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Slavoj Žižek. Linke Revolution auf Bestellung.

Slavoj Žižek. "Linke Revolution auf Bestellung." in: der standard. November 20, 2009. (German).

Durch jüngste Krisen ermuntert, schlagen die linken Kritiker des globalen Kapitalismus einen schärferen Ton an: Slavoj Zizeks Buch "Auf verlorenem Posten"

Wien - Die gute Nachricht lautet: Es ist fünf nach zwölf. Im neuen Buch des slowenischen Blitzdenkers Slavoj Zizek - Auf verlorenem Posten - wird dem Neoliberalismus im Lichte anstehender oder bereits geschehener Katastrophen der Prozess gemacht. Angesichts von Wirtschaftskrise, Biotechnologie und Umweltkollaps soll jeder Gedanke an die Selbstheilungskräfte des Marktes fallengelassen werden.

Die Frage, ob Zizeks Gegenwartsdiagnose in jedem einzelnen Detail zutrifft oder nicht, muss den Leser seiner neuen Revolutionsfibel nicht bekümmern. Zizek, Philosophieprofessor an der Uni Ljubljana, ist im Grunde eine ökologische Figur: Obwohl links und parteilich, sammelt er in aller Welt Theoriefetzen auf und klebt sie neu und originell zusammen.

Der globale Kapitalismus produziert unablässig Krisen. Was laut Zizek aber schwerer wiegt: Das "System" statuiert sich selbst als ewig. Getreu dem Motto vom "Ende der Geschichte" werkelt der Kapitalismus an der Behebung jener Schäden, die er im Weltmaßstab hervorruft. Zizeks Büchlein gehört daher schon jetzt zum eisernen Bestand neomarxistischer Erweckungsliteratur: Mit geradezu sehnsüchtiger Nostalgie gedenkt er jener Revolutionen, in deren Gefolge die betroffenen Gesellschaften vom Terror heimgesucht wurden.

Linker Advent

Zizeks Appell gleicht einer Andacht. Er ließe sich wie folgt zusammenfassen: Die Jakobiner scheiterten (1789/1792); die Bolschewisten (1917) fuhren das rückständige Russland an die Wand. Die maoistische Kulturrevolution (1960er) markierte den Versuch, Massen zu mobilisieren, um sie, an der KPCh vorbei, zum Träger des Volkswillens zu erheben.

Revolutionen sind elementare Ausbrüche, die das Feld der Politik tief umgraben. Was Zizek mit linken Gegenwartsdenkern wie Alain Badiou, Antonio Negri oder (in geringerem Maße) Simon Critchley verbindet, ist das Misstrauen gegenüber allen gültigen Verabredungen von Repräsentation: Die Demokratie, wie wir sie kennen, habe abgedankt.

Liberale Demokratien seien unfähig zum Bruch: Indem sie ihre Werte universell setzen, unterwerfen sie sich sogar jene Gegner, deren Fundamentalismus die höchsten Konfliktpotenziale birgt. Eine Ethik, die auf die Unverbrüchlichkeit ihrer Werte pocht - man denke an die "Gleichheit" -, tappt daher in die Falle des Widerspruchs: Gerade weil sie sich dazu aufgerufen fühlt, jeder Kultur, jeder "abweichenden Meinung" den gehörigen Respekt zu erweisen, wälzt sie den Rassismus auf andere ab.

Liberale Toleranz gebärde sich deshalb der Tendenz nach heuchlerisch: Sie bejahe anerkennend das "Anderssein" von Migranten oder sexuellen Minderheiten. Sie gebe mit ihren Sprachregelungen aber gleichzeitig zu verstehen, dass der/die "Andere" die eigene Lebensart zu übernehmen habe, um am Wohlstand beteiligt zu werden.

Die Idee des Umsturzes ist ihrem Wesen nach ein Gespenst: Zizek und Kollegen plädieren für die Wiederholung des Scheiterns. Die Idee, mit dem Bestehenden fundamental zu brechen, krankt absehbar am Fehlen des notwendigen, von Marx als "Proletariat" benannten Subjekts - das ausgebeutete Proletariat würde irgendwann seine Ketten sprengen, weil es buchstäblich nichts zu verlieren habe.

Empirische Not

Aus der empirischen Not heraus, eine Minderheit zu finden, die die Rolle des Proletariats einnehmen könnte, kommen Zizek, aber auch Negri und Badiou auf allerlei wunderliche Gedanken. Entweder sie setzen ihre Hoffnungen auf die Menge der kognitiven Arbeiter. Diese - disloziert, aber via Netz miteinander verbunden - würden die herkömmlichen Prozesse der Wertschöpfung unterlaufen. Negri nennt die Spezies der sich frei vernetzenden Kreativen "Multitude". 

Wirklich absonderlich aber scheint der theologische Trick, das Eintreffen der Katastrophe (etwa des Umweltkollapses) bereits vorauszusetzen. Zizek: "Statt zu sagen, die Zukunft ist noch offen, wir haben immer noch die Möglichkeit, das Schlimmste abzuwenden", solle rückwirkend ungeschehen gemacht werden, was angeblich nicht zu ändern ist. Was Zizek überdies vorschlägt: "Schrecken" zu verbreiten und "Informanten" anzuwerben. Der Ton der Kapitalismuskritiker wird unbehaglicher - und schärfer.