"Denkkünstlers Geviert", Poster-Installation (1993)
Ausstellung "Raub der Sprache", Kunstverein München, Mai 1993
Professor Dr.phil. Wolfgang Schirmacher (geboren 1944 in Dresden) lehrt Medienphilosophie und Kommunikationswissenschaften an der New School for Social Research in New York sowie Technikphilosophie und Bioethik an der Pennsylvania State University. Er ist Mitglied des College International de Philosophie in Paris und Präsident der Internationalen Schopenhauer-Vereinigung (Sitz Hamburg). Veröffentlichte Bücher: "Technik und Gelassenheit" (1983); "Schopenhauers Aktualität" (1988); "Zeitkritik nach Heidegger" (1989); "Schopenhauer in der Postmoderne" (1989); "Ereignis Technik" (1990); "Schopenhauer, Nietzsche und die Kunst" (1991); "Penser Apres Heidegger" (1992); "Homo Generator: Ethik im künstlichen Leben" (in Vorbereitung); "Medienphilosophie" (in Vorbereitung).
Projektbeschreibung "Denkkünstlers GEVIERT"
Theoriekontext: Geviert-Globus-Künstliches Leben
Alles, was zum Geviert theoretisch zu sagen ist, lädt unweigerlich zu Mißverständnissen ein, und doch zeigt sich dieses Ereignis als die eigentliche "Kehre" von der metaphysischen zur nicht-metaphysischen Lebenswelt. Die philosophische Wahrnehmung ist noch weitgehend blind und hat Hölderlins dichterisches Wort vom "Geviert aus Himmel und Erde, den Göttlichen und den Sterblichen" an die Stelle des X (es ist unbekannt) gesetzt. Wovon Geviert angesprochen wird, mag in der globalen Perspektive, die virtuell immer deutlicher Humanität verlangt, bereits aufscheinen, wenn wir den "Globus" im Sinne des Vorsokratikers Parmenides zu sehen vermögen als "wohlgerundeten Ball, von der Mitte aus nach allen Seiten sich schwingend".1 Aber auch dies klingt wie dunkle Poesie, und die von Rilke gegebene Erklärung von der "heilen und vollen Sphäre und Kugel des Seins"2 bleibt im selben Medium der verschlüsselten Andeutung. Als "entbergend-lichtendes Einen" hat Heidegger die Bedeutung des Globus bestimmt3 und ist damit zweifellos dem Phänomen des Transkulturellen nahe gekommen. Doch erst im künstlichen Leben, das in der Aktivität eines Homo Generator vom Geviert angeleitet wird und in der künstlerischen Produktivität ihren Vorläufer hat, wäre virtuelle Humanität ihren eigenen Möglichkeiten voraus. Dies heißt aber auch, daß solche Humanität nicht theoretisch einzuholen ist. Authentisch ist ein künstliches Leben als Selbst-Ethik,
gelebt-gedacht, als Wahrnehmung der Eigen-Tätigkeit.
Gibt es schon Werke des Homo Generator, blitzt das Geviert wenigstens gelegentlich auf, und wenn ja, wer vermag es wahrzunehmen? Die Geviert-Denk/Praxis ist gelebte Intuition, ein ganzheitliches Verhalten, das die zweiwertige Logik der Alltagsdiskurse ebenso transzendiert wie die Dialektik des synthetischen Denkens. Zum Geviert gibt es keine diskursive Vermittlung, sehr wohl aber eine Vorbereitung, die das Wagnis des
"Sprunges" (Kierkegaard) erleichtert. Das Erlebnis des Erhabenen, die faszinierende Inspiration, die unerschütterliche Intuition ist eingelassen in das Geviert, das ZUGLEICH emotional, intellektuell, körperlich und sozial wirkt. Als ästhetische-ethische Erfahrung und authentische Sprachaktivität ist das Geviert keineswegs utopisch, sondern so unscheinbar wie hartnäckig eine Möglichkeit des Menschen: "Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten des Verlustes dies eine: die Sprache."4
Im Ausgang von Heideggers Interpretation des Gevierts bei Hölderlin5 läßt sich Geviert als wesentliches Handeln verstehen, als Ethik des künstlichen Lebens, wie sie sich in der selbst gelingenden Existenz ausweist. Die fade Beliebigkeit der Postmoderne erhielte damit eine Strenge, die den freien Einstieg und persönlichen Anfang unangetastet ließe, dann aber im Sog zum Anderen militant-kritisch Praxis herausforderte. Der Einsprung ins Geviert ist jedem Dasein eigentümlich, der Austrag der Differenzen in der Identität des Gevierts jedoch zur Vollkommenheit des (endlichen) Ereignisses, zu dem das ungetäuschte Selbst fähig ist, notwendig. In welcher Gegend des Gevierts wir uns zu Anfang auch aufhalten, von welchem Aspekt wir unwiderstehlich angezogen werden, die Kunst des menschlichen Lebens besteht darin, unbefangen im Geviert zu wohnen, keines seiner Dimensionen dabei zu vernachlässigen, im Offenen auf die Musik des Kosmos zu hören. Die Gegenden/Aspekte/Dimensionen/Grundtöne des Gevierts brauchen einander und sind vereinzelt unwahr. In der ERDE ist die Fülle , Fruchtbarkeit, Natalität angesprochen, wie sie heute in Körperphilosophie, Bio- und Technikphilosophie sowie Alternativer Politik wirksam wird. Mit HIMMEL wird der Kontext evoziert, sei er Natur oder Stadt, Ökologie oder Ökonomie, Geschichte oder Zukunft: die Weite ist unser Horizont. Die GÖTTLICHEN, die nach Hölderlin/Heidegger gegenwärtig abwesend sind, erinnern uns an das Wagnis der Transzendenz, das stetige Selbst-Überschreiten als Merkmal des gelingenden Selbst, die Transgression und den Abgrund, wie ihn Bataille, Lacan und Kristeva beschrieben haben. Und schließlich die STERBLICHEN, uns als Einsprung am nächsten und doch zugleich fernsten, ist als Intensität und Obsession der Existenz zu verstehen, durch die wir in das Wesen des Todes gehören. Für jede der einzelnen Dimensionen haben TheoretikerInnen bahnbrechende Arbeiten vorgelegt, aber keiner Theorie ist es bisher gelungen, das "ereignende Spiegel-Spiel" der Vier in seiner Identität
wie Differenz zu gestalten.
Die wichtigsten Hinweise, Spuren, Winke, Anstöße kamen aus der Kunst, vor allem Dichter von Hölderlin bis Celan waren daran beteiligt. Dies vermittelte zugleich eine entscheidende Einsicht in das Wesen von Kunst als Ausdruck des (noch und vielleicht immer) Unsagbaren. Doch sobald etwas ausgedrückt und damit eine Zugang eröffnet wird, wie vorläufig, verrätselt und vage dieser auch sein mag, können die TheoretikerInnen damit beginnen, Weltsichten und Verhaltensmodelle abzuändern oder neu zu entwerfen, ohne die wir uns im Alltag nicht orientieren könnten. Die Alltagsversion des Gevierts wäre ein höchst adäquate Denk/Lebensweise in einer hochkomplexen und prozessualen technischen Lebenswelt, wie der intuitive Amor Dei intellectualis, den schon Spinoza analysierte, in einem Dasein, für das Natur, Technik, Sinn zusammenfallen. In den Medien, wie sie zu sein vermögen (nicht wie sie jetzt sind), besitzen wir eine Lebenstechnik, die eher als die traditionellen Techniken geviert-geeignet ist, als Gemenge von Philosophie, Kunst, Simulation, Aktion ungemein unsere Selbst-Schöpfung anregen könnte. Medien verkörpern das scheinbar Paradox unmittelbarer Vermittlung, sind als performance Sprachzeichen und Aktivität in einem.
Medienzeichen Geviert: die Arbeit des Denkkünstlers
Philosophen sind traditionell zugleich Historiker, Wissenschaftler und Künstler und haben je nach Sachverhalt den angemessenen Zugang zu wählen. Um Anstöße der Kunst aufzunehmen, bedarf es einer künstlerischen Sensibilität: nur der Künstler erkennt die Künstlerin. Als Denkkünstler ist dem Philosophen das anarchistische Spiel der Sprache und das mutwillige Zerbrechen von Begriffen durchaus vertraut, das Tanzen auf den Gräbern untergegangener Systeme ist ebenso wie das Lachen in die Fratze der Realität eine Möglichkeit von Philosophie. Einst war es vor allem das Medium der philosophischen Literatur - von Platon bis Nietzsche -, das den Freiraum für den Denkkünstler bereitstellte, heute sind es die Neuen Medien - Fernsehen, Film, Video, Computergrafik -, die Denkkunst vermitteln. Der verwegenen Herausforderung der Ausstellung "Der Raub der Sprache", über das Verhältnis von Theorie und Kunst zu sprechen, ohne die philosophische Sprache zu verwenden, läßt sich in einem Medienzeichen am ehesten entsprechen. Denn dort treffen sich im geglückten Augenblick sehr wohl Anschauuung, Denken und Information, und kann der Theoretiker zeigen, wie er Kunst versteht und was er der Kunst verdankt. Ein solcher Dank für geleistete Denkhilfe hat auch in der Form sichtbar zu sein, muß Kunst und Philosophie verbinden, ohne doch ihre Differenz aufzugeben. Der Denkkünstler bleibt auch als Künstler unaufgebbar Denker, bei aller Vertiefung der Anschauung und aller Neigung zur Verstellung hoffnungslos in Wahrheit verliebt.
Ich habe nie gezögert, andere kreativ Arbeitende um Hilfe zu bitten, im ursprünglichen Sinn interdisziplinär vorzugehen. So sammle ich seit einigen Jahren Hinweise auf in den USA lebender KünstlerInnen, deren Werke Spuren des Gevierts aufweisen. Es geht mir dabei nicht darum, "endgültige" Meisterwerke zu suchen, sondern im Gegenteil um Arbeiten aus meinem amerikanischen Umfeld, die Entwicklungen offenlassen. Vor allem der New Yorker Kurator und Kunstkritiker Klaus Ottmann, der mit meinem Geviert-Vorverständnis vertraut ist, hat meine Auswahl stark beeinflußt. Mit ERDE, HIMMEL, die GÖTTLICHEN und die STERBLICHEN als Leitmetaphern (nicht Leitbegriffe) habe ich den jeweiligen Einsprung zu bezeichnen gesucht. Doch die mich anziehende und zugleich belehrende Qualität war die Durchlässigkeit jedes der Werke, die mich ins Geviert nur an einem bestimmten Ort hineinbrachten, um mich dann unverzüglich weiterzuschicken. Die Leichtigkeit dieses Weiterschickens, das die Erinnerung an den ersten Ort nicht tilgte, ermutigte mich, mir diese Werke für mein Medienzeichen "Denkkünstlers Geviert" anzueignen. Geordnet nach den vier Hinsichten des Gevierts, sind die acht Kunstwerke in ihrer Ausgangsgestalt in den beiden Fotografien zu sehen, zwei Mal ein Zusammenspiel des Gevierts, wie es den Denkkünstler ansprach. Doch das Zusammenspiel, die einigende Mitte der Vier, ihr Zugleich und Immerschon, kann auf diese Weise nicht sichtbar gemacht werden. Heidegger hat uns die "Einfalt ihres wesenhaften Zueinander"7 angekündigt, aber erst die Neuen Medien gestatten uns, dieses Spiel mitzuspielen. Mitspielen heißt nicht darstellen, denn gerade das Undarstellbare, die Lücken und Brüche faszinieren am Geviert. Es ist mein, des Denkkünstlers Geviert, das in der Ausstellung zu sehen sein wird: im Katalog kann überprüft werden, womit ich zu denken begann. Überraschen soll, was diese
Kunstwerke in mir auslösten, wie mich in ihrem Medium in die Denk/Praxis des Gevierts einzuüben suche. Möglich wurde dies mit der Hilfe zweier Freunde, Dan Heidebrecht und
David Peters, die mich in die Chaos/Ordnung der fortgeschrittenen Computergrafik begleiteten: es ist die "virtuelle" Welt von IRIS und CACTUS.
1. Parmenides: Lehrgedicht vom Seienden
2. Rainer Maria Rilke: Inselalmanach 1938
3. M.Heidegger: Holzwege, S.278
4. Paul Celan: Bremer Rede
5. Vgl.Martin Heidegger: Bauen, Wohnen Denken. Vorträge und Aufsätze II, Pfullingen 1967, 19-36.
6. Vgl. Janina Quints preisgekröntes Video "Without a Net" (1992) über meine philosophische Arbeit in New York.
7. Heidegger, Bauen, Wohnen, Denken, S.52.
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