Wolfgang Schirmacher - Homo Generator in der postmodernen Diskussion. Aus einem Gespräch mit Jean-François Lyotard
Schirmacher, Wolfgang. "Homo Generator - In der Postmodernen Diskussion." In: Levine, Stephen K. (editor). Crossing Boundaries : Explorations in Therapy & the Arts - A Festschrift for Paolo Knill. EGS Press. October 2002. Paperback. ISBN: 0968533019, Language: German, pp. 61-78.
Wolfgang Schirmacher - Homo Generator in der postmodernen Diskussion. Aus einem Gespräch mit Jean-François Lyotard
Vorbemerkung: Ich lernte den bedeutendsten Philosophen der Postmoderne persönlich kennen, als er 1991 meiner Einladung zu einem Vortrag an der New School for Social Research (New York) nachkam. Daß wir beide vorwiegend phänomenologisch arbeiten und Nietzsche wie Heidegger unsere Denken stark beeinflußt haben, trug gewiß dazu bei, unser Verhältnis schnell zu vertiefen. Aber noch wichtiger war, daß Lyotard ein äußerst kameradschaftlicher und großzügiger Mensch gewesen ist, der sich trotz seiner Überbelastung durch Lehrverpflichtungen in aller Welt und zahlreichen Publikationen die Zeit zum Gespräch mit einem jüngeren Philosophen nahm. Mehr noch, aus einem Gefühl der Freundschaft heraus unterstützte Lyotard aktiv meine Pläne für ein interdiszplinäres Doktorprogramm, das Medien und Kommunikation philosophisch und dadurchauf neuartige Weise versteht. Lyotard gehörte dem ersten American Council für die European Graduate School an und sollte auch in Saas-Fee lehren - sein allzu früher Tod hat dies leider verhindert, aber sein Denken inspiriert uns weiter (siehe dazu http://www.egs.edu/jeanfrancoislyotard.html) Die folgenden Auszüge, die erstmals in dieser Festschrift zu Ehren des Phänomenologen Paolo Knill, eines anderen Freundes, erscheinen, entstammen einem Gespräch vom 22.April 1992 an der Yale University, wo Lyotard als Henry Luce Scholar am Whitney Humanities Center für ein Semester weilte. Das Gespräch wurde auf Englisch geführt, für uns beide eine Fremdsprache, und konnte von Lyotard nicht mehr redigiert werden. Es gibt davon sowohl eine Video- als auch eine Tonband-Aufzeichnung, und Lyotard hat mich zudem ausdrücklich ermächtigt, den Wortlaut so zu verändern, daß philosophisch zutrifft, was uns sprachlich im Gespräch selbst nicht immer ganz geglückt ist. Es ist selbstverständlich, daß ich unter diesem Umständen die Verantwortung für den gesamten Text übernehme. Mein Vortrag „Homo Generator: Die Herausforderung der Gentechnik“ (1985) war die erste von mehreren Veröffentlichungen, die Zwischenberichte von meiner auf „Ereignis Technik: Heidegger und die Frage nach der Technik“ (1980) und „Technik und Gelassenheit“ (1983) aufbauenden Denkarbeit gaben. Nach zwanzig Jahren wird nun 2002 das Buch „Homo Generator: Ethik für ein künstliches Leben“ erscheinen, vermutlich noch immer zu früh.
Schirmacher: Mein phänomenologischer Aufweis, daß der Mensch in erster Linie Homo generator ist, kann allzu leicht mißverstanden werden. Schon der erklärende Untertitel Ethik für ein künstliches Leben läuft Gefahr, in den ideologisch aufgeladenen Streit um Natürlichkeit und Künstlichkeit hineingezogen zu werden. Dabei liegt mir nichts ferner, als die sich entfaltende Natur von Mensch und Umwelt durch virtuelle Welten ersetzen zu wollte! Auch was Ethik heißt, verlangt nach umgehender, wenn auch vorläufiger, Klärung, wird doch sonst vergeblich nach einem Sollen, nach Wertsystemen oder dem Naturrecht Ausschau gehalten. Beginnen wir mit der Künstlichkeit: Diesem Begriff, der heute auf das Fabrizierte und Nachgeahmte eingeschränkt ist, gebe ich seine wichtigste Mitbedeutung zurück: die Nähe zu Kunst und Autopoietik. Künstlichkeit ist nicht genormtes Gestell (Heidegger), sondern verweist auf die autopoietische Praxis der Kunst als ihren Grundzug und bezieht damit das Überraschende und Gelingende gerade ein. Künstlichkeit in diesem fundierten Sinn soll die Verfassung der menschlichen Lebenswelt bestimmen, deren Natur von jeher und durchgängig von uns erzeugt worden ist. Als Homo generator entwerfen wir Welten mit Materialien, deren Daß gegeben ist, deren Wie wir aber zu erfinden haben. In vortechnischer Zeit wurde diese Generierung von Welten den Göttern zugeschrieben, auf dem Höhepunkt der gobalen Technisierung den Schamanen der Wissenschaft, und erst in der heraufziehenden nachtechnischen Epoche ist die total verantwortete Weltleistung des Homo generator unübersehbar geworden Diese Erzeugung ist keine Kopfgeburt und ist auch nicht auf Wahrnehmung einzuschränken, sondern betrifft den ganzen Menschen und schließt Leiblichkeit und gemeinschaftliches Handeln durchaus ein. Ein künstliches Leben wird als Kunst des Lebens geführt, von einem sich authentisch verhaltenen Menschen, dessen Ethik anthropologisch von Offenheit gekennzeichnet ist. Diese Aussicht hat seit der Begründung der Moderne durch Descartes, Spinoza und Leibniz die unterschiedlichsten Geister zu gewagten Entwürfen veranlaßt. Ich nenne hier nur Hegel, Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche, Bataille, Heidegger, Sartre, Arendt, Foucault, Lacan, Levinas und Deleuze.
Meine Ethik für ein künstliches Leben legt die Spur (Derrida) eines nicht-metaphysischen Daseins, denn der Homo generator wird fähig zu einem Leben nach der Postmoderne, im Horizont der post-technischen Welt, die durch den Abgrund eines Sprunges (Kierkegaard) vom technischen Zeitalter getrennt ist. Solche Thesen wollen jedoch nicht die obsolet gewordene Totalphilosophie rehabilitieren, sondern sind durch die postmodernen Kritik hindurchgegangen, die jede Berufung auf Autoritäten unmöglich gemacht und die Idee eines einheitlichen Weltbildes zerstört hat. Doch die durchaus systematische Herausdrehung aus dem postmodernen Zustand erfolgt durch eine postmoderne Entscheidung, die - wie meine Basisphänomenologie der post-technischen Welt - kein neues Sein, keine neue Geschichte und nicht einmal ein völlig anderes Weltbild vorschlägt. Vielmehr gilt: Der Sprung ist unmerklich, unbeachtet bleibt der post-technische Horizont und kaum wahrnehmbar ist das ethische Gelingen hinter unserem Rücken. Die seismographisch aufgezeichnete Verrücktheit ist minimal, eine kulturkritisch leicht zu verdächtigende Schwenkung von der Alltäglichkeit der Postmoderne zur einer ebenso selbstverständlichen Affirmation des künstlichen Lebens. Diese Affirmation ist in Ansätzen jedenfalls bei der ersten Generation zu beobachten, die im post-technischen Horizont aufwächst, und dies nicht einmal bemerkt, weil sie nichts anderes kennt. Wenn alle Technologien ungefragt zur Verfügung stehen, ist die Zeit für ichbezogenen Hedonisten und Medienmonaden (Schirmacher) gekommen. Mit der unaufhaltsamen Verbreitung westlicher Technologien ist auch der Sprung zum künstlichen Leben für nicht-westliche Kulturen unausweichlich geworden, obwohl Tempo und Intensität dieses Vorgangs höchst unterschiedlich ausfallen. Daß wir anthropologisch die Künstlichen von Natur (Hellmuth Plessner) sind, ohne Entschuldigung exzentrisch und anthropomorph zugleich, schließt aus, daß der Mensch sich nach dem Bild einer kybernetischen Maschine entwickelt. Zwar gehört die Informationstechnologie wie die Gentechnologie zu den beiden heute eindrucksvollsten Möglichkeiten, Humanität aktiv zu entfalten und Lebenskunst ethisch zu verwirklichen, aber der Cyborg-Mythos (Donna Haraway) darf nicht metaphysisch erzählt werden. Denn in keinem Fall geht es darum, Mensch und Technik erst zusammenzubringen, also eine Mensch-Machinen-Symbiose herzustellen, denn die Technologien selbst sind immer schon unsere Existenzialien, autopoietisch verantwortete Akte, in denen es dem jemeinigen Dasein um es selbst geht. Die Roboter als mind children (Hans Moravec) sind unzweideutig anthropomorph, und leer sind daher sich ontologische gebende Fragen wie: Ist der Cyborg ein Mensch oder eine Maschine? Repräsentiert die Künstliche Intelligenz die nächste Stufe der Evolution?
Lyotard: Gewiß ist es möglich, den Menschen als Artifakt zu beschreiben, denn alles in der Welt ist hergestellt, damit künstlich. Man kann sogar jede lebende Zelle als ein technisches System in diesem Sinn ansehen: es ist ein offenes und komplexes System, jederzeit in der Lage, Energie zu erzeugen und in Tätigkeit umzusetzen. Eine solche Beschreibung in der Art der Systemtheorie wird von den Naturwissenschaften wie den Sozialwisssenschaften bevorzugt, und dies ist durchaus nicht zufällig. Von den kleinsten Systemen bis hin zu den Galaxien hat man eine Hypothese zur Hand, die erlaubt, alles zu verstehen, einschließlich des Menschen. Dabei wird Zweckrationalität wie Kausalitätsdenken elegant vermieden, denn diese Systeme sind keine Mittel für irgendeinen Zweck und daher auch nicht instrumentell (sondern besitzen ein eigenes Instrumentarium). Computer und verwandte Informationssysteme sind hervorgebracht vom System Mensch, um einer bisher im Dunkeln gebliebenen Notwendigkeit, dem Informationswissen, zu genügen und damit zugleich die humane Eigenaktivität zu verbessern. Dieses neuartige Wissen erzeugt dann auch eine neue Art von Energie und verwandelt diese energisch. Wenn wir, was durchaus gerechtfertigt ist, die Dinge in dieser Weise betrachten, ist die gesamte Welt, einschließlich der Menschen, künstlich. Auch unsere Vorstellung vom Kosmos ist da einbegriffen, denn wir können nicht wissen, was der Kosmos an-sich ist. Der Begriff Künstlichkeit erlaubt uns sowohl ein gutes Verständnis der sogenannten Realitat als auch eine praktisch erfolgreichen Umgang mit ihr.
Schirmacher: Aber würde diese Auslegung der Künstlichkeit nicht deren Herkunft verleugnen, die ich im Selbstverständnis wie im Eigensinn des Menschen finde? Bekäme nicht die Energie das Subjekt der Entwicklung, und würden wir nicht sub specis aeternitatis zu einem bloßen Untersystem? Zu klären wäre vor allem, wie sehr jede Systemtheorie von der Vorstellung gegebener Gesetze und Bedingungen abhängt, während meine Idee von Künstlichkeit die Kunst des gelingenden Lebens betont, deren Kontext immer erst selber erzeugt werden muß. Kann homo generator ein System sein?
Lyotard: In meiner Sicht ist weder das universale System noch das marginale System gesetzesabhängig oder bestimmt durch Regeln, vor allem dann nicht, wenn es sich um komplexe Systeme handelt. Enorme Flexibilität und prinzipielle Unbestimmtheit zeichnen diese Systeme aus, zu denen, wie wir jetzt zu verstehen beginnen, auch unser Gehirn gehört. Physikalische Systeme aller Größenordnungen gehören offenbar zu diesen komplexen Systemen. Die Physiker haben diese seltsame Unterscheidung in Orte, die bestimmt sind, und in nicht bestimmte Orten, an denen der Zufall vorherrschend ist. Der Mensch ist außerordentlich komplex, das komplexeste Lebenssystem, das wir kennen, und dies gilt gerade, weil wir Sprachfähigkeit besitzen, in der Sprache ein symbolisches System. Daß wir uns im Bereich der Sprache an einem Ort der Unbestimmheit befinden, erklärt ausreichend, warum und wie wir unsere Existenz als offen erfahren, die Dinge erst bestimmen müssen, unsere Einbildungskraft brauchen, aber auch, wie unser Gefühl für Verantwortung entstand. Zugleich läßt sich zeigen, daß die Vorstellung keineswegs abwegig ist, daß Systeme weiße Stellen und Abgründe aufweisen, Orte, die nicht schon festgelegt sind.
Schirmacher: Eine solche offene Anthropologie habe ich im Sinn; in Deutschland ist sie von Plessner, Adorno und Ulrich Sonnemann und in Frankreich von Bataille, Lacan, Foucault, Deleuze und Kristeva entwickelt wurde. Aber wie läßt sich bei Ihrer Beschreibung ein Objektivismusvorwurf entkräften?
Lyotard: Jede Vorstellung von Objektivität oder Realität hat sich von selbst erledigt, wenn die Frage nach der Realität von den Wissenschaftlern jedes Mal neu gestellt werden muß. Ist dieser Stuhl real? Welche Bedeutung hätte die Realität des Stuhles in der Mikrophysik? Sogar unsere Sinne können diese Frage in der virtuellen Welt nicht mehr beantworten. Wir bilden auf künstliche Weise Objekte mit Hilfe unserer Filter, als Ergebnis einer Wahrnehmungstätigkeit. Auch Raum und Zeit werden so gebildet, wie man sie brauchen kann - ob Mensch, ob Zelle, ob Schmetterling, jede Seinsweise erzeugt seine eigene Realität (für die nicht-menschliche Welt unterstellen wir dies natürlich bloß).
Schirmacher: In den Naturwissenschaften und bis zu einem gewißen Grad auch in den Sozialwissenschaften scheint es doch wenigstens einen Realitätsersatz zu geben: Real ist, was ich berechnen kann. Dieses quantitative Weltmodell, durch Computereinsatz gesellschaftlich dominierend geworden, ist jedoch instrumentell, nicht künstlich. Im künstlichen Leben kann als real nur gelten, was mein Leben gelingen läßt. Dazu mag eine funktionierende Informationstechnologie gehören , die mich nicht überwacht und gängelt, sondern meine Offenheit unterstützt und das Abenteuer des Alltags vorbereitet. Doch mir scheint, daß alle Information, die voraussetzt, daß etwas definiert und in Zahlen abgebildet werden kann, nur äußerst selten, wenn überhaupt, wesentliche Züge eines Lebens zu erfassen vermag. Wesentliches Handeln und Denken betrifft das Zweideutige, Dunkle, Offene, Erhabene und kann von einem Raster nie erfaßt werden.
Lyotard: Halten Sie damit nicht an der anthropologischen Vorstellung einer eigenen Existenz fest? Sie wenden sich gegen eine relativistische Beliebigkeit und kritisieren ebenso die Idee einer objektiven Existenz. Einerseits denken Sie auf postmoderne Weise, anderseits könnten Ihre Bedenken gegen meine Systembeschreibung vielleicht ein Indiz dafür sein, daß Sie eine existentialistische Position zwischen Subjektivismus und Objektivität einnehmen, die dem frühen Heidegger und auch Sartre nahesteht.
Schirmacher: Jedenfalls nicht bewußt! Meine Basisphänomenologie des Menschen in der posttechnischen Welt hat sich aus dem Dualismus von Subjektivität und Objektivität, Zentrismus oder Dezentrismus schon im Ansatz herausgedreht: Wer den Menschen in den Blick nimmt, sich selbst als Evidenz anerkennt, findet keinerlei originäre Spur solcher Dualismen. Authentisch lebt der Mensch anthropomorph - er weiß von keiner Welt außerhalb des humanen Horizonts und kann kein Phänomen anders als in Beziehung zu sich erfahren. Aber der Mensch in seiner Mortalität erkennt sich dabei keineswegs als bestimmendes Zentrum, denn Fehlbarkeit, Schwäche und Unbestimmtheit sind Grundmerkmale des Humanen. Auch die Natalität des Menschen ist kein Hinweis auf schöpferische Subjektivität, sind doch an jeder Geburt unzählige andere Phänomene beteiligt, die wir im Sinne einer Gelingensethik 'generieren', das heißt einbringen, antreiben und freilassen. Der homo generator folgt einer "Ökonomie der Verschwendung" (Bataille), in der das Selbst dem Schweigen der Sprache ebenso genügt wie dem Übermut der todesverlachenden Aktivität. Vom geworfenen Entwurf des Heideggers von "Sein und Zeit" ist in der posttechnischen Welt Sartres existentialistischer Entwurf übriggeblieben, aber auch dieser hat sich radikal gewandelt. Was einst als "Reihe unserer Taten" die Essenz des Menschen bestimmen sollte, hat weder eine reihenstiftende Konsequenz noch ist es auf unsere Taten zu beschränken: Eine reflexive Apathie (Jacques Poulain ) verweigert sich einer Konsensgemeinschaft der wofür auch immer Engagierten. Antropomorph zu existieren ist für den homo generator nichts, wofür er kämpfen müßte: Angesichts der entfremdeten Versionen des Anthropomorphen, von den Göttern bis zur wissenschaftlichen Objektivität, bleibt er gelassen. Es gibt kein Feindbild, nichts, wogegen ein Ich selbst konstituiert werden müßte, sondern Kommunikation ist von sich her das platonische Gespräch der Seele mit sich selbst, und der Mensch entwickelt sich als endliches Ereignis im Sinne des späten Heidegger.
Lyotard: Danke für diese genaue Darstellung, die mir erlaubt, eine weitere Frage im Hinblick auf Ihren Begriff homo generator zu stellen: Was heißt dabei generieren? Man könnte diesen Vorgang sehr leicht im Sinne der Systemtheorie verstehen, und dann würde homo generator der Kritik verfallen, die Sie am System geübt haben. Homo generator wäre eine Abstraktion, eine Gattung unter anderen lebenden Gattungen, und niemand würde diesen homo kennen oder sehen können.
Schirmacher: Homo generator ist eine offene Bestimmung, ein Begriff, der sich erst entfaltet, auch wieder abbrechen kann, neu ansetzt, Haken schlägt. Es gibt noch keinen homo, sondern er ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, generiert sich in seinen wichtigsten Technologien, einst bloß in Atmen, Schlafen, Nahrung sammeln, Fortpflanzen, Kämpfen; heute auch in der Solartechnik, in Gentechnik und in den Medien. Es gibt für uns die Kraft, Macht und Möglichkeit zum Generieren - darauf allein verweist der Begriff homo generator.
Lyotard: Aber vielleicht ist der Wille zur Macht, wie in Nietzsches Eco Homo, auch zu stark?
Schirmacher: Nietzsche hatte die Mentalität eines Künstlers, der seinen ästhetischen Olymp selbst entwirft, und sein Wille zur Macht weist auf den Urheber zurück, ist Wille zum Willen, wie Heidegger richtig sah. Dennoch teile ich Nietzsches Optimismus nicht, denn ein Recht zuversichtlich zu sein hat wohl nur der Pessimist, wenn Sie dem Präsidenten der Internationalen Schopenhauer-Vereinigung diese Bemerkung erlauben. Auch wenn Nietzsche wie kaum ein anderer Philosoph den kulturellen Nihilismus als ideologisches Ende der Metaphysik präzise analysiert hat, bleibt er als Kulturkritiker anthropozentrisch. Woher weiß er das alles, und überschätzt er nicht die Reichweite seiner Einsichten? Mein homo generator ist ein einzelner, eine unverwechselbare Person, keine Gattung. Ich selbst existiere kein Sein-in-der Welt im Sinne Heideggers, sondern bin Sein-für-die Welt (Deleuze).
Lyotard: Gut, wenn Sie sich auf die Position zurückziehen, eine Person zu sein, gibt es theoretisch keine Probleme: Es ist ethisch akzeptiert, daß der Begriff Person notwendigerweise Freiheit beinhaltet, auch Verantwortlichkeit, deren Gegenstände man selber wählen kann. Aber fürchten Sie nicht, es sich damit zu leicht zu machen? Ist Person nicht ein Begriff, den jede Ethik voraussetzt?
Schirmacher: So einfach ist das nicht, denn im traditionellen Verständnis ist die Freiheit der Person stets eingeschränkt, wenn auch vielleicht freiwillig, wie in Nietzsches aristokratischer Ethik. Es gibt den Unterschied zwischen einer Freiheit von und einer Freiheit für, und die letztere will jede Gesellschaft unbedingt regulieren (Isaiah Berlin). Aber selbst wenn man de Sade folgte, und alles tun darf, ja muß, was man tun kann, bliebe man unfrei im Sinne des homo generator. Gelingt mein Leben? Dies ist die einzige ethische Frage. Freiheit ist eine sekundäre Sorge, denn zunächst muß Ich selbst herausfinden, daß und wie mein Leben gelingt, also im strikten Verständnis ethisch ist. Dies ist die schwerste Aufgabe für den homo generator, denn die Kriegstechnik Metaphysik und alle durch sie etablierten Institutionen von der Familie bis zu den Gerichten, verwirren mit voller Absicht den ethischen Sinn, den deshalb nur noch Kleinkinder ganz unbefangen aufweisen. Der nicht zu verhandelnde Anspruch auf Gerechtigkeit, Erfüllung, Proportion einer persönlichen Gelingensethik wird ebenso als asozial gefürchtet wie Nachhaltigkeit, Besonnenheit, Gelassenheit und Großzügigkeit als Modi der Ethikwelten. Schlicht wahrzunehmen, ob mein Leben gelingt, und mich darüber nicht selbst zu täuschen, ist die harte Arbeit, die Sie im postmodernen Kontext Gerechtigkeit genannt haben. Jeder kann zwar leicht behaupten, er habe sein Leben gelebt, aber ein solches Sprachspiel wird seiner selbst nicht gerecht: Denn wir können nicht leugnen, daß wir für wenige Augenblicken gewiß sind, wirklich und voll gelebt zu haben.
Lyotard: Gut, aber was heißt eigentlich, sein eigenes Leben leben? Würde dies auf etwas darüber hinaus verweisen? Etwas, das mehr ist als bloße Existenz, mehr als ein gerade Hiersein? Wird mit diesem Leben etwas verwirklicht?
Schirmacher: Nein, es gibt keinen transzendenten Maßstab, sondern nur eine Selbstprüfung, die wir als Selbstbewertung ja schon immer durchführen. In der Pubertät und später als midlife crisis kommt dies oft spektakulär zum Vorschein. Allerdings wird diese Bewertung allzusehr auf persönliche Umstände, den sozialen und beruflichen Erfolg oder die eigene Gesundheit beschränkt und damit unzulässig personalisiert. Mein gesamtes Leben, 24 Stunden am Tag, in seinem Mitsein, in meiner Umwelt ist aber ohne jede Vormeinung zu bewerten: der Computer, an dem ich arbeite, kann davon ebensowenig ausgenommen werden wie die Träume und Wünsche, die außer mir niemand kennt. Der entscheidende Unterschied zur Tradition ist jedoch, daß diese Evaluation von außen niemals vorgenommen werden kann, und keiner jemand anderem sagen kann, ob er gelebt hat oder nicht. Die Herablassung der ethischen Theorien, die mein Gelingen oder Mißlingen feststellen zu müssen glauben, da Ich selbst dazu nicht in der Lage wäre, gehört einem untergegangenen Paternalismus an. Homo generator bringt auch sein eigenes Zutrauen hervor!
Lyotard: Aber gibt es für ein gelingendes Leben denn immanente Kriterien, wenn man wie Sie die Beurteilung anderer zurückweist? Kann zum Beispiel Gesundheit ein solches Kriterium sein? Aber wie ist es dann mit Antonin Artaud, der am Rande des Wahnsinns lebte, seine Gesundheit ruinierte, nicht einmal mehr schlafen konnte?
Schirmacher: Wenn die Balance zwischen Körper und Geist, wie sie Spinoza dachte, gestört ist, fällt es natürlich schwer, von einem gelingenden Leben zu reden. „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts“, hat Schopenhauer betont, und daß die Gesellschaft vampirisch vom Mißlingen einzelner profitiert, sollte uns ebenfalls mißtrauisch gegen die Romantisierung des Leidens machen. Vincent van Gogh hat große Kunst geschaffen und damit ein wenig zum Gelingen anderer Leben beigetragen, aber er zerstörte sich selbst dabei. Aber ein solches Urteil kann nur van Gogh selber fällen (und hat es vielleicht zwischen seinen Räuschen getan)!
Lyotard: Wir haben die Fähigkeit, in Vorkommnissen das Ereignis (Heidegger) wahrzunehmen, das uns angeht und zugleich ausspricht. Und empfänglich sind wir, da wir in diesen so merkwürdigen ersten Jahren unseres Lebens angegangen wurden, ohne doch zugleich in der Lage zu sein, die Ereignisse zu beherrschen. Das heißt im genauen Sinne, unsere Kindheit zu erinnern, und dieser Vorgang ist vermutlich auch die Quelle für das, was Sie Generieren nennen. Jemand wie van Gogh versucht ja nicht, bloß etwas auszudrücken, sondern er legt Zeugnis ab für die dunkle Sache, die er selber ist. Aber kann man dies vom Computer sagen, für den immer gelten wird, daß er nicht geboren wurde?
Schirmacher: Vorsicht vor einer irreführenden Ontologisierung! Zutreffend ist lediglich, daß Computer nicht zu der durch Geburt erzeugte Weisen des Menschlichen gehören, sondern eine Kopfgeburt sind, die kybernetisch aufwächst. Es handelt sich dabei aber nicht um zwei Existenzweisen, sondern nur um die unsere - in anderer Form. Unterstreichen möchte ich dagegen Ihren Verweis auf die frühe Kindheit, das Vor-Spiegelstadium Lacans, denn diese prägende Erfahrung vor jeder Wortsprache stellt offenbar sicher, daß keine bewußte Kritik den Fluß des Generierens unterbrechen kann. Wie sehr wir uns auch schämen, intuitiv kindlich zu leben, keine Erziehung zur angepaßten Aufklärung vermag zu verhindern, daß wir den Gefühlen mehr trauen als den Theorien. Was ich verantwortlich nenne, antwortet keiner Autorität, sondern ist eine Rückmeldung des Ich selbst, die Worte nur zur Täuschung benutzt. Die Ethik für ein künstliches Leben bricht daher schon im Ansatz mit der diskursiven Welt, nimmt keine Rücksicht auf die Sprachgemeinschaft und ihre Sprachregelungen, sondern gewinnt ein Gefühl dafür, was die Handlungen im Kontext des Ereignisses bedeuten. Intuitives Wissen, von Spinoza als das authentisch menschliche Wissen charakterisiert, ist bei Kleinkindern so überwältigend wie selbstverständlich. Wir sind also alle einmal, jeder für sich und ganz ohne Absicht, künstliche Wesen gewesen, ohnmächtig und kreativ zugleich, der Gott unserer eigenen Welt, weltenentwerfende Monade. Seit dem Spiegelstadium ist uns eingetrichtert worden, daß diese Ich selbst-Identität bloß ein ideales Ego sei, eine frühkindliche Allmachtsphantasie, die mit der gegebenen Realität nicht übereinstimme. So sehr dies auch gestimmt haben mag, es hat uns nie ganz überzeugt, wie der anhaltende Erfolg der Werbung zeigt, und in der posttechnischen Welt braucht uns die Realität als der Schnee von gestern auch nicht länger zu kümmern. Wie immer die gegebenen Weltumstände gewesen sein mögen, die uns zum Überlebenskampf und damit auch zur Verleugnung des Ich selbst gezwungen haben, keine der bisherigen Konstanten wird der homo generator hinnehmen. Als die Künstlichen von Natur werden wir wie die wahren Kinder (Goethe) und bringen Welten hervor, ohne zweckgerichtet zu sein oder sie beherrschen zu wollen.
Lyotard: Das hört sich gut an. Aber sind Sie nicht zu vertrauensselig, was die Gefühle angeht? Sind es nicht gerade die Gefühle, die schwer zu fassen sind, und sind wir nicht im allgemeinen eher unfähig sie zu verstehen. Die sogenannten Gefühle sind sicher mächtig, aber sie können die sogenannte Person auch beeinträchtigen. Wir sollten unsere Gefühle verantworten können, aber in Wahrheit wissen wir nicht, was sie bedeuten. Wir lernen unser Leben lang hinzu, aber oft genug sterben wir, ohne herausgefunden zu haben, was Gefühle meinen. Daher bezweifele ich, ob diese Undurchsichtigkeit der Gefühle eine gute Grundlage für Verantwortlichkeit sein kann; eher das Gegenteil: Gefühle sind etwas, was sich entzieht, versteckt, verschwindet. Ich bin auch nicht so vertrauensvoll gegenüber dem, was Lacan das Ding nennt, also etwas, was hier ist und von uns bezeugt wird, aber von dem wir nicht wissen, was es bedeutet, und wie es eigentlich zur Quelle des Generierens wurde.
Schirmacher: Liegt diese Schwierigkeit aber vielleicht daran, daß Sie die traditionelle Blickrichtung nicht geändert haben? Sie versuchen noch immer, das andere zu verstehen, statt auf das Ich selbst zu achten, wie es sich in Gefühlen ereignet. Nicht, wie ich über jemand oder etwas fühle, ist zu beachten, sondern was dieses Gefühl ethisch, also für mein gelingendes Leben, beiträgt.
Lyotard: Wie steht es denn mit Ihren Gefühlen? Als Ereignis? Etwas oder jemand erweckt ein Gefühl in Ihnen, und Sie sind davon angesteckt in einer Weise, die Ausdruck oder Übertragung Ihres eigenen Gefühls ist, das Sie nicht kontrollieren können.
Schirmacher: Ich will das Gefühl ja nicht kontrollieren, sondern eher befreien. Die besten Gefühle passieren einfach und würden instrumentalisiert bloß verderben.
Lyotard: Gut, aber die Alternative zu einem guten Gefühl ist nicht notwendigerweise Instrumentalisierung. Die Frage ist zum Beispiel, wie man am besten mit einem Kleinkind umgeht, und was eine gute Weise ist, von diesem gefühlsmäßig angesprochen zu werden.
Schirmacher: Weil er dem Kind nicht widerstehen kann, lernt der Erwachsene so viel Neues. Für Levinas war dies der Kern einer asymmetrischen Ethik: Der Andere gibt dir einen Befehl, dem du nicht widerstehen kannst.
Lyotard: Aber zur gleichen Zeit hatte Levinas auch einen sehr starken Sinn für das Gesetz.
Schirmacher: Ich weiß, aber er geht mir selbst völlig ab.
Lyotard: Das Gesetz ist nicht nur respektvoll in Rücksicht auf den Anderen, es muß auch in einer bestimmten Weise von einem selbst übernommen werden. Diese Weise kann nicht auf allgemeine Toleranz reduziert werden; daß alles erlaubt sei, gilt dem Gesetz als sehr gefährlich. Daher sind wir verpflichtet, dem Kind etwas zu verbieten, denn manchmal wird dies in seinem eigenen Interesse notwendig sein. Es ergibt sich eine merkwürdige Situation: Einerseits die Notwendigkeit, kein Gesetz zu haben, dem Gesetz gegenüber blind zu sein, denn wir besitzen dieses Gesetz ja nicht und sind auch unfähig, es zu formulieren. Aber andererseits können wir das Gefühl haben, daß da ein Gesetz ist, und daß jemanden zu instrumentalisieren, zum Beispiel ein Kind, gegen das Gesetz verstößt. Damit will ich sagen, daß wir widersprüchlich sind, und es daher unmöglich ist, eine Balance herzustellen und ein vollständiges, erfülltes und glückliches Leben zu haben. Eher ist es wohl so, daß wir von etwas erarbeitet oder generiert werden, was in einem gewissen Sinn untragbar ist. Selbst van Gogh war nicht so glücklich, auch wenn er fähig war, eine Wirklichkeit für sein Werk zu generieren. Er verbrachte sein Leben in schrecklicher Angst, und dennoch scheint er mir ein gutes Beispiel dafür abzugeben, daß homo generator und das Generieren selber ein Werk des unvermeidlichen Leidens ist.
Mein zweite Bemerkung bezieht sich darauf, daß wir als menschliche Wesen zwei bis drei Jahre verbringen, bevor wir dazu fähig werden, in traditioneller Weise zu kommunizieren. Das bedeutet nicht, daß wir während dieser Periode bloße Objekte sind, sondern wir werden angesprochen und beeinflußt von einer Vielzahl von Worten, Gesprächen, Zärtlichkeiten, Gefühlen, Bewegungen und Gesten. Auch Dinge und Geräte beeinflussen uns, gute Maschinen eingeschlossen, lange bevor wir auf sie angemessen mit Hilfe der Sprache reagieren können.
Schirmacher: Aber dies wird sich auch später nicht wesentlich ändern!
Lyotard: Richtig, dies wird im Leben so weitergehen. Aber welche Auswirkungen dies hat, wissen wir überhaupt nicht. Es zeigt erneut, wie völlig gegensätzlich die Gefühle, die wir haben, und unsere Denkweisen sein können. Daher scheint mir, daß das Kind nichts ist; das einfach aufwächst, fast unbewußt, und uns erlaubt, durch es vom Ereignis angesprochen zu werden. Was geschieht? Nichts. Man braucht Dinge nicht in tragischer Weise herzustellen; es besteht keine Notwendigkeit für die Tragödie des Lebens. Aber ich kann der Vorstellung nicht zustimmen, daß wir unser Leben leben. Im Gegenteil, wir sind unfähig, unser Leben zu leben, und das ist unsere Ehre, genau dies, daß wir nicht fähig sind, dies zu tun.
Schirmacher: Ich stimme dem nicht zu.
Lyotard: Ich bin sicher, daß Sie zustimmen.
Schirmacher: Ich stimme zu, was das Leiden angeht, und auch, daß der Begriff Balance anders gefaßt werden muß. Mit dem New Age Yin-Yang-Verschnitt hat Balance ebensowenig zu tun wie mit ausgeglichener Fröhlichkeit oder einer Geist-Körper-Harmonie. Balance ist der Entwurf für einen Kampf, dessen Ausgang immer ungewiß bleiben wird.
Lyotard: Aber braucht man kein Maß dafür, muß man nicht zählen können?
Schirmacher: Proportion braucht man vielleicht, aber in Goethes Sinn, der zum Augenblick sagt: „Verweile doch, du bist so schön“, und doch genau dieses Verweilen fürchtet. Es ist die Hoffnung auf ewige Glückseligkeit, das Nu der Mystiker, und darum eine Hoffnung, die sich nicht erfüllt. Das Maß wird durch Abwesenheit gestiftet, das Leben gelebt, indem es nicht gelebt werden kann. Darin stimme ich mit Ihnen in der Tat überein, nicht aber dem dualistischen Unterton, der den dritten Standpunkt (und das Geviert) vernachlässigt. Es ist meine Ehre, mich dem positiv gelebten Leben zu verweigern, aber ebenso dem Tod und dem unnötigen Leiden. Bewußt werde Ich selbst scheitern, aber hinter meinem Rücken ebenso unweigerlich gelingen. Solches Gelingen schließt notwendiges Leiden ein, den Bruch und den Abschied, aber schützt dies im Unaufmerksamen und Nichtbekannten. Homo generator ist nicht der Macher, weder der selbstbewußte noch der unsichere, denn als homo faber blieben wir unserer Planung verpflichtet, dem System des Wissens. Ein offener Horizont, der dem Generieren als Ereignen angemessen ist, kündigt die Vielfalt des künstlichen Lebens an.
Lyotard: Wenn Sie sich vor einer an Epikur oder Goethe orientierten Ideologie dabei hüten, will ich Ihnen zugestehen, daß das Ereignis immer vom Individuum abhängt: Ein Geschehen wird zum Ereignis, weil ein Gefühl es als Ereignis wahrnimmt. Solange Computer nicht dafür durchlässig sind, verhindern sie das Ereignis für den Menschen.
Schirmacher: Daher ist die Computer-Gesellschaft, die wir heute haben, nur ein Zerrbild des beginnenden künstlichen Lebens, gerade weil totale Sicherheit über offene Wahrnehmung, Unempfindlichkeit über Gefühl gestellt wird. Aber das wird von innen her schon aufgebrochen: daß die Gesamtheit der Programme nicht rational gesteuert und die Interaktion der elektronische Netzwelt nicht vorausgesagt werden kann, ist ein hoffnungsvolles Zeichen.
Lyotard: Aber bleibt nicht der Begriff des eigenen Lebens verdächtig? André Malraux, über den ich ja eine Biographie geschrieben habe, stand diesem Begriff sehr ablehnend gegenüber. Mein sogenanntes eigenes Leben besteht doch nur aus Ereignissen, in die ich mich eingeschrieben haben, die ich mir - oft wortwörtlich - zuschrieb. Ob Liebe, Familie, Beruf, Politik - was daran mein Leben ist, verdankt sich der Fähigkeit, mit meinem Namen und meinem Leib (meiner Hand) zu unterschreiben, was immer ich an Ereignissen ausgewählt hatte. Wer unterschreibt, hat immer recht!
Schirmacher: So wie bei der Sowjetischen Enzyklopädie seligen Angedenkens, die nach jedem Parteitag eine andere Handschrift trug.
Lyotard: Ein sehr gutes Beispiel!
Schirmacher: Daher hat meine Ethik für ein künstliches Leben auch nur oberflächlich etwas mit Selbstverwirklichung, Ich-Identität oder gesellschaftlichem Erfolg zu tun. Denn niemand kann wirklich wissen, ob sein Leben gelingt, und über das Gelingen der Mitmenschen ist erst recht keine verläßliche Aussage zu machen. An den Früchten kann man das gute Leben ebensowenig erkennen wie an den Motiven ablesen, die uns zum Handeln veranlaßt haben; weder das Beachten der Gesetze noch die Freiheit eines Lebe, wie du leben willst sind hilfreich, wenn es um die Selbstbewertung geht. Keine Therapie kann lehren, wie ich mein Ereignis anerkenne! Homo generator dreht sich aus der Alternative von kosmoszentrisch und anthropozentrisch heraus und entgeht im Zwischenleben des Gefühls dem ideologischen Zweikampf von Überleben und Tod. Gefühl, Intuition, Sorge, Gerechtigkeit, Dekonstruktion sind Hinweise auf eine Ethik hinter unserem Rücken, deren unmerkliche Wahrnehmung für die Herausbildung des künstlichen Lebens merklicher werden muß. Es reicht also dem homo generator nicht, seiner absoluten Verantwortlichkeit für die erzeugten Welten bewußt zu werden, um ethisch darauf antworten zu können. Die Antwort des homo generator ist nicht erst in posttechnischer Zeit zu generieren, sondern hat uns immer schon am (künstlichen) Leben gehalten, ohne daß es doch notwendig war, darauf nicht bloß in rätselhaften Andeutungen einzugehen. Scheint es jetzt nicht an der Zeit, Platons Daimon, Leibniz‘ Monade, Hegels absolute Idee, Kierkegaards Verführer, Nietzsches Übermensch, Adornos Naturschönen und Heideggers Ereignis in deren Welten aufzusuchen? Denn es sind Gestalten - so wankend und schwankend auch immer - eines gelingenden Lebens, und ihre Welten sind daher von sich her Ethikwelten. Wir wissen von diesen Ethikwelten so gut wie nichts (oder nur - wie Schopenhauer präzisierte - in der Form des Nichts); doch homo generator generiert diese Welten unaufhörlich und lebt in allen von ihnen wie von selbst, immer schon. Darüber sollte eigentlich geschwiegen werden, denn die Wortsprache erlaubt uns nicht zu sagen, was zu sagen ist.
Lyotard: Ja, weil alle Worte eine bestimmte Ideologie ausdrücken.
Schirmacher: Dessen bin ich mir in aller Schärfe bewußt, und auch die poetische Sprache kann dem von Heideggers aufgewiesenen Zeitalter des Weltbildes nur gelegentlich entfliehen. Doch zu Untergangsvisionen besteht trotzdem keine Anlaß: Eine Basisphänomenologie der posttechnischen Welt läßt vermuten, daß Heideggers Kehre für die Nachgeborenen vielfach schon (generierte) Wirklichkeit ist. Die Metaphysik hat sich in der modernen Technik vollendet und zugleich überholt: Bilder und Begriffe sind in den Medien verwunden (Heidegger), erzählen ungehemmt von der alltäglichen wie von der in der Phantasie vorgestellten Praxis, aber setzten sich nicht länger an die Stelle eines gelingenden Lebens. Get a life before you get a theory! Daß homo generator in den Ethikwelten lebt, wird keine Theorie einholen können oder wollen, ist Philosophie doch - wie schon Hegel wußte - ein prinzipiell nachträglicher Gedanke, wenn die Gestalten des Lebens alt geworden sind. Aber auch das Nach-Denken hat seine genuine Welt, seine Ehre ist das offene Erwägen, und seine Stärke liegt im zersetzenden Widerstand gegen Ideologien, die sich sonst unweigerlich in Vorschriften verwandelten.
Lyotard: Ich schätze Ihre philosophische Arbeit, die zu Homo Generator geführt hat - für die kritische Debatte der Postmoderne im Kontext unserer Zeit scheint sie mir von entscheidender Bedeutung zu sein.