Biography  |  Bibliography  |  Articles  |  Lectures  |  Photos  |  Videos  |  Quotes  |  Links  

Post-Moderne: Ein Einspruch
Wolfgang Schirmacher.
Tübingen, 1983


Ein neues Spiel ist erfunden, trickreicher und einträglicher als Backgammon: die Post-Moderne. Wer sein Geld damit verdient, als Theoretiker originell zu sein, kommt ohne einen lateinischen Rest nicht aus. Die abendländische Bildung ist auf das unscheinbare Wörtchen post' zusammengeschrumpft, dessen Wirkung allerdings welterschütternd ist. Dies darf man wörtlich nehmen. Gebt mir einen festen Punkt, soll Archimedes gesagt haben, und ich werde die Erde aus den Angeln heben. War dies nicht allzu bescheiden gedacht? Post-Archimedes wird die Welt ausgehebelt und bleibt doch in der gewohnten Bahn. Ein Zauberkunststück professioneller Ideenspieler? Das ist ein schnöder Einwand. Es handelt sich um ein Sprachwunder. Die Post-Welt ist fremd, aber von der Schönheit, die Erinnerung nährt. Bekannt kommt sie uns vor, doch leben wir nicht in ihr. "Post" ist die Silbe der Flucht, die uns heimbringt; "post" kündigt die glückliche Alternative an. Noch gibt es keinen Begriff für das, was uns nach der Moderne erwartet. Aber eine universale Negation, die uns das Nichts und die Vernichtung erspart, scheint verwirklichbar. Soll man darüber lachen? Der sehnsüchtige Wachtraum Post-Moderne hat die besten Intellektuellen in seinen Bann gezogen, und gerade eben bot der Weltkongreß der Philosophen in Montreal eine ganz ernst gemeinte Podiumsdiskussion zum Thema "Moderne und Post-Moderne" an.* Ein gelassener Einspruch wird nötig.

Sind wir denn so verzweifelt in der Moderne, daß die Post-Moderne uns wenigstens über den nächsten Tag hinweghelfen muß? Offensichtlich liegt ein Suchtphänomen vor, schwindelt man sich von Schuß zu Schuß. Der selbstkritische Blick sieht unschwer, wie leichtfertig unsere intellektuellen Modemacher mit ihren Etiketten schwindeln. Eitel ist die Kinderhoffnung, man brauchte nur die Namen auszutauschen und schon würden sich die Dinge ändern. Solch Sprachmagie braucht den Glauben, und woher sollen nach dem Nihilismus die wahrhaft Gläubigen noch kommen?

Die Welt, zu der wir uns verurteilt haben, ist keine "unendliche Geschichte", so subaltern dieser Hinweis auch klingen mag. Sich in seinen Phantasien nicht stören zu lassen, darf nur fordern, wer auf der Stelle zu sterben bereit ist. Die genaue Todesart soll er sich dann gern aussuchen.

Denn verdient unsere Welt überhaupt ein "post"? Hat irgendjemand von uns ein Recht auf Zukunft? — Wir konstruieren zwar unverdrossen den Fortgang der Dinge und nehmen uns einfach die Zukunft, doch in den Händen bleibt uns zuletzt bloß das "Prinzip Hoffnung", ein hölzernes Eisen, dem nur Blochs Genie zauberischen Glanz verlieh. Seine Epigonen demonstrieren am "Prinzip Hoffnung" lediglich, wie untauglich der Versuch sein muß, auch noch das Unplanbare dem eigenen Sicherheitsdenken zu unterwerfen. Was die tapferen Zukunftsjünger sicher zu erwarten haben, ihren eigenen Tod, wollen sie nicht; und was sie erhoffen, geschieht nie. Kein einziger Wunsch ist je so erfüllt worden, wie er gewünscht wurde. Um diese Kränkung subjektiv ehrlich ableugnen zu können, müssen wir die bei der Gattung Mensch extrem entwickelte Verdrängungstechnik und Abblocktechnik voll einsetzen.

Zukunft kommt uns aus der Vergangenheit entgegen, gibt an, was wir nicht sind und nie sein werden. Die Geschichte als Weltgericht spricht im Namen einer Gerechtigkeit, die uns unmenschlich vorkommen muß. Unablässig schreiben wir daher unsere Geschichte um, mit einer Bedenkenlosigkeit, auf die selbst die berüchtigte Sowjetische Enzyklopädie nicht verfiele. Wir machen uns etwas vor, auch noch dort, wo wir uns unegoistisch engagieren. Den Atomtod in leiblicher Angst vorwegnehmend, beginnen zwar endlich auch die Naturwissenschaftler "massenhaft" zu protestieren. Aber ihr Schrecken vor der Zukunft ist selber charakteristisch zukunftsblind. Sie warnen am Sonntag leidenschaftlich vor dem, was sie über die Woche anrichten. Noch ihre konkreten Abrüstungsvorschläge sind von der gleichen listig-nachstellenden Intelligenz geprägt, die auch ihre Apparatewissenschaft auszeichnet. Die Atombombe ist kein Mißbrauch der modernen Naturwissenschaften, sondern ihr legitimes Kind, aus dem "Geist der Rache" (Nietzsche) geboren. Müßte nicht dem Protest der Wissenschaftler, soll man ihn ernstnehmen, eine Post-Wissenschaft entsprechen? Es gibt Kritiker, die dies vehement fordern; es sind wie der Theologe Günter Altner Theologen, wissenschaftlich gesehen also Gesocks. Eingefleischt ist die Gewohnheit in den Wissenschaften, sich um den eigenen Tod herumzuschwindeln, und sein Bild für die Welt zu halten. Die Gewalttat gegen alles Seiende ist bloß die Rückseite dieses unbrauchbaren "Spiegels der Natur" (Richard Rorty).

Welche Zukunft verspricht solche Vernunftkritik? Keine Grundlagenforschung mehr, neue Naivität, die Bergpredigt als Richtschnur politischen Handelns? Wer nickt da! Sich die Zukunft durch Verzicht sichern, durch "small is beautifull" und Rückbesinnung auf religiöse Staatsformen? Dann verwandelte sich die Post-Moderne in eine Prä-Moderne — philosophisch ginge es zurück zu den Vorsokratikern, leiblich wäre der "Wilde in uns" zu entdecken. In einer täglich mehr verrottenden Welt, deren Symptome jede Zeitung berichtet, wirkt solcher rückwärtsgewandter Optimismus allerdings — wie Schopenhauer bissig schrieb — ruchlos und wie ein Hohn auf das namenlose Leiden. Doch vielleicht sollten wir Mitleid mit uns selbst haben. Der Agonie geht eine Euphorie voraus, genießen wir die letzten Stunden, und sei es befangen im Traum der PostModerne. Denn hat es Sinn, die sterbende Gattung zu denunzieren? Zukunft und Sterblichkeit sind nicht voneinander abzulösen, und der Tod ist unerläßlich für das Entstehen des Neuen. Warum sollten wir nicht endlich von der Anthropozentrik Abschied nehmen und den Tod der Gattung Mensch evolutionär durchaus als konsequent ansehen lernen? Unser Tod könnte doch der Beginn einer neuen Lebensform, der — künstlichen Intelligenz" sein. Ist vielleicht der verborgene Sinn des wahnwitzig scheinenden Rüstungswettlaufs, daß im Inferno des Atomkrieges die neue Gattung endgültig geboren wird? Denn die Computer werden zweifellos am effektivsten geschützt, ihr überleben ist wahrscheinlicher als das der Kakerlaken. Aber ist auch dieser "anthropofugale" Impuls nicht bloß ein post-moderner? Sein Zukunftsbild ist durchtränkt von modischem Zynismus, der seine Enttäuschung nicht verbergen kann. Es sind die "wahren Menschenfreunde", die den Tod der Gattung wünschen.

Also ist alles nicht so schlimm, stirbt die Menschheit nicht? Es kommt darauf an, was Sterben heißt. Modern oder post-modern sind wir als Gattung verloren. Denn wir bleiben im Gehäuse der Metaphysik, die Heidegger treffend als "Gestell" der modernen Technik identifizierte. Nur wollen wir dies nicht wissen. Unsere Phantasie, unser Denken, Fühlen und Handeln hält am traditionellen Bild fest: der Mensch an der Spitze der Nahrungskette, die Technik unser Werkzeug, deren Zwecke noch unsicher sind, aber rational geklärt werden können. Dabei ist dieses Gehäuse doch längst zerbrochen, und wir werden von den Trümmern des Gestells geschlagen. Wir konnten die Dinge zerstören, aber nicht für uns gewinnen. Niemand gehorcht uns, die Instrumente laufen Amok, wie es uns gemäß ist. Unsere einst so erfolgreiche Mördergesinnung findet keine Opfer mehr, denn "der Quäler und der Gequälte sind eins" (Schopenhauer). Töten heißt die Weltnorm, niemand ist davor zu schützen.

Wir müßten uns verlieren. Ein grundsätzliches Anderswerden genügte nicht, denn der Satz vom Grund ist ebenso verfehlt wie der Satz der Identität, der erst die Andersheit sicherte. Wir haben nichts, woran wir uns halten könnten, keine Zeit drängt uns, es gilt nicht, was sich uns aufdrängt. Unsere Logik verdankt sich Anlässen, deren Sinn längst untergegangen ist, und deren Ordnung uns nun würgt wie eine Garotte. Der Heilige, der Asket und der Mystiker haben den Weg aus der Metaphysik gebahnt, aber ihre Legende hat ihn wieder versperrt. Es sind keine begnadeten einzelne und keine frommen Geister, die dem Diktat des Seins Widerstand leisten. Es ist uns allen möglich, jederzeit, ganz leicht, unwiderruflich. Und es geschieht allein, im Schweigen. Keine Kommunikationsbrücke und kein Meister wird uns helfen, das verbergend-entbergende Wahrheitsgeschehen mit allen Sinnen aufzunehmen.

Aber wie soll uns dieser Gang nach innen gegenwärtig helfen, wenn er nie zuvor mehr als erbärmlich wenigen gelang? Bringt die drohende Vernichtung der Gattung den Durchbruch ins Wesentliche? Wohl kaum, denn wir wollen das kleine Glück, den täglichen Geschlechtsakt, den Rausch jetzt, Essen, Trinken, Schlafen. Gebrechen schrecken uns, aber daß wir sterben werden, bevor das Leben begonnen hat, nehmen wir, verstockt am "eigenen Leibe" (Rudolf zur Lippe) einfach hin. Sich in der Verantwortung für die Gattung zu bespiegeln und so zu erhöhen, ist etwas für ehrgeizige Naturen, so falsch wie altruistisch. Dazu gehören alle, die schreiben, und sich überaus wichtig vorkommen in ihrer marginalen Existenz.

Was uns wirklich bleibt, ist die Passion, die nicht vermittelbar ist und jeder an sich selbst erleidet. Es ist eine schmerzhafte übung, zeigt der Asket, ein nicht-menschliches Leben, beweist der Heilige, und es führt zum völligen "Entleeren", wie die Mystiker im Schweigen hüteten. All dies bedeutet jedoch keine Abkehr von der technischen Welt; im Gegenteil, erst in ihr vermag eine mystische Existenz zu überleben. Die modernste Technik steht uns nicht gegenüber, sondern drückt uns im Verfehlen und Gelingen getreulich aus. Kein Gott könnte liebevoller und gerechter sein. Der metapysische Gebrauch der Technik zeigt sich als Weltzerstörung, ihr nichtmetaphysischer würde im Gelingen angezeigt. Wir müßten den Sinn der Techniken überhaupt erst einmal erfahren, sie als Lebenstechnik begreifen und so aufhören, durch sie wie Fremde im Kosmos am äußersten Rande unserer Möglichkeiten zu agieren.

Der entscheidende Gedanke, der in unser Leben wirkt, ist dabei nicht allein, daß es den Menschen in seiner bekannten Gestalt buchstäblich nicht mehr gibt. Mensch ist nun, was in metaphysischer Sicht wie ein Mensch-Maschine-System aussieht, und uns unerträglich erscheint, weil wir an der haltlosen Vorstellung einer Grenze zwischen organisch und anorganisch hängen. Ebenso wichtig ist die damit verbundene Einsicht, daß die innere Wandlung, das vernunftauflösende Umdenken nichts bedeutet, wenn es nicht in den Systemen und Maschinen, im Hausbau, Ackerbau, Verwaltungswesen eingeschrieben ist. Allerdings kann es nicht darum gehen, erneut eine Herrschaft des Menschen über die Maschine zu propagieren oder umgekehrt die Sachzwänge einer Technokratie einführen zu wollen. Dies alles ist aufzugeben, denn es gibt weder Hierarchie noch Notwendigkeit, nur das pulsierende Leben, das im Stoffwechsel wie im Funktionieren der Maschine dasselbe ist. Eine metaphysisch verkümmerte und zementierte Sprache, der zur Zukunft bloß das gleisnerische "post" einfiel, weiß nicht, wovon sie spricht. Uns zur Sprache zu bringen erlaubt deren der Metaphysik verschlossen gebliebenes überwissen mit jedem Satz. Inzwischen kann uns trotz allen Widerstands die unheilige Allianz der Politiker umbringen; nichts entbindet uns davon, Techniker zu werden. Noch im Atomblitz, der Schatten an die Wand wirft, die kein Auge mehr sehen wird, soll ein letzter Gedanke dafür zeugen, daß die Evolution nicht recht haben mußte — es gibt keinen Grund.