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Slavoj Žižek. Europa ist eine Geisel.

Slavoj Žižek. "Europa ist eine Geisel." in: Zeit. No. 10, p. 8, 1. March 2007. (German).

Woran denken Sie zuerst, wenn Sie »Europa« hören?

An die griechische Sage von der Prinzessin Europa, die von Zeus in der Gestalt eines Stiers entführt und vergewaltigt wurde. Ist Europa nicht aus zwei solchen Entführungen einer östlichen Perle durch die Barbaren aus dem Westen entstanden? Erst haben die Römer das griechische Denken vulgarisiert, dann, im frühen Mittelalter, der barbarische Westen das Christentum. Und ist Europa nicht auch jetzt wieder vom Westen als Geisel genommen, von der amerikanischen Zivilisation, die die globalen Maßstäbe setzt und Europa de facto als ihre Provinz behandelt?

Was war Ihre erste persönliche Erfahrung mit Europa?

Die Europahymne, die Ode an die Freude aus dem vierten Satz von Beethovens Neunter Sinfonie. Diese Musik kann für alles stehen Romain Rolland hat sie die »Marseillaise der Menschheit« genannt, und sie ist zu Hitlers Geburtstag gespielt worden. Interessant ist eine Stelle in der Mitte des Satzes, wo das Freuden-Motiv im Stil eines türkischen Marschs wiederholt wird. Von da an geht in der Musik alles schief. Stimmt das nicht auch für das heutige Europa? Der Hauptgrund für die Krise der Union ist die Türkei...

Warum ist es gut, dass Ihr Land zur EU gehört?

Slowenien wird Europa keine neue Dimension hinzufügen. Und was kann Europa Slowenien bringen? Meine Erwartungen sind bescheiden. Kürzlich hat ein rassistischer Mob den Wagen des Präsidenten gestoppt, der eine Gruppe von Roma besuchen wollte. Der Präsident wurde beschimpft, die Polizei stand tatenlos dabei. Vielleicht werden solche Sachen künftig seltener vorkommen.

Womit kann oder wird Europa die Welt noch überraschen?

Vielleicht bleibt Europa ein Bezugspunkt für jene, die nicht in einer Welt leben wollen, in der die einzige Wahl die zwischen amerikanischem und chinesischem Kapitalismus ist.

Wo liegen für Sie Europas Grenzen?

Die Grenzen verlaufen nicht am Rand, sondern im Inneren. Auch die Mainstream-Parteien finden es jetzt in Ordnung, zu betonen, dass Einwanderer »Gäste« sind, die sich den kulturellen Werten des gastgebenden Landes anpassen müssen »es ist unser Land, liebe es oder verlass es«.

Wer sind in Ihren Augen Europas gefährlichste Feinde?

Europa selbst ist sein eigener größter Feind, wir können es genau dadurch verlieren, dass wir es verteidigen wollen. Wie mit dem Plan einer europäischen Grenzpolizei, um das Gebiet der Union nach außen abzuriegeln. Das ist die Wahrheit der Globalisierung: neue Mauern.

Der Philosoph und Kulturkritiker Slavoj iek wurde 1949 in Ljubljana geboren. Er hat über Psychoanalyse ebenso geschrieben wie über Kunst und Politik, des Öfteren auch im Feuilleton der ZEIT. Zuletzt ist von ihm auf Deutsch erschienen: »Parallaxe« (2006)