"Auschwitz (hat) das Mißlingen der Kultur unwiderleglich bewiesen. Daß es geschehen konnte, inmitten aller Tradition der Philosophie, der Kunst und der aufklärenden Wissenschaften, sagt mehr als nur, daß diese, der Geist, es nicht vermochte, die Menschen zu ergreifen und zu verändern. In jenen Sparten selber, im emphatischen Anspruch ihrer Autarkie, haust die Unwahrheit. Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll." (ND,Modelle III, Abs.2)
"Solidarität mit den Leidenden" (Horkheimer) und radikales "Gegendenken" war das einzige, was unter Verhältnissen zu erreichen sei, die "verrottet bis in den Kern" (Adorno) sind. Die anhaltende Anziehungskraft der Kritischen Theorie verdankt sich nicht zuletzt dieser existentiellen Geste, mit der jede neue Generation spontan und ungeschützt auf die empörende Ungerechtigkeit des Lebens reagiert. Man weist alle Beschwichtigungsversuche ab und will etwas tun. Zum Mißbehagen dogmatischer Marxisten ging es der Frankfurter Schule dabei nicht um Klassenkampf oder Umverteilung von ökonomischer Ressourcen, sondern um eine grundlegenden Ablehnung von Zuständen, die menschenunwürdig sind, und mit denen man sich nicht versöhnen kann. Gesellschaft, Wirtschaft, Technik, Wissenschaft und Kultur gerieten auf die Anklagebank. Deren so scharfsinnige wie schonungslose Analyse mit den Mitteln von Philosophie, Soziologie, Psychoanalyse und Literaturwissenschaft bildete den Kern der Kritischen Theorie. Keiner Partei als "Vorhut der Arbeiterklasse" wurde eine wirkliche Besserung der Verhältnisse zugetraut, da sie nicht zuerst durch die "große Weigerung" hindurchgegangen sei, die Herbert Marcuse für einen optimistischen Augenblick in den 60iger Jahren den rebellischen Studenten von Berkeley und Paris zutraute.
Der bedeutendste Philosoph der Frankfurter Schule war zweifellos Adorno[2] und seine "negative Dialektik" versteht sich als tapfer als "Philosophie im Angesicht der Verzweiflung". Gegen den Hegel, den Begründer der modernen Dialektik und Anwalt der allumfassenden Synthese, hat Adorno pointiert darauf beharrt, daß das Ganze das Unwahre sei. Ursprünglich angezogen von der Phänomenologie Husserls, wandelte er sich unter dem Einfluß von Walter Benjamin zum Marxisten und baute seit 1931 zusammen mit dem engsten Freund Horkheimer das Institut für Sozialforschung auf. Doch geschichtsphilosophisch blieb Adorno ein Skeptiker. Seine Dialektik verweigert nicht nur ein positives Ergebnis, sondern fordert das identifizierende Denken zum Widerruf auf. "Denken heißt identifizieren", räumt Adorno zwar ein, um dann umso nachdrücklicher zu verlangen: "Dialektik ist das konsequente Bewußtsein von Nichtidentität" (ND Einleitung 3). Diese konsequente Verweigerung des kommunikativen Einverständnisses sowie der Widerstand gegen die Einverleibung der Dinge, wie es Subjekt und Denken eigen ist, teilt Adorno mit postmodernen Philosophen der Differenz wie Jacques Derrida und Jean-François Lyotard - nicht immer zur Freude heutiger Vertreter der Frankfurter Schule wie Jürgen Habermas. Adorno wollte das Besondere, Nichtidentische und Inkommensurable gegen den totalitären Zugriff des ontologischen Identitätsdenkens schützen, ohne jedoch den Bezug zur gesellschaftlichen Praxis damit abzuschneiden. Die Welt, wie sie ist, und das alltägliche Leiden sollte das Denken nicht ungerührt lassen, im Gegenteil:
Erheischt negative Dialektik die Selbstreflexion des Denkens, so impliziert dies handgreiflich, Denken müsse, um wahr zu sein, heute jedenfalls, auch gegen sich selbst denken. Mißt es sich nicht an dem Äußersten, das dem Begriff entflieht, so ist es vorweg vom Schlag der Begleitmusik, mit welcher die SS die Schreie ihrer Opfer zu übertönen liebte. ND Med III, 1
Im Unheil der Realität das Moment des Wahren aufzuspüren, hat Adorno von der Kunst gelernt und für seine Philosophie beherzigt: "Es liegt in der Bestimmung negativer Dialektik, daß sie sich nicht bei sich beruhigt, als wäre sie total; das ist ihre Gestalt von Hoffnung" (ND, drittletzte Seite). Die Kraft ästhetischer Erfahrungen hat der Sohn einer Opernsängerin am eigenen Leib erfahren. Seiner Herkunft und früher Neigung nach wollte er Musiker werden, studierte in Wien beim Komponisten Alban Berg und ließ sich zugleich zum Konzertpianisten ausbilden. Das wunderkind glänzte schon mit 18 Jahren als Musikkritiker. Doch dann wechselte Adorno zur Philosophie, promovierte als Zwanzigjähriger und "Kierkegaard: Construction of the aesthetic" (1933) hieß sein erstes Meisterwerk vor. In der Kunst läßt sich die Spiegelschrift einer ganz anderen Welt erkennen, als "sinnliche Erscheinung des in der Erfahrung zerstreuten Sinnes". Anders als die Postmoderne, hielt Adorno am dialektischen Unterschied von Kunst und Leben fest, deren Wechselspiel von Aneignung und Abstoßung nicht anzuhalten ist. "Kunst greift gestisch nach der Realität, um in der Berührung mit ihr zurückzuschrecken", heißt es im Fragment gebliebenen Nachlaßwerk "Aesthetic Theory" (1970). Immerhin hoffte Adorno, daß die avantgardistische Kunst der letzte Zufluchtsart der Wahrheit sein könne. Der Schöngeist (dandy?) und Musikkenner konnte der populären Kunst allerdings wenig abgewinnen, und sein vernichtend ungerechtes Urteil über den Jazz hat sich oft genug gegen ihn selbst gekehrt. Einen "lebenspraktischen Umgang" mit der Kunst lehnte Adorno als "banausisch" ab. Auch hat er sich bewußt nicht darum bemüht, leicht verständlich zu schreiben, sondern sein philosophischer Stil ähnelt eher der Musik von Arnold Schönberg, die er liebte: Adornos Schriften werden durchsichtig und genießbar allein für diejenigen, die sich die Mühe machen, schwierige Grundbegriffe und anders lesen zu lernen. Jedoch trotz seiner harschen Kulturkritik in den in der "Dialectic of Enlightenment" und "Minima Moralia" (1951) war Adorno kein elitärer Mandarin, der nur vorgab, Marxist zu sein, sondern ein sensibler Seismograph, der schon in den 40iger Jahre die Problematik der mass culture präzise anzeigte. Mit dem Institut für Sozialforschung war Adorno zunächst nach New York gegangen, landete dann aber ausgerechnet in Hollywood, wo er die neuesten Filme entstehen sah und die Machenschaften der culture industry aus nächster Nähe beobachten konnte. Zitat aus Minima Moralia
1949 kehrte Adorno nach Deutschland zurück. Im amerikanischen Exil hatte er neben der "Dialectic of Enlightenment" auch an den bahnbrechenden Studie "The Authoritarian Personality" (1950) gearbeitet, die seinen Ruf als empirischer Soziologe festigte. In das geistig-politische Klima in der Bundesrepublik war nicht günstig für die Vertreter der Kritischen Theorie, und erst 1956 wurde Adorno an der Universität Frankfurt zum ordentlichen Professor ernannt (tenured), nachdem sein Freund Horkheimer dort von 1951-53 Rektor gewesen war. Als die maßgeblich vom einstigen Institutsmitglied Marcuse beeinflußte amerikanische Studentenbewegung auf Deutschland übergriff, entdeckten die Rebellen auch die Schriften der anderen Mitglieder der Frankfurter Schule wieder. Die verschollene "Dialectic of Enlightenment" erschien als Raubdruck, Walter Benjamins Werke erlebten eine überraschende Renaissance, und Adornos junger Assistent Habermas profilierte sich als durchaus auch kritischer Wegbegleiter der Studentenbewegung. Adornos Studenten sah man in vorderster Reihe auf den Barrikaden. Für einige Jahre wurde die Frankfurter Schule, was sie nie hatte sein wollen, eine herrschende Ideologie, die keine anderen Götter neben sich duldete. Adorno setzte sich im "Positivismusstreit" gegen die deutschen Anhänger des kritischen Rationalisten Karl Popper durch, und die einst tonangebende Schule um Martin Heidegger verschwand in der Versenkung. Der antiautoritäre Habitus schlug an den Universitäten jedoch bald in Verfolgung Andersdenkender um. Adorno schauderte es vor den Geistern, die sich von ihm gerufen glaubten und ihren "Aktionismus" mit Zitaten aus seinem Werk rechtfertigten. Besonders empörte es den Freidenker, als barbusige Studentinnen aus Protest gegen das "Patriarchat" seine Vorlesung sprengten. Tief gekränkt zog sich der Philosoph in die Sommerfrische nach Wallis in die Schweiz zurück und ist dort im Sommer 1969, erst 65 Jahre alt, gestorben. Seine anhaltende Nachwirkung beruht vor allem auf einer unter Philosophen seltene Sensibilität, mit der er die ewigen Fragen der Philosophie mit der Liebe des Künstlers zum Besonderen verbindet. Adorno ist nicht deswegen ein nachmetaphysischer Denker, weil er wie die heutige Frankfurter Schule die "Große Philosophie" aussparte, sondern weil er den Eigenheit des Besonderen gegen jede theoretischer Bewältigung zu schützen wußte. "Solches Denken ist solidarisch mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes", lautet der Schlußsatz der "Negative Dialectic". Daß der Leitphilosoph der Frankfurter Schule trotz einer 33bändigen Gesamtausgabe keine Lehre hinterlassen hat, sondern durch sein Vorbild die "Negation" als Königsweg zum wahrhaft "kritischen Denken" erwies, ist seine Stärke, keine Schwäche.
War Adorno der geniale Kopf, so war der acht Jahre ältere Mistreiter Horkheimer das unbestrittene Schaltzentrum und der umsichtige Manager der Frankfurter Schule. Der Sohn eines Textilfabrikanten war zunächst in die väterliche Firma eingetreten, holte später das Abitur und studierte Philosophie in Frankfurt und Freiburg. Die Phänomenologie Husserls und der Neukantianismus gehörten zu Horkheimers akademischer Ausbildung, aber die entscheidenden Paten der Kritischen Theorie waren zwei Philosophen des 19.Jahrhunderts, die unterschiedlicher nicht sein konnten: Karl Marx und Arthur Schopenhauer. In his key essay "Traditional and Critical Theory" (1937), setzt sich Horkheimer entschlossen von einer Theorie ab, die nicht für die Aufhebung der herrschenden Ungerechtigkeit kämpfen will. Im Jahr 1930 wurde der soeben zum Professor an der Universität Frankfurt ernannte Philosoph auch zum Direktor des 1924 gegründeten Instituts für Sozialforschung berufen, zu dessen Kernteam auch Herbert Marcuse, Leo Löwenthal, Friedrich Pollock und Erich Fromm (bis 1939) gehörten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde das Institut, das sich durch Spenden (grants) finanzierte, zuerst nach Genf, dann an die Columbia University in New York und später nach Kalifornien verlegt. Für zahlreiche deutsche Emigranten in den USA wurde das Institut zum Zufluchtsort und half, ihr Überleben zu sichern. Auch Walter Benjamin in Paris und Norbert Elias in Zürich zählten auf die Unterstützung durch Horkheimer. Die von den Mitarbeitern des Instituts verfaßten fünf Bände "Studies in Prejudice" (1949-50) beschäftigten sich mit der psychological and sociological dynamics of the authoritarin personality, of anti-semitism well as propaganda.
In der "Dialectic of Enlightenment" hatten Adorno und Horkheimer eindringlich dargestellt, wie zerstörerisch sich die naturverfallene Naturbeherrrschung einer Aufklärung auswirkt, die Vernunft auf wissenschaftliche Rationlität einengt. In seinem Hauptwerk "Eclipse of Reason" (1947), das auf Vorlesungen an der Columbia University beruht, hat Horkheimer seine bold Kritik an der instrumentellen Vernunft vertieft. Im Übergang zur verwalteten Welt und zu einer vollautomatisierten Gesellschaft sah er den "Untergang des Individuums" und die Unterjochung des Menschen durch die Technik auf uns zukommen. Wissenschaftlicher Fortschrittswahn und totalitäre Politik zerstören die westliche Zivilisation. "Wo Theorie nicht dem Menschen dient, ist Lebensferne, Engherzigkeit, Borniertheit", erklärte der streitbare Philosoph. Im Gegenzug entwarf Horkheimer eine Geschichtsphilosophie, die ohne Heilsgewißheit auskommt und doch die Utopie eines "solidarischen Lebens" retten will. "Am Ende des Fortschritts der sich selbst aufhebenden Vernunft bleibt nichts mehr übrig, als der Rückfall in Barbarei oder der Anfang der Geschichte", betonte der skeptische Moralist, der Marx mit Schopenhauer korrigieren wollte. Horkheimers illusionsloses Fazit war: "Die Aufklärung ist ausgezogen, um Lüge und Mythos zu zerstören und Freiheit und Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Aber als ihr Zerstörungswerk getan war, mußte sie erkennen, daß Freiheit und Wahrheit selbst zu jenen Mythen gehörten." Eine Rückkehr zu kreativen Träumen und freiwilligen Verboten empfahl der späte Horkheimer und setzte auf eine "Vernunft des Leibes" (Nietzsche), die dem Zwang zum System entronnen ist. Doch er vergaß auch den Alptraum unserer Existenz nicht und in den posthum veröffentlichten "Notizen" (1974) findet sich der schroffe Satz: "Über die ganze Welt und bis zur Sonne hinauf macht das radikal Böse in der Welt als Herrschaft über alle Kreatur sich geltend."
Zwischen Hoffnung und Verzweiflung pendelten ständig die Vertreter der Kritischen Theorie, und wenn Horkheimer und Adorno schwarz in schwarz malten, setzte Walter Benjamin seine messianische Geschichtsphilosophie dagegen. Paul Klee's Angelus Novus begrüßte Benjamin als "angel of history", der uns zeigt: Das Zukünftige ist schon da. Die "Aura" der Kunst ist zerfallen, und die Neuen Barbaren tragen das Gesicht von Mickey Maus. "Zerstören verjüngt", kommentierte Benjamin und seine Kulturkritik versagte sich dabei jedes anachronistische Wehgeschrei. Photographie und Film veränderten unsere Wahrnehmung und zertrümmerten die "Aura", die auch dem "Schock" der Dadaisten nicht gewachsen sei. Angesichts der "Erfahrungsarmut" werde der moderne Mensch zum "Konstrukteur", der mit "Wenigem" auskomme und "von Neuem" anfange. Der philosophische Spaziergänger, dessen "Passagen-Werk" durch immer neue Manuskriptfunde einer unendlichen Geschichte zu gleichen beginnt, ist auf keinen "theologischen Glutkern" (Adorno) zu reduzieren. Der Literaturwissenschaftler und Philosoph hat im "Steinbruch" der Vergangenheit gearbeitet und rettende "Widerstandsbilder" entworfen. Benjamins "materialistische Theologie" (Gershom Scholem) wollte das "vergessene Menschliche" in eine "erfüllte Jetztzeit" einbringen. Sein "mikrologischer Blick", den er mit Norbert Elias teilt, entdeckte im Verborgenen, Flüchtigen, Entlegenen die Signatur der Zeit. Benjamins Werk blieb Fragment, denn der Ästhetiker wollte die Spuren der Welt lesen, nicht philosophische Systeme errichten. Die Aktualität Benjamins besteht für Literaturkritik, Medientheorie und Philosophie in dessen "Witterung" für das "Konstruktive" im gigantischen "Trümmerhaufen", den wir Fortschritt nennen.
Der in Berlin als Sohn eines Bankiers geborene Benjamin wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen auf und blieb zeitlebens ein verwöhntes Kind. Der "Idealtypus des gescheiterten Intellektuellen" (Fritjof Hager) konnte sich nicht anpassen und galt selbst seinen Freunden als kauziger Zauderer von "chinesischer Höflichkeit". Benjamin wurde von Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Theodor W. Adorno und Hugo von Hofmannsthal geschätzt, aber die akademische Zunft lehnte seine wichtigsten Schriften zu "Goethes Wahlverwandtschaften" (1924/25) und über den "Ursprung des deutschen Trauerspiels" (1928) wegen "Unverständlichkeit" ab. Benjamins folgenreichster Essay "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" (1935) enthält einen vehementen Angriff auf die bürgerliche Bildung und ein Lob der neuen Techniken, mit denen die Tradition überlistet werden kann. Auf der Baleareninsel Ibiza hatte der Emigrant Benjamin 1933 eine kurze glückliche Zeit verbracht und sich als "Mitschöpfer der Natur" fühlen dürfen. Er kehrte nach Paris zurück, für Benjamin, die "Hauptstadt des 19. Jahrhunderts", die dank Dichter wie Baudelaire zugleich einen Schlüssel zum 20. Jahrhundert anbot . An diesem magischen Ort verfaßte er die Thesen "Über den Begriff der Geschichte" (1940), die sein Vermächtnis werden. Als die Flucht vor den Nazis über die Pyrenäen scheiterte beging Benjamin im spanischen Port Bou Selbstmord. Das Resümee seines Lebens war: "Niederlage im Großen, Siege im Kleinen". Adorno sorgte 1955 mit einer umstrittenen zweibändigen Auswahl "Schriften" dafür, daß die Einsichten seines so tragisch geendeten Freundes nicht in Vergessenheit gerieten. Die enttäuschten 68iger fanden schließlich in Benjamin eine Identifikationsfigur, dessen hochgelehrte und inzwischen vorbildlich editierte Werke den "Glücksanspruch" nicht preisgeben will. Eine weltweite Benjamin-Renaissance war die Folge.
Zu denjenigen, die an das weltverändernde Utopische bis zuletzt geglaubt haben, gehörte auch Leo Löwenthal, der als letzte der Denker der Frankfurter Schule 1993 hochbetagt gestorben ist. Der Arztsohn aus Frankfurt promovierte 1923 mit einer Arbeit über den Religionsphilosophen Franz von Baader, gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Instituts für Sozialforschung und war seit 1926 Redakteur der "Zeitschrift für Sozialforschung". Der enge Freund Marcuses blieb nach dem Krieg in den Staaten und lehrte seit 1956 Soziologie in Berkeley. Seine Arbeiten zur Literatursoziologie und Massenkommunikation gehören zur Standardlektüre. Gegen die geschlossene Front der irrationalistischen Literaturtheorie seiner Zeit wendete er sich einer Sozialgeschichte des Dichters zu. Seine Arbeiten zu Balzac und Zola, Hamsun und Dostojewski gehören zu den produktiven Grenzüberschreitungen, für die er berühmt war. Löwenthals Hauptinteresse galt einer betont ideologiekritischen Textanalyse, die er auf Werbung und Massenkultur ausweitete, und einer. Im Auftrag des amerikanischen Außenministeriums analysierte Löwenthal während des Zweiten Weltkrieges die deutsche Propaganda. Kritische Theorie verstand Löwenthal als "Anzeige und Charakterisierung einer infamen Welt". Sein empirischer Befund könnte kritischer nicht ausfallen:
Was auf den ersten Blick als eine recht harmlose Welt der Unterhaltung und des Konsums erscheint, erweist sich bei näherer Betrachtung als ein Reich seelischen Terrors, in dem die Massen die Geringfügigkeit und Bedeutungslosigkeit ihres Alltagslebens einzusehen haben. Werbung und Terror bilden in der Welt der Superlative eine unauflösliche Einheit.
Löwenthals Maximen zur Kulturindustrie setzen Adornos Kritik fort, aber zeigen auch ein Vertrauen in die rettende Kraft der Kunst, die der Massenkultur entgegengesetzt wird. Die technische Vervielfältigung künstlerischer Produktionen konnte er wenig abgewinnen, umso mehr schätzte er den Künstler als Randfigur und seine Kunst als sozialethisches Alternativangebot zu den moralisch gleichgültigen Kräften des Marktes: "Kunst ist wirklich die Botschaft... des gesellschaftlich nicht Erlösten, ist in der Tat das große Reservoir des geformten Protestes gegen das gesellschaftliche Unglück, der die Möglichkeit des gesellschaftlichen Glücks durchschimmern läßt." Die These, daß die Geschichte von den Siegern geschrieben wird, hält Löwenthal in Kunstwerken für zurückgenommen: "Im Kunstwerk artikuliert sich die Stimme der Verlierer im Weltprozeß, die hoffentlich einmal die Sieger sein werden."
Der weltweit wirkmächtigste Denker der Frankfurter Schule war Herbert Marcuse, den sein ehemaliger Lehrer Martin Heidegger so charakterisierte: "Einer meiner besten Schüler, leider durch Freud verdorben." Eine neue Sensibilität, mit deren Hilfe sich die moderne Technik zur freien Lebenskunst wandelt, erhoffte sich der Mitbegründer der Kritischen Theorie. Ein visionärer Technikphilosoph und Philosoph der Bewußtseinsrevolution, verband Marcuse Marx mit Freud, die innere mit der äußeren Befreiung. Die Kraft der Verneinung erklärte der gebürtige Berliner und jüdische Antifaschist zur Grundlage einer Ästhetik der Freiheit. Als geistiger Vater der weltweiten Studentenbewegung war der eher phänomenologische als ideologische Anhänger von Marx in den sechziger Jahren mit Kultbüchern wie "Eros und Zivilisation" (1955) und "Der eindimensionale Mensch" (1964) bekanntgeworden. Die Hippies erfreute Marcuses Verlangen, daß der Eros nicht unterdrückt werden und Kultur nicht auf Triebverzicht aufgebaut sein dürfe. Doch seinen Hedonismus wollte der politische Philosoph, der die Marxschen Jugendschriften der Vergessenheit entrissen hatte, durch kompromißlose Gesellschaftskritik ergänzt wissen. "Vernunft und Revolution" (1941) schließen sich nicht aus, zeigt Marcuses Rückblick auf Hegel. Zur Bibel der linken Zivilisationskritiker wurde "Der eindimensionale Mensch", eine hellsichtige Vorschau auf den heutigen Sieg des kapitalistischen Systems. Da jeder Protest vom Kapitalismus aufgefangen und in eine neue Ware verwandelt wird, empfahl Marcuse nach dem Vorbild der authentischen Kunst die Große Weigerung. Vom Klassenkampf hielt der romantische Realist wenig, aber den idealistischen Studenten traute er zu, sich aus Ekel über die obszöne Überflußgesellschaft mit den Ausgebeuteten, Geächteten und Arbeitsunfähigen zu solidarisieren. Gegen die "Repressive Toleranz" (1966) einer Spaßgesellschaft, die uns um unsere Autonomie betrügt, setzte Marcuse auf eine ästhetische Revolution, die Sinne wie Bewußtsein radikal verändert. Kunstwerke können Revolutionen nicht ersetzen, aber "Die Permanenz der Kunst" (1977) wird durch ihre andauernde Rebellion gegen die Gesellschaft gestiftet. Der Philosoph hat dabei die subversive Rolle der Popkultur schon früh hervorgehoben.
Als Guru für Revolutionsgläubige taugte Marcuse allerdings nicht, denn dazu kannte er die philosophischen Klassiker zu gut. Literatur und Philosophie studierte der Sohn aus gutem Haus in Berlin und Freiburg, und seine stärkste Prägung erhielt er durch die Freiburger Phänomenologen Husserl und Heidegger. Nach einer Dissertation über den deutschen Künstlerroman versuchte Marcuse vergeblich, sich bei Heidegger zu habilitieren. Er wandte sich der Psychoanalyse zu, begeisterte sich für den frühen Marx und kam in enge Berührung mit Adorno und Horkheimer, die ebenso wie er Phänomenologie und Historischen Materialismus in eine Kritische Theorie aufgehen ließen. Als das Frankfurter Institut für Sozialforschung vor Hitler fliehen mußte, ging auch Marcuse mit ins Exil und kam über Paris 1934 nach New York. 1940 nahm der Philosoph die amerikanische Staatsbürgerschaft an, und 1954 wurde er an die Brandeis University berufen. Als einer der schärfsten Kritiker des Vietnamkrieges von der Universität entlassen, nahm Marcuse 1965 eine Professur in San Diego an. Von Kalifornien aus brach der berühmt gewordene Philosoph, der unerschütterlich zu den aufmüpfigen Studenten hielt und den verknöcherten Kommunismus verlachte, zu ausgedehnten Vortragsreisen auf. In Berkely, Berlin und Paris ermutigte Marcuse die "Neue Linke", gegen die Predigt der Gewaltlosigkeit das Recht auf Befreiung hochzuhalten, ohne doch in Terrorismus abzugleiten. Unermüdlich unterstützte der Kritiker des Vietnam-Krieges den außerparlamentarischen Widerstand. Im Juli 1979 ist Marcuse während eines Sanatoriumsaufenthalts in Starnberg bei München gestorben. In den zwei Jahrzehnten seit seinem Tod hat die Postmoderne spielerisch den Ödipus-Komplex überwunden, der die falschen Autoritäten schuf, aber nur halbherzig ist diese Befreiung in Marcuses Sicht, fehlt es ihr doch an der "vitalen Solidarität" eines gesellschaftlich gelebten Lebens.
Norbert Elias war der unbekannteste der bedeutenden Denker der Frankfurter Schule. Er war 1924 in Breslau mit einer Arbeit über die "Idee und Individuum" promoviert worden und hatte als postdoc bei Husserl in Freiburg und Karl Jaspers in Heidelberg studiert. 1930 wurde Elias in Frankfurt Assistent des Wissensoziologen Karl Mannheim geworden und gehörte zum Diskussionskreis des Instituts für Sozialforschung. Vor den Nazis floh er 1933 erst nach Paris, ab 1938 lebte und lehrte er in England, und nach seiner Emeritierung forschte er in Amsterdam. Doch mit der Verleihung des ersten Adorno-Preises 1977 geriet der fast Unbekannte ins Licht der Öffentlichkeit und wurde seine Zivilisationstheorie, eine anschauliche Mikroanalye im Geiste der Kritischen Theorie, über Nacht zum Geheimtip. Dabei war Elias' zweibändiges Hauptwerk "Der Prozeß der Zivilisation" schon 1939 in der Schweiz erschienen und blieb damals völlig unbeachtet. Neben Philosophie hatte Elias auch Medizin, Psychologie und Soziologie studiert, und diese breite Wissensgrundlage nutzte er für seine materialreiche Kulturgeschichte, die neu bestimmte, was Zivilisation ist. Der Zivilisationsprozeß verläuftt zwar insgesamt ungeplant, aber weist doch eine Ordnung auf, die Elias "human figurations" nannte. Diese konkrete Ordnung ist weder vernünftig noch unvernünftig, sondern drückt gesellschaftliche Wandlungsprozesse aus. Elias' wissenschaftliches Interesse galt unscheinbaren Alltagserscheinungen wie dem Gebrauch von Messer und Gabel oder den Ritualen der Begrüßung. In diesen Figurationen stimmen die Menschen ihre Verhaltensweisen aufeinander und erreichen mit der Zeit einen zivilisierten Umgang miteinander.
Die Realität der Welt entspricht zumeist nicht unseren Wünschen, aber zivilisiert werden heißt, Fremdzwänge durch einsichtige Selbstzwänge zu ersetzen. Mit seiner bahnbrechenden historischen Verhaltensforschung hat Elias nachgewiesen, daß von der Höfischen Gesellschaft (1969) bis heute eine stetig zunehmende Affektkontrolle zu beobachten ist.. Man muß sich wundern, daß es in der Welt so friedlich zugeht, hat er provozierend gesagt.. Als Brückenbauer zwischen den Disziplinen verstand sich der heute weithin anerkannte Menschenwissenschaftler, der 1990 gestorben ist. "Ich habe nie dazu gehört", hat Elias erklärt, dessen Studien über die Deutschen (1989) den von historischen Konflikten geprägten deutschen Nationalcharakter prägnant nestimmen. Die sich für das 21.Jahrhundert abzeichnende Gesellschaft der Individuen (1987) hat der iconoclast vorweggenommen, und Elias verabschiedete damit die Gesellschaftstheorie von Marx bis Talcott Parsons. Die Kritiker des Meisters der mikroskopischen Beobachtung haben eingewandt, daß Elias nur Veränderungen an der Oberfläche beschreibe, unter der wir Barbaren geblieben seien. Aber Elias historische Psychologie bleibt bei allem aufklärerischen Optimismus doch aufmerksam für Gefahren: In einem wohlregulierten Gemeinwesen würden sich die Aggressionen der Bewohner leicht gegen die eigene Person richten. Nachdrücklich empfahl er "Mitgefühl für die Schwierigkeiten der Zivilisation".
Jürgen Habermas ist der profilierteste Erbe der Kritischen Theorie, aber seine neue "Frankfurter Schule" unterscheidet sich von der alten signifikant in ihrem Verzicht auf jeden metaphysischen Wahrheitsanspruch. Zeigten seine früheren Arbeiten zu "Theorie und Praxis" (1963), "Technik und Wissenschaft als Ideologie" und "Erkenntnis und Interesse" (beide 1968) mit ihrer Berufung auf eine umfassende emanzipatorische Vernunft noch deutlich den Einfluß von Adorno und Marcuse, so hat sich Habermas eigene "Theorie der kommunikativen Vernunft" (1981)weitaus bescheidenere Ziele gesetzt. Als "clearing house" für die Wissenschaften soll Philosophie wirken und kommunikatives Handeln als "gemeinsame Verständigung" anregen. Mit der Maxime "Sinn zu stiften, kann nicht Sache der Philosophie sein", hat Habermas die Differenz zu seinen großen Vorgängern bestimmt, und auf einer strikten Abgrenzung von Wissenschaft und Kunst insistiert. Mit Hilfe einer "informierten Öffentlichkeit" intersubjektive Überzeugungen in eine "sozialintegrative Macht" zu verwandeln, bietet er als Ethik der Moderne an. Statt radikaler Vernunftkritik empfiehlt er eine von einer "Einheit in der Vielfalt ihrer Stimmen" geprägte Vernunft. Die Sprachpraxis verständigungsorientierter Menschen (individuals) und eine Diskurstheorie des Rechts verbindet Habermas zwanglos in "Faktizität und Geltung" (1992). In den USA wird er weiter als Meisterdenker wider Willen in Anspruch genommen, gilt doch seine "communicative rationality" als letzter große Systementwurf einer linken Gesellschaftstheorie. Als die Kritische Theorie am einflußreichsten war, hat Habermas am Frankfurter Institut für Sozialforschung gearbeitet, war Mitarbeiter von Adorno sowie Ansprechpartner für die rebellischen Studenten gewesen, und freundete sich mit dem weit älteren vagabond professor Marcuse an. Von besonderer Bedeutung ist daher Habermas' Funktion als communicator des Geistes der Frankfurter Schule, wie sie in den hellsichtigen Würdigungen von Adorno, Benjamin und Marcuse in diesem Band deutlich wird.
"Erkenntnis, die Inhalt will, will die Utopie", hat Adorno in der "Negativen Dialektik" festgestellt, und Philosophie als "Prisma, das deren Farbe auffängt" bestimmt. Dazu steht nicht unbedingt im Widerspruch, daß Elias die Natur der Gesellschaft realistisch beschreiben wollte und der Gesellschaftstheorie eine "Deidelogisierung" anriet. Man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen, denn ein "critical humanism" (Elias) braucht beides: den von schlechten Erfahrungen belehrten Skeptizismus Horkheimers und die geschichtsphilosophische Vision Benjamins. Die compassion mit den Leidenden hat Marcuse als ein zentrales Motiv der Frankfurter Schule herausgestellt, aber dieses an Schopenhauer erinnernde Einsicht wird ergänzt durch eine von Marx als realistisch ausgegebene Hoffnung auf ein Paradies auf Erden. Zwar distanziert sich d die Kritische Theorie unter dem Eindruck des Totalitarismus ausdrücklich vom Klassenkampf, für Marx der einzige Weg zur Befreiung des Proletariats, aber die Frankfurter Schule hielt an der Idee der Revolution fest. Marcuse hatte die "repressive tolerance" of the consumer society beschuldigt, den Menschen um seine Autonomie zu bringen: Goods statt liberation. Wie Adorno und Benjamin, traute er der Kunst, die zum Lebenskunst wird, eine "sinnliche Revolution" zu, eine von Kreativität angeleitete Welterfahrung. Man hat gegen diese Ästhetisierung der Gesellschaftskritik eingewandt, sie überfordere die Kunst und sei politisch wirkungslos, aber solche pragmatischen Überlegungen haben die Vertreter der Frankfurter Schule nicht beirren können. Gerade weil sie von Geschichte, Wirtschaft und Gesellschaft mehr verstanden als jede philosophische Richtung vor ihnen, haben sie wie Marcuse "The Permanence of Art" (1977) und deren transhistorische Wahrheit nicht unterschätzt: "Die Revolution ist um des Lebens willen, nicht um des Todes willen; darin sind Kunst und Revolution vielleicht am ehesten verwandt." Die Kritische Theorie ist darin emphatisch selbstkritisch, daß sie zum Gegendenken Kunst braucht, ohne doch ihren philosophischen Warheitsanspruch aufzugeben.
Wolfgang Schirmacher
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[1] Theodor W.Adorno, Minima Moralia
[2] Daher war vorgesehen, länger Abschnitte aus "Minima Moralia", "Negative Dialectic" and "Esthetic Theory" in diesen Sammelband aufzunehmen, was leider daran scheiterte, dass der Adorno estate die Abdruckgenehmigung versagt hat.