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Giorgio Agamben. Das verlorene paradiesische Kleid.

Giorgio Agamben. "Das verlorene paradiesische Kleid. Theologie der Nacktheit: Vanessa Beecrofts Berliner Performance." Frankfurter Allgemeine Zeitung. April 12, 2005, No. 84, Page 37, German, Translated from Italian by Andreas Hiepko.

Translations:

Giorgio Agamben. "Das verlorene paradiesische Kleid. Theologie der Nacktheit: Vanessa Beecrofts Berliner Performance." Frankfurter Allgemeine Zeitung. April 12, 2005, No. 84, Page 37, German, Translated from Italian by Andreas Hiepko.
Giorgio Agamben. "The Lost Dress of Paradise. A Theology of Nakedness: Vanessa Beecroft’s Performance in Berlin." Translation by Christian Nilsson.

Giorgio Agamben. Das verlorene paradiesische Kleid. Theologie der Nacktheit: Vanessa Beecrofts Berliner Performance

Der erste Eindruck, den die Performance von Vanessa Beecroft bei den Anwesenden in der Neuen Nationalgalerie hinterläßt, ist politischer Natur: nichts als bekleidete Großstadtmenschen, die nackte Großstadtmenschen betrachten. In all ihrer Zweideutigkeit scheint die zugleich äußerste und aussichtsloseste Lage des Massenmenschen noch einmal auf, und zwar in der sonderbaren Gestalt, die die Lage des heutigen Menschen kennzeichnet: als Nicht-Geschehen. Etwas, das sich hätte ereignen können, hat nicht stattgefunden. Dachte man jedoch etwas später über die Besonderheit dieses Nicht-Stattfindens nach, wurde der erste Eindruck, der ein politischer war, wie nicht anders zu erwarten, von einer genuin theologischen Überlegung verdrängt. Denn was genau hatte hier nicht stattgefunden? Weder eine Orgie noch Folterungen, noch eine S/M-Seance, sondern die schlichte Nacktheit des Menschen. In unserer Kultur ist die Nacktheit untrennbar mit einer theologischen Bedeutung verbunden. Und zwar nicht nur deshalb, weil man bei der Betrachtung der hundert beliebigen, in mehreren Reihen aufgestellten und einzig mit einer Nylonstrumpfhose bekleideten Frauen, die reglos verharrten, als ob sie etwas erwarteten, nicht umhinkonnte, an die Nacktheit der Auferstandenen am Jüngsten Tag zu denken. Diese entblößten Menschen, dachte ich, sind Auferstandene in Erwartung des Gerichts. Die sie einkreisenden bekleideten Menschen aber waren, ohne es zu wissen, Beamte irgendeines Himmel- oder Höllenamtes, die sich anschickten, jene in den Himmel zu geleiten oder in die Gehenna zu stürzen.

Die theologische Bedeutung der Blöße reicht jedoch tiefer. Wir alle kennen die Erzählung der Genesis, der zufolge Adam und Eva erst nach der Ursünde bemerkten, daß sie nackt waren. Laut den Theologen geschah dies nicht aus schierer Unwissenheit: Im Paradies, vor dem Fall, waren sie, obgleich nicht von menschlicher Kleidung bedeckt, dennoch nicht nackt. Sie waren in ein Kleid der Gnade gehüllt, ein enganliegendes Glorienkleid. Die Sünde beraubt den Menschen dieses übernatürlichen Kleides, und, nunmehr nackt, sieht sich dieser gezwungen, sich erst mit Feigenblättern, dann mit Tierhäuten zu bedecken. Das Kleid, mit dem er nun seinen Körper verhüllt, ist nicht mehr das Kleid der Gnade und der Unschuld, sondern das der Sünde und Heuchelei. Und dennoch gehört es ihm notwendigerweise an, denn es ist zugleich ein Andenken an das verlorene paradiesische Kleid und die Verheißung jenes neuen Kleides, das ihm mit der Erlösung zuteil wird. Es gibt eine besondere christliche Würde des Kleides, die sich sogar auf die äußersten Auswüchse der Mode erstreckt: "Das Kleid, das der gefallene Mensch trägt", schreibt ein moderner Theologe, "ist Andenken an das verlorene Kleid, das der Mensch im Paradies getragen hat. Es ist so sehr lebendige Erinnerung daran, daß jede Veränderung und Erneuerung des Kleides in der Mode, die wir bereitwillig auf uns nehmen, weil sie uns einen Ansatz zu einem Verständnis unseres Selbst verheißt, doch nur die Hoffnung nach dem verlorenen Kleide weckt... Dieses Kleid, das wir besessen und verloren haben und doch in allen irdischen Gewändern, die wir tragen, noch immer suchen, wird uns in der heiligen Taufe geschenkt."

Diese Überlegungen erlauben uns, jene Nacktheit, die sich in der Performance von Vanessa Beecroft nicht ereignet hat, auf neue Weise zu denken. Laut dem Axiom, das die christliche Theologie des Kleides begründet, ist menschliche Nacktheit, wenn überhaupt, nur vorläufig und negativ möglich. Zum einen, weil im Eden der kreatürliche Körper sogleich von der göttlichen Gnade bekleidet wurde; zum anderen, weil dieser nach dem Fall in ein Kleid gehüllt ist, dessen Notwendigkeit die Taufe begründet; und schließlich, weil im Paradies die Seligen ein neues Glorienkleid erhalten werden, das nicht abgelegt werden kann. Nacktheit gibt es womöglich nur in der Hölle; denn selbst wenn sie im Leben im flüchtigen Moment der Sünde aufscheint, bleibt sie besinnungs- und deutungslos, denn ihren Sinn bezieht sie einzig aus dem Kleid der Gnade.

Jetzt wird verständlich, warum in der Performance von Vanessa Beecroft - die sich nicht in der Hölle, sondern in der Neuen Nationalgalerie abspielte und absolut nichts Sündhaftes hatte - sich Nacktheit gar nicht ereignen konnte. In rückhaltloser Komplizenschaft mit der christlichen Theologie, mit der sie, ohne sich dessen bewußt zu sein, völlig gesättigt war, stellt sie nichts anderes aus als die Unmöglichkeit der Nacktheit.

Das letzte Wort soll deshalb einer politischen Überlegung gehören. Gegen diese Komplizenschaft von Ware und Theologie gilt es, eine mögliche Nacktheit des Menschen zu denken, die erst die Theologie, dann Verdinglichung und Pornographie undenkbar gemacht haben. Was wir wiederfinden müssen, ist Adams Nacktheit, bevor Gott ihm das Glorienkleid überstreifte. Jedoch weder als verlorenen Naturzustand noch als Verheißung eines kommenden, sondern als etwas, das wir hier und heute Stück für Stück von dem theologischen Gewebe befreien müssen, das es umhüllt. Einer gnostischen Parabel zufolge werden sich die Seligen am Allerletzten Tag das Lichtkleid vom Leib reißen, in das Gott sie am Letzten gehüllt haben wird, und sich einander in ihrer Nacktheit zeigen, die weder Sünde noch Glorie kennt. Der menschliche Körper, der an diesem Tag in Erscheinung tritt, wird dem Körper jenes Mädchens in der Neuen Nationalgalerie gleichen, auf das ich von hinten einen flüchtigen Blick warf, um es sogleich wieder aus den Augen zu verlieren: zerbrechlich, einfach, namenlos und dennoch unbestreitbar nackt und problemlos denkbar.