REZENSION: Reinhard Margreiter, Erfahrung und Mystik. Grenzen der Symbolisierung. Akademie Verlag, Berlin 1997, 645 Seiten


Mit dieser großangelegten Studie, der überarbeiteten Fassung einer von der Berliner Humboldt-Universität 1994 angenommenen Habilitationsschrift, ist das Phänomen der mystischen Erfahrung in die Philosophie zurückgekehrt. Seit Jahrtausenden wurde das philosophische Denken beunruhigt von Intuitionen, die vom Gefühl der Gewißheit begleitet sind, und unwiderleglichen Einsichten, die aus dem Nichts zu kommen schienen. Diese Beunruhigung war um so stärker als die großen Philosophen immer wieder durchblicken lassen, wie sehr sich ihre Systeme einer vorgängigen Einsicht verdanken, die durch den Diskurs der Vernunft prinzipiell ungenügend wiedergegeben wird. Eine mystische Erfahrung scheint am Ursprung jeder originären Philosophie zu stehen, aber darüber zu sprechen würde nicht nur jeden Obskurantismus, wie er heute als New Age auftritt, ermutigen, sondern diese Erfahrung selbst verfehlen. So entstand die paradoxe Situation, daß die Philosophen niemals direkt zum Thema machten, was sie doch zum Denken ermächtigte hatte, und doch nicht umhin konnten, immer wieder "Winke" (Martin Heidegger) zu geben auf ein Geschehen, über das man nicht sprechen darf. Margreiter hat sich mit diesem notorischen Beiseitesprechen nicht abgefunden, sondern das Recht des Philosophen beherzt in Anspruch genommen, jedes Phänomen zu untersuchen, wie tabuisiert oder geringgeschätzt es auch sein mag.

Herausgekommen ist dabei zunächst eine höchst gelehrte Arbeit, die alles zusammenträgt, was vor und nach Kant zur Mystik gesagt wurde, und sachkundig kommentiert, wie diese Texte im Kontext zu verstehen sind. Insofern ist Margreiters umfangreiches Buch selbst zur verläßlichen Quelle geworden für alle, die sich heute mit der Mystik und ihren Spuren im philosophischen Denken auseinandersetzen wollen. Aber dieser philosophiehistorische Vorzug ist eher ein Nebenprodukt, denn Margreiters erklärte Absicht ist eine systematische Klärung des Phänomens der mystischen Erfahrung. Nachdem er im Ersten Buch die Fragen des methodischen Zugangs geklärt, die klassischen Mystiktexte und die gegenwärtige Diskussion ausgewertet hat, wendet er sich im Zweiten Buch einer Phänomenologie und Theorie von Erfahrung und Mystik zu. Überraschend fruchtbar ist, wie er dabei Edmund Husserl und Ernst Cassirer zusammenbringt, den Aufweis der Lebenswelt mit der Theorie der symbolischen Formen. Wie wird Erfahrung konstituiert? Dazu entwickelt Margreiter, indem er noch William James, Henri Bergson, A.N.Whitehead, Susanne Langer, Nelson Goodman und Oswald Schwemmer heranzieht, die Grundzüge einer prozessual-symbolisch-medialen Erfahrungstheorie, wie sie sich lebensweltlich zeigt. In diesem Horizont befragt er erneut das Phänomen der Mystik, das er nicht als das "Andere der Vernunft" gleich jeder Diskussion entzieht, sondern als einen Spezialfall allgemeiner Erfahrung auffaßt.

Mit Cassirer geht Margreiter davon aus, daß der Mensch ein "animal symbolicum und seine Gesamttätigkeit das Symbolisieren ist" (548). Auch in der phänomenologischen Tradition – besonders bei Heidegger und Hans-Georg Gadamer – ist dieser Universalanspruch der Sprache erhoben worden. Bei Cassirer - und in Margreiters Deutung – wird dieser Anspruch auf Rationalität insgesamt ausgedehnt und zugleich als eine (kulturelle) Tätigkeit präzisiert: "Unser 'verstehendes In-der-Welt-Sein' läßt sich als autopoietischer Symbolisierungsprozeß darstellen" (549). Welcher symbolischen Tätigkeit gehen wir dann im Falle der Mystik nach? Nach Margreiter ist Mystik phänomenal ein "Rücknahme-Versuch von Symbolisierung als solcher und im ganzen" (548). Die gewohnte Weltorientierung mit Hilfe symbolischer Formen und die Sinnstiftung durch Sprache soll zurückgenommen werden zugunsten einer 'unio mystica', der Vereinigung mit dem Ganzen. Sein und Nichts werden identisch, und das entgrenzte Ich wird eins mit der Wirklichkeit, unsere "Einblick in das was ist" (Heidegger) ist nicht länger bloß vermittelt, alle Ordnungen erweisen sich als reversibel. Margreiter bestimmt diesen Befreiungsschlag als eine "Implosion" des Symbolischen, die jede Verschiedenheit – Grundlage der Symbolisierung – auslöscht. Somit führt uns die mystische Erfahrung gleichzeitig zum "Grund" und "Abgrund" der menschlichen Existenz. Dies erklärt für Margreiter den "extremen Gefühlsgehalt" der mystischen Erfahrung, die der einzelne wie eine Offenbarung erlebt.

In Margreiters Analyse täuscht sich der Mensch über das, was er erlebt, solange er nicht zugesteht, daß der nunc stans, der ewige Augenblick, vom zeitlichen Augenblick unverzüglich abgelöst wird. Die mystische Erfahrung ist daher auch immer eine Erfahrung des Scheiterns. Es ist brillant, wie es Margreiter gelingt, dieses notwendige Scheitern der Mystik aufzuweisen, ohne doch die Unverfügbarkeit der mystischen Erfahrung zu bestreiten, oder gar die Mystik selber rationalitätstheoretisch zu denunzieren. Daß ein Scheitern höchst produktiv sein kann, zeigt der Autor am Beispiel der Mystik in überzeugender Weise. Als "Grenzgang" des Symbolsierens ist die Mystik durchaus Moment des alltäglichen Rationalitäts- und Erfahrungsprozesses , und lebensweltlich kommen mystische Erfahrungen, jedenfalls in ihrer Kleinmünze als blitzartiges Verstehen und gewisse Einsicht, doch ständig vor. Daß die Wirklichkeit nicht so sein muß, wie unser Symbolisieren sie erschafft, und jedes vorgegebene Sprachsystem zerbrochen werden kann (vorbildlich durch die Dichter), ist ein wesentlicher Zug unserer Freiheit. Aber die Rücknahme der fixierenden Symbolisierung, die deren Abgründigkeit aufblitzen läßt, kann selbst niemals von Dauer sein: "Die Grenzen der Symbolisierung zeigen sich darin, daß es kein Jenseits des Symbolischen gibt" (549). So erlaubt die scheiternde Erfahrung der Mystik besser zu verstehen, wie Rationalität und Erfahrung konstituiert sind. Margreiters Pointe ist, daß die als irrational verteufelte Mystik, als Erfahrungsphänomen vergessen und philosophisch unterschätzt, durchaus einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis des Symbolisierens selber leisten kann.

Margreiters Werk zum Verhältnis von Mystik und symbolischer Erfahrung ist ein großer Wurf, der die philologische Stärke der Fachphilosophie mit einem genuin aufmerksamen Verständnis für ein Phänomen verbindet, das weit über das Fach hinaus Bedeutung hat. Man kann sich zum Beispiel vorstellen, wie diese Schärfung des Blicks für unterschiedliche Rationalitätsformen und die Grenzen der Symbolisierung in eine neuartige Medientheorie eingebracht werden kann.

Wolfgang Schirmacher (New York)

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