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Judith Butler. Ästhetik als Teil der Kriegsstrategie.

Judith Butler. "Ästhetik als Teil der Kriegsstrategie." in: Frankfurter Rundschau. March 27, 2003. (German).

Die Gewalt in ihrer moralischen Armut erfahrbar machen. Das Delirium von "Schock und Ehrfurcht": Wo nur sind die amerikanischen Kriegsgegner? / Von Judith Butler

Wo ich lebe, scheint niemand für diesen Krieg zu sein. Stattdessen herrscht ein tiefes Gefühl der Demütigung angesichts des rechtlosen und gewaltsamen Vorgehens der Alliierten. Nicht ohne Beklommenheit fragen mich meine europäischen Freunde, ob denn wirklich alle Amerikaner hinter dieser Kriegsanstrengung stehen, und es ist wichtig zu wissen, dass Millionen von ihnen gegen diesen Krieg sind - ohne Wenn und Aber. Über die Demonstrationen in San Francisco, New York und Washington wird nicht so ausführlich berichtet, wie das noch im ersten Golfkrieg oder während des Vietnamkriegs der Fall gewesen wäre, als man sich noch auf eine gewisse Sympathie der Medien für die Antikriegsbewegung verlassen konnte. Nach dem 11. September hat die Befürchtung, als unpatriotisch zu gelten oder sich dem Vorwurf auszusetzen, die eigenen Ansichten brächten einen in die gedankliche Nähe der terroristischen Zerstörer des World Trade Centers, nicht nur abweichende Meinungen zum Schweigen gebracht, sondern gleichsam zu einer Nachrichtensperre über Antikriegsdemonstrationen und -aktivitäten geführt.

So groß ist die Angst der Medien, einer liberalen Gesinnung bezichtigt zu werden, und so groß die Angst, Liberalismus würde an sich als stillschweigendes Einverständnis mit dem Terrorismus aufgefasst, dass ein kompensierender Gegendiskurs entstanden ist, bei dem jeder, der etwas Kritisches vorzubringen hat, seiner Wortmeldung die Präambel voranstellt: "Ich liebe mein Land, und was ich nun sagen werde, ist keinesfalls unpatriotisch..." Jene also, die das gegenwärtige US-Regime mit seiner Missachtung internationaler Präzedenzfälle und internationalen Rechts und mit seiner Rechtschaffenheit von eigenen Gnaden in Sachen Gewaltanwendung ablehnen, haben es schwer, ein Medium zu finden, das eine kriegsablehnende Haltung begrüßt, bei der es nicht ums Recyceln patriotischer Ehrfurchtsbekundungen geht.

Kultur der Abweichung

Zum Teil müssen die abweichenden Stimmen einfach lauter werden und die Medien übertönen, um der Anmaßung der Kriegsbejahung ins Wort zu fallen. Ein erster Schritt hierzu waren die Massenaufmärsche der Demonstranten und die Akte zivilen Ungehorsams - Versammlungen auf den großen Kreuzungen im Herzen von San Francisco, die das Geschäftsleben behinderten, die Polizei auf die Straße zwangen und sie damit selbst in die Rolle brachte, den Verkehr zu unterbrechen und das Geschäftsleben zu stören.

Gewiss gab es Zeiten in der Geschichte der politischen Kultur Amerikas, da Abweichlertum als einer der demokratischen Grundpfeiler geschätzt wurde. Aber ein neuer Skeptizismus hinsichtlich des Werts abweichender Meinungen hat es seit dem 11. September schwer gemacht, Medienkanäle für energisch opponierende Stimmen zu finden, die man als nostalgisch oder anachronistisch herabwürdigt oder als strategisch und politisch naiv beiseitewischt. Und doch sind Millionen von Menschen auf die Straße gegangen. Furcht und Sorge treiben sie an, ein Gefühl des Entsetzens über das einseitige Vorgehen der USA, der Widerstand gegen nackte Aggression und Mord seitens der US-Regierung, gegen die Unterdrückung der Redefreiheit in den Vereinigten Staaten und gegen eine Überwachung und Regulierung der arabischen Gemeinschaften hier zu Lande, die sich über den rechtlichen Schutz der Privatsphäre ebenso hinwegsetzt wie über die Antidiskriminierungsgesetze. Die Bush-Regierung kam auf eine Weise an die Macht, die für viele ungesetzlich war, weil nicht alle Stimmen in Florida wirklich gezählt wurden. Von diesem Moment an haben die extralegalen Taktiken der Bush-Regierung gezeigt, dass diese ihren Weg mit oder ohne rechtliche Billigung und unbeschadet verfassungsrechtlicher Beschränkungen gehen wird.

Auf den Ausstieg aus dem ABM-Vertrag folgte die faktische Außerkraftsetzung der Genfer Konventionen, als mutmaßliche Al-Qaeda-Mitglieder in den US-Stützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba verbracht wurden, wo sie keinen Rechtsbeistand haben und keinerlei Gerichtsbarkeit sie schützt; folgte die Missachtung der Vereinten Nationen und die Schaffung eines (von vielen als Femegerichtssystem betrachteten) nachgeordneten Rechtssystems unter dem "USA Patriotic Act", der den Verhafteten und Eingesperrten angemessene Rechtsmittel und fundamentale Freiheiten verweigert. Einer aktuellen Umfrage des Gallup-Instituts zufolge sind mindestens 46 Prozent aller Amerikaner gegen den Irak-Krieg. Ich weiß nicht, was das für Leute sind, die bei Gallup arbeiten, und wen sie anrufen, da sie es nie bei mir oder irgendeinem meiner Freunde versuchen. Man muss sich sehr genau anschauen, wie sie ihre Fragen formulieren, und darüber nachdenken, welche Leute mit ihnen zu sprechen bereit sind. Ich jedenfalls liebe mein Land per se genauso wenig, wie ich es hasse, und verstehe auch nicht wirklich, was es heißen würde, eins von beidem zu tun.

Gewiss aber widersetze ich mich dieser Regierung und ihrem Krieg wie Millionen andere auch, nicht nur, weil sie die Souveränität einer anderen Nation schamlos verletzt, um deren Bewohnern Gewalt anzutun und die ohnehin schon labile irakische Infrastruktur zu schwächen, sondern weil es schlicht selbstgerecht ist, wie sie diese Gewalt anwendet und ihre eigene Zerstörungswut als ein Zeichen amerikanischer Stärke anpreist.