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Jean Baudrillard - Interview: Demokratie, Menschenrechte, Markt, Liberalismus - das geht mich nichts mehr an
Frankfurter Rundschau 28.11.2002


Auch das Denken praktiziert eine Art Selbstmord: Der französische Soziologe Jean Baudrillard über seinen "metaphysischen Terrorismus" nach den Ereignissen des 11. September.

Jean Baudrillard, 1929 in Reims geboren, ist einer der umstrittensten Theoretiker Frankreichs. 1968 war er Assistent an der Pariser Universität von Nanterre, von wo die studentischen Pariser Mai-Unruhen ausgingen. Schon damals war er der Meinung, die "Entfremdung" in der marktwirtschaftlichen Gesellschaft sei strukturell, es gebe kein Ausbrechen, jede Form des zwischenmenschlichen Austauschs sei ersetzt durch ökonomisch durchrationalisierte Tauschverhältnisse. Um diesen Gedanken kreisen zahlreiche seiner zeitkritischen Essays. Demnach leben wir nicht mehr in der Realität, sondern in der Simulation. In der Liebe hat dem verführerischen Spiel der Geschlechter das nackte Sexleben den Garaus gemacht. Der Golf-Krieg, meinte er, habe "nicht stattgefunden", sei nur eine Medieninszenierung gewesen, abwesend wie die Politik überhaupt. Sie ist für den früheren Professor der Soziologe, der heute als freier Autor in Paris lebt, ebenso bedeutungslos geworden wie die Differenz von links und rechts. Die Radikalität seiner Ansichten machte ihn zum extremen Außenseiter, der immer wieder provozierte und heftige Debatten auslöste, zumal er auch mit persönlicher Polemik nicht sparte. Seine Reaktion auf den 11. September ließ erstaunlich lange auf sich warten. Während die meisten Intellektuellen über eine angemessene Art der Solidarität mit den Opfern, über die Rolle des Islam, über Für und Wider des Kriegs stritten oder wie Baudrillards berühmter Kollege Bernard-Henri Lévy vor dem Kamikaze-Heer aus den dunklen Rändern der Welt warnten, diagnostizierte Baudrillard die Rückkehr des Ereignisses und behauptete auf drei Seiten in Le Monde, wir alle hätten insgeheim von einem "Selbstzerstörungsakt" geträumt ( die deutsche Übersetzung findet sich in der neuesten Ausgabe von Lettre International) Das Gleichgewicht von Gut und Böse habe einer schattenlosen Vormacht des Positiven Platz gemacht. Weil das System keinen Gegner mehr habe, wüchsen seine inneren Gegenkräfte umso heftiger. Kritiker Baudrillards warfen ihm daraufhin geistige Mittäterschaft vor. Das Gespräch mit Baudrillard führte Ulrich Müller-Schöll.

FR:Sie kommen gerade aus Lateinamerika zurück. Wie diskutiert man dort über den 11. September?

Jean Baudrillard: Ich war auf der Architekturbiennale in Argentinien und habe eine Art Requiem für die Twin-Towers gehalten. Als es darum ging, was man an der Stelle der Türme bauen könnte, gab es alle möglichen Vorschläge. Ich meinte, ich sehe nichts, was sich wieder so sehr eignen würde, zerstört zu werden. Klar, da war die Reaktion frostig. Sie wollten sich um den Wiederaufbau kümmern, ich sprach von Destruktion. Mich interessieren weniger die Konsequenzen und Auswirkungen als das Entwertende, ein wenig Okkulte, die Macht des Ereignisses, seine Ursprünglichkeit.

FR:Was auch immer man von Ihrer Interpretation hält - sie ist bislang die vermutlich theoretischste. Sie haben sich ja schon vor 25 Jahren mit den Twin-Towers beschäftigt, in Der symbolische Tausch und der Tod...

Jean Baudrillard:. . . ich hatte damals eine Art Vorahnung, dass die Türme in ihrer bloßen Abstraktion eine Herausforderung darstellten. Als wären sie dafür prädestiniert, irgendwie zu verschwinden. Ich habe auch andere Texte geschrieben, etwa zur Geiselnahme in Mogadischu, 1977/78, die das Problem des unmöglichen symbolischen Tauschs des Todes schon beim Namen nannten. Geändert hat sich jetzt alles insofern, als das Ereignis eine ganz andere Spannweite hat. Dieses Mal haben die Terroristen gewonnen, symbolisch gewonnen und triumphiert, vorher gehörten sie zu den Verlierern. Es gibt den suizidären Terrorismus des Defekts zwar immer noch, jetzt aber als Exzess. Die Art Duell, Herausforderung, die die Ordnung des Politischen und die Front Amerika/ Islam mit Sicherheit überragt, dieses Ereignis ist absolut neu. Für mich kam es unverhofft. Was ich seit dem Symbolischen Tausch und der Tod geschrieben habe - Die Transparenz des Bösen, Das perfekte Verbrechen, Die fatalen Strategien - waren ja ein wenig die theoretische Thematisierung dessen, was jetzt zum Ereignis wurde. Wenn Sie aber meinen, das sei eine sehr theoretische Interpretation - ich bin Theoretiker, das ist klar, - dann wurde die Theorie jedenfalls jetzt durch ein Ereignis umgestaltet, erschüttert. Nicht durch das Reale, sondern durch das Ereignis. Die theoretische, vielleicht sogar metaphysische Interpretation - denn es handelt sich um Gut und Böse - erfolgt in Phasengleichheit mit etwas absolut Einzigartigem und Unvorhersehbarem: dem Ereignis selbst.

FR:Während Sie sonst mit aller Welt im Dissens sind, sind Sie also dieses Mal mit ihr einig: Nach dem 11. September ist nichts mehr, wie es vorher war...

Jean Baudrillard:. . . ich würde es so ausdrücken: Es gibt ein neues Spiel, neue Spielregeln. Aber politisch und ökonomisch bleibt die Weltordnung die gleiche. Die Globalisierung ist als System nicht rückgängig zu machen. Was sich geändert hat, ist, dass die extremste Macht, die man sich vorstellen kann, ein Äquivalent gefunden hat, eine Art Antikörper, der ebenso radikal ist wie sie selbst.


FR:Vier Tage vor dem 11. September hat Le Monde einen Text von Ihnen publiziert, "Telemorphose". Darin sprechen Sie von einem "zweiten Sündenfall des Menschen, dem Fall in die Banalität", und davon, dass das "Eintauchen in die Banalität das Äquivalent eines Selbstmords der Art" sei.

Jean Baudrillard:"Telemorphose" handelt von "Big Brother", das in Frankreich "Loft Story" heißt, und von der Sexualbiografie von Catherine Millet - also vom Triumpf der Banalität. Das nenne ich das perfekte Verbrechen, in der Tat eine Form des Selbstmords. Mit dem 11. September, mit den Ereignissen von New York, ist das exakte Gegenstück eingetreten: das perfekte Verbrechen in der Fatalität. Zwischen beidem gibt es, so scheint es mir im Nachhinein, eine Beziehung: eine extreme Situation nahe dem Maximalpunkt auf der einen, nahe dem Nullpunkt auf der anderen Seite.

FR:Kritik der Banalität, das ist die Kritik des Alltagslebens, das Thema, das Ihren Lehrer Henri Lefebvre beschäftigt hat. Worin liegt der Unterschied?

Jean Baudrillard:Henri Lefebvre hat der Geschichte das Alltagsleben entgegengesetzt, als positive Alternative. Gegenüber den großen Strukturen der Geschichte sah er in der Banalität die Kraft eines Ausbruchs, der Originalität. Sie trat als Ereignis ins Spiel. Aber das Alltagsleben ist heute derart durchorchestriert, derart automatisiert, systematisiert usw., dass es ein Niemandsland geworden ist. Daher lässt sich die Kritik des Alltagslebens nicht mehr wiederholen. Was sich in New York abgespielt hat, ist ja auch nicht wirklich historisch, nicht die Wiederkehr der Geschichte, sondern der Einschlag des Symbolischen. Schon als ich mit Lefebvre arbeitete, hatte ich die These vertreten, die Revolution werde symbolisch sein, als Wiederkehr des Ereignisses, oder sie werde nicht sein...

FR:Wenn Sie dieses Symbolische so beschreiben, ist man sich nicht sicher, ob sie es nun begrüßen oder ob sie das Ende der Welt anbrechen sehen.

Jean Baudrillard:Nein, ich spreche nicht von Apokalypse im Sinn des Endes der Welt. Auch nicht im Sinne einer Offenbarung als Beginn von etwas Neuem. Man hat in letzter Zeit viel vom Ende gesprochen, des Sozialen, der Politik, der Geschichte und des Jahrhunderts. Jetzt sind wir über das Ende hinausgelangt, und die Modernität ist in ihrer ganzen technologischen Dimension radikal in Frage gestellt worden. Ich weiß nicht, ob das die Heidegger'sche Kehre ist, jedenfalls ist es etwas sehr Wichtiges. Es ist ein Ereignis der Faszination, alle waren im Moment des Ereignisses, als sie die Bilder sahen, automatisch darin, insofern also objektiv "dafür". Daran ist nicht zu rütteln, das Ereignis gehört zum Leben. Da kann man nicht dafür oder dagegen sein. Man hat zu mir gesagt: Sie singen das Loblied des Terrorismus! Nein, das ist nicht wahr, es ist nur der Versuch, ihn zu analysieren. Ich will sehen, wo das Herz des Ereignisses und die potenzielle Energie ist, die so etwas schafft. Was nicht von mir abhängt. Allerdings bin ich Komplize, insofern ich mich, metaphysisch gesehen, als Terroristen betrachte.

FR:Das müssen Sie genauer erklären.

Jean Baudrillard:Ich bin Terrorist in dem Sinn, dass ich den Terrorismus zu lesen versuche dort, wo er ist. Und er ist überall, in Form von Viren oder in ereignishafter Form. Ich sage mir ja seit langem, dass es in dieser nummerisch-informatisch-technischen Konstruktion, dieser Welt in ihrer Positivität, etwas gibt, das ihr absolut widersteht. Man merkt plötzlich: Das Böse hat nicht aufgehört zu existieren. Im Gegenteil, es ist gewachsen, und früher oder später explodiert es. Also nicht das Böse, moralisch betrachtet, sondern etwas in der Realität selbst, was der Operationalisierung der Welt, der Globalisierung usw. radikal widerspricht.

FR:In Hinsicht auf den 11. September waren die meisten Menschen moralisch schockiert durch "das Ereignis", wie Sie sagen. Das ist die Perspektive, die Sie in theoretischer Hinsicht zu vermeiden versuchen?

Jean Baudrillard:Nicht nur die moralische Einstellung, sondern auch die der Ideologie. Sonst gibt es kein theoretisches Denken. Ich will weder für den Islam noch für den Westen Partei ergreifen. Und nicht aus wohlwollender Neutralität, manchmal bin ich ja durchaus auf der Seite der Kräfte, die Widerstand leisten gegen die Vereinheitlichung und Totalisierung der Welt, im Guten wie im Schlechten.

FR:Was ist denn an der "Extrapolation", der "Überhöhung des Guten" so schlecht?

Jean Baudrillard:Die evolutionistische Maschinerie, die auf die optimale Existenz zuläuft und Glück für alle verspricht, absoluten Komfort, totale Sicherheit, eine globale Weltordnung, das ist doch das Gute, um den Preis der Eliminierung der Einzelheiten, der unterschiedlichen Kulturen. Alles, was nicht zu den herrschenden Werten zählt, ist das Böse, nicht im moralischen Sinn, sondern insofern es geopfert wird und verschwinden muss.

FR:Vom Standpunkt des Systems aus?

Jean Baudrillard:Vom Standpunkt des Systems aus. Es ist sein verfemter Teil, im Sinne Batailles. Aber wer Bataille kennt, weiß: Was verschwunden ist, kehrt in einem bestimmten Augenblick zurück, eine Rückkehr in Flammen.

FR:Sie fordern also dazu auf, eine immoralistische Haltung einzunehmen, die sich über das herrschende moralische System erhebt?

Jean Baudrillard:Ja, jenseits von Gut und Böse, aber auch die Globalisierung und das System selbst sind immoralisch. Auch das System steht jenseits von Gut und Böse, oder besser: diesseits.

FR:Warum? Was ist der Unterschied?

Jean Baudrillard:"Jenseits von Gut und Böse" erinnert an Nietzsche, erweckt den Eindruck einer Überschreitung in Richtung auf ein "höheres" Stadium. Aber hier ist Gut und Böse schon abgeschafft. Der globale, liberale Markt kennt es nicht mehr. Und wir stehen diesseits, davor - statt Überschreitung Implosion und Katastrophe. Gut und Böse, Wahr und Falsch, Schön und Hässlich - solche Kategorien der Unterscheidung und des Urteils sind abgeschafft worden. Diesem immoralischen System kann man nur antworten durch einen wiederum immoralischen Akt. Ich kann gut verstehen, dass man kämpft für moralische Werte. Aber die halte ich für illusorisch. Höchstens verschaffen sie dem System ein Alibi, grundsätzlich ist es immoralisch und geht seinen Weg.

FR:Wenn sich also die ganze Welt zusammen mit den Amerikanern fragt, wie man den Terrorismus bekämpft, meinen Sie, das sei unmöglich?

Jean Baudrillard:Die Macht des Systems kann zwar so tun, als würde sie den Terrorismus bekämpfen. Aber weil der Terrorismus aus dem Schoß der Macht, aus der Funktionsweise des Systems selbst hervorgeht, ist dies illusorisch. Je mehr man sich der absoluten Kontrolle nähert, desto mehr Widerstände schafft man, und das kann durch ein paar einzelne Terroristen evident werden. Wir sind alle Amerikaner, wie man gesagt hat, aber wir sind auch alle Terroristen. Die Ambiguität ist total, es gibt keine Demarkationslinie, nicht einmal in uns selbst.

FR:Wenn ich richtig sehe, haben Sie sehr lange kaum noch vom "System" gesprochen. Nach den Fatalen Strategien ist dieser Begriff beinahe verschwunden.

Jean Baudrillard:Ja, das könnte sein. Dieser Begriff ist ja auch etwas zu abstrakt. Übrigens, auch den Terminus "symbolisch" habe ich lange vergessen oder verlassen

FR:System impliziert ein Ganzes, während Sie sich vor "dem Ereignis" lange Zeit eher mit Bruchstücken beschäftigt haben.

Jean Baudrillard:Ich habe ein wenig den Plan geändert.

FR:Das, scheint mir, gilt auch für die Theorie überhaupt. 1992 haben Sie geschrieben: "Die Theorie kann nichts mehr reflektieren. Sie kann die Begriffe ihrem Referenzfeld nur noch entreißen und dafür sorgen, dass sie einen Punkt überschreiten, nach dem es keine Rückkehr mehr gibt. Auch sie tritt in die Hypersimulation ein." Jetzt dagegen scheint die Theorie gestärkt zu sein, als erklärungskräftiges Ensemble.

Jean Baudrillard:Ja, aber erklären kann sie nichts. Es gibt keine Erklärung! Lange Zeit hat man dem Denken eine philosophische Finalität zugesprochen, die eine bestimmte Wahrheit zu Tage fördere - das war das kritische Denken, das einer kritischen Phase der Modernität entsprach. Jetzt, glaube ich, stehen wir jenseits der Finalität, jenseits des "Endes", wie ich sagte. Da muss das Denken selbst ein Ereignis produzieren, selbst Singularität sein und sich seine eigenen Spielregeln geben. Wenn man so will, dann gibt es zwischen meiner Analyse des 11. Septembers und dem Ereignis selbst überhaupt keinen Zusammenhang. Das sind zwei völlig verschiedene Welten.

Jean Baudrillard:Worauf es ankommt, ist, dass jeder in seinem Segment ein Ereignis produziert. Im wirklichen Ereignis bin ich nichts, niemand ist dort etwas (außer den Opfern vielleicht), aber in der Ordnung des Denkens kann ich versuchen, dieselbe Lücke zu schaffen, alle herkömmlichen Arten der klassischen Interpretation gegen den Strich zu bürsten. Das Denken ist auch zu einer Waffe geworden, nicht zu einer realen, sondern zu einer symbolischen. Und auch das Denken praktiziert eine Art Selbstmord. Es ist ein Denken, das zur Ordnung des Erscheinens und Verschwindens gehört. Das hat mich immer interessiert: Begriffe bis an den Rand zu führen und darüber hinaus, und dann zu sehen, was passiert.

FR:Inwiefern gibt es denn keine Realität mehr? Ist Realität nicht einfach das, was da ist? Selbst Ihre größten Fans vergessen immer wieder, dass Sie sie für verschwunden halten.

Jean Baudrillard:Ich möchte "Realität" nicht mit der materiellen Existenz der Dinge oder der Objektivität verwechselt wissen. Die Realität ist ein Prinzip. Das ist nicht zeitlos, sondern hat tatsächlich zu existieren angefangen zusammen mit der Modernität, der Rationalität usw. Dieses Prinzip ging verloren, aber natürlich nicht die materielle Existenz der Dinge. Die Frage ist: Stehen die Dinge in einem Zusammenhang von Ursache und Wirkung, Ursprung und Finalität? Kann man sich dies objektiv vergegenwärtigen, kann man es im Experiment reproduzieren? Das ist so in etwa die Definition des Realen, das als Prinzip unmöglich geworden ist wie in der Kunst die figürliche Abbildung.

Jean Baudrillard:Die Kunst ist ein gutes Beispiel, denn auch sie ist immer eine Herausforderung, eine Form der Verneinung der Realität. Dass die Realität verschwunden ist, stellte ich in der Analyse der Simulakren und der Simulation fest: dass alles zu einer hyperrealen Form wurde, realer als das Reale. Was der Realität ein Ende bereitet, ist ja nicht die Illusion, sondern die Hyper-Realität: zu viel Information, alles ist zu objektiv, zu rational, zu erklärbar. Nietzsche hat gesagt: Wir glauben nicht, dass die Wahrheit Wahrheit bleibt, wenn man ihr den Schleier entreißt. Es gibt keine nackte Wahrheit der Dinge...

FR:. . . und auch keine nackte Realität?

Jean Baudrillard:Die Realität bleibt nicht Realität, wenn sie der Illusion beraubt wird.

FR:Was gab es davor, was kommt nach dem Prinzip der Realität?

Jean Baudrillard:Eine zeitliche Abfolge gibt es nicht, nur eine logische. Davor gab es eine symbolische Ordnung: eine Verkettung von Formen, die überhaupt nicht die objektive, reale Ordnung der Dinge vergegenwärtigt. Alle Kulturen vor unserer modernen, westlichen sind symbolischer Art und Illusion im guten Sinne des Worts. Das heißt, es gibt ein großes Spiel, in dem man zur Kenntnis nimmt, dass das rein Reale nicht existiert, sondern alles eine symbolische Ordnung durchläuft. Wir aber haben das vergessen.

FR:Da sind wir beim Kern Ihrer Theorie angelangt. Das Symbolische, der symbolische Tausch.

Jean Baudrillard:Die ganze Arbeit der Modernität, der Befreiung der Dinge und die technische Operation der Weltveränderung verweist auf die Eliminierung des Symbolischen, auf alles, was uns als Illusion, Mystifizierung, Leugnung der Religion vorkam. Man hält sich an die Objektivität, alles, was zur symbolischen Ordnung gehört hat, muss verschwinden.

FR:Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Jean Baudrillard:Die Sexualität ist ein gutes Beispiel. Man hat die Verführung - die symbolische Ordnung, das Duell, die Herausforderung - ersetzt durch die reine befreite Sexualität, deren Extrem Catherine Millet ist: die völlige Abwesenheit der Verführung, des Charmes, des Symbolischen. Selbst der Körper ist nicht mehr symbolisiert, sondern operationalisiert in Begriffen des Sexuellen. Da bleibt nur noch die biologische Ordnung des Sexes. Die Spuren der Verführung, des Spiels und der Form, der Erscheinungen - ich sage nicht, dass all das total verschwunden ist. Aber potenziell leben wir in der Ordnung der Destruktion, des Symbolischen in diesem Sinne. Früher gab es eine symbolische Ordnung, jetzt die symbolische Gewalt. Ist ein Universum vorstellbar, wo die Einzelheiten sich auch auf diese Weise verausgaben könnten? Und miteinander spielen könnten ohne eine übergeordnete Ordnung des Realen, der Macht, der Politik? Das bleibt vielleicht eine Utopie.

FR:Sie nehmen hier also ganz klar eine Wertung vor.

Jean Baudrillard:Ja, ganz klar.

FR:Ist denn ein Jenseits unserer Weltordnung vorstellbar?

Jean Baudrillard:Auf jeden Fall ist die Globalisierung nicht aufzuhalten und geht irreversibel weiter in Richtung Eliminierung des Einzelnen, und daneben gibt es eine wenn nicht widerständige, so doch antagonistische Bewegung, die mit gleicher oder noch größerer Geschwindigkeit wächst. Beide wachsen in totaler Widersprüchlichkeit. Was wollen Sie da vorhersehen! Ein großes Spiel ist es, aber ich bin kein Prophet, so wenig wie irgend jemand anderes.

FR:Sie haben die Ereignisse des 11. Septembers eine "große Abreaktion" genannt von etwas, von dem alle eine gewisse Vorahnung gehabt hätten. Der Psychoanalytiker Gerard Huber hat geschrieben, ganz im Sinne einer guten Psychoanalyse, das sei eher Ihr persönliches Problem...

Jean Baudrillard:Ja, ja, er ist sehr nett, er hat mir eine Gratisanalyse erstellt!

FR:Ein anderer, Alain Minc, hat, auch in Le Monde...

Jean Baudrillard:Also, ich habe kein Glück mit meinen Kritikern. Ich will ja nicht gemein sein, aber diese Leute begegnen mir wirklich nicht auf Augenhöhe mit ihren Langweilerdiskursen.

FR:Sie erlauben aber, dass ich Sie trotzdem mit ihren Argumenten konfrontiere?

Jean Baudrillard:Bitte, machen Sie.

FR:Minc fragt, ob Sie denn nicht die Überlegenheit der Demokratie anerkennen?

Jean Baudrillard:Ach ja! Was versteht er wohl unter Demokratie? Nein, dieses ganze Package - Demokratie, Menschenrechte, Markt, Liberalismus usw. - geht mich nichts mehr an. Es ist doch unübersehbar, dass die Demokratie heute als operational-liberale Strategie funktioniert. Nein, die Demokratie ist mir ebenso egal wie die Rechte oder die Linke.

FR:Gut, aber ihre Kritiker würden Ihnen antworten, dass Sie ja doch davon profitieren, von der Demokratie und der Modernität, und dass Sie damit recht gut leben...

Jean Baudrillard:Ja, freilich. Insofern profitiere ich davon: Ich lebe in einer Gesellschaft, spreche französisch, und es gibt zwangsläufig objektive Bedingungen, in denen man sich ausdrückt. Aber jedem sein Schicksal. Ich partizipiere viel weniger daran als beispielsweise Alain Minc. Ich spiele ein Doppelspiel, ja, das gebe ich zu. Aber ich habe mir genug Feinde geschaffen, um mir sicher sein zu können: Mitmachen tue ich nicht.

FR:Was den Krieg angeht, haben Sie sich ausdrücklich dagegen ausgesprochen.

Jean Baudrillard:Nein! Weder dafür noch dagegen. Ich bin gegen das Prinzip des Kriegs überhaupt, nicht aus antiamerikanischen Gründen. Ich meine, dass der Krieg eine Simulation, eine Schimäre ist, der das Ereignis verbergen soll und ein außerordentliches Ereignis in einen gewöhnlichen, repetitiven Krieg verwandeln will. Dadurch versteinern alle Diskussionen. Dieser Krieg ist lachhaft, künstlich, leider auch tödlich, gewaltsam. Er ist eine mentale Umleitung aller Meinungen mit polizeilichen Mitteln. Im Gegensatz zum 11. September ist er etwas Rekurrentes, Propaganda, Werbung.

FR:Aber es gibt eben, sowohl im Krieg wie in den Ereignissen des 11. Septembers, die Toten. Darüber lässt sich doch nicht hinwegsehen.

Jean Baudrillard:Da läuft man Gefahr, zynisch zu werden. Das hat man meiner These, dass der Golf- Krieg nicht stattfindet, vorgeworfen: die 100 000 toten Iraker, wie verhält es sich mit ihnen? Wenn ich sage, man muss auf immoralische Weise analysieren, dann darf ich auf moralische und politische Argumente keine Rücksicht nehmen. Ich nehme die gegenläufigen Kräfte wahr und stehe auf der Seite der antagonistischen. Wenn es Opfer gibt, dann gibt es sie eben. Auf der anderen Seite sind es viel, viel mehr.

Baudrillard, Jean. "Interview: Demokratie, Menschenrechte, Markt, Liberalismus - das geht mich nichts mehr an." Frankfurter Rundschau 28.11.2002. Available: http://www.fr-aktuell.de/uebersicht/alle_dossiers/politik_ausland/der_terror_und_die_folgen/der_terror_im_spiegel_der_medien/?cnt=31163