Slavoj Žižek. Salomés Lust.
Slavoj Žižek. "Salomés Lust." in: Zeit. No. 12, p. 44, 13. March 2008. (German).
Es wurde oft bemerkt, dass die Schlussszene von Richard Strauss Salomé (Aufnahme mit Herbert von Karajan, EMI) Isoldes Liebestod nachempfunden ist - was sie davon aber grundsätzlich unterscheidet, ist, dass Salomé in einem Akt der Willkür von König Herodes den Kopf des Täufers Johannes fordert. Unwillkürlich muss man an Patricia Highsmiths bitterböse Kurzgeschichte Die Hand aus Kleine Geschichten für Weiberfeinde denken: »Ein junger Mann bat einen Vater um die Hand seiner Tochter, und er erhielt sie in einer Schachtel ihre linke Hand.« Bei Strauss nun bittet eine junge Frau ihren Vater um den Kopf eines Mannes und bekommt ihn.
Als Gegenleistung für Salomés Tanz der sieben Schleier bietet ihr Herodes zunächst alle möglichen Kostbarkeiten an, sogar den Vorhang des Heiligen Sakraments. Salomé aber verweigert sich dieser Ersetzung halsstarrig. Sie besteht auf der Erfüllung ihres Wunsches, den sie siebenfach wiederholt: »Gib mir den Kopf des Jochanaan!« Diese Forderung schwingt in dem schlichten, aus einer Terz und einer übermäßigen Quart bestehenden Orchestermotiv mit, das erstmals erklingt, als Jochanaan Salomés Avancen brüsk zurückweist. Es wird dann mehrfach wiederholt, bis es schließlich seinen Text bekommt: »Gib mir den Kopf des Jochanaan!« das unbewusste Begehren bricht als offene Forderung durch.
Man sollte Salomés Tanz der sieben Schleier ihrem ekstatischen Genießen des Hauptes am Ende entgegensetzen: Ersterer ist das für den männlichen Blick inszenierte Schauspiel, die langsame Enthüllung des unter Schleiern verborgenen weiblichen Mysteriums, Letzteres das autistische Genießen der Frau selbst. Das jagt Herodes einen solchen Schrecken ein, dass er befiehlt: »Man töte dieses Weib.« Mit dem Niedermetzeln Salomés stirbt gleichermaßen eine Frau und die Musik.
Das letzte Wort in diesem Stück hat Herodes. Auf die von ihm gesprochenen Worte folgt keine melodische Musik mehr, sondern (wie es Richard Leppert beschreibt) »eher Lärm als Musik, die übliche Einschreibung männlicher Autorität in Ton, die militärischen Klänge von Blechbläsern und Trommeln mit der denkbar größten Lautstärke« so als reichte das männliche Wort nicht aus, um den Ausbruch des sexualisierten musikalischen Genießens der Frau zu ersticken, sondern bedürfte der Schützenhilfe ohrenbetäubenden Lärms.
Aus dem Englischen von Bettina Engels