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Wolfgang Schirmacher


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Technik und Gerechtigkeit: Umrisse einer Sozialphilosophie im wissenschaftlich-technischen Zeitalter
Wolfgang Schirmacher.
Mexico, 1981


Technik und gerechtigkeit

Umrisse einer Sozialphilosophie im wissenschaftlich-technischen Zeitalter

I. Scheitern und Gelingen — ein phänomenaler Aufweis

Die heutigen Sozialtechniken scheitern. Unübersehbar nimmt die Ungerechtigkeit in der wissenschaftlich-technischen Welt zu. Dies stellt die Sozialphilosophien vor eine kaum lösbare Aufgabe. Obwohl die Menschen den täglichen Schrecken in den Entwicklungsländern am eigenen Leib erdulden oder doch wenigstens — wie in den westlichen Industriestaaten — allabendlich bei den Medien abrufen, bleiben sie weitgehend ungerührt. Diese offensichtliche Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen und fremden Leid, an der manipulative Techniken bisher scheitern und durch die gutgemeinte Sozialphilosophien so eklatant widerlegt werden, erscheint unverständlich. Wie könnte deren phänomenale Rechtfertigung aussehen? Was macht uns so sicher, daß wir der Drohung mit unserem Untergang so leichtherzig widerstehen? Welche Wahrheit drückt eine solche allgemeine Verrohung aus?

Auf das äußerste verzerrt, ist Gleichgültigkeit dieser Art höchstens Vertrauen. Wir erleben ununterbrochen — und könnten es also wissen -, daß wir niemals ins Nichts fallen. Auch wenn wir an der Welt nicht bewußt teilnehmen oder verantwortungslos leben, vollzieht sich unbeirrt der Zusammenhang aller Sachverhalte, geschieht Kosmos (wie die Griechen dachten). Bodenlos ist daher die Behauptung der modernen Technik, daß nichts sei, was wir Menschen nicht erhalten, und daß wir nur verstünden, was wir selber machen. Den Willen zur Macht, die Erhaltung um der Erhaltung willen, diesen allein noch geltende Vorsatz der heutigen Technik, mit dem sie ihre Herrschaft begründet, widerlegt jeder Augenblick unseres Daseins. Wir haben wenig geplant, und doch geht alles irgendwie, während das meiste, was wir wollen, mißlingt. Der Wille ist unwichtig, eher störend; wir können uns verlassen, ohne je etwas dafür getan zu haben. Niemals werden wir auch nur einen nennenswerten Teil jenes unvorstellbar komplexen Geflechts verantworten und willentlich gestalten können, das uns doch so selbstverständlich am Leben erhält und uns ebenso sicher in den Tod schickt. Unsere ständige, realste und nächste Erfahrung ist das Gelingen. So sehr ist uns das gewohnt und so nachhaltig sind wir dadurch geformt, daß wir über jedes Mißlingen maßlos bestürzt sind. Aber noch die ungerechtesten Anklagen bezeugen, daß wir blind vertrauen. Der Selbstmörder, der das Gelingen des Kosmos durch seine Tat doch bestreiten will, wäre fassungslos, verweigerten sich ihm die Naturkräfte.

Zwar heißt Gelingen Erfolg haben. Aber das kosmische Gelingen kann nicht wie ein Instrument des Menschen eingesetzt werden. Solches Gelingen kümmert sich nicht um die vom Menschen gesetzten Ziele und deren Erfüllung. Leicht und schnell geht im Gelingen alles so vonstatten, wie es dem Sachverhalt entspricht. Dieser universalen Bewegung, die jedem gibt, was er wird, entgeht nichts und niemand.2 Auch was wir Menschen tun und unterlassen, gelingt unweigerlich. Das wirkt grausam auf uns. Denn hier gibt es keinen Aufschub. Kein unschuldiger Einzelner wird vor seinem Erbgut, kein Zeitgenosse vor den Fehlern seiner Gattung geschützt. So klagen wir eine Ordnung als ungerecht an, die den Tod der Kinder zuläßt, Elend, Krankheit, Verkrüppelung und Siechtum ohne unsere Schuld über uns bringt. Aber unser Ruf nach Gerechtigkeit ist unwahr. Tatsächlich wollen wir Gnade, keine Gerechtigkeit. Schon unser Verlangen, daß individuell abgerechnet und jedem Subjekt nur sein Verschulden angelastet wird, ist grotesk. Als ob nicht das von Natur und Umwelt unabhängige Subjekt eines jener Hirngespinste wäre, die unsere Auffassung der Wirklichkeit so erschweren.3

Wir wollen nicht büßen, was unsere Existenzweise angerichtet hat. Unsere Menschenrechte schützen die Meinungsfreiheit, fordern Respekt vor jedweder überzeugung und Anerkennung der geschichtlich gewordenen Individualität. Dem Staat gegenüber und ebenso im Hinblick auf andere vom Menschen gesetzte Institutionen und Verhaltensregeln ist dies notwendig; der Wirklichkeit gegenüber jedoch nicht nur sinnlos, sondern existenzbedrohend. Wir dürfen nicht erwarten, daß unsere Vorurteile, Mythologien, Selbsttäuschungen und unsere Herrschaft über die Erde, nicht die ihr gemäßen Auswirkungen haben werden. Die fortschreitende Entmenschlichung, kennzeichnend für die technische Welt,4 ist berechtigt. In ihr gelingt nur, was wir in Wahrheit sind. Wie möchten dies abschwächen und wegerklären, bitten um mildernde Umstände und wollen ein vermeintliches Menschenrecht auf Irrtum in Anspruch nehmen. Aber leben heißt immer verantwortlich gemacht werden. Das Gelingen des Kosmos ist unvermeidlich gerecht.

Die moderne Technik, wie sie von Heidegger analysiert wurde, ist der selbstmörderische Versuch, der kosmischen Gerechtigkeit zu entgehen.5 Selbstbewußt wollen wir uns nur noch auf uns selbst verlassen. Unsere Steuerkunst ist die Kybernetik. Mit ihrer Hilfe wird ein zweiter Kosmos konstruiert. Nun soll nur noch gelten, was wir Gerechtigkeit nennen. Aber schon in der jetzigen Anfangsphase zeigt sich, daß wir den Konsequenzen dieses Vorhabens nicht ausweichen können; natürlich gelingt die zweite Natur, aber nichts könnte für uns schlimmer sein. Es sind nicht die Fehler, sondern die Erfolge, die uns umbringen. Die Maßlosigkeit des Menschen gipfelt in der modernen Technik. Deren Gelingen droht die Gattung Mensch auszulöschen.

II. Harmonie als Maß im Kosmos

Uns fehlt ein Wissen vom wirklichen Maß, dem wir doch ständig genügen. Dieses Maß, das uns der Kosmos vorgibt, ist nicht berechenbar. Wir erfahren es, indem wir es leben. In der Muße der Meditation können wir es ermessen, aber zu fassen und einzuordnen ist es nicht.6 Jede mögliche Ordnungsvorstellung ist jener Maßgabe des Kosmos gegenüber anmaßend, so als ob ausgerechnet wir Menschen Ordnung erst schaffen müßten und könnten. Die Mannigfaltigkeit der Welt ist ohne uns keineswegs chaotisch, sondern lediglich unsere Fähigkeit, der lebendigen Ordnung zu genügen, unentwickelt und begrenzt. In der Metaphysik wurde das kosmische Maß in immer erneuerten spekulativen Versuchen benannt, Kosmos, Gott, Natur, Gesetz, Geist und schließlich Wille.7 Aber all dies erwies sich als nichtig, war abstraktes Wollen, denn es sollte die universale Bewegung anhalten, die doch weder festzulegen noch für unsere Sinne ausreichend aufzuhellen ist.

Das Maß dieser Bewegung ist aber trotzdem das dem Menschen nächste, wie es auch in seinem größten Ausgriff, in den Grenzsituationen menschlichen Erfahrens, dasselbe bleibt.In jeder Sichtweite, in aller Einseitigkeit, geschieht unvermindert Kosmos. Dies ist allerdings nicht einsetzbar für unsere Zwecke, wie die Religionen meinen, aber wir können doch das Wichtigste hier lernen: das Gefühl für Proportionen, den Begriff einer Verhältnisgleichung des Wirklichen. Nur läßt sich das nicht erzwingen, sondern wir können uns allein vorbereiten. Auch eine Gelassenheit, wie sie in der technischen Zivilisation zur egoistischen Gleichgültigkeit verkommen ist, trägt dazu bei, öffnet die Menschen dem Heideggerschen Ereignis. Dieses Ereignis ist uns vage immer verständlich. Denn jederzeit und ohne Vorbereitung haben wir Zugang zum Maß aller Sachverhalte. Ob im Blick auf uns oder auf anderes, ob träumend oder wach, das Maß stimmt immer.

Schon dem naiven Aufmerken, dem schlichtesten Hinsehen und Hinhören teilt sich eine solch übergroße Fülle des differenzierten Zusammenstimmens, des notwendigen Aufeinanderwirkens und des verbindenden Widerstreitens mit, daß die Fassungskraft eines menschlichen Lebens nicht ausreicht, diesen einen flüchtigen Augenblick in all seiner Wirklichkeit wiederzugeben. Denn in jedem Augenblick wandelte oder füllte sich der Kosmos. Wohin wir auch blicken, was wir auch fassen, welche Laute uns erreichen, wir erfahren immer dasselbe: in jeder Phase der Bewegung hängt alles zusammen, paßt zueinander, geht aufeinander ein, ist niemals anders als wirklich und unabweisbar.

Die verbindliche Harmonie des Kosmos macht keinen Unterschied und ist doch jedes Mal einzigartig. Ob die Buchstaben dieses Textes oder die Gestirne des Weltalls, sie verwirklichen sich auf dieselbe Weise und werden doch unvergleichliche Eigene. Ereignis heißt daher zu Recht: jener unaufhörliche Prozeß der Wirklichkeit, in dem jeder Sachverhalt zu sich kommt. Das Ereignis gilt allgemein und geschieht doch nie anders als im Besonderen. Selbst dieser abstrakt genannte, philosophische Aufweis des Ereignisses läßt einen kaum ausdenkbaren Zusammenhang von Sprache, Persönlichkeit, Materie, Erfahrung, Stoffwechsel, Geschichte, Erdanziehungskraft und unzähligem anderen, konkret gelingen. Hier wird nicht über anderes gehandelt und keine Hinterwelt voller Gründe und Zwecke vorausgesetzt, sondern der Aufweis erfüllt sich selbst. Das Ereignis betrifft den Menschen ausnahmslos. Zeitlos, seinsunabhängig, voraussetzungslos erfüllt es, ohne zu fragen, jeden seiner Augenblicke.8

Gäbe es irgendwo auch nur einen einzigen Moment unvollkommener Erfüllung, der Kosmos bräche auf der Stelle zusammen. Vermessen ist, wer sein eigenes kosmisches Maß verdrängt. Dann regiert das falsche Gewicht. Unser Untergang wird an die Wand gemalt, als ob es einen Schutz vor der Vergänglichkeit geben dürfte. Mehr Zeit wird verlangt, als ob das Urteil der Wirklichkeit einen Aufschub duldete. Andere über- und Unterordnungen werden konstruiert, als ob eine neue Gewalttätigkeit die Folgen der früheren auslöschen könnte. Die Technik, unser entfremdetes Wesen, erklärt man nachdrücklich zum Instrument, als ob die menschliche Existenzlüge durch Wiederholung schon wahrer würde. Ebenso unerfindlich bleibt schließlich, wie das in den Wissenschaften systematisch zerstückelte Lebendige nach solcher Behandlung je anders als tot sein kann. Unser wissenschaftliches Denken und praktisch-politisches Handeln glaubt einem vermutlich für immer unerreichbaren Vorbild zu folgen, und verfehlt doch nur sein eigenes Urbild. In dieser Situation hat der Philosoph Eichmeister zu sein. Denn was nützt die heutige Ansammlung von Wissen, wenn die Gewichte von vornherein falsch sind. Der sie fälschte, verstellt allerdings auch den Zugang zum wirklichen Maß. In jedem von uns ist der Zensor wirksam. Welch langer Denkweg ist nötig, sich der Proportion des Kosmos im Augenblick aufmerksam zu überlassen.9 Zwar ist eine solche Erfahrung leicht zugänglich und unbestreitbar, aber gerade solche Leichtigkeit hat eine erfolgreiche Abwehrreaktion begründet. Denn diese einfache Erfahrung wird als trivial gebrandmarkt und so gebannt. Davon lohnt nicht zu sprechen.

Ist der Zugang zum Maß auch das natürlichste für den Menschen, Eingang in seine Nähe, Lichtung des unscheinbar Vertrauten, schwer fällt uns doch der rechte Umgang mit diesem realisierenden Zusammenspiel. Das Gelingen des Kosmos war von jeher das Einfallstor der Schwärmerei. Religionen und politische Heilslehren zeugen heute noch davon. Eigensüchtig interpretierten wir Menschen den Kosmos. Für jeden Zweck war er gut, noch die abstruseste Theorie lieh sich vom Kosmos den Schein der Allgemeinheit und Verbindlichkeit. Die kosmologische Welt der Griechen, die Gottesbeweise des Mittelalters und das Subjekt der neuzeitlichen Philosophie sind gleichermaßen parasitär. Ihre in der Theorie unterschiedliche Achtung des Kosmos verdeckt lediglich, wie selbstherrlich die Praxis ausfiel. Das rücksichtslose Abholzen der Wälder durch die alten Griechen ließ die Landschaft des Mittelmeerraumes verkarsten.

III. Heideggers Technik — Gestell und Ereignis

Der Mensch ist nicht endlich, sondern konkret. 10 In Lebensangst wie Herrschsucht, entstanden aus dem Leiden an seiner Endlichkeit, verfehlt der Mensch das eigene Ereignis, die ihm zugehörige kosmische Proportion. Dieses Ereignis, das den Menschen zu sich selbst bringt, kann uns lange unbekannt und noch länger dunkel bleiben, es verliert dadurch nichts von seiner Wirklichkeit. Das Ereignis als solches gibt es nicht. Es ist immer bestimmt. Nur das für uns bestimmte Ereignis können wir auch sachgemäß bedenken. Denn dazu interpretieren wir nicht den Kosmos, sondern vollziehen diesen als wir selbst in der Weise des Denkens. Die moderne Technik und ihre planetarische Herrschaft beschäftigte Heidegger in seiner Spätphilosophie.11 Sein Denken wurde darin so realitätsnah wie nie zuvor. Aber Heidegger war an einer Philosophie der Technik nicht interessiert. Deren Grundannahme, die Technik sei ein Werkzeug des Menschen, hielt er für den Ausdruck größter Verirrung. Denn gerade die unüberlegte, im Machtrausch vorgenommene Ersetzung aller gewachsenen Beziehungen durch rein technische Verhältnisse versklavt uns. Ohne Heimat wurzellos, verfallen wir der technischen Berechnung, werden nach Brauchbarkeit normiert und jederzeit bestellbar eingeordnet. Nur das gilt dann noch, was funktioniert, und treibt weiteres Funktionieren hervor, technischen Ersatz für Geschichte. Wir müssen uns zu der Einsicht durchringen, daß die Herrschaft der Technik auf unserem Planeten gerade nicht unsere Macht beweist. Eine solche Vorstellung von unseren Fähigkeiten wäre unwahr. Gewiß haben wir Menschen die Welt technisiert. Wir wählten diesen Weg, weil er uns am geeignetsten schien, uns aus unserer Naturabhängigkeit zu befreien. Denn was wir eingerichtet hatten und beherrschten, konnte sich, so dachten wir, doch nicht gegen uns wenden und unser überleben in Frage stellen. Aber nicht wir garantieren die Technik und sorgen für ihr Funktionieren. Wir haben mit der Technik lediglich die eine der Möglichkeiten menschlichen Lebens in Anspruch genommen. Nichts würde je funktionieren, wenn das kosmische Gelingen sich versagte.

Sowenig wir uns selbst am Leben erhalten, so wenig können wir die Technik und ihre Ausbreitung beeinflussen. Der Kosmos gewährt den Sachverhalt auch noch in seiner verzerrtesten Gestalt. Gerade das ist für uns so unheimlich.12 Die menschliche Macht ist angemaßt, verkennt, daß wir alles dem Sachverhalt verdanken, zu dem wir gehören. An uns ist die Entsprechung. Diese haben wir größtmöglichst verengt, ohne sie jedoch dabei intensivieren zu können. So leben wir am äußersten Rand, uns fremder denn je. Die Kluft zwischen dem, was wir von uns halten, und dem wirklichen Geschehen reißt immer mehr auf. Die Technik, die wir verstockt weiterhin als unser Werkzeug ansehen, läßt sich von uns nicht aufhalten. Der Versuch, den wissenschaftlich-technischen Fortschritt, so der unphilosophische Name der Technik, zu beherrschen, ist nichts weiter als eine verbesserte Anpassung an jene technischen Sachzwänge, die alle unsere heutigen Entscheidungen prägen. Wir sind der von uns vollendet ausgebildeten einzigen Seinsmöglichkeit um so mehr ausgeliefert, je mächtiger wir uns dabei selbst fühlen.

Der Grundzug der Technik ist die Beherrschbarkeit.13 In ihr wird die gesamte Welt gezwungen, für den Apparat bereitzustehen. Der eindeutig festgestellte Mensch wird seinem Nutzen gemäß beansprucht und zu mehr Leistungen herausgefordert. Der technische Mensch verhält sich ebenso gewalttätigsachlich gegenüber anderen Menschen und Dingen und am Ende gegen sich selbst. Was in jedem Einzelfall noch wie eine freie Entscheidung aussieht, gehorcht doch nur besinnungslos dem dadurch erneut verstärkten Herrschaftsmuster. Niemand ist an diesem interessiert, denn alle Interessen, die unterdrückenden wie die befreienden, geben das Muster nur wieder. Auch unser sogenannter freier Wille, die logischen Denkgesetze und die geschichtlich gewordenen Verhaltensregeln sind davon keineswegs unabhängig, sondern bilden grundlegende Momente der Technik. In dieser erfüllt sich die Weise des Herstellens um des Herstellens willen auf das vollkommenste, ist der Wille zur Macht zum sich selbst genügenden Willen zum Willen gesteigert.

Das Ge-Stell erweist sich als verborgenes Zentrum jener von den Wissenschaften entdeckten Gesetze, durch die die Welt regiert wird. Denn immer offenkundiger ist, daß die moderne Technik nicht einfach dem ewigen Walten der Gesetze zusieht und diese lediglich für das menschliche Leben und seine Bedürfnisse sinnvoll anwendet. Die Natur wird im Gegenteil rücksichtslos gestellt, sie hat mit ihren Gesetzen dem Menschen zu geben, was immer er fordert. überraschenderweise tut die Natur das auch, sie ist durchaus stellbar und zu vorher nicht gekannten Leistungen herauszufordern.14 Aber das sollte uns nicht verleiten, sie deshalb als von uns beherrschbar anzusehen. Denn auch wir konnten nichts fordern, was nicht kosmisch zu verwirklichen ist. Das von Heidegger so benannte Ge-Stell ist also lediglich eine von uns nicht geschaffene Möglichkeit des Verhältnisses von Mensch und Natur. Was wir da beherrschen, beherrscht gleichermaßen uns. Auf dem Gipfel unserer subjektiven Macht fühlen wir daher unsere Ohnmacht, und das autonome Selbstbewußtsein erkennt sich als durchgängig bestimmt.

Die Enttäuschung darüber ist groß und führt zu abwegigen Reaktionen; voller Selbstmitleid behaupten wir das Ende der Menschheit, sehen uns als Greise nach einem abgeschlossenen Leben. Ganz konsequent fordern die einen dann den sofortigen Wachstumsstillstand, um zu retten, was noch zu retten ist, während die anderen, die sich Realisten nennen, wenigstens eine komfortable Pflegestation versprechen. Einen Jungbrunnen hat keiner zu bieten. Doch was wir für Todesschmerzen halten, sind in Wirklichkeit Geburtswehen. Mit dem Eintritt in die Welt der Technik haben wir zwar in der Tat die menschliche Geschichte beendet. Aber heißt das nicht nur, daß nun das wahre Leben beginnt, und nicht das sich in Geschichten verkennende forgesetzt wird?

IV. Unbeherrschbare Technik als Gerechtigkeit

Die planetarische Ausbreitung der Technik erfüllt den Traum ihrer Ideologen, daß wir ganz auf uns gestellt sein können und von äußeren Einflüssen unabhängig werden. Aber die handgreifliche Lehre, die aus dieser durchgesetzten Selbstverantwortlichkeit folgt, ist unerwartet und auf den ersten Blick sogar widersinnig. Die von uns selbst entworfenen Lebensgesetze der technischen Zivilisation zeigen deutlicher als jede frühere Treue gegenüber den Gesetzen Gottes oder der Natur unsere Abhängigkeit von der Bewegung des Kosmos. Die Natur ließ sich überlisten und ausnützen, die Götter waren zu besänftigen und zur alles verzeihenden Liebe umzudeuten, aber wir können niemals das universale Gelingen und damit Gerechtigkeit verhindern. Unser Leben ist konkret. Alles wird so, wie es das von sich her verdient, ohne Rücksicht auf unsere Pläne und Erklärungen.

In geschichtlicher Zeit konnten wir uns etwas vormachen. Da gab es Kräfte und Mächte, denen der Mensch unterlegen war und die seine guten Absichten zu durchkreuzen schienen. Damit ist es vorbei. Was wir jetzt sind, verdanken wir allein uns. Denn der Kosmos ist keine Macht früherer Art. Er will nichts und greift nicht ein. Er vollzieht den unbetrügbaren Maßstab und wirkt als Garant des Konkreten. Er verkörpert Gerechtigkeit gegen alle Sachverhalte.

Der Herrschaft unserer Technik entgeht nichts, ihr kann nicht einmal ausgewichen werden. Der fruchtbare Streit zwischen den verschiedensten Seinsauslegungen ist damit eindeutig entschieden und das Seiende total offenbar geworden. Daran können wir wenig ändern, auch wenn wir es noch wollten. Diesen Prozeß der Technisierung können wir nicht anhalten, sondern nur mitmachen. Die Wehrlosigkeit der alten Kulturen des Ostens gegenüber der Technik ist also nicht zufällig. Die moderne Technik ist unwiderstehlich. Was ihrem Zug nicht folgt, muß absterben. Das Dilemma für die Menschheit besteht allerdings darin, daß gerade auch das entschlossene Mithalten des wissenschaftlich-technischen Fortschritts uns umzubringen droht. Dieser tödlichen Zwickmühle entkommen wir aber keineswegs, wenn wir uns vormachen, ein neues "Zurück zur Natur" könne die Technik und unsere Selbstzerstörung aufhalten. Solch sehnsüchtiger Wachtraum lähmt die Kraft zum Widerstand. Zu widerstehen haben wir zuallererst unserer Selbstüberschätzung. Es liegt nicht in unserer Macht, den technischen Seinsentwurf abzulehnen. Sehr wohl aber können wir ihn gründlich verkennen. Was also diese Technik, über die wir nicht verfügen, sondern in die wir uns einzufügen haben, in Wirklichkeit bedeutet, ist die überlebensfrage.

Eine erste, wichtige Antwort ergibt sich bereits, wenn anerkannt wird, daß der Mensch das Wesen der Technik nicht beherrscht. Denn die moderne Technik, scheinbar höchster Ausdruck des autonomen menschlichen Selbstbewußtseins, verweist nachdrücklich darauf, daß sie gewährt wird.15 Wird die Technik aber, was sie von sich her immer schon war, nun auch in unserem Begriff von ihr, befreien wir sie also und glauben nicht mehr, sie beherrschen zu können, dann hat das weitreichende Auswirkungen. Erstmals können wir bedenken, daß die Technik kosmisch sein muß, daher ein gerechtes Gelingen vollbringt, nicht nur einem von unseren Interessen beschränkten Funktionieren genügt. Das uns bisher nicht in den Sinn gekommene Ereignis Technik läßt sich so begreifen.

Die in der Geschichte der Metaphysik vollendet entfaltete Subjektivität, als Freiheit in die Sozialphilosophien eingebracht, erweist sich als besonders einschränkende Norm, zeigt ihre Enge. Aber nachdem wir diese Zwangsvorstellung abgelegt und das selbstgeschaffene Gefängnis unserer Unentbehrlichkeit verlassen haben, sind wir froh über die von uns unabhängige und uns daher noch erwartende Weite. Denn wäre entscheidend, was unser Bewußtsein schafft, gäbe es für den heutigen Menschen keinen Ausweg, bliebe ihm nur die unannehmbare Alternative zwischen dem inhumanen überleben in einer technokratischen Gesellschaft und dem Untergang der Gattung.

So aber schenkt uns die der kosmischen Gerechtigkeit entsprechende Technik die Erfahrung der unausschöpflichen Vielfalt des menschlichen Lebens, gibt uns der Verzicht auf Subjektivität Licht und Dunkel einer unendlich eindringlichen Welt, von der wir kaum noch etwas ahnten. Diese Welt brauchen wir nicht zu beherrschen, um in ihr leben zu können. Wir dürfen es nicht einmal versuchen, wenn wir als Menschen überleben wollen. Der universalen Bewegung, deren Gewähren die Technik aufdeckt, kann vertraut werden.16 Lernen werden wir erst in der technischen Welt, gerecht zu denken. Denn unsere unbeherrschbare Technik vollzieht dann Gerechtigkeit.

ANMERKUNGEN

1 Vgl. A.Baruzzi: Mensch und Maschine. München 1973, 51ff. Die Einheit von Körper und Methode, die Hobbes vordachte, begründet heute die Sachhaltigkeit der Systemtheorie. Dies zeigt A.Baruzzi: Thomas Hobbes. In: J.Speck: Grundprobleme der großen Philosophen. Philosophie der Neuzeit I, Göttingen 1979, 74-100.

2 Zum brisanten Bewegungsbegriff des Aristoteles vgl. M.Heidegger: Vom Wesen und Begriff der Physis. In: Wegmarken. Gesamtausgabe Bd. 9, 243ff. Ein bedeutsamer moderner Versuch ist A.N.Whitehead: Prozeß und Realität. Entwurf einer Kosmologie. Ffm 1979.

3 Vgl. M.Heidegger: Nietzsche II, Pfullingen 1961, bes. Abschnitt "Die Herrschaft des Subjekts in der Neuzeit", 141-147.

4 Dieser Vorgang hat viele Gesichter. Das übelste ist zweifellos, daß eine halbe Milliarde Menschen vom akuten Hungertod bedroht ist (Stand 1978) und diese Zahl zunimmt. Vgl. Global 2000. Der Bericht an den Präsidenten. Ffm 1980 (= deutsche übersetzung von "The Global 2000 Report to the President. Washington 1980").

5 Menschliche Gerechtigkeit drückt den Willen zur Macht aus. Vgl. M.Heidegger: Nietzsche II, Pfullingen 1961, 20.

6 Vgl. Heidegger and Eastern Thought. In: Philosophy East and West 20, 1970, 221-321.

7 Vgl. M.Heidegger: Nietzsche II, Pfullingen 1961, bes. Kap. IX "Entwürfe zur Geschichte der Metaphysik", 458-480.

8 Vgl. M.Heidegger: Zeit und Sein. In: Zur Sache des Denkens. Tübingen 1969, 1-25.

9 Vgl. W.Weischedel: Philosophische Grenzgänge. Stuttgart 1967, 110-111.

10 Vgl. G.W.F.Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Religion II. Werke Bd. 17, Ffm 1969, 221: "Denn das Abstrakte ist endlich; das Konkrete ist die Wahrheit, ist der unendliche Gegenstand".

11 Vgl. W.Schirmacher: Ereignis Technik. Heidegger und die Frage nach der Technik. Diss.phil. Hamburg 1980.

12 Vgl. M.Heidegger in: DER SPIEGEL 23/1976, 206:"Es funktioniert alles. Das ist gerade das Unheimliche, daß es funktioniert und daß das Funktionieren immer weiter treibt zu einem weiteren Funktionieren und daß die Technik den Menschen immer mehr von der Erde losreißt und entwurzelt."

13 Vgl. M.Heidegger: Die Zeit des Weltbildes. In: Holzwege. Gesamtausgabe Bd. 5, Ffm 1977, 111.

14 Vgl. E.Richter: Grundbestimmung und Einheit der objektiven Erkenntnis. München 1974, 124-128.

15 Zum folgenden vgl. M.Heidegger: Die Kehre. In: Die Technik und die Kehre. Pfullingen 1962, 37-47. 16 Denn der Absprung aus der technischen Welt, wie sie heute ist, springt zwar in den Abgrund. "Doch dieser Abgrund ist weder das leere Nichts noch eine finstere Wirrnis, sondern: das Er-eignis." (M.Heidegger: Identität und Differenz. Pfullingen 1957, 32, vgl. auch 33/34). Demnächst vgl. dazu ausführlich: W.Schirmacher: Technik und Gelassenheit. Zeitkritik nach Heidegger. Verlag Karl Alber, Freiburg und München 1982 (Reihe "Fermenta philosophica").



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