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Konkurs der Vernunft als Lebenskrise, zur Aktualität von Schopenhauer und Nietzsche
Wolfgang Schirmacher.
Schopenhauer-Jahrbuch 65. 1984.


Vorwort des Herausgebers

Das Schopenhauer-Jahrbuch soll die Arbeit der internationalen Schopenhauer-Gesellschaft lebendig widerspiegeln. In Schopenhauers Geist bilden wir ein schulunabhängiges und zeitkritisches Forum für Gegenwartsphilosophie. So sind die Beiträge dieses 65. Schopenhauer-Jahrbuchs vor unseren Mitgliedern vorgetragen und von ihnen diskutiert worden, bevor sie jetzt — oft in überarbeiteter Form — publiziert werden. Schopenhauer ist nicht nur der meistgelesene deutsche Philosoph, sondern zugleich einer der einflußreichsten. Zwar verdankt er dies nicht der Schulphilosophie, die ihn erst jetzt langsam zu entdecken scheint, sondern den "Selberdenkern" aller Berufe, aber dies sicherte Schopenhauer eine bis heute ungebrochene öffentliche Wirkung. Schriftsteller und Künstler vor allem sowie die unkonventionellen Köpfe unter den Einzelwissenschaftlern haben Schopenhauers vermeintlichen Pessimismus als tapferes Philosophieren "im Dienste der Humanität" (Arthur Hübscher) erkannt.

Heute muß es uns darauf ankommen, Schopenhauers immense Wirkungsgeschichte aufzuarbeiten und zugleich sein unzeitgemäßes Denken noch stärker in der gegenwärtigen philosophischen Diskussion zur Geltung zu bringen. Dies kann nicht dadurch erreicht werden, daß wir uns gegen Kritik an der Philosophie Schopenhauers abschotten. Nötig ist eine offene Aussprache, die andere philosophische Richtungen einbezieht. Dabei sollen die Unterschiede nicht geleugnet werden; doch gesehen werden muß, ob sie nicht fruchtbar aufgenommen werden können. Im Streit der Philosophen geht es dort, wo wir uns auf ihn einlassen wollen, um Wahrheit, und wir sollten ihn daher fair austragen. Schopenhauer ist auch für die Mitglieder der Schopenhauer-Gesellschaft keine Kultfigur, sondern ein strenger Meister, der zum eigenen Denken auffordert. Die Beiträge des Schopenhauer-Jahrbuchs stellen Anstöße dar und erledigen die Diskussion nicht. Die Beiträge sind so gruppiert, daß sie auch untereinander im Gespräch sind. Ein Schwerpunktthema (I. Abteilung) wird ausführlicher als sonst möglich eine Problematik abhandeln, die wirkungsgeschichtlich wichtig und zugleich von aktuellem Interesse ist. Wir beginnen mit der lange vernachlässigten Beziehung Schopenhauer — Nietzsche, deren Bedeutung für die gegenwärtige Vernunftkritik kaum überschätzt werden kann. Wie schwierig es jedoch schon allein ist, das Verhältnis beider Philo,ophen — nicht zuletzt gegen Nietzsches Selbstinterpretation — angemessen :u bestimmen, davon zeugen die vorgelegten Arbeiten. So wird man nicht .igen können, daß sie das Thema der Vernunftkritik bereits abgeschlossen -.:fitten. Im Gegenteil, sie sollen Fragen aufwerfen und neue Forschungsper, Dektiven nahelegen, und wir werden gewiß auch im Schopenhauer-Jahrbuch ::rauf zurückkommen. Erfreulich war die enge und freundschaftliche Zusammenarbeit von Schopenhauer- und Nietzsche-Forschern auf dem inter tionalen Symposium und bei der öffentlichen Podiumsdiskussion in Frank im Mai 1983, aus denen die Beiträge hervorgingen

Die II. Abteilung enthält Aufsätze zur Ästhetik und Kunstphilosophie -.d wird eröffnet durch den Beitrag eines bedeutenden Schriftstellers der Gegenwart: Wolfgang Hildesheimer schrieb für uns eine hintersinnige Erweiterung seines "Marbot". Dies wurde ebenso auf unserer Herbsttagung 1982 mit dem Leitthema "Schopenhauer in der Goethezeit" vorgetragen wie Herbert Antons Überlegungen zu "Schopenhauer und die Dichtung der Goethezeit". Die Kunst ist heute vielfach zum letzten Zufluchtsort der Wahrheit geworden, eine Zumutung, die sie überfordern muß. Aber die Kunst bleibt eine Spur zur philosophischen Wahrheit, von ausgezeichneter Bedeutung gerade bei Schopenhauer. Facettenreich wird dies für die Literatur, die Architektur und die Musik demonstriert.

Die III. Abteilung stellt Schopenhauers Metaphysik zur Diskussion. Aus drücklich gegen Versuche, dieses Herzstück seiner Philosophie auszusparen, soll Schopenhauers Willensmetaphysik rehabilitiert werden. Denn hier wird nicht einfach eine Ontologie traditionellen Stils gegeben, sondern Schopenhauers Metaphysik aus Erfahrung überwindet die klassische Einteilung in philosophische Disziplinen. Wie verschiedenartig Zugang und Ergebnis sein können, wenn man Schopenhauers Metaphysik ernstnimmt, belegen die Aufsätze, die von der Antike über den Irrationalismus bis zum Buddhismus reichen.

Die IV. Abteilung ist für Berichte und Rezensionen vorgesehen. Wir wollen in laufenden Debatten eingreifen, wichtige Bücher, die Schopenhauer berücksichtigen, kritisch würdigen, aber auch kleinere Arbeiten zu Schopenhauers Werk und Wirkung vorlegen. Bei Neuerscheinungen, die für die Schopenhauer-Arbeit zentral sind, werden wir mehrere Rezensenten beauftragen, um so ein umfassendes Urteil zu erreichen. Dies gilt schon für die Hübscher-Festschrift "Zeit der Ernte — Studien zum Stand der Schopenhauer-Forschung", die in diesem Jahrbuch zunächst von Kirsten Lindenau besprochen wird. Schopenhauer-Bibliographie und die Rubrik "Aus dem Leben der Gesellschaft" beschließen den Textteil. Wie früher einmal üblich, dokumentieren wir die Arbeit der mit dem Zentrum Frankfurt am Main inzwischen vierzehn Orts- und Landesvereinigungen der SchopenhauerGesellschaft. Unsere Gesellschaft lebt vom freiwilligen Engagement ihrer Mitglieder. Das auf den neuesten Stand gebrachte Mitgliederverzeichnis am Schluß des Jahrbuches soll den Kontakt der Schopenhauer-Freunde untereinander ermöglichen — machen Sie bitte Gebrauch davon.

Selbstkritik, durchaus mit Humor gewürzt, steht dem Philosophen gut an. Die Textcollage Volker Spierlings soll uns nicht nur an einen grundsätzlichen Einwand gegen alle "Jahrbücher" erinnern, sondern verweist auch auf Schopenhauers eindrucksvolle "Theorie des Lächerlichen". Beherzigen wir Schopenhauers Wort: "Je mehr ein Mensch des ganzen Ernstes fähig ist, desto herzlicher kann er lachen" (W II, 108). Arthur Hübscher, der vierzig Jahrbücher der Schopenhauer-Gesellschaft herausgegeben hat, möchte ich an dieser Stelle noch einmal herzlich für seine bewundernswerte Lebensleistung danken. Jeder Herausgeber hat seinen eigenen Stil, aber im Ziel, Schopenhauer als maßgeblichen Philosophen für unsere Zeit zu erweisen, weiß ich mich mit meinem verehrten Vorgänger einig.

Im Dezember 1983 Wolfgang Schirmacher

Konkurs der Vernunft als Lebenskrise

Zur Aktualität von Schopenhauer und Nietzsche

Sinnvoll scheint am Anfang unserer gemeinsamen Arbeit,' die einem lange umgangenen Thema gilt, an eine zentrale Einsicht Nietzsches aus der III. Unzeitgemäßen Betrachtung "Schopenhauer als Erzieher"2 zu erinnern. Dort heißt es lapidar: "Die einzige Kritik einer Philosophie, die möglich ist und die auch etwas beweist, nämlich zu versuchen, ob man nach ihr leben könne, ist nie an Universitäten gelehrt worden: sondern immer die Kritik der Worte über Worte" (417). Heute ist der Lebenssinn der Philosophie längst auch dem Methodenstreit entzogen und ganz konkret geworden: Die bestens begründete Philosophie taugt nichts, wenn die Gattung Mensch mit ihr nicht zu überleben vermag. Die gegenwärtige Kritik an der Vernunft ist Ausdruck einer Lebenskrise. Die Beschäftigung mit Schopenhauer und Nietzsche wäre schon im Ansatz verfehlt, versuchte sie, bloß "gelehrt" zu sein. KathederVorsicht und Katheder-Weisheit — so lernten wir von Schopenhauer wie Nietzsche — machen die Philosophie zu einer lächerlichen Sache, die Verachtung verdient. Eine Philosophie, die "niemanden betrübt", ist gleichgültig. Ein wirklicher Denker — sagt Nietzsche und zitiert Emerson — ist unberechenbar und "Alles ist dann in Gefahr" (426). Durch "die That" haben wir zu beweisen, so steht am Ende der Schopenhauer gewidmeten Unzeitgemäßen Betrachtung, "dass die Liebe zur Wahrheit etwas Furchtbares und Gewaltiges ist" (426). Man kann dies selbstsicher als "romantische Pose" abtun, aber ich denke, daß bereits in dieser Haltung zur Philosophie die Aktualität von Schopenhauer und Nietzsche zu fassen ist: Denn in unserer Krisenzeit ist nichts wichtiger als die Tapferkeit der Denker. Haben wir also den Mut, uns auf die entscheidenden Probleme der Gegenwart einzulassen, als Philosophen im von Nietzsche Schopenhauer einst zugeschriebenen Sinn "Richter" der Kultur zu sein.

Dann zeigt sich: Die abendländische Vernunft, heute tonangebend in der Welt, ist am Ende. Ihr Wahrheitspathos verkam zur Rechthaberei, Vernunft wurde zur Ideologie des naturausbeutenden Menschen. Die Quittung steht uns nun ins Haus. Seit Jahren in Mißkredit geraten, hat die Vernunft ihren Kredit inzwischen bei vielen, gerade denkenden Menschen völlig verspielt. Der Konkurs scheint unabwendbar; die Vernunft wird zur Hauptfeindin der Menschheit erklärt, denn ihre Rationalität droht die Gattung auszulöschen. Es sind die sich auf die Vernunft berufenden Wissenschaftler und Techniker, die Planer und Politiker, deren einzelne durchaus vertretbaren Handlungen im Ganzen tödliche Unvernunft bezeugen. Man muß dies kaum illustrieren, so bekannt sind die Phänomene, was nicht bedeutet, daß sie erkannt sind. Das waffenstarrende Arsenal, das moderner Staat heißt, verstärkt unter immer eindringlicheren Beteuerungen seiner Friedensgesinnung die allgemeine Vernichtungskapazität, die doch schon jetzt mehr als ausreichend ist. Hier wird das Kapital sinnlos verschleudert, das die uns anklagenden Millionen Hungertote jedes Jahr vermeiden könnte. Die Umweltkrise trifft nun endlich auch die Reichen an einer lebenswichtigen Stelle: die Wälder sterben uns nur voran, wie es andere Arten in den letzten Jahrzehnten erlitten.

Die herrschende Vernunft wird nun jedoch verantwortlich gemacht für den fatalen Zustand der Gegenwart, gekennzeichnet durch weltweite ökonomische Ungerechtigkeit, ökologische Zerstörung, seelische Verkrüppelung und kulturelle Öde ohne Beispiel. Unsere Hochkultur ist bloß ein Fettauge auf einer im übrigen völlig ungenießbaren Suppe; Geist und Ungeist sind weltweit ununterscheidbar geworden. Doch alle Worte sind zu schwach und in den Medien längst verbraucht, um noch die Enttäuschung, Empörung und Wut ausdrücken zu können, die der Konkurs der Vernunft bei sensiblen Menschen hervorruft. Selbst einem Meister in der Kunst des Schimpfens wie Schopenhauer bliebe nur verächtliches Schweigen.3 So wenden sich manche der Besten von den Sätzen ab, verweigern die Sprachspiele. Keine Diskurse, sondern authentische Erfahrung, keine Wissenschaft, höchstens Ästhetik! Dem Dichter will man noch trauen, ob er nun lakonisch-alltäglich oder spielerischdunkel ist. Die gegenwärtige Vernunftkritik4 gilt nicht erkenntnistheoretischen Fragen, sie will nicht die Grenzen des Wissens abstecken. Stattdessen ist die Lebensfeindlichkeit der Vernunft ins Zentrum gerückt, eine Einsicht, die bei Schopenhauer wie Nietzsche — wenn auch unterschiedlich — vorgedacht ist. Die anfängliche Kulturkritik, deren Maßstäbe noch rational zu diskutieren waren, schlägt um in eine "Erfahrung am eigenen Leibe", die Gewißheit verbürgt. Daß ich leide, weiß ich, und Erklärungen klingen dann wie Hohn. Ob die angemessene Reaktion dann ein universales Ja oder ein ebenso universales Nein ist — wer will damit rechten?

Die hilflosen Vertreter der Aufklärung, die deren Dialektik nicht wahrhaben wollen, nennen solche Vernunftkritik irrational.s Aber diese Bestimmung ist in mehrfacher Hinsicht irreführend. Irrational sind die gegenwärtigen Vernunftkritiker, von Feyerabend bis Sloterdijk,6 schon deshalb kaum, weil sie nicht Unvernunft gegen Vernunft setzen. Ob Kritik der zynischen Vernunft oder der "Schiedsspruch des freien Bürgers",7 hier wird nicht mit überweltlichem Wissen gespielt.

Die Zivilcourage in der Lebenswelt ist der Boden einer solchen anderen Vernunft. Die Lebenskrise hat die übergreifende Vernunft nachhaltig entzaubert, und der alte Ausweg, zwischen Theorie und Praxis zu trennen, und die Folgen der Vernunft von ihr rigoros abzutrennen, wird nicht mehr zugelassen. Die vehementen Vernunftkritiker sind — bei Lichte besehen — recht zahm, denn noch bei der Feststellung des Konkurses der Vernunft beharren sie darauf, daß ihr Geschäft nicht hoffnungslos sei. Es käme nur auf die Art der Vernunft an! So interessieren sich die angeblichen Vernunftfeinde durchaus für die verkommene Hinterlassenschaft der abendländischen Vernunft, und setzen sie unter den auch nicht mehr allzu neuen Titeln "lebendige Vernunft", "selbstbestimmtes Leben", "Einheit von Denken und Leben" nur fort. Scheinbare Irrationalisten, die kein Wort der Philosophen lesen, sind paradoxerweise die treuesten Anhänger des hybriden Anspruchs des metaphysischen Denkens, Identität zu erreichen.

Aber auch die "wilden Denker" wie der Neoethnologe Hans Peter Duerr,8 der vorgibt, die Welt verlassen zu haben, um sich zu erkennen, sind nicht so irrational, wie sie gern wären. Es ist ja nicht das "wilde Denken", das zur Vernunft kam, um sie zu ihrem Gegenteil zu bekehren. Sondern es sind die vor der realen Zerstörung fliehenden Vernunftkinder, die sich ein Überleben dort erhoffen, wo keine Vernunft herrschte. Geht zu anderen Sternen, um zu sterben! wird ihnen von den außereuropäischen Kulturen zugerufen, ein wirkungsloser Fluch und eine hoffnungslose Geste der Auflehnung. Es gibt keine Reservate, und die wissenschaftlich-technische Zivilisation wird Schul dige wie Unschuldige vernichten. Die westlichen Irrationalisten sind nichts weiter als verzweifelte Verteidiger der "wahren Vernunft", der Vernunft der Philosophen, die niemals herrschte, in keinem Staat, in keiner Kultur. Was die Vernunftkritiker wollen, ist auch keineswegs unvernünftig; eine Vernunft, die dem Leben nicht unversöhnlich gegenübersteht und Humanität erlaubt.' Widersinnig ist nur, daß solche "Irrationalisten", in der Jugendkultur noch am ehesten aufzufinden, im Recht sind und doch Unrecht tun. Rousseaus "Zurück zur Natur", die aristotelische Klugheit, die christlichen Tugenden der Askese und Selbstprüfung vermögen nicht, die Wirklichkeit der Zeit begreiflich zu machen. Ihr Körnchen Wahrheit ist zu gering. Und während sich die Besserwissenden auf eine "grüne Insel" gerettet zu haben glauben, verwandelt sich die von ihren Kritikern verächtlich beiseite geschobene moderne Technik täglich schrecklicher in eine von niemand gewollte Todestechnik für Mensch, Tier und Pflanze.

der Askese und Selbstprüfung vermögen nicht, die Wirklichkeit der Zeit begreiflich zu machen. Ihr Körnchen Wahrheit ist zu gering. Und während sich die Besserwissenden auf eine "grüne Insel" gerettet zu haben glauben, verwandelt sich die von ihren Kritikern verächtlich beiseite geschobene moderne Technik täglich schrecklicher in eine von niemand gewollte Todestechnik für Mensch, Tier und Pflanze. Will man nicht politisch auf die radikale Vernunftkritik reagieren, denn dies griffe immer zu kurz, muß man sich ihrer Herkunft versichern. Auf Schopenhauer und Nietzsche geht vor allem zurück, was Nihilismus und Irrationalismus aus dem puren Weltschmerz heraushebt. Schopenhauer und Nietzsche bilden jedoch keinen Anfang, den wir schon überholt hätten. Im Gegenteil: die Vernunftkritik hatte bei ihnen eine Tiefe, an die unsere Gegenwart nicht heranreicht. Dabei war Schopenhauer ein engagierter Freund der Vernunft, die ihm Humanität verbürgte,10 und auch Nietzsche läßt nicht von der Vernunft, gerade dort, wo er sie als bloße Idiosynkrasie bestimmter Tierarten zu verspotten scheint. Aber Freunde sind nicht blind dafür, wie evolutionär unwahrscheinlich und durch sich selbst stets aufs Höchste gefährdet die menschliche Vernunft ist. Die Wurzeln der gegenwärtigen Vernunftkritik bei Schopenhauer und Nietzsche freizulegen, ist unsere erklärte Absicht. Dazu wird das schwierige Verhältnis Schopenhauer-Nietzsche in den Blick kommen müssen; Gemeinsames und Trennendes ist herauszuarbeiten. Aber bei aller Unterschiedlichkeit gibt es eine identische Stoßrichtung, die uns berechtigt, Schopenhauer und Nietzsche in einem Atemzug als Vordenker der Vernunftkritik zu bezeichnen. Entscheidende Momente sind darin die Kritik des Weltbildes, die Fortschritts-, Lebens- und Staatskritik. Sie markieren daher auch den roten Faden der vorgelegten Untersuchungen. Schopenhauers Kritik des Weltbildes erweist die Welt als Vorstellung, die in Wahrheit Welt als Wille ist. Nietzsche verschärft dieses Durchbrechen der Erscheinungswelt zur "Umwertung aller Werte", zur Aufwertung der "Schein-Welt". Hier ist die philosophische Wurzel der in der heutigen Vernunftkritik virulenten Einsicht, daß unsere Denkweise grundsätzlich ein Problem darstellt, und wir gegen die Selbstverständlichkeiten andenken müssen. Ein anderes Wissen, eine zur Vernunft gekommene Vernunft, die der bisherigen nur den Charakter einer Krücke zubilligt, kündigt sich darin an. Das Weltbild, die Welt als durch Interessen konstruiertes Bild, ist nicht das letzte Wort. Kunst und Leib lehren uns eine andere Erfahrung, deren Moral Schopenhauers Mitleiden formuliert, ohne zu moralisieren. Wie Leben lebt, nehmen wir auf." Geschichte und Fortschritt mit ihrer Anthropozentrik brechen sich am Leiden bei Schopenhauer und versinken in der großen Schöpfertat Nietzsches. Das verfehlte Leben nur hat Geschichte. Der Staat, der "neue Götze" (Nietzsche), ist eine Technik, nichts weiter. An seinem Gebrauchswert wird er zu messen sein. Doch um dies alles zu sehen, wirklich zu sehen, werden wir es denken müssen — im Zusammenhang, ohne konsequent zu sein; im Sprung, ohne doch unsere leibliche Basis zu verlieren. Schopenhauer und Nietzsche werden dabei unsere Lehrer sein — danken wir ihnen durch entschlossenes Weiterdenken.

Die gegenwärtige Vernunftkritik hat viele Gesichter, böse und lustige, ernsthafte und fanatische. Wir Philosophen fragen: Was ist ihr wahres Gesicht? Oder kann man diese Frage — belehrt durch die Vernunftkritik — überhaupt nicht mehr stellen? Wir alle kennen die Symptome — Abkehr von der Rationalität, Ausstieg aus der Industriewelt, blindes Vertrauen auf Innerlichkeit, Sehnsucht nach einer Heimat, in der nach Blochs Wort noch nie ein Mensch war, Flucht in Allerweltsreligion und fernöstliche Heilslehren. Dies sind die Symptome; aber wie lautet die Diagnose? Es kann doch nicht ausreichen, die Vernunftkritik, den Irrationalismus, das "wilde Denken" einfach zu verdammen oder sich — ebenso einfach — dazu zu bekennen. Beides ist gleich unbegreiflich, nur ein Entschluß. Die heutigen Vernunftkritiker fragen nicht — wie noch Kant — nach den Grenzen der Vernunft. Ihre Kritik an der Vernunft entstammt ihrer eigenen Erfahrung mit der modernen Welt. Es ist ganz offensichtlich eine Lebenskrise, die sich in der Vernunftkritik nur spiegelt. Das Vertrauen in die Vernunft ist verlorengegangen, seitdem sie zur rechnenden Vernunft verkam und nur noch zu planen und zu kalkulieren versteht. Dies hat in der Gegenwart zu Folgen geführt, die niemand mehr akzeptieren kann. Die Vernunftkritik scheint darauf nur eine Reaktion zu sein!

Aber ist es eine angemessene Reaktion? Kann es sinnvoll sein, Vernunft und Aufklärung aufzugeben, nur weil diese auch die Tendenz hat, uns in eine instrumentelle Sackgasse zu führen? Vermutlich stimmt es, daß uns die heute herrschende Vernunft in eine tödliche Gefahr bringt; aber entgehen wir dieser, indem wir die "Augen der Vernunft" völlig schließen? Man hat es sich — nicht nur unter Philosophen — bisher leichtgemacht, die gegenwärtige Vernunftkritik als Zeiterscheinung abzutun. Man verwies darauf, daß die Vernunftkritiker doch gerade von der Rationalität leben, die sie bekämpfen. Der moderne Staat, die Wirtschaft, selbst die Kultur ist durchrationalisiert, bis in Einzelheiten abhängig vom Funktionieren der Technik. Die Vernunftkritiker machen es ihren Gegnern also nicht schwer, aber da viele von ihnen keine Philosophen studieren, sondern "authentisch zu existieren" versuchen, mochte ihnen dies gleichgültig sein. Doch diese theorielos scheinende Kritik an der Vernunft hat eine große philosophische Vorgeschichte. Lange bevor die Umwelt zerstört wurde, haben Philosophen im 19. Jahrhundert präzise vorausgesagt, wohin der Fortschrittsglaube und unsere bisherige Denkweise führen müßte: zur Hölle auf Erden, sagte Schopenhauer. Und Nietzsche ist nicht weniger scharf mit dem Größenwahn seiner Zeitgenossen umgesprungen. Wer den Menschen verbessern wolle, ohne vorher alle Werte, an die er sich hält, umzuwerten, kann nur Verderben erzeugen.

Aber ist es eine angemessene Reaktion? Kann es sinnvoll sein, Vernunft und Aufklärung aufzugeben, nur weil diese auch die Tendenz hat, uns in eine instrumentelle Sackgasse zu führen? Vermutlich stimmt es, daß uns die heute herrschende Vernunft in eine tödliche Gefahr bringt; aber entgehen wir dieser, indem wir die "Augen der Vernunft" völlig schließen?12 Man hat es sich — nicht nur unter Philosophen — bisher leichtgemacht, die gegenwärtige Vernunftkritik als Zeiterscheinung abzutun. Man verwies darauf, daß die Vernunftkritiker doch gerade von der Rationalität leben, die sie bekämpfen. Der moderne Staat, die Wirtschaft, selbst die Kultur ist durchrationalisiert, bis in Einzelheiten abhängig vom Funktionieren der Technik. Die Vernunftkritiker machen es ihren Gegnern also nicht schwer, aber da viele von ihnen keine Philosophen studieren, sondern "authentisch zu existieren" versuchen, mochte ihnen dies gleichgültig sein. Doch diese theorielos scheinende Kritik an der Vernunft hat eine große philosophische Vorgeschichte. Lange bevor die Umwelt zerstört wurde, haben Philosophen im 19. Jahrhundert präzise vorausgesagt, wohin der Fortschrittsglaube und unsere bisherige Denkweise führen müßte: zur Hölle auf Erden, sagte Schopenhauer. Und Nietzsche ist nicht weniger scharf mit dem Größenwahn seiner Zeitgenossen umgesprungen. Wer den Menschen verbessern wolle, ohne vorher alle Werte, an die er sich hält, umzuwerten, kann nur Verderben erzeugen. Die Vernunftkritiker kennen ihre Vordenker zumeist nicht,18 und ihre Gegner verweisen gelegentlich zwar anklagend auf sie, um sich dann doch gleich wieder mit der aktuellen Vernunftkritik zu beschäftigen, die gute Angriffsflächen bietet. Diese doppelte Ignoranz hat ungewollte Folgen. Die Vernunftkritiker wissen nicht, wovon sie reden. Und ihre Gegner haben das nötige philosophische Niveau der Auseinandersetzung nie erreicht. Schopenhauer und Nietzsche — so unterschiedlich sie auch argumentieren — unterscheiden sich wesentlich von ihren Adepten: Sie haben in ihrer Kritik der Vernunft die gesamte Philosophiegeschichte einbezogen, und es gelang ihnen damit eine Perspektive, die erst deutlich macht, was Vernunftkritik eigentlich bedeutet. Um die Wurzeln der Vernunftkritik ans Licht kommen zu lassen, sollen Schopenhauer und Nietzsche zusammen behandelt werden. Schnell verwertbare Resultate sind dabei nicht zu erwarten. Die Aufgabe des Philosophen ist in erster Linie, fragen zu lehren. Dies kann jedoch die falsche Selbstgewißheit des gegenwärtigen Denkens stärker erschüttern als jede Widerlegung.

Anmerkungen

1 Eröffnungsansprache beim Internationalen Schopenhauer-Nietzsche-Symposium in Frankfurt/Main am 24. Mai 1983.

2 F. Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. Hrsg. G. Colli u. M. Montinari. Bd. 1. Berlin 1980. Auch im folgenden wird nach dieser Ausgabe zitiert. 1 W. Schirmacher: Schopenhauer als Kritiker der Dialektik. In: Zeit der Ernte. Studien zum Stand der Schopenhauer-Forschung. Stuttgart 1982, 300-324.

4 Tonangebend ist hier das von Claudia Gehrke herausgegebene "Konkursbuch. Zeitschrift für Vernunftkritik" (Tübingen).

5 Vgl. K. H. Bohrer (Hrsg.): Mythos und Moderne. Frankfurt/Main 1983. 8 P. Sloterdijk: Kritik der zynischen Vernunft. 2 Bde., Frankfurt/Main 1983.

7 P. Feyerabend: Erkenntnis für freie Menschen. Frankfurt/Main 1981, 63.

8 H. P. Duerr: Traumzeit. Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation. Frankfurt/Main 1978.

1' D. Kamper: Geschichte der Einbildungskraft. München 1981

10 Vgl. auch W. Schirmacher: Asketische Vernunft — Schopenhauer im Deutschen Idealismus, in diesem "Schopenhauer-Jahrbuch".

11 R. z. Lippe: Am eigenen Leibe. Frankfurt/Main 1978. Vgl. dazu W. Schirmacher: Technik und Gelassenheit. Freiburg/München 1983, 236 ff. 1 Vgl. hierzu W. Schmied-Kowarzik: Das spekulative Wissen oder die Ekstasis des Denkens. In: Der Wissenschaftler und das Irrationale. Band IL Hrsg. H. P. Duerr, Frankfurt/Main 1981, 112-138.

13 Eine Ausnahme bildet M. Maren-Grisebach: Philosophie der Grünen. München 1982.