, wie sie unmittelbar in die
Vorstellungsweise des Kindes faellt, nur der geistige Inhalt, welcher
Wert und Interesse in und fuer sich selbst hat, staerkt die Seele und
verschafft diesen unabhaengigen Halt, diese substantielle
Innerlichkeit, welche die Mutter von Fassung, von Besonnenheit, von
Gegenwart und Wachen des Geistes ist; er erzeugt die an ihm
grossgezogene Seele zu einem Zwecke, der erst die Grundlage von
Brauchbarkeit zu allem ausmacht und den es wichtig ist, in allen
Staenden zu pflanzen. Haben wir nicht in neueren Zeiten sogar Staaten
selbst, welche solchen inneren Hintergrund in der Seele ihrer
Angehoerigen zu erhalten und auszubauen vernachlaessigten und
verachteten, sie auf die blosse Nuetzlichkeit und auf das Geistige nur
als auf ein Mittel richteten, in Gefahren haltungslos dastehen und in
der Mitte ihrer vielen nuetzlichen Mittel zusammenstuerzen sehen?
Den edelsten Nahrungsstoff nun und in der edelsten Form, die goldenen
Aepfel in silbernen Schalen, enthalten die Werke der Alten, und
unvergleichbar mehr als jede anderen Weke irgendeiner Zeit und Nation.
Ich brauche an die Grossheit ihrer Gesinnungen, an ihre plastische,
von moralischer Zweideutigkeit freie Tugend und Vaterlandsliebe, an
den grossen Stil ihrer Taten und Charaktere, das Mannigfaltige ihrer
Schicksale, ihrer Sitten und Verfassungen nur zu erinnern, um die
Behauptung zu rechtfertigen, dass in dem Umfange keiner Bildung soviel
Vortreffliches, Bewunderungswuerdiges, Originelles, Vielseitiges und
Lehrreiches vereinigt war.
Dieser Reichtum aber ist an die Sprache gebunden, und nur durch und
in dieser erreichen wir ihn in seiner ganzen Eigentuemlichkeit. Den
Inhalt geben uns etwa Uebersetzungen, aber nicht die Form, nicht die
aetherische Seele desselben. Sie gleichen den nachgemachten Rosen,
die an Gestalt, Farbe, etwa auch Wohlgeruch den natuerlichen aehnlich
sein koennen; aber die Lieblichkeit, Zartheit und Weichheit des Lebens
erreichen jene nicht. Oder die sonstige Zierlichkeit und Feinheit
der Kopie gehoert nur dieser an, an welcher ein Kontrast zwischen dem
Inhalte und der nicht mit ihm erwachsenen Form sich fuehlbar macht.
Die Sprache ist das musikalische Element, das Element der Innigkeit,
das in der Uebertragung verschwindet,--der feine Duft, durch den die
Sympathie der Seele sich zu geniesen gibt, aber ohne den ein Werk der
Alten nur schmeckt wie Rheinwein, der verduftet ist.
Dieser Umstand legt uns die hart scheinende Notwendigkeit auf, die
Sprachen der Alten gruendlich zu studieren und sie uns gelaeufig zu
machen, um ihre Werke in dem moeglichsten Umfang aller ihrer Seiten
und Vorzuege geniesen zu koennen. Wenn wir uns ueber die Muehe, die wir
hierzu anwenden muessen, beschweren wollten und es fuerchten oder
bedauern koennten, die Erwerbung anderer Kenntnisse und Fertigkeiten
darueber zuruecksetzen zu muessen, so haetten wir das Schicksal
anzuklagen, das uns in unserer eigenen Sprache nicht diesen Kreis
klassischer Werke hat zuteil werden lassen, die uns die muehevolle
Reise zu dem Altertum entbehrlicher machten und den Ersatz fuer
dasselbe gewaehrten.
Nachdem ich von dem Stoffe der Bildung gesprochen, fuehrt dieser
Wunsch darauf, noch einige Worte ueber das Formelle zu sagen, das in
ihrer Natur liegt.
Das Fortschreiten der Bildung ist naemlich nicht als das ruhige
Fortsetzen einer Kette anzusehen, an deren fruehere Glieder die
nachfolgenden zwar mit Ruecksicht auf sie gefuegt wuerden, aber aus
eigener Materie und ohne dass diese weitere Arbeit gegen die erstere
gerichtet waere. Sondern die Bildung muss einen frueheren Stoff und
Gegenstand haben, ueber den sie arbeitet, den sie veraendert und neu
formiert. Es ist noetig, dass wir uns die Welt des Altertums erwerben,
so sehr, um sie zu besitzen, als noch mehr, um etwas zu haben, das
wir verarbeiten.--Um aber zum Gegenstande zu werden, muss die Substanz
der Natur und des Geistes uns gegenuebergetreten sein, sie muss die
Gestalt von etwas Fremdartigem erhalten haben.--Ungluecklich der, dem
seine unmittelbare Welt der Gefuehle entfremdet wird; denn dies heisst
nichts anderes, als dass die individuellen Bande, die das Gemuet und
den Gedanken heilig mit dem Leben befreunden, Glaube Liebe und
Vertrauen, ihm zerrissen wird!--Fuer die Entfremdung, welche Bedingung
der theoretischen Bildung ist, fordert diese nicht diesen sittlichen
Schmerz, nicht das Leiden des Herzens, sondern den leichteren Schmerz
und Anstrengung der Vorstellung, sich mit einem Nicht- Unmittelbaren,
einem Fremdartigen, mit etwas der Erinnerung, dem Gedaechtnisse und
dem Denken Angehoerigen zu beschaeftigen.--Diese Forderung der Trennung
aber ist so notwendig, dass sie sich als ein allgemeiner und bekannter
Trieb in uns aeussert. Das Fremdartige, das Ferne fuehrt das
anziehende Interesse mit sich, das uns zur Beschaeftigung und Bemuehung
lockt, und das Begehrenswerte steht im umgekehrten Verhaeltnisse mit
der Naehe, in der es steht und gemein mit uns ist. Die Jugend stellt
es sich als ein Glueck vor, aus dem Einheimischen wegzukommen und mit
Robinson eine ferne Insel zu bewohnen. Es ist eine notwendige
Taeuschung, das Tiefe zuerst in der Gestalt der Entfernung suchen zu
muessen; aber die Tiefe und Kraft, die wir erlangen, kann nur durch
die Weite gemessen werden, in die wir von dem Mittelpunkte
hinwegflogen, in welchen wir uns zuerst versenkt befanden und dem wir
wieder zustreben.
Auf diesen Zentrifugaltrieb der Seele gruendet sich nun ueberhaupt die
Notwendigkeit, die Scheidung, die sie von ihrem natuerlichen Wesen und
Zustand sucht, ihr selbst darreichen und eine ferne, fremde Welt in
den jungen Geist hineinstellen zu muessen. Die Scheidewand aber,
wodurch diese Trennung fuer die Bildung, wovon hier die Rede ist,
bewerkstelligt wird, ist die Welt und Sprache der Alten; aber sie,
die uns von uns trennt, enthaelt zugleich alle Anfangspunkte und Faeden
der Rueckkehr zu sich selbst, der Befreundung mit ihr und des
Wiederfindens seiner selbst, aber seiner nach dem wahrhaften
allgemeinen Wesen des Geistes.
Diese allgemeine Notwendigkeit, welche die Welt der Vorstellung so
sehr als die Sprache als solche umfasst, wenn wir sie auf die
Erlernung der letzteren anwenden, so erhellt von selbst, dass die
mechanische Seite davon mehr als bloss ein notwendiges Uebel ist. Denn
das Mechanische ist das [dem] Geiste Fremde, fuer den es Interesse hat,
das in ihn hineingelegte Unverdaute zu verdauen, das in ihm noch
Leblose zu verstaendigen und zu seinem Eigentume zu machen.
Mit diesem mechanischen Momente der Spracherlernung verbindet sich
ohnehin sogleich das grammatische Studium, dessen Wert nicht hoch
genug angeschlagen werden kann, denn es macht den Anfang der
logischen Bildung aus,--eine Seite, die ich noch zuletzt beruehre,
weil sie beinahe in Vergessenheit gekommen zu sein scheint. Die
Grammatik hat naemlich die Kategorien, die eigentuemlichen Erzeugnisse
und Bestimmungen des Verstandes zu ihrem Inhalte; in ihr faengt also
der Verstand selbst an, gelernt zu werden. Diese geistigen
Wesenheiten, mit denen sie uns zuerst bekannt macht, sind etwas
hoechst Fassliches fuer die Jugend, und wohl nichts Geistiges [ist]
fasslicher als sie; denn die noch nicht umfassende Kraft dieses
Alters vermag das Reiche in seiner Mannigfaltigkeit nicht aufzunehmen;
jene Abstraktionen aber sind das ganz Einfache. Sie sind gleichsam
die einzelnen Buchstaben, und zwar die Vokale des Geistigen, mit
denen wir anfangen, [um] es buchstabieren und dann lesen zu lernen.
--Alsdann traegt die Grammatik sie auch auf eine diesem Alter
angemessene Art vor, indem sie dieselben durch aeusserliche
Hilfsmerkmale, welche die Sprache meist selbst enthaelt, unterscheiden
lehrt; um etwas besser, als jedermann rot und blau unterscheiden kann,
ohne die Definitionen dieser Farben nach der Newtonschen Hypothese
oder einer sonstigen Theorie angeben zu koennen, reicht jene Kenntnis
vorerst hin, und es ist hoechst wichtig, auf diese Unterschiede
aufmerksam gemacht worden zu sein. Denn wenn die
Verstandesbedingungen, weil wir verstaendige Wesen sind, in uns sind
und wir dieselben unmittelbar verstehen, so besteht die erste Bildung
darin, sie zu haben, d.h. sie zum Gegenstande des Bewusstseins
gemacht zu haben und sie durch Merkmale unterscheiden zu koennen.
Indem wir durch die grammatische Terminologie uns in Abstraktionen
bewegen lernen und dies Studium als die elementarische Philosophie
anzusehen ist, so wird es wesentlich nicht bloss als Mittel, sondern
als Zweck--sowohl bei dem lateinischen als bei dem deutschen
Sprachunterricht--betrachtet. Der allgemeine oberflaechliche
Leichtsinn, den zu vertreiben der ganze Ernst und die Gewalt der
Erschuetterungen, die wir erlebt, erforderlich war, hatte, wie im
Uebrigen, so bekanntlich auch hier das Verhaeltnis von Mittel und Zweck
verkehrt und das materielle Wissen einer Sprache hoeher als ihre
verstaendige Seite geachtet.--Das grammatische Erlernen einer alten
Sprache hat zugleich den Vorteil, anhaltende und unausgesetzte
Vernunfttaetigkeit sein zu muessen; indem hier nicht, wie bei der
Muttersprache, die unreflektierte Gewohnheit die richtige Wortfuegung
herbeifuehrt, sondern es notwendig ist, den durch den Verstand
bestimmten Wert der Redeteile vor Augen zu nehmen und die Regel zu
ihrer Verbindung zu Hilfe zu rufen. Somit aber findet ein
bestaendiges Subsumieren des Besonderen unter das Allgemeine und
Besonderung des Allgemeinen statt, als worin ja die Form der
Vernunfttaetigkeit besteht.--Das strenge grammatische Studium ergibt
sich also als eines der allgemeinsten und edelsten Bildungsmittel.
Dies zusammen, das Studium der Alten in ihrer eigentuemlichen Sprache
und das grammatische Studium, macht die Grundzuege des Prinzips aus,
welches unsere Anstalt charakterisiert. Dieses wichtige Gut, so
reich es schon an sich selbst ist, begreift darum nicht den ganzen
Umfang der Kenntnisse, in welche unsere vorbereitende Anstalt
einfuehrt. Ausserdem, dass schon die Lektuere der alten Klassiker so
gewaehlt ist, um einen lehrreichen Inhalt darzubieten, befasst die
Anstalt auch den Unterricht fernerer Kenntnisse, die einen Wert an
und fuer sich haben, von besonderer Nuetzlichkeit oder auch eine Zierde
sind. Ich brauche diese Gegenstaende hier nur zu nennen; ihr Umfang,
ihre Behandlungsweise, die geordnete Stufenfolge in denselben und in
ihren Verhaeltnissen zu anderen, die Uebungen, die an sie angeknuepft
werden, ist in der gedruckt auszuteilenden Nachricht naeher zu ersehen.
Diese Gegenstaende sind also im allgemeinen: Religionsunterricht,
deutsche Sprache nebst Bekanntmachung mit den vaterlaendischen
Klassikern, Arithmetik, spaeterhin Algebra, Geometrie, Geographie,
Geschichte, Physiographie, welche die Kosmographie, Naturgeschichte
und Physik in sich begreift, philosophische
Vorbereitungswissenschaften; ferner franzoesische, auch fuer die
kuenftigen Theologen hebraeische Sprache, Zeichnen und Kalligraphie.
Wie wenig diese Kenntisse vernachlaessigt werden, ergibt sich aus der
einfachen Rechnung, dass, wenn wir die vier letzteren
Unterrichtsgegenstaende nicht in Anschlag bringen, zwischen jenen
zuerst genannten und den alten Sprachen die Zeit des Unterrichts in
allen Klassen genau zur Haelfte geteilt ist; die erwaehnten Gegenstaende
aber mit eingerechnet, faellt auf das Studium der alten Sprachen nicht
die Haelfte, sondern nur zwei Fuenfteile des ganzen Unterrichts.
In diesem ersten verflossenen Studienjahre ist die Hauptsache instand
gesetzt worden und in Gang gekommen; das zweite Jahr wird an sich auf
naehere Bestimmung und Ausbildung einzelner Zweige, wie z.B. der
Anfangsgruende physikalischer Wissenschaften, naeher bedacht sein
koennen, und die allerhoechste Gnade Seiner Koeniglichen Majestaet wird
uns dazu, wie wir mit vertrauensvoller Zuversicht entgegensehen,
instand setzen.--Auch was in der aeusseren Einrichtung und
Schicklichkeit noch abgeht--die Musen haben an sich wenig Beduerfnisse
und sind hier nicht verwoehnt--, was fuer die Betaetigung der aeusseren
disziplinarischen Aufsicht noch erforderlich ist--und die Natur des
hiesigen Charakters und das Interesse der Eltern fuer Wohlgezogenheit
ihrer Kinder erleichtert diese Sorge--, und dergleichen
Nebenbeduerfnisse sehen ihre Abhilfe bereits auf dem Wege.
Die allgemeinen Wirkungen der allerhoechsten huldreichsten Anordnungen,
der gnaedigsten naeheren Aufsicht und Betaetigung des Koeniglichen
Generalkommissariats und der denselben gemaessen Bemuehungen der Lehrer
in diesem ersten Jahre hat das Publikum durch die oeffentlichen
Pruefungen zu beurteilen Gelegenheit gehabt.--Der letzte Akt, womit
wir dasselbe beschliesen, ist diese oeffentliche Feierlichkeit, durch
welche die allergnaedigste Regierung ihren Anstalten noch das Moment
der Ehre und der oeffentlichen Bezeugung der Zufriedenheit mit den
Fortschritten der studierenden Schueler hinzufuegen will.
Ein Teil von Ihnen, meine Herren, hat bereits ein Merkmal der
gnaedigsten Zufriedenheit in der Erlaubnis erhalten, die Universitaet
beziehen zu duerfen; Sie sahen dabei, dass das Auge der Regierung offen
ueber Sie ist; halten Sie sich fuer ueberzeugt, dass es immer offen ueber
Sie sein wird, dass Sie derselben Rechenschaft von der Anwendung ihrer
Studienjahre und von dem gnaedigst bewilligten Zutritte zu den
Koeniglichen Anstalten abzulegen haben, dass in unserem Vaterlande
Ihren Talenten und Applikationen jede Laufbahn offensteht, aber nur
fuer das Verdienst gangbar ist. Setzen Sie somit das Werk, das Sie
hier angefangen haben, auf der Universitaet wacker fort. Die meisten
von Ihnen verlassen zum erstenmal ihr vaeterliches Haus; wie Sie sich
schon einmal von dem Herzen Ihrer Mutter abloesten, als Sie in das
erste Leben traten, so loesen Sie sich jetzt von dem Leben in Ihrer
Familie ab, indem Sie den Schritt in den Stand der Selbststaendigkeit
tun. Die Jugend sieht vorwaerts; vergessen Sie dabei den Rueckblick
des Danks, der Liebe und der Pflicht nach Ihren Eltern niemals.
Die Urteile der Lehrer ueber jeden Einzelnen aller Schueler werden
denselben in Gegenwart aller Lehrer und der Mitschueler der Klasse
vorgelesen; diese Zensur wird auf Verlangen auch den Eltern
schriftlich mitgeteilt. Das kurze Resultat dieses Urteils ist der
Fortgangsplatz, den jeder nach seinen Gesamtfortschritten unter den
Mitschuelern seiner Klasse durch die Beratung der Lehrer und die
Bestaetigung des Rektorats erhaelt. Die Ordnung dieser Plaetze ist ein
Zeugnis dessen, was jeder von Ihnen bereits geleistet hat; sie wird
hier oeffentlich und dann durch den Druck bekanntgemacht.
Solenner ist die Auszeichnung derjenigen, die sich unter ihren
Mitschuelern vorzueglich hervorgetan haben und derer die Belohnung und
der Preis aus der Hand Seiner Exzellenz des Herrn Genaeralkommissaers
jetzt wartet. Empfangen Sie ihn als ein Zeichen der Zufriedenheit
mit dem, was Sie seither leisteten, und noch mehr als eine
Aufmunterung fuer Ihr zukuenftiges Verhalten,--als eine Ehre, die Ihnen
widerfaehrt, aber noch mehr als einen neuen Anspruch auf ihre weitere
Anstrengung, als ein hoeheres Recht, das Ihre Eltern, Ihre Lehrer, das
Vaterland und die allerhoechste Regierung auf Sie erworben haben.
Verteilung der Preise, welche die allerhOechste Regierung den SchUelern,
die sich durch ihre Fortschritte auszeichnen, zur Belohnung und noch
mehr zur Aufmunterung bestimmt, in einer oeffentlichen Rede die
Geschichte der Gymnasialanstalt im verflossenen Jahre darzustellen
und dasjenige zu beruehren, wovon fuer das Verhaeltnis des Publikums zu
derselben zu sprechen zweckmaessig sein kann. So ehrerbietigst ich
diese Pflicht zu erfuellen habe, so sehr liegt die eigene Aufforderung
dazu in der Natur des Gegenstandes und Inhaltes, der eine Reihe
koeniglicher Wohltaten oder deren Wirkungen ist und dessen Darstellung
den Ausdruck der tiefschuldigsten Dankbarkeit fuer dieselbe
enthaelt--einer Dankbarkeit, die wir in Gemeinschaft mit dem Publikum
der erhabenen Sorge der Regierung fuer die oeffentlichen
Unterrichtsanstalten darbringen.--Es sind zwei Zweige der
Staatsverwaltung, fuer deren gute Einrichtung die Voelker am
erkenntlichsten zu sein pflegen, gute Gerechtigkeitspflege und gute
Erziehungsanstalten; denn von keinem uebersieht und fuehlt der
Privatmann die Vorteile und Wirkungen so unmittelbar, nah und einzeln
als von jenen Zweigen, deren der eine sein Privateigentum ueberhaupt,
der andere aber sein liebstes Eigentum, seine Kinder, betrifft.
Die hiesige Stadt hat die Wohltat einer neuen Schuleinrichtung um so
lebhafter erkannt, je groesser und allgemein gefuehlter das Beduerfnis
einer Veraenderung war.
Die neue Anstalt hatte ferner den Vorteil, auf alte, mehrere
Jahrhunderte bestandene Anstalten, nicht auf eine neue zu folgen; es
konnte sich somit an sie die vorhandene Vorstellung einer langen
Dauer, eines Bleibenden knuepfen, und das entgegenkommende Zutrauen
wurde nicht durch den Gegengedanken gestoert, dass die neue Einrichtung
etwas vielleicht nur Voruebergehendes, Experimentartiges sei,--ein
Gedanke, der besonders, wenn er sich in den Gemuetern derer, denen die
unmittelbare Ausfuehrung anvertraut ist, [festsetzt,] oefters sogar
faehig ist, eine Einrichtung in der Tat zu einem blossen Experiment
herabzusetzen.
Ein innerlicher Grund des Zutrauens ist aber, dass die neue Anstalt
bei wesentlicher Verbesserung und Erweiterung des Ganzen das Prinzip
der aelteren erhalten hat und insofern nur eine Fortsetzung derselben
ist. Und es ist merkwuerdig, dass dieser Umstand das Charakteristische
und Ausgezeichnete der neuen Einrichtung ausmacht.
Indem das sich endigende Studienjahr das erste Jahr und die
Geschichte unserer Anstalt in demselben die Geschichte ihrer
Entstehung ist, so liegt der Gedanke ihres ganzen Planes und Zweckes
zu nahe, als dass wir von ihm ab und schon auf einzelne Begebenheiten
derselben unsere Aufmerksamkeit richten moechten. Weil die Sache
selbst soeben erst geworden ist, so beschaeftigt noch ihre Substanz
die Neugierde und die nachsinnendere Ueberlegung. Das Einzelne aber
ist teils aus den oeffentlichen Anzeigen bekannt; teils, wie auch das
weitere Detail, was und wie und wieviele Schueler dieses Jahr gelehrt
worden, ist in dem gedruckt dem Publikum mitzuteilenden
Schuelerkatalog enthalten. Es sei mir daher erlaubt, in der hohen
Gegenwart Eurer Exzellenz und dieser hochansehnlichen Versammlung
mich an das Prinzip unseres Instituts zu halten und ueber sein
Verhaeltnis und seine Grundzuege und deren Sinn einige allgemeine
Gedanken vorzulegen, soweit die zerstreuende Vielgeschaeftigkeit, die
mein Amt gerade in diesem Zeitpunkte mit sich brachte, mir zu sammeln
erlaubte.
Der Geist und Zweck unserer Anstalt ist die Vorbereitung zum
gelehrten Studium, und zwar eine Vorbereitung, welche auf den Grund
der Griechen und Roemer erbaut ist. Seit einigen Jahrtausenden ist
dies der Boden, auf dem alle Kultur gestanden hat, aus dem sie
hervorgesprosst und mit dem sie in bestaendigem Zusammenhange gewesen
ist. Wie die natuerlichen Organisationen, Pflanzen und Tiere, sich
der Schwere entwinden, aber dieses Element ihres Wesens nicht
verlassen koennen, so ist alle Kunst und Wissenschaft jenem Boden
entwachsen; und obgleich auch in sich selbststaendig geworden, hat sie
sich von der Erinnerung jener aelteren Bildung nicht befreit. Wie
Anteus seine Kraefte durch die Beruehrung der muetterlichen Erde
erneuerte, so hat jeder neue Aufschwung und Bekraeftigung der
Wissenschaft und Bildung sich aus der Rueckkehr zum Altertum ans Licht
gehoben.
So wichtig aber die Erhaltung dieses Bodens ist, so wesentlich ist
die Abaenderung des Verhaeltnisses, in welchem er ehemals gestanden hat.
Wenn die Einsicht in das Ungenuegende, Nachteilige alter Grundsaetze
und Einrichtungen ueberhaupt und damit der mit ihnen verbundenen
vorigen Bildungzwecke und Bildungsmittel eintritt, so ist der Gedanke,
der sich zunaechst auf der Oberflaeche darbietet, die gaenzliche
Beseitigung und Abschaffung derselben. Aber die Weisheit der
Regierung, erhaben ueber diese leicht scheinende Hilfe, erfuellt auf
die wahrhafteste Art das Beduerfnis der Zeit dadurch, dass sie das Alte
in ein neues Verhaeltnis zu dem Ganzen setzt und dadurch das
Wesentliche derselben ebensosehr erhaelt, als sie es veraendert und
erneuert.
Ich brauche nur mit wenigen Worten an die bekannte Stellung zu
erinnern, welche das Erlernen der lateinischen Sprache ehemals hatte,
dass dasselbe nicht sowohl fuer ein Moment des gelehrten Studiums galt,
sondern den wesentlichsten Teil desselben ausmachte und das einzig
hoehere Bildungsmittel war, welches demjenigen dargeboten wurde, der
nicht bei dem allgemeinen, ganz elementarischen Unterrichte
stehenbleiben wollte; dass fuer die Erwerbung anderer Kenntnisse,
welche fuers buergerliche Leben nuetzlich oder an und fuer sich von Wert
sind, kaum ausdrueckliche Anstalten gemacht waren, sondern es im
ganzen der Gelegenheit der Erlenung jener Sprache ueberlassen war, ob
etwas und wieviel dabei von ihnen anflog,--dass jene Kenntnisse zum
Teil fuer eine besondere Kunst, nicht zugleich fuer ein Bildungsmittel
galten und groesstenteils in jene Schale gehuellt waren.
Die allgemeine Stimme erhob sich gegen jenes unselig gewordene
Lateinlernen; es erhob sich das Gefuehl vornehmlich, dass ein Volk
nicht als gebildet angesehen werden kann, welches nicht alle Schaetze
der Wissenschaft in seiner eigenen Spache ausdruecken und sich in ihr
mit jedem Inhalt frei bewegen kann. Diese Innigkeit, mit welcher die
eigene Sprache uns angehoert, fehlt den Kenntnissen, die wir nur in
einer fremden besitzen; sie sind durch eine Scheidewand von uns
getrennt, welche sie dem Geiste nicht wahrhaft einheimisch sein laesst.
Dieser Gesichtspunkt, die fehlerhaften, oft zum durchgaengigen
Mechanismus herabsinkenden Methoden, die verabsaeumte Erwerbung vieler
wichtiger Sachkenntnisse und geistiger Fertigkeiten hat sich nach und
nach die Kenntnis der lateinischen Sprache von ihrem Anspruche, als
Hauptwissenschaft zu gelten, und von ihrer lange behaupteten Wuerde,
allgemeines und fast ausschliesendes Bildungsmittel zu sein,
abgesetzt. Sie hat aufgehoert, als Zweck betrachtet zu werden, und
diese geistige Beschaeftigung hat dagegen sogenannte Sachen, und
darunter alltaegliche, sinnliche Dinge, die keinen Bildungsstoff
abzugeben faehig sind, ueber sich maechtig werden sehen muessen. Ohne in
diese Gegensaetze und deren weitere Bestimmungen, ihre Uebertreibungen
oder aeusserliche Kollisionen einzugehen, genuege es hier, uns des
weisen Verhaeltnisses zu freuen, das unsere allerhoechste Regierung
hierin festgesetzt hat.
Erstlich hat dieselbe durch die Vervollkommnung der deutschen
Volksschulen die allgemeine Buergerbildung erweitert, es werden
dadurch allen die Mittel verschafft, das ihnen als Menschen
Wesentliche und fuer ihren Stand Nuetzliche zu erlernen; denen, die das
Bessere bisher entbehrten, wird dasselbe hierdurch gewaehrt; denen
aber, die, um etwas Besseres als den ungenuegenden allgemeinen
Unterricht zu erhalten, nur zu dem genannten Bildungsmittel greifen
konnten, wird dasselbe entbehrlicher gemacht und durch zweckmaessigere
Kenntnisse und Fertigkeiten ersetzt.--Auch die hiesige Stadt sieht
der vollstaendigen Organisation dieser dem groessten Teil des uebrigen
Koenigreichs bereits erwiesenen Wohltat, erwartungsvoll
entgegen--einer Wohltat, deren wichtige Folgen fuer das Ganze kaum zu
berechnen sind.
Zweitens hat das Studium der Wissenschaften und die Erwerbung hoeherer
geistiger und nuetzlicher Fertigkeiten, in ihrer Unabhaengigkeit von
der alten Literatur, in einer eigenen Schwesteranstalt ihr
vollstaendiges Mittel bekommen.
Drittens endlich ist das alte Sprachenstudium erhalten. Es steht
teils nach wie vor als hoeheres Bildungsmittel jedem offen, teils aber
ist es zur gruendlichen Basis des gelehrten Studiums befestigt worden.
Indem dasselbe nun neben jenes getreten ist, ist es seiner
Ausschlieslichkeit verlustig geworden und kann den Hass gegen seine
vorherigen Anmassungen getilgt haben. So auf die Seite getreten, hat
es um so mehr das Recht, zu fordern, dass es in seiner Abscheidung
frei gewaehren duerfe und von fremdartigen, stoerenden Einmischungen
ferner unbehelligt bleibe.
Durch diese Ausscheidung und Einschraenkung hat es seine wahrhafte
Stellung und die Moeglichkeit erhalten, sich um so freier und
vollstaendiger ausbilden zu koennen. Das echte Kennzeichen der
Freiheit und Staerke einer Organisation besteht darin, wenn die
unterschiedenen Momente, die sie enthaelt, sich in sich vertiefen und
zu vollstaendigen Systemen machen, ohne Neid und Furcht nebeneinander
ihr Werk treiben und es sich treiben sehen, und dass alle wieder nur
Teile eines grossen Ganzen sind. Nur was sich abgesondert in seinem
Prinzip vollkommen macht, wird ein konsequentes Ganzes, d.h. es wird
etwas; es gewinnt Tiefe und die kraeftige Moeglichkeit der
Vielseitigkeit. Die Besorgnis und Aengstlichkeit ueber Einseitigkeit
pflegt zu haeufig der Schwaeche anzugehoeren, die nur der vielseitigen
inkonsequenten Oberflaechlichkeit faehig ist.
Wenn nun das Studium der alten Sprachen wie vorher die Grundlage der
gelehrten Bildung bleibt, so ist es auch in dieser Einschraenkung sehr
in Anspruch genommen worden. Es scheint eine gerechte Forderung zu
sein, dass die Kultur, Kunst und Wissenschaft eines Volkes auf ihre
eigenen Beine zu stehen komme. Duerfen wir von der Bildung der
neueren Welt, unserer Aufklaerung und den Fortschritten aller Kuenste
und Wissenschaften nicht glauben, dass sie die griechischen und
roemischen Kinderschuhe vertreten haben, ihrem alten Gaengelbande
entwachsen auf eigenem Grund und Boden fussen koennen? Den Werken der
Alten moechte immerhin ihr groesser oder geringer angeschlagener Wert
bleiben, aber sie haetten in die Reihe von Erinnerungen, gelehrter
muessiger Merkwuerdigkeiten, unter das blose Geschichtliche
zurueckzutreten, das man aufnehmen koennte oder auch nicht, das aber
nicht schlechthin fuer unsere hoehere Geistesbildung Grundlage und
Anfang ausmachen muesste.
Lassen wir es aber gelten, dass ueberhaupt vom Vortrefflichen
auszugehen ist, so hat fuer das hoehere Studium die Literatur der
Griechen vornehmlich, und dann die der Roemer, die Grundlage zu sein
und zu bleiben. Die Vollendung und Herrlichkeit dieser Meisterwerke
muss das geistige Bad, die profane Taufe sein, welche der Seele den
ersten und unverlierbaren Ton und Tinktur fuer Geschmack und
Wissenschaft gebe. Und zu dieser Einweihung ist nicht eine
allgemeine, aeussere Bekanntschaft mit den Alten hinreichend, sondern
wir muessen uns ihnen in Kost und Wohnung geben, um ihre Luft, ihre
Vorstellungen, ihre Sitten, selbst, wenn man will, ihre Irrtuemer und
Vorurteile einzusaugen und in dieser Welt einheimisch zu werden,--der
schoensten, die gewesen ist.
Wenn das erste Paradies das Paradies der Menschennatur war, so ist
dies das zweite, das hoehere, das Paradies des Menschengeistes, der in
seiner schoeneren Natuerlichkeit, Freiheit, Tiefe und Heiterkeit wie
die Braut aus ihrer Kammer hervortritt. Die erste wilde Pracht
seines Aufgangs im Morgenlande ist durch die Herrlichkeit der Form
umschrieben und zur Schoenheit gemildert; er hat seine Tiefe nicht
mehr in der Verworrenheit, Truebseligkeit oder Aufgeblasenheit,
sondern sie liegt in unbefangener Klarheit offen; seine Heiterkeit
ist nicht ein kindisches Spielen, sondern ueber die Wehmut
hergebreitet, welche die Haerte des Schicksals kennt, aber durch sie
nicht aus der Freiheit ueber sie und aus dem Masse getrieben wird. Ich
glaube nicht zu viel zu behaupten, wenn ich sage, dass, wer die Werke
der Alten nicht gekannt hat, gelebt hat, ohne die Schoenheit zu kennen.
In einem solchen Elemente nun, indem wir uns [darin] einhausen,
geschieht es nicht nur, dass alle Kraefte der Seele angeregt,
entwickelt und geuebt werden, sondern dasselbe ist ein eigentuemlicher
Stoff, durch welchen wir uns bereichern und unsere bessere Substanz
bereiten.
Es ist gesagt worden, dass die Geistestaetigkeit an jedem Stoffe geuebt
werden koenne, und als zweckmaessigster Stoff erschienen teils aeusserlich
nuetzliche, teils die sinnlichen Gegenstaende, die dem jugendlichen
oder kindlichen Alter am angemessensten seien, indem sie dem Kreise
und der Art des Vorstellens angehoeren, den dieses Alter schon an und
fuer sich selbst habe.
Wenn vielleicht, vielleicht auch nicht, das Formelle von der Materie,
das Ueben selbst von dem gegenstaendlichen Kreise, an dem es geschehen
soll, so trennbar und gleichgueltig dagegen sein koennte, so ist es
jedoch nicht um das Ueben allein zu tun. Wie die Pflanze die Kraefte
ihrer Reproduktion an Licht und Luft nicht nur uebt, sondern in diesem
Prozesse zugleich ihre Nahrung einsaugt, so muss der Stoff, an dem
sich der Verstand und das Vermoegen der Seele ueberhaupt entwickelt und
uebt, zugleich eine Nahrung sein. Nicht jener sogenannte nuetzliche
Stoff, jene sinnliche Materiatur, wie sie unmittelbar in die
Vorstellungsweise des Kindes faellt, nur der geistige Inhalt, welcher
Wert und Interesse in und fuer sich selbst hat, staerkt die Seele und
verschafft diesen unabhaengigen Halt, diese substantielle
Innerlichkeit, welche die Mutter von Fassung, von Besonnenheit, von
Gegenwart und Wachen des Geistes ist; er erzeugt die an ihm
grossgezogene Seele zu einem Zwecke, der erst die Grundlage von
Brauchbarkeit zu allem ausmacht und den es wichtig ist, in allen
Staenden zu pflanzen. Haben wir nicht in neueren Zeiten sogar Staaten
selbst, welche solchen inneren Hintergrund in der Seele ihrer
Angehoerigen zu erhalten und auszubauen vernachlaessigten und
verachteten, sie auf die blosse Nuetzlichkeit und auf das Geistige nur
als auf ein Mittel richteten, in Gefahren haltungslos dastehen und in
der Mitte ihrer vielen nuetzlichen Mittel zusammenstuerzen sehen?
Den edelsten Nahrungsstoff nun und in der edelsten Form, die goldenen
Aepfel in silbernen Schalen, enthalten die Werke der Alten, und
unvergleichbar mehr als jede anderen Weke irgendeiner Zeit und Nation.
Ich brauche an die Grossheit ihrer Gesinnungen, an ihre plastische,
von moralischer Zweideutigkeit freie Tugend und Vaterlandsliebe, an
den grossen Stil ihrer Taten und Charaktere, das Mannigfaltige ihrer
Schicksale, ihrer Sitten und Verfassungen nur zu erinnern, um die
Behauptung zu rechtfertigen, dass in dem Umfange keiner Bildung soviel
Vortreffliches, Bewunderungswuerdiges, Originelles, Vielseitiges und
Lehrreiches vereinigt war.
Dieser Reichtum aber ist an die Sprache gebunden, und nur durch und
in dieser erreichen wir ihn in seiner ganzen Eigentuemlichkeit. Den
Inhalt geben uns etwa Uebersetzungen, aber nicht die Form, nicht die
aetherische Seele desselben. Sie gleichen den nachgemachten Rosen,
die an Gestalt, Farbe, etwa auch Wohlgeruch den natuerlichen aehnlich
sein koennen; aber die Lieblichkeit, Zartheit und Weichheit des Lebens
erreichen jene nicht. Oder die sonstige Zierlichkeit und Feinheit
der Kopie gehoert nur dieser an, an welcher ein Kontrast zwischen dem
Inhalte und der nicht mit ihm erwachsenen Form sich fuehlbar macht.
Die Sprache ist das musikalische Element, das Element der Innigkeit,
das in der Uebertragung verschwindet,--der feine Duft, durch den die
Sympathie der Seele sich zu geniesen gibt, aber ohne den ein Werk der
Alten nur schmeckt wie Rheinwein, der verduftet ist.
Dieser Umstand legt uns die hart scheinende Notwendigkeit auf, die
Sprachen der Alten gruendlich zu studieren und sie uns gelaeufig zu
machen, um ihre Werke in dem moeglichsten Umfang aller ihrer Seiten
und Vorzuege geniesen zu koennen. Wenn wir uns ueber die Muehe, die wir
hierzu anwenden muessen, beschweren wollten und es fuerchten oder
bedauern koennten, die Erwerbung anderer Kenntnisse und Fertigkeiten
darueber zuruecksetzen zu muessen, so haetten wir das Schicksal
anzuklagen, das uns in unserer eigenen Sprache nicht diesen Kreis
klassischer Werke hat zuteil werden lassen, die uns die muehevolle
Reise zu dem Altertum entbehrlicher machten und den Ersatz fuer
dasselbe gewaehrten.
Nachdem ich von dem Stoffe der Bildung gesprochen, fuehrt dieser
Wunsch darauf, noch einige Worte ueber das Formelle zu sagen, das in
ihrer Natur liegt.
Das Fortschreiten der Bildung ist naemlich nicht als das ruhige
Fortsetzen einer Kette anzusehen, an deren fruehere Glieder die
nachfolgenden zwar mit Ruecksicht auf sie gefuegt wuerden, aber aus
eigener Materie und ohne dass diese weitere Arbeit gegen die erstere
gerichtet waere. Sondern die Bildung muss einen frueheren Stoff und
Gegenstand haben, ueber den sie arbeitet, den sie veraendert und neu
formiert. Es ist noetig, dass wir uns die Welt des Altertums erwerben,
so sehr, um sie zu besitzen, als noch mehr, um etwas zu haben, das
wir verarbeiten.--Um aber zum Gegenstande zu werden, muss die Substanz
der Natur und des Geistes uns gegenuebergetreten sein, sie muss die
Gestalt von etwas Fremdartigem erhalten haben.--Ungluecklich der, dem
seine unmittelbare Welt der Gefuehle entfremdet wird; denn dies heisst
nichts anderes, als dass die individuellen Bande, die das Gemuet und
den Gedanken heilig mit dem Leben befreunden, Glaube Liebe und
Vertrauen, ihm zerrissen wird!--Fuer die Entfremdung, welche Bedingung
der theoretischen Bildung ist, fordert diese nicht diesen sittlichen
Schmerz, nicht das Leiden des Herzens, sondern den leichteren Schmerz
und Anstrengung der Vorstellung, sich mit einem Nicht- Unmittelbaren,
einem Fremdartigen, mit etwas der Erinnerung, dem Gedaechtnisse und
dem Denken Angehoerigen zu beschaeftigen.--Diese Forderung der Trennung
aber ist so notwendig, dass sie sich als ein allgemeiner und bekannter
Trieb in uns aeussert. Das Fremdartige, das Ferne fuehrt das
anziehende Interesse mit sich, das uns zur Beschaeftigung und Bemuehung
lockt, und das Begehrenswerte steht im umgekehrten Verhaeltnisse mit
der Naehe, in der es steht und gemein mit uns ist. Die Jugend stellt
es sich als ein Glueck vor, aus dem Einheimischen wegzukommen und mit
Robinson eine ferne Insel zu bewohnen. Es ist eine notwendige
Taeuschung, das Tiefe zuerst in der Gestalt der Entfernung suchen zu
muessen; aber die Tiefe und Kraft, die wir erlangen, kann nur durch
die Weite gemessen werden, in die wir von dem Mittelpunkte
hinwegflogen, in welchen wir uns zuerst versenkt befanden und dem wir
wieder zustreben.
Auf diesen Zentrifugaltrieb der Seele gruendet sich nun ueberhaupt die
Notwendigkeit, die Scheidung, die sie von ihrem natuerlichen Wesen und
Zustand sucht, ihr selbst darreichen und eine ferne, fremde Welt in
den jungen Geist hineinstellen zu muessen. Die Scheidewand aber,
wodurch diese Trennung fuer die Bildung, wovon hier die Rede ist,
bewerkstelligt wird, ist die Welt und Sprache der Alten; aber sie,
die uns von uns trennt, enthaelt zugleich alle Anfangspunkte und Faeden
der Rueckkehr zu sich selbst, der Befreundung mit ihr und des
Wiederfindens seiner selbst, aber seiner nach dem wahrhaften
allgemeinen Wesen des Geistes.
Diese allgemeine Notwendigkeit, welche die Welt der Vorstellung so
sehr als die Sprache als solche umfasst, wenn wir sie auf die
Erlernung der letzteren anwenden, so erhellt von selbst, dass die
mechanische Seite davon mehr als bloss ein notwendiges Uebel ist. Denn
das Mechanische ist das [dem] Geiste Fremde, fuer den es Interesse hat,
das in ihn hineingelegte Unverdaute zu verdauen, das in ihm noch
Leblose zu verstaendigen und zu seinem Eigentume zu machen.
Mit diesem mechanischen Momente der Spracherlernung verbindet sich
ohnehin sogleich das grammatische Studium, dessen Wert nicht hoch
genug angeschlagen werden kann, denn es macht den Anfang der
logischen Bildung aus,--eine Seite, die ich noch zuletzt beruehre,
weil sie beinahe in Vergessenheit gekommen zu sein scheint. Die
Grammatik hat naemlich die Kategorien, die eigentuemlichen Erzeugnisse
und Bestimmungen des Verstandes zu ihrem Inhalte; in ihr faengt also
der Verstand selbst an, gelernt zu werden. Diese geistigen
Wesenheiten, mit denen sie uns zuerst bekannt macht, sind etwas
hoechst Fassliches fuer die Jugend, und wohl nichts Geistiges [ist]
fasslicher als sie; denn die noch nicht umfassende Kraft dieses
Alters vermag das Reiche in seiner Mannigfaltigkeit nicht aufzunehmen;
jene Abstraktionen aber sind das ganz Einfache. Sie sind gleichsam
die einzelnen Buchstaben, und zwar die Vokale des Geistigen, mit
denen wir anfangen, [um] es buchstabieren und dann lesen zu lernen.
--Alsdann traegt die Grammatik sie auch auf eine diesem Alter
angemessene Art vor, indem sie dieselben durch aeusserliche
Hilfsmerkmale, welche die Sprache meist selbst enthaelt, unterscheiden
lehrt; um etwas besser, als jedermann rot und blau unterscheiden kann,
ohne die Definitionen dieser Farben nach der Newtonschen Hypothese
oder einer sonstigen Theorie angeben zu koennen, reicht jene Kenntnis
vorerst hin, und es ist hoechst wichtig, auf diese Unterschiede
aufmerksam gemacht worden zu sein. Denn wenn die
Verstandesbedingungen, weil wir verstaendige Wesen sind, in uns sind
und wir dieselben unmittelbar verstehen, so besteht die erste Bildung
darin, sie zu haben, d.h. sie zum Gegenstande des Bewusstseins
gemacht zu haben und sie durch Merkmale unterscheiden zu koennen.
Indem wir durch die grammatische Terminologie uns in Abstraktionen
bewegen lernen und dies Studium als die elementarische Philosophie
anzusehen ist, so wird es wesentlich nicht bloss als Mittel, sondern
als Zweck--sowohl bei dem lateinischen als bei dem deutschen
Sprachunterricht--betrachtet. Der allgemeine oberflaechliche
Leichtsinn, den zu vertreiben der ganze Ernst und die Gewalt der
Erschuetterungen, die wir erlebt, erforderlich war, hatte, wie im
Uebrigen, so bekanntlich auch hier das Verhaeltnis von Mittel und Zweck
verkehrt und das materielle Wissen einer Sprache hoeher als ihre
verstaendige Seite geachtet.--Das grammatische Erlernen einer alten
Sprache hat zugleich den Vorteil, anhaltende und unausgesetzte
Vernunfttaetigkeit sein zu muessen; indem hier nicht, wie bei der
Muttersprache, die unreflektierte Gewohnheit die richtige Wortfuegung
herbeifuehrt, sondern es notwendig ist, den durch den Verstand
bestimmten Wert der Redeteile vor Augen zu nehmen und die Regel zu
ihrer Verbindung zu Hilfe zu rufen. Somit aber findet ein
bestaendiges Subsumieren des Besonderen unter das Allgemeine und
Besonderung des Allgemeinen statt, als worin ja die Form der
Vernunfttaetigkeit besteht.--Das strenge grammatische Studium ergibt
sich also als eines der allgemeinsten und edelsten Bildungsmittel.
Dies zusammen, das Studium der Alten in ihrer eigentuemlichen Sprache
und das grammatische Studium, macht die Grundzuege des Prinzips aus,
welches unsere Anstalt charakterisiert. Dieses wichtige Gut, so
reich es schon an sich selbst ist, begreift darum nicht den ganzen
Umfang der Kenntnisse, in welche unsere vorbereitende Anstalt
einfuehrt. Ausserdem, dass schon die Lektuere der alten Klassiker so
gewaehlt ist, um einen lehrreichen Inhalt darzubieten, befasst die
Anstalt auch den Unterricht fernerer Kenntnisse, die einen Wert an
und fuer sich haben, von besonderer Nuetzlichkeit oder auch eine Zierde
sind. Ich brauche diese Gegenstaende hier nur zu nennen; ihr Umfang,
ihre Behandlungsweise, die geordnete Stufenfolge in denselben und in
ihren Verhaeltnissen zu anderen, die Uebungen, die an sie angeknuepft
werden, ist in der gedruckt auszuteilenden Nachricht naeher zu ersehen.
Diese Gegenstaende sind also im allgemeinen: Religionsunterricht,
deutsche Sprache nebst Bekanntmachung mit den vaterlaendischen
Klassikern, Arithmetik, spaeterhin Algebra, Geometrie, Geographie,
Geschichte, Physiographie, welche die Kosmographie, Naturgeschichte
und Physik in sich begreift, philosophische
Vorbereitungswissenschaften; ferner franzoesische, auch fuer die
kuenftigen Theologen hebraeische Sprache, Zeichnen und Kalligraphie.
Wie wenig diese Kenntisse vernachlaessigt werden, ergibt sich aus der
einfachen Rechnung, dass, wenn wir die vier letzteren
Unterrichtsgegenstaende nicht in Anschlag bringen, zwischen jenen
zuerst genannten und den alten Sprachen die Zeit des Unterrichts in
allen Klassen genau zur Haelfte geteilt ist; die erwaehnten Gegenstaende
aber mit eingerechnet, faellt auf das Studium der alten Sprachen nicht
die Haelfte, sondern nur zwei Fuenfteile des ganzen Unterrichts.
In diesem ersten verflossenen Studienjahre ist die Hauptsache instand
gesetzt worden und in Gang gekommen; das zweite Jahr wird an sich auf
naehere Bestimmung und Ausbildung einzelner Zweige, wie z.B. der
Anfangsgruende physikalischer Wissenschaften, naeher bedacht sein
koennen, und die allerhoechste Gnade Seiner Koeniglichen Majestaet wird
uns dazu, wie wir mit vertrauensvoller Zuversicht entgegensehen,
instand setzen.--Auch was in der aeusseren Einrichtung und
Schicklichkeit noch abgeht--die Musen haben an sich wenig Beduerfnisse
und sind hier nicht verwoehnt--, was fuer die Betaetigung der aeusseren
disziplinarischen Aufsicht noch erforderlich ist--und die Natur des
hiesigen Charakters und das Interesse der Eltern fuer Wohlgezogenheit
ihrer Kinder erleichtert diese Sorge--, und dergleichen
Nebenbeduerfnisse sehen ihre Abhilfe bereits auf dem Wege.
Die allgemeinen Wirkungen der allerhoechsten huldreichsten Anordnungen,
der gnaedigsten naeheren Aufsicht und Betaetigung des Koeniglichen
Generalkommissariats und der denselben gemaessen Bemuehungen der Lehrer
in diesem ersten Jahre hat das Publikum durch die oeffentlichen
Pruefungen zu beurteilen Gelegenheit gehabt.--Der letzte Akt, womit
wir dasselbe beschliesen, ist diese oeffentliche Feierlichkeit, durch
welche die allergnaedigste Regierung ihren Anstalten noch das Moment
der Ehre und der oeffentlichen Bezeugung der Zufriedenheit mit den
Fortschritten der studierenden Schueler hinzufuegen will.
Ein Teil von Ihnen, meine Herren, hat bereits ein Merkmal der
gnaedigsten Zufriedenheit in der Erlaubnis erhalten, die Universitaet
beziehen zu duerfen; Sie sahen dabei, dass das Auge der Regierung offen
ueber Sie ist; halten Sie sich fuer ueberzeugt, dass es immer offen ueber
Sie sein wird, dass Sie derselben Rechenschaft von der Anwendung ihrer
Studienjahre und von dem gnaedigst bewilligten Zutritte zu den
Koeniglichen Anstalten abzulegen haben, dass in unserem Vaterlande
Ihren Talenten und Applikationen jede Laufbahn offensteht, aber nur
fuer das Verdienst gangbar ist. Setzen Sie somit das Werk, das Sie
hier angefangen haben, auf der Universitaet wacker fort. Die meisten
von Ihnen verlassen zum erstenmal ihr vaeterliches Haus; wie Sie sich
schon einmal von dem Herzen Ihrer Mutter abloesten, als Sie in das
erste Leben traten, so loesen Sie sich jetzt von dem Leben in Ihrer
Familie ab, indem Sie den Schritt in den Stand der Selbststaendigkeit
tun. Die Jugend sieht vorwaerts; vergessen Sie dabei den Rueckblick
des Danks, der Liebe und der Pflicht nach Ihren Eltern niemals.
Die Urteile der Lehrer ueber jeden Einzelnen aller Schueler werden
denselben in Gegenwart aller Lehrer und der Mitschueler der Klasse
vorgelesen; diese Zensur wird auf Verlangen auch den Eltern
schriftlich mitgeteilt. Das kurze Resultat dieses Urteils ist der
Fortgangsplatz, den jeder nach seinen Gesamtfortschritten unter den
Mitschuelern seiner Klasse durch die Beratung der Lehrer und die
Bestaetigung des Rektorats erhaelt. Die Ordnung dieser Plaetze ist ein
Zeugnis dessen, was jeder von Ihnen bereits geleistet hat; sie wird
hier oeffentlich und dann durch den Druck bekanntgemacht.
Solenner ist die Auszeichnung derjenigen, die sich unter ihren
Mitschuelern vorzueglich hervorgetan haben und derer die Belohnung und
der Preis aus der Hand Seiner Exzellenz des Herrn Genaeralkommissaers
jetzt wartet. Empfangen Sie ihn als ein Zeichen der Zufriedenheit
mit dem, was Sie seither leisteten, und noch mehr als eine
Aufmunterung fuer Ihr zukuenftiges Verhalten,--als eine Ehre, die Ihnen
widerfaehrt, aber noch mehr als einen neuen Anspruch auf ihre weitere
Anstrengung, als ein hoeheres Recht, das Ihre Eltern, Ihre Lehrer, das
Vaterland und die allerhoechste Regierung auf Sie erworben haben.