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I. Der streit um die postmoderne
Im aktuellen Streit um die Postmoderne taucht Schopenhauer gewöhnlich unter falscher Flagge auf: man wirft ihn mit seinem abtrünnigen Meisterschüler Nietzsche in einen Topf und macht dann dieses Gebräu verantwortlich für alle Exzesse der Postmoderne. Dies kann als Lob — wie bei Bataille — oder aber als Vorwurf — wie bei Habermas — gehandhabt werden. Nietzsches dionysisches Temperament und sein so fragmentarisches wie vieldeutiges Werk lädt in der Tat ein, in ihm den philosophischen Ahnherrn der Postmoderne zu sehen. Der grimmige Schopenhauer mit seinem metaphysischen Ernst scheint dabei zu recht im Schatten bleiben zu müssen. Aber nimmt man die Postmoderne ernst und sieht in ihr nicht bloß ein Unterhaltungsspiel für Intellektuelle, dann kommen noch ganz andere ehrfurchtsgebietende Gestalten zum Vorschein. Ohne Schellings Vertrauen in die Kunst, ohne Hegels Dialektik und ohne die Sprachkritik der deutschen Romantiker wäre die philosophische Postmoderne nicht denkbar. Kierkegaard stand ebenso Pate wie Adorno, und über Heideggers zentrale Bedeutung für die postmoderne Philosophie kann niemand hinwegsehen. Habermas spürt völlig richtig, daß es im Streit um die Postmoderne um eine Grundsatzentscheidung geht, auch wenn der Frankfurter Philosoph sich über die Fronten in diesem Kampf zu täuschen scheint. So bekämpft er vehement sein eigenes Erbe!
Wer sich mit Schopenhauers Bedeutung für die Postmoderne auseinandersetzen will, muß zunächst die postmoderne Mode in der Soziologie, in Architektur, in Bildender Kunst, bei den Vergleichenden Literaturwissenschaftlern und bei den Philosophieprofessoren beiseite lassen. Die philosophische Postmoderne hat damit nur unabsichtlich zu tun. Auch empfiehlt es sich, Selbstbeschreihungen der Autoren mit Vorsicht aufzu nehmen. Ob sich ein Theoretiker selbst postmodern nennt oder es vorzieht, poststrukturalistisch, postmetaphysisch oder post mortem zu heißen, kann für die Untersuchung gleichgültig bleiben. Berücksichtigt werden sollte jedoch, daß sich in ein Schlachtgetümmel stürzt, wer sich heute zur Postmoderne äußert. Sie ist kein neutrales Thema. Scharlatan und politischer Reaktionär sind noch die eher feinen Schimpfworte. Man unterstellt sich gegenseitig, die Sache der Vernunft — aus Dummheit oder Ehrgeiz — verraten zu haben. Schläge unter der Gürtellinie sind an der Tagesordnung ! Sensible Naturen wenden sich da mit Grausen ab. Aber Schopenhauer-Freunde dürften sich heimisch fühlen — dieses homerische Geschimpfe kennt man doch. So ist die auffälligste Gemeinsamkeit, die Schopenhauer mit der Postmoderne verbindet, dieses Klima der Polemik und der bösartigen Schimpfereien. Das ist mehr als nur eine äußerlichkeit, zeigte Schopenhauers Streit mit den anderen Denkern des Deutschen Idealismus doch alle Züge eines Bruderzwistes. Der gegenseitige Haß wird — wie im Streit um die Postmoderne — aus Nähe genährt. Sobald man dies erkennt, eröffnet sich für einen selbst die Möglichkeit, aus dem Streit auszusteigen. Das bedeutet methodisch, grundsätzlich nicht die Perspektive der Autoren zu akzeptieren, weder ihre Kritik noch die Selbstinterpretation für bare Münze zu nehmen. So wenig wir also Schopenhauers Einschätzung Hegels oder Schopenhauers Selbststilisierung zum "einzigen Philosophen des Jahrhunderts" teilen, so wenig spielen wir das Spiel des Aufschubs, das Derrida vorschlägt, oder das Spiel der Oberfläche, das Baudrillard zu perfekt beherrscht. Wir folgen auch nicht Lyotards Erklärung, daß alles nur Spiel sei und zu Bruch gehe. Belehrt doch unsere Erfahrung mit dem Polemiker Schopenhauer : bleiben wir nüchtern und sagen wir, wie es sich von sich her zeigt. Dann zeigt sich, der Kaiser ist nackt und häßlich obendrein. Derrida ist der Heidegger-gebildete Clown in der heutigen Philosophie, Baudrillard ein Franzose, fasziniert von Las Vegas, und Lyotard eine Lästerzunge, die die europäische und analytische Tradition geschickt mischt. Wer vor Derrida auf den Knien liegt, Baudrillard einfach nachahmt und sich von Lyotard an der Nase herumführen läßt, muß sich nicht wundern, wenn diese es immer toller treiben. Ich bevorzuge mit den Postmodernen zu lachen, anstatt von ihnen heimlich ausgelacht zu werden!
Ist also die Postmoderne ein Geschäft von Scharlatanen, sind ihre Säulenheiligen bloße Götzen ? So einfach ist es offenbar nicht. Gerade wenn man die postmoderne Philosophie entzaubert, aus ihrem Jargon aussteigt und ihre Strategien mißachtet, muß man sie als Fall ernstnehmen. Das war beim Jahrhundertstreit Schopenhauer-Hegel nicht anders. Auch hier war der Streit nicht einfach zu vergessen, sondern die Spur (im Sinne Blochs) aufzunehmen. Daß so eminente Köpfe wie Derrida, Baudrillard und Lyotard den Clown spielen zu müssen glauben, ist ein entscheidender Hinweis auf den Stand der Philosophie am Ende des 20. Jahrhunderts. Die Postmoderne ist nicht auf persönliche Enttäuschung über die Möglichkeit von Philosophie heute zu reduzieren. Das Ende der Täuschungen geht tiefer und rührt an die Basis unserer Welterfahrung. Heidegger nannte es das "Ende der Metaphysik", das Ende einer Ordnung des Denkens und Fühlens, die 2500 Jahre im Abendland geherrscht hat und mit der modernen Technik planetarisch geworden ist. Es gibt keinen ernstzunehmenden Philosophen der letzten 150 Jahre, der nicht von diesem "Ende der Metaphysik" tief beinflußt worden ist. Der Streit der Philosophie Schopenhauers mit Hegel, Marx, Nietzsche und schließlich Derrida ist in der Sache ein Streit darüber, wie dieses "Ende" zu verstehen ist und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind.
II. Schopenhauer und die postmoderne philosophie konsequenzen des "endes der metaphysik"
1) Die Vernunft am Ende — das Problem des Irrationalismus.
Mit der Metaphysik ist nicht irgendeine Ordnung am Ende, sondern die Gestalt der Ordnung selber. Heidegger, der Denker gegen Sein und Zeit, hat dafür die Formel vom "Ende des Seinsgeschicks" gebraucht, eine ungeheure Aussicht, der so gut wie alle Heidegger-Interpreten durch übersehen ausgewichen sind. Die Denker der Postmoderne sind jedoch von der Aussicht auf kein Sein angezogen und haben sie sogar — wie Derrida — zu radikalisieren versucht. Geschichtlichkeit als Geschick des Seins mit dem Horizont der Zeit ist ebenso am Ende wie das Gestell' als Wesen der modernen Technik. Es gibt kein Zentrum, keine Hierarchie, keine Ordnung, keine Funktion, keine Strategie. Was bleibt ? Nichts. Das Abwesende. Die Kehre des Willens zum Leben. Die Vernunft, die dieses Ende erkennt und auszuhalten vermag, ist nicht die herrschende, sondern die geschlagene Vernunft. Mit Einsicht geschlagen allerdings, und darin triumphierend über die Vernunft des Planens, deren Pläne alle zuschanden gehen. Schopenhauers Metaphysik aus Erfahrung' läßt die vernehmende Vernunft (beim Künstler wie beim Philosophen) die Bankrotterklärung der konstruierenden Vernunft ausfüllen. Bei Heidegger kehrt dies wieder im Unterschied der sinnenden und der rechnenden Vernunft. Unsere Berechnungen sind tödlich für die Gattung Mensch ; sie rufen selbst im besten Fall, wie Schopenhauer konstatierte, nur die "Hölle auf Erden" hervor.
Die Irrationalität der Vernunft hat verwirrende Gesichter. Ein Beispiel Die Folgen der Vernunft sind oft irrational und entwerten nachträglich die gute Theorie ; doch setzt die Vernunft im Gegenzug nun allein auf die gute Praxis, die Theorie mag so abstrus sein, wie sie wolle. (Schopenhauer hat diese List der Vernunft in der Lebensform des Heiligen beschrieben !) Oder als zweites Beispiel : Die planende Vernunft ist von Zufällen abhängig, will ohne Aufenthalt durchsetzen, was geplant wurde. Irrational erscheint schon das bloße Zögern (Derrida ist darin Meister), die Umständlichkeit, die neuen Begriffe, die erst einmal zu lernen sind. Greift man aber die Voraussetzung der planenden Vernunft an, daß die Welt einfach und überschaubar ist, und nimmt die Welt als verwirrende Vielfalt, dann zeigt sich die Vernünftigkeit irrationalen Zauderns. Kurz : Schopenhauer und die Postmoderne erfahren das Ende der Metaphysik als Anfang einer Realitätsnähe, vor der wir bisher geschützt waren. Was vernünftig war, ist nun unvernünftig — was unvernünftig war, ist nun vernünftig. Aber unterscheiden sich Schopenhauer und die Postmoderne nicht darin, könnte man fragen, daß Schopenhauer das Abwesende, das wahre Wesen der Welt, genau zu kennen glaubt, während es für die Postmoderne niemals zur Anwesenheit im Wissen kommen kann ? Doch auch bei Schopenhauer sagen die Objektivationen des Willens nur bedingt etwas über das Wesen der Welt aus, und was der Wille an und für sich selbst ist, erfahren wir nur in seinen Spuren` (dieses Mal im Sinne Derridas gebraucht).
2) Die Haltlosigkeit des Subjekts — iroir sind nicht Zentrum.
Schopenhauers Philosophie ist im Kern Selbstinterpretation und scheint damit zumindest das eigene Subjekt über das Ende der Metaphysik hinaus retten zu wollen. Auch die Postmoderne steht in dem Verdacht, bei aller offiziellen Kritik am Subjekt eine schamlose Subjektivität zu fördern und zu brauchen. Jeder ist sein eigener Barockfürst ! Aber solche Kritik verwechselt Erfahrungsstruktur und konkrete Erfahrung. Nur über sich selbst kann man im strengen Sinne etwas wissen, aber dieses Erfahrungswissen erlaubt einem gerade zu verstehen, daß es mit dem Selbst nichts ist. Von außen kann dies niemand dekretieren ; allein von innen gibt es den Zugang zum Durchbrechen des principii individuationis. Die Subjekt-Objekt-Struktur, als Satz der Identität einer der wichtigsten Baupfeiler der Metaphysik, wird keineswegs bestätigt, wenn ein Subjekt in der Selbsterkundung sich verliert. Freud, ein wichtiges Bindeglied zwischen der Postmoderne und Schopenhauer, brachte die innere Erfahrung des heutigen Menschen auf den Satz : "Das Ich ist nicht mehr Herr im eigenen Haus". Die Subjekt-Objekt-Struktur, die unsere äußere Welt nach wie vor beherrscht und in der technischen Rationalität als Instrumentalität auftritt, wird von unserem Selbstwissen nicht bestätigt. Wir sind nicht Zentrum, und unser mächtig sich aufspreizendes Ich will nur unsere Schwäche vertuschen, wie Lacan zeigte. Die Postmoderne hat auf ihre Weise den Schleier der Maja ebenso konsequent weggezogen wie Schopenhauer.
Derridas Schrift, befreit vom Dienst am Menschen, Baudrillards Oberfläche, die keinen Sinn mehr verbirgt, und Lyotards Differenzspiele lassen den Prozeß der Welt, Schopenhauers Wille, als Akteur spürbar werden. Spürbar sage ich bewußt, und nicht etwa sichtbar, erkennbar, beherrschbar. Anthropozentrismus ist nicht durch Kosmozentrismus zu überwinden ! Wie bei Schopenhauer kommt in der Postmoderne, in diesem Vorgang der Auflösung des Ich, der Kunst eine signifikante Rolle zu. Subjekt und Objekt haben sich im künstlerischen Akt bereits von sich abgewandt — Celans Gedichte dienen keiner Information mehr. Das sich ästhetisch verwandelnde Ich, gegen sich selbst erzogen, erkennt sich nach Schopenhauer "als eins" mit dem Objekt, das zu seiner Anschauung wird. Dem Ernst dieses Spiels entspricht die Lehre des Clowns, dessen groteske Gebärde verbirgt, was sie zeigt. Die Wahrheit muß sich als Clownerie maskieren, weil wir sie nackt noch nicht zu ertragen vermögen ! Die Wahrheit ist, daß es uns nicht gibt. Das Ich ist haltlos, eine Schimäre. Aber stimmt denn das ? Versichert uns nicht die Sprache, deren ,.immanenter Ethik" (Habermas) wir folgen, daß es zumindest ein grammatisches Subjekt gibt ?
3) Die Sprache spricht nicht — Kritik des Narrativen.
Erneut wiederholt sich das schon bei der Subjektkritik zu beobachtende, merkwürdige Phänomen, daß der Strick im Hause des Gehenkten einen Ehrenplatz hat. Die größten Sprachkritiker tragen ihre Angriffe im Medium der Sprache vor. Schopenhauer war ein Sprachkünstler, und zumindest in ihrer jeweiligen Originalsprache läßt sich dies auch von den meisten postmodernen Philosophen behaupten. Derridas konkrete Sprachphilosophie demonstriert, was sie behauptet : die Sprache spricht nicht — wir sind es, die das Schweigen der Sprache zu eigennützigen Zwecken brechen. Lassen wir das Spiel der Schrift auch nur für einen Buchstaben zu, wird nach der biblischen Prophezeiung auch nur ein Jota verändert, zerfällt die uns bekannte Welt zu Nichts. Lyotard gibt in seiner "Condition Postmoderne" im Stile eines akademischen Sprachspiels eine narrative Erklärung für das Ende des Narrativen — ein Gaukelspiel auf hohem Niveau. Die Stimme der Autorität, die Stimme des Seins ist verstummt, und mit ihr hat auch die Erzählung ihre Glaubwürdigkeit verloren. Es spielt daher keine Rolle mehr, ob wir Derrida oder Lyotard trauen oder nicht. Ihre Grunderfahrung, daß die Sprache keinen Sinn verbürgt, teilen wir in einer Welt, in der kein Wort mehr heilig ist und keine Sache unausgesprochen bleibt. Lyotard überzeugt, gerade weil sein Text gegenüber unserer Interpretation völlig wehrlos ist.
Bei Schopenhauer finden wir zwar keine so ausdrückliche Sprachkritik wie bei den Postmodernen — erst bei Nietzsche wird der metaphysische Charakter der Sprache zum Thema. Schopenhauer scheint im Gegenteil daran geglaubt zu haben, daß guter Stil lehrbar sei und den Philosophen auszeichne. Doch eine solche Einschätzung ist oberflächlich. In Schopenhauers Kunstphilosophie ist auch eine Sprachkritik verborgen. Da die Sprache mit dem Stoff der Welt zu tun hat, den Objektivationen des Willens, kann sie der Knechtschaft durch diesen überlebenswillen nie ganz entfliehen. Sprache bleibt bei Schopenhauer daher zumeist ideologisch und verfälscht, was durch sie und in ihr gesagt wird. Eine Ausnahme scheint mir die Sprache des Philosophen zu sein, aber auch diese Darstellung der wirklichen Welt in Begriffen ist nicht ohne Stachel. Zwar ist es dem Philosophen mit der Erkenntnis grimmig ernst, und doch ist alle Philosophie zuletzt nur Schau und Spiel. Die Schwäche der Sprache, nichts über unsere Praxis zu vermögen und daher leere Autoritätsgebärde zu sein, hat Schopenhauer unumwunden eingestanden. Der Philosoph ist kein Heiliger ; der Philosoph weiß es besser, aber er tut nichts dafür. Anders als die Postmodernen mag Schopenhauer dies immerhin bedauert haben ! Er hat das Wechselspiel von Anwesenheit und Abwesenheit, die Wahrheit im Prozeß, noch nicht als Chance begriffen, ins offene Feld des Handelns zu gelangen. Weil ich nichts wissen kann, bin ich so frei, dem Ungewußten (und vielleicht nie zu Wissenden) zu folgen, verspricht die Postmoderne. Dann wird nicht dasjenige wichtig, dessen ich sicher bin (die Identität wie bei Schopenhauer), sondern das Unabgegoltene, übersehene, die Differenz. Sie allerdings ist ein Zwilling jener Negation, und durch sie hindurchgehen muß, wer eine Ahnung vom authentischen Leben gewinnen will.
4) Differenz, Negation, Offenheit — die Kunst kann uns nicht retten.
Das Spiel der Differenz ist ein Sprachspiel. Die "Poesie der Welt" beginnt sich anzuschicken, sobald die Verneinung den "Lauf der Welt" unterbrochen hat. Die Faszination durch Kunst ist typisch für die Postmoderne, für ihren Ahnherrn Heidegger, aber auch für den Vorläufer Schopenhauer. Die Schwäche der Kunst, in der Darstellung der Welt auch nicht von dieser Welt zu sein, wird zu ihrem Gütesiegel. Wie man die Differenz zum Leitbild macht und zugleich vermeidet, eine neue Systematik, ein Weltbild der Differenz also, einzuführen, demonstriert scheinbar mühelos die Kunst. In ihr ist das Besondere es selbst und zugleich das Ganze, ohne auf anderes zu verweisen, konstituiert jedes einzelne Werk eine Welt.
Es kann nicht genug unterstrichen werden, daß weder Schopenhauer noch die Postmoderne das Identische leugnen, wenn sie Differenz und Verneinung, dem Bruch und dem Aufschub nachspüren. Heidegger begriff Differenz als Austrag der Identität, d.h. weder als Repräsentation noch als Gegenpol. Dieser Austrag scheint in der Kunst, vor allem in der modernen Dichtung am ehesten am Werk. Austragen kann man Differenz nur, wenn man nicht gebunden ist, sondern offen für jeden Ausgang bleibt. Die Offenheit der Kunst, ihr "Zwischen", ihre Existenz zwischen Bejahung und Verneinung, ist jedoch selber zweideutig. Die Kunst verharrt prinzipiell in der Abwendung von der Welt — die Goldkarte von American Express für den arrivierten Künstler hat keinerlei sachliche Verbindung zum Rang des künstlerischen Werks. Raffael bleibt Raffael mit oder ohne Goldkarte. Die Kunst is Vorschein, Wunschbild, Sinnbild des authentischen Lebens, aber vermittelt keinen direkten übergang zu diesem Leben. Selbst das Programm einer ästhetisierung, einer ästhetischen Erziehung etwa, bliebe offen für jeden Mißbrauch, und kann aus sich heraus keine Gegenwehr entwickeln. Die Kunst kann also nur die Bilder von der Zerstörung retten und nicht die lebenden Menschen. Wer Schopenhauer, Heidegger, Adorno und die Postmoderne so interpretiert, daß die Kunst deren letztes Wort und einziger Hort der Wahrheit sei, ist bloß ein Menschenfeind. Aus der Not, die uns zur Kunst trieb, sollte keine Tugend gemacht werden ! Anthropofugales Denken hat nur noch nicht genug gedacht. Die Kunst kann uns nicht retten, wohl aber zur Rettung anstiften. Sie bereitet die Stimmung vor, in der wir uns zur wesentlichen Tat entschließen. Kunst eröffnet den Weg, aber vermag ihn nicht zu gehen.
5) Ethik des Nichthandelns — H 'arten ohne zu erwarten.
der wesentlichen Handlung. Gerade. weil gewöhnlich nicht wirklich gehandelt wird, bewirkt das aufgeschobene Handeln, was es verspricht. Vergleichbar mit der Konzentration des japanischen Samurais auf den Moment des Schwertstreichs, gibt die Ethik des Nichthandelns unserem Tun einen längst im Alltag verlorengegangene Bedeutung zurück. Der Inhalt einer solchen Ethik des Nichthandelns ist nicht so sehr die von Schopenhauer favorisierte "Verneinung des Willens zum Leben", denn dies bliebe eine negative Bestimmung. Besser — für die Postmoderne paradigmatisch — hat Heidegger die positive Aufgabe dieser Ethik umschrieben. Als "Warten ohne zu erwarten" bestimmte er die Lebensweise des Menschen im Offenen. Solch interesseloses Warten kann sehr vielfältig, polemisch und prozeßhaft sein — denn nirgendwo steht geschrieben, daß wir uns nicht die Zeit vertreiben und uns auf das künftige Handeln durch Aktivität vorbereiten dürften.
Schopenhauer hat als Ethik bestimmt, was uns möglich ist, wenn wir das offene Feld der Kunst verlassen und durch sie belehrt praktisch werden. Schopenhauers Ethik ist bekanntlich keine Sollensethik, sondern beschreibt die Bedingungen humanen Lebens. Sie sind als Lebensweisheiten existentiell einlösbar. Heidegger und die Postmoderne, nach der Erfahrung zweier Weltkriege und vor allem nach Auschwitz, scheinen stärker als Schopenhauer der Ethik zu mißtrauen. Bevor wir irgendeine Praxis ins Auge fassen, sollen wir erst einmal die Praxis des selbstkritischen Denkens üben. Einen Sinn, der uns zum Handeln zwingen könnte, gibt es ebensowenig wie ein Realitätsprinzip, das uns die Legitimität der Außenwelt verbürgte. Beim Fragment, im Unsicheren, im Unbegangenen ist Vorsicht am Platz, ein Zögern und Zaudern, die Umwege und Holzwege. Es hat keinerlei Eile, denn alle Hast des Handelns bringt uns doch nur dem Untergang näher. Solche inneren Widerstände werden durch die schlechten Nachrichten aus der Umwelt ständig verstärkt. Während die Macher weltweit immer hektischer auf die "Forderungen des Tages" reagieren. beginnt in weiten Schichten eine Gelassenheit sich durchzusetzen, die von bloßer Gleichgültigkeit bis zur militanten Gegenkultur reicht. Eine Ethik des Nichthandelns begleitet die postmoderne Philosophie der Differenz, und politisches Engagement einiger ihrer Akteure wird als "persönliche Angelegenheit" abgetan. Aber Marcuse verwies schon darauf, daß doch handelt, wer nicht handelt, weil er den anderen den Freiraum zu deren Handeln läßt. Man wird unweigerlich Opfer, wenn man nicht Täter sein will. Daher ist zu präzisieren, was die Ethik des Nichthandelns bedeutet. Schopenhauer hatte sie auf die Formel gebracht : "Keinem schaden sei wichtiger als jemandem helfen !" Schließlich sei es einfach nachzuweisen, daß Hilfe oft größeren Schaden anrichtet ! Aber es ist darauf zu achten, daß die Regel "keinem schaden" so wenig wie Derridas Aufschub solche Abstinenz vom Handeln meint. Die Ethik des Nichthandelns ist in Wahrheit eine Ethik
III Schopenhauer in der postmoderne
In der Postmoderne kommt — vermittelt durch Nietzsche und Heidegger — Schopenhauers Vernunftkritik aus leiblicher Erfahrung und seine Ethik des Nichthandelns zu einem vorläufigen Abschluß. Ich fasse meine Beurteilung der Beziehung Schopenhauers zur Postmoderne in zwei Punkten zusammen 1) Deutlicher als bei Schopenhauer selbst, ist nun zu erkennen, daß seine Philosophie kein Gegenentwurf zu den Philosophien des 19. und 20. Jahrhunderts darstellt, sondern wie diese im Horizont des Endes der Metaphysik steht. Schopenhauers systematische Weltabwendung erweist sich dabei als Zuwendung zu einer nicht metaphysischen Welt, deren erste Züge sich in seinem Denken abzeichnen. 2) Für die Postmoderne ihrerseits ergibt sich aus dem Rückblick auf ihren Vordenker Schopenhauer, daß sie Selbstmißverständnisse vermeiden kann. Die Postmoderne ist aus der Perspektive des Verhältnisses zu Schopenhauer die letzte Phase des Endes der Metaphysik, und damit eine übergangszeit und keine eigene Epoche. Aber die Zeit dieses Wartens auf ein Ereignis, das noch nicht geschehen ist, braucht die Postmoderne weder durch Abstinenz von Praxis noch durch leere Gesten zu überbrücken. Gerade von Schopenhauer kann die Postmoderne lernen, gegen das Handeln zu handeln und dabei das Schongebiet der Kunst zu verlassen.
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