Der Mensch ist ein kulturelles Wesen, das mit Hilfe sprachlicher Symbole eine Welt schafft, wie sie von Natur aus nicht vorgesehen ist. Wir sind die Künstlichen von Natur, wie der philosophische Anthropologe Hellmuth Plessner unterstrich, und unsere Kulturleistung besteht in ausgeklügelten Techniken, aus verfassten Institutionen, zeigt sich vorbildlich in Medien und Kunst. Mit der Kultur schaffen wir die menschliche Sphäre und richten Orte der privaten und öffentlichen Begegnung ein. In den letzten Jahren hat sich mit dem Internet ein Kulturphänomen entwickelt, das in seiner unvergleichlichen Bindekraft und geistigen Auswirkung in der Geschichte seinesgleichen sucht. Nicht einmal die Hochreligionen haben zu ihrer Blütezeit eine solche globale Anziehungskraft besessen, durch die eine Weltkultur durchgesetzt und regionale Unterschiede obsolet werden. Im Internet trifft die kulturelle Vorstellungskraft auf die materiellen Bedingungen unterschiedlicher Gesellschaft und transzendiert diese. Der lange dominierende Unterschied zwischen öffentlichem und privaten Raum wurde aufgehoben, und das Internet wird zum universalen Ort der Begegnung. Betroffen ist dabei eine gesellschafliche Tiefenschicht, die gewöhnlich unserer Aufmerksamkeit entzogen bleibt. Der kulturelle Wandel durch die Neuen Medien kann nicht überschätzt werden, aber noch ist unsicher, wohin er führen wird.
Zwischen Euphorie und Ablehnung schwankt die europäische Reaktion, und lange Zeit waren es die Netzverächter unter den Gebildeten, die am dramatischsten den digitalen Teufel an die Wand malten. Inzwischen jedoch hat Europa im Hinblick auf die Netzbenutzung gegenüber den USA aufgeholt, und es ist absehbar, daß eines Tages keiner unter 80 ohne Netzanschluß sein wird. Ein Netizen zu sein ist durchaus keine Altersfrage, sondern lediglich ein Problem der Gewöhnung - wie jede neue Lebensweise muß auch Netzkultur erst gelernt werden. Zunächst scheint dies nicht einmal schwierig zu sein, bietet das Internet doch zunehmend eine Verdoppelung der bekannten Wirklichkeit an. Als gigantisches Warenhaus und wohlsortierter Flohmarkt stillt es gewohnte Bedürfnisse und bietet kaum Überraschungen. Bequemer und zeitsparend soll der Netz-Einkauf sein, dessenVirtualität endet, sobald man die Kreditkartennummer eingegeben hat. Den Rest besorgt die reale Welt, denn alle Waren müssen erst noch geliefert werden. Selbst dort, wo die Illusion verkauft wird, wie beim interaktiven Cybersex, muß der Kunde am Ende doch selber Hand anlegen. Kurz, im Hinblick auf ihre Materialität bietet die Netzkultur wenig Neues, sieht man einmal davon ab, daß Abseitiges neben Altbekanntem ohne jede hierachische Abstufung steht (allerdings kann man einige Suchmaschinen dafür bezahlen, auf den ersten 50 Plätzen gelistet zu werden).
Wird die Netzkultur also nicht über neue Produkte definiert, bleibt noch der Lebensstil, zu dem sie offensichtlich einlädt. Populäre und Hoch-Kultur vermischen sich im Netz zu einer Medienkultur, die allein dem persönlichen Geschmack zu folgen scheint. Dennoch ist nicht zu übersehen, daß Nietzsches Diagnose des Herdenmenschen auch unter den Bedingungen des Internets seine Gültigkeit behalten hat: Einen multikulturellen Massenkonformismus, voller Mikropraxis und Ich-Management, sehen die Netzkritker Geert Lovink und Pit Schulz am Werk (www.fiveminutes.net). Wie ist es auch angesichts des ewigen Nachrichtenstroms überhaupt möglich, einen eigenen Standpunkt einzunehmen, die unabdingbare Voraussetzung für kritische Argumente. Paul Virilio hat zur Langsamkeit aufgerufen, eine provozierende Haltung für eine Kultur, die auf Geschwindigkeit setzt. Doch vermutlich ist der Wille zum Anschluß (Lovinck / Schulz) von vornherein zwiespältig: Man will dazugehören, aber doch nicht um den Preis der Selbstaufgabe. Die Ich-Generation hat ihre Lektion gut gelernt, die vom Psychoanalytiker Erich Fromm als Lebensrat gegeben wurde: Wer sich selbst nicht liebt, kann keinen anderen lieben. Umdrehen läßt sich dieser Satz jedoch nicht, so daß der flexible Mensch (Richard Sennett) in einem nicht anpassungsfähig ist: Das autopoietische Selbst wird ebenso wie der Andere gebraucht, damit das Leben nicht sterbenslangweilig wird.
Der Netzmensch wie du und ich
Bindungslose Monade oder aufgeschlossener Netzbürger - von welchem Typ wird das Internet heute bevölkert? Festzustellen ist, daß die Phase des anarchischen Netzes vorbei ist, und die Hacker-Ethik bloß noch in Filmen vorkommt. Das World Wide Web hat mit seiner einfachen Bedienung sichergestellt, daß man keine Spezialkenntnisse braucht, um mitspielen zu können. Niemand muß auch angesichts einer moderaten monatlichen Benutzungspauschale auf Kosten anderer telefonieren, um ausgiebig das Netzleben genießen zu können. Immer mehr Frauen lassen sich in den chat rooms finden, so daß die virtuellen Sexbienen der Anfangsjahre zur Rarität geworden sind. Im Frühjahr 2000 haben erstmals in den USA die Frauen die Männer beim Netzgebrauch überflügelt. Die Normalität des zwischenmenschlichen Umgangs hat auch die Netzkultur erreicht, mit allen Vor- und Nachteilen. Daß der männliche Mensch in Balzverhalten verfällt, sobald er einen weiblichen Vornamen liest, und am liebsten gleich in einer privaten Absteige mit diesem obskuren Objekt seiner Begierde verschwinden will, ist überhaupt nichts Neues (nur immer noch peinlich). Damit ist gesagt, Netizen sind keine besseren Menschen, die Netzkultur nicht höherstehend, sondern man findet das menschlich-allzu-menschliche Gemauschel jetzt lediglich in elektronischer Form. Das Internet ist ein Spiegel der bestehenden Verhältnisse, und die Netzkultur kann nicht nachholen, was Erziehung und Selbsterziehung versäumt haben. Statt den Aufbruch zu neuen Horizonten zu ermöglichen, wird im Internet Sicherheit großgeschrieben, und die überraschende I LOVE YOU mail entpuppt sich als gefährlicher Computervirus (erstaunlich nur, wie viele romantische Gemüter darauf hereingefallen sind).
Wird das Internet zur Tugendmaschine? Visueller Sex bleibt zwar weiterhin die am meisten nachgefragte Ware, und die Pornoanbieter werden, wie bisher noch immer, die technisch raffiniertesten Seiten aufbieten. Aber je mehr Menschen sich im Internet tummeln und durch ihre schiere Zahl die Begehrlichkeiten von Wirtschaft und Politik wecken, je sauberer wird das Netz werden. Die Tugendwächter können das Überwachungsproblem dabei leicht lösen, denn die Programme, die uns überall Zugang ermöglichen, zeichnen auch auf, was wir getan haben. Ein Privatleben gibt es im traditionellen Sinn nicht mehr, denn in der Internet-Gesellschaft ist der gläserne Mensch verwirklicht: Wer sich abschließt, schließt sich aus. Zum Glück ist es im 21. Jahrhundert kein Problem mehr, privat wie öffentlich zu leben, denn die Institutionen, die abweichendes Verhalten und sogar Gedankenverbrechen bestraften, sind in ihrer Sanktionsmacht entscheidend geschwächt. Man muß schon, und zwar freiwillig, katholisch sein, um noch Todsünden begehen zu können, und die postmoderne Moralkritik hat auch den gesellschaftlichen Konsens darüber weitgehend zerstört, was man nicht tun darf. Das hindert allerdings gewisse Funktionsmächtige nicht daran, in ihrem begrenzten Bereich die Menschen zu gängeln: Eltern setzen das Programm Netz-Nanny ein, Arbeitgeber lesen die e-mail ihrer Angestellten mit, und Moderatoren von Diskussionslisten achten darauf, daß Beleidigungen und Obszönitäten vermieden werden. Doch Überwachungsprogramme können ausgetrickst werden, e-mails zuverlässig verschlüsselt und verbales S & M in dem privaten chat room betrieben werden. Daher ist die Netzkultur in praktischer Hinsicht eine zutiefst tolerante Kultur, da Verbote, die so leicht umgangen werden können, kaum Tugend erzwingen werden.
Erzieher sind im Netz unerwünscht, und wo sie auftauchen, müssen sie sich schon selber um Zöglinge kümmern. Allerdings besteht grosser Bedarf an intelligenten Helfern, das heißt Programmen, die wie ein guter Butler den Geschmack ihres Auftragsgebers kennen und selbständig dafür sorgen, daß alles vorhanden ist. Ein hervorragender Butler - im Film würde ihn Sir Anthony Hopkins verkörpern - würde seinen Herrn ganz unauffällig auch verbessern und nach dem Prinzip einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung dessen Niveau anheben. Internet-Butler und Netzperson werden dann in kurzer Zeit wohl immer ähnlicher, so daß die angeregte Erziehung in eine selbst-geleitete übergeht. Daß die Netzkultur den Eigensinn stärkt und den kreativen Umgang mit den Neuen Medien belohnt, kann nicht genug herausgestellt werden. Wer einen passiven Umgang mit dem Internet bevorzugt, statt sich im Netz wie ein einfallsreicher Künstler zu bewegen, verschenkt weitgehend, was die Netzkultur zu bieten hat. So sehr diese auch die Alltagskultur des realen Lebens spiegelt, es gibt einige Züge, in denen sie genuin wird und ein anderes Leben ankündigt.
Lob des unbestimmten Lebens
Theodor W.Adorno klagte einst die amerikanische Kulturindustrie an, wie er sie während seines Exils in Hollywood aus erster Hand kennengelernt hatte, Aufklärung als Massenbetrug zu betreiben. Durch die Serienproduktion würde gerade das geopfert, was ein kreatives Werk von seinem gesellschaftlichen Umfeld absondere: die Kritik der Verhältnisse. Allerdings hatte sich der Leitphilosoph der Frankfurter Schule auch nicht in seinen kühnsten Träumen ausmalen können, mit welcher Rabiatheit die Komödianten in den USA die amerikanische Lebensweise attackieren. Ob Jerry Seinfeld oder Eddie Murphy, ob Beavis and Butthead oder South Park, ob Filme wie Clerks oder Dogma - kein Tabu bleibt verschont und der kritische Blick ist erbarmungslos. In der Netzkultur setzt sich fort, was die Medienkonzerne schon in ihren Programmen nicht verhindern konnten, eine Kultur ohne Reverenz, für die der umtriebige Pimmel des Präsidenten ebenso willkommener Stoff ist wie das langsame Sterben des Kardinals. Keine Masse wird hier betrogen, denn jede Information ist zugänglich und schreit danach, verwendet zu werden. Das Problem der Netzkultur ist daher nicht das Verschweigen von Informationen, sondern die Auswahl in einer schier erdrückenden Überfülle: Niemals hört das Rauschen auf, kaum wahrgenommen, verschwindet das Bild, der Text, die Nachricht, ohne je zur Einsicht geworden zu sein. Kulturkritiker wie Jürgen Habermas beklagen das Verschwinden der kritischern Bestimmtheit und klagen die Unübersichtlichkeit der postmodernen Kultur an, ohne sich zu fragen, ob denn dieses endlose Strömen und die Wiederkehr des ewig Selben nicht viel näher an der Wirklichkeit gelebten Lebens ist als das Konstrukt einer verfaßten Kultur. Niklas Luhmann dagegen hat sich der Medienwelt, wie sie sich in der Netzkultur am deutlichsten ausspricht, mit Gelassenheit gestellt. Wir sind gegenüber den Medien keineswegs in erster Linie bloß passive Konsumenten, stellte der hellsichtige Soziologe fest, sondern organisieren eine auf uns jeweils zugeschnittene Auswahl der Informationen.fähig. Dies wird oft geringgeschätzt, da diese Selektion einer begrenzten Rationalität gehorcht, also keine Vollständigkeit anstrebt, und wir erst im nachhinein klüger sind
Aber ist es nicht gerade der Vorzug der Netzkultur, daß sie von der Begrenztheit unserer Vernunft und auch unseres gesellschaftlichen Engagements ausgeht, anstatt Maximalforderungen aufzustellen, die nur enttäuscht werden können? Wenn man den Willen zum Netz-Anschluß als Einsicht in die Vergeblichkeit unserer großen Wünsche interpretiert, eröffnet sich eine reizvolle Aussicht auf die Möglichkeiten der Netzkultur. Da werden Lebenstechniken wie selbstverständlich ausgeübt, die nichts Spektakuläres an sich haben und dennoch dem Projekt des Menschen (nicht zu verwechseln mit dem einst vielbeschworenen Projekt der Moderne) eine neue Richtung geben. Der von der Netzkultur geprägte Mensch lernt souverän mit der Unbestimmtheit umzugehen, die Nietzsche uns prophezeite: Der Mensch ist das nicht festgestellte Tier, ein Übergang, der Pfeil Zarathustras. Die Menschenzüchtern aller Glaubensrichtungen, ob gen- oder erziehungsorientiert, sollten sich daran erinnern, daß Natalität (Hannah Arendt) wie Sterblichkeit für den Menschen im Gegensatz zum Tier nicht Anfang und Ende sind, sondern Existenzialien, auf die er während seines Lebens zurückgreifen wird. Sterben kann ich ständig, und mein Tod - als Verzicht, Abschied, Flucht, Veränderung - hebt auch die beste Erziehung auf. Noch machtvoller ist meine kreative Seite, das Entwerfen von Welten, die mit Leichtigkeit das verläßt, was mir als Erbe und Auftrag gegeben wurde. Weil der Mensch das endliche Ereignis ist, wie Heidegger sagte, ist seine Offenheit nicht zu begrenzen und die Weite seines Horizontes nicht zu überbieten. Keine Bestimmung mit ihrem direkten Eingriff kann ein gelebtes Leben binden, dessen Theorien sich stets nachträglich bilden und im Augenblick ihres Enstehens bereits lächelnd aufgegeben sind. Wer in das Lob des unbestimmten Lebens einzustimmen vermag, fürchtet keine Informationsverschmutzung, sondern erfreut sich am Urstrom des World Wide Web ohne Hintergedanken.
Unaufdringlich ist die Technik im Netz, nomadisch unsere berechtigten Interessen, und indirekt die Gemeinschaft, die wir mit anderen bilden. Daß Technologien erst dann vermenschlicht sind, wenn man sie nicht mehr merken kann, ist der Grundsatz einer posttechnischen Epoche, wie sie die Visionäre des Internets ankündigen. Unsere technischen Geräte, vom Nanocomputer in der Blutbahn bis zum Super-Flugzeug, werden vernetzt, und kümmern sich um Lebensvorgänge, die zu zirkulär sind, um unserer aufmerksamen Entscheidung zu bedürfen. Es ist eine sinnlose Verschwendung menschlichen Genies, als Aufpasser für Prozesse zu fungieren, die mit interner Rückmeldung mustergültig funktionieren. Die Software wird ins Netz ausgelagert, dem individuellen Blick entzogen, und das kindliche Gejubel über jede neue techische Variante wird endlich verstummen. In der Posttechnik sind die besten Maschinen im Einsatz, und bis auf ein paar Spezialisten findet dies niemand bemerkenswert. Wer diese Beobachtung für unglaubwürdig hält, sollte einmal darauf achten, wie wenig im gesellschaftlichen Diskurs über das Wunderwerk gesprochen wird, das unsere organische Existenz bedeutet.
Die Netzkultur ermutigt eine nomadische Lebensweise. Allerdings sind es Nomaden, die überall zu Hause sind und durchaus nachhaltig mit ihrer Umwelt umgehen. Die Nomaden alten Stils, die nirgendwo zu Hause waren, und ohne Bedauern weiterzogen, wenn sie ihre Umgebung vernutzt hatten, sind im Netz nicht erwünscht (es gibt diese Schmarotzer und unweigerlich werden sie durch kostenlose Angebote angezogen). In die virtuelle Kultur bringt man sich selber ein, von der eigenen Webseite bis hin zu den geheimsten Wünschen, für die man lediglich den richtigen chat room finden muß. Hatte man in den Anfangsjahren des Netzes noch vielfach kritisch angemerkt, daß der Cyberspace leibfeindlich sei, so ist davon heute nur bei oberflächlichen Beobachtern noch die Rede. Die so aufwendigen wie putzigen Geräte, mit denen Körperkünstler ihren Beitrag zum Cybersex leisten wollten, sind endgültig museal geworden. Anthropologen der virtuellen Welt wie Sandy Stone vom ACTLAB der Universität Austin haben erfolgreich demonstriert, daß das menschliche Leibgefühl nirgendwo mehr gebraucht und eingesetzt wird als beim Surfen im Netz. Daß Sex eine Schöpfung unserer Einbildungskraft ist, deren biologischer Ausdruck erst durch Raffinesse reizvoll wird, hat sich noch nicht überall herumgesprochen. Ein Gedanke ist ohne Empfindung von schulmeisterlicher Langweile, und um unser Interesse auch nur zu halten, muß das Angebot auf dem Bildschirm das Leben in seiner ganzen Fülle evozieren. Wie aber wäre dies anders möglich als durch die Präsenz unserer unbewußten Biographie, durch den sofortigen Aufruf der sinnlichen Qualitäten, die wir seit dem Mutterleib in uns angereichert haben. Hegelisch gesprochen, findet im nomadischen Netzleben ein nachhaltiger Verzehr statt, denn unsere Eigenproduktion übersteigt den Fremdverbrauch.
Generation der Freunde
Das soziale Leben zu intensivieren, ist vielleicht der wichtigste Zug der Netzkultur. Oft angefeindet als solipsistisch vereinzelndes Medium, hat das Internet doch in Wahrheit eine althergebrachte Art von Gemeinschaft wiederbelebt, die sachlich als Freundeskreis beschrieben werden kann. In die virtuellen Gemeinschaft wird man nicht durch Sozialisation aufgenommen, sondern man sucht sich, hat man die Basistechniken des Netzes gelernt, seinen eigenen Kreis. Um diesem anzugehören, braucht man seine Individualität nicht aufzugeben, im Gegenteil, denn die Wertschätzung der eigenen Person ist die Voraussetzung dafür, als Freund aufgenommen zu werden. Die Netzkultur ermöglicht einen sozialen Umgang von einer Art, die bisher Bildungseliten vorbehalten war, indem es jedem einzelnen die Auswahl derjenigen Personen überläßt, mit denen man kommunizieren will. Welch eine Erleichterung, nur mit denjenigen reden zu müssen, welche die gleiche Sprache sprechen, und unübertrefflich ist die Qualität solcher Beziehungen. Elitär ist daran nichts, denn jeder kann Diskussionsforen und Mailinglisten seines Geschmacks finden und selber eröffnen. Auch die Gefahr einer kulturellen Abschottung ist gering, ist man doch in der Netzkultur stets im Stadium des Zwischen und Freundschaften nicht auf Dauer angelegt sind. Der Offenheit der Vernetzung und der Durchlässigkeit zwischen den Netzwelten entspricht eine indirekte Kommunikation, die den Anderen wahrnimmt und schätzt, aber nicht vereinnahmt. Avital Ronell hat in dem rhetorischen Akt des Grüssens eine solche Anteilnahme analysiert und unterstrichen, daß man freundschaftlich gerade dann miteinander verbunden ist, wenn man eine gewisse Distanz nicht aufgibt. Die Rehabilitierung der Höflichkeit als soziale Geste ist mit der Netzkultur gut zu vereinbaren.
Wie aber steht es mit der Solidarität, hätte sie nicht auch den Benachteiligten und Zukurzgekommenen zu gelten, die gemäß der Mitleidsethik Schopenhauers von den Glücklichen nur durch den vergänglichen Augenblick zwischen Glück und Unglück getrennt sind? Aber diese Warnung vor der Illusion, sich vom Unglück des anderen verschont zu glauben, spricht gerade auch für die Generation von Freunden, die miteinander menschlich umgehen, ohne durch direkte Eingriffe ihre soziale Kompetenz zu überschreiten. Diese vorsichtige Enthaltung, durchaus typisch für die Netzkultur, wird anstössig bleiben für alle, die sich berufen fühlen, anderen Menschen ein besseres Leben vorzuschreiben. Aber sie ist vermutlich die einzige Weise, die für einen Netzbewohner, dem die Freiheit der Wahl nicht mehr zu nehmen ist, zumutbar erscheint.
Biographische Notiz:
Professor Dr.Wolfgang Schirmacher lebt in New York, hat an der New School for Social Research und an der New York University gelehrt und ist gegenwärtig Dekan des Fachbereichs für Medien und Kommunikation an der European Graduate School (www.egs.edu).
Konto Hamburger Sparkasse (BLZ 200 505 50) Nr. 1282 491172