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Der Anschlag, der die Welt veränderte
Am Morgen des 11. September 2001 rast das erste von Terroristen gekaperte Flugzeug in das World Trade Center, 18 Minuten später folgt die zweite Maschine. Bilder vom verheerenden Anschlag, mit dem eine neue Zeitrechnung für die Welt begann.
Requiem für die Twin Towers oder Hat der Terrorismus einen Sinn? Der französische Soziologe Jean Baudrillard über den "Selbstmord des Systems" und dessen Folgen.
Die Attentate des 11. September gehen selbstverständlich auch die Architektur an, da das zerstörte Bauwerk eines der berühmtesten der Welt war. Die Attentate haben ebenso eine bestimmte Architektur wie ein ganzes System westlicher Werte und eine Weltordnung getroffen. Es liegt daher nahe, mit einer historischen und architektonischen Analyse der Twin Towers zu beginnen, will man die symbolische Bedeutung ihrer Zerstörung verstehen.
Alle großen Gebäude Manhattans waren damit zufrieden, sich in einem Wettstreit der Vertikalität zu messen, woraus ein architektonisches Panorama nach dem Vorbild des kapitalistischen Systems erwuchs - ein pyramidaler Dschungel, dessen berühmtes Bild sich bei der Ankunft vom Meer her nach und nach herauskristallisierte. Dieses Bild änderte sich 1973 mit dem Bau des World Trade Center. Als Abbild des Systems traten an die Stelle von Obelisk und Pyramide die Lochkarte und die statistische Grafik. Dieser architektonische Grafismus verdeutlicht nun kein konkurrentielles System mehr, sondern ein numerisches und errechenbares, in welchem die Konkurrenz vor den Netzen und dem Monopol kapituliert hat.
Vollkommen parallele Gebilde, 400 Meter hoch, auf quadratischem Grund, perfekt austarierte und blind kommunizierende Röhren. Die Tatsache, dass es zwei davon gab, bedeutete das Ende jeder ursprünglichen Referenz. Hätte es nur einen gegeben, hätte sich das Monopol nicht vollständig inkarnieren können. Nur die Wiederholung des Zeichens brachte das Bezeichnete auf den Punkt.
New York ist die einzige Stadt auf der Welt, die im Laufe ihrer Geschichte mit wunderbarer Treue die jeweils gültige Form des Systems mit all seinen Umschlagpunkten nachgezeichnet hat. Man muss also davon ausgehen, dass der Zusammenbruch der Türme - ein einzigartiges Ereignis in der Geschichte der modernen Stadt - eine Form des dramatischen Endes, um nicht zu sagen des Verschwindens dieser Form von Architektur wie auch des von ihr inkarnierten Weltsystems präfiguriert. In ihrer rein informationellen, bank- und finanzförmigen, errechenbaren und numerischen Modellierung waren sie in gewisser Weise deren Gehirn; die Terroristen haben mit ihrem Anschlag das Gehirn, das neuralgische Zentrum des Systems getroffen.
Die Gewalt des Globalen vermittelt sich über die Architektur; mithin vollzieht sich die gewaltsame Ablehnung dieser Globalisierung durch Zerstörung der Architektur. In Termini des kollektiven Dramas lässt sich sagen, dass der von den 4 000 Opfern erlebte Schrecken, in den Türmen zu sterben, nicht von dem Schrecken, in ihnen zu leben, getrennt werden kann - dem Schrecken, in diesen Beton- und Stahlsarkophagen zu leben und zu arbeiten.
Die Symmetrie der Türme hat sogar ihre eigene Zerstörung berücksichtigt: eine zweifache Aggression in wenigen Minuten Zeitabstand. Suspens zwischen den beiden Einschlägen. Nach dem ersten konnte man noch an einen Unfall glauben. Erst der zweite machte klar, dass es sich um einen Terroranschlag handelte. Bei dem Flugzeugabsturz von Queens, einen Monat später, haben die Fernsehanstalten gewartet, sie sind (in Frankreich) vier Stunden lang auf Aufnahme geblieben, in der Hoffnung auf einen zweiten Absturz in Direktübertragung. Da dieser nicht stattfand, wird man nie wissen, ob es ein Unfall oder ein Attentat war.
Der Zusammenbruch der Türme ist ein symbolisches Ereignis höherer Ordnung. Stellen Sie sich vor, sie wären nicht zusammengebrochen und es wäre nur einer eingestürzt - die Wirkung wäre längst nicht dieselbe gewesen. Der schlagende Beweis der Fragilität der Weltmacht wäre nicht derselbe gewesen. Die Türme als Wahrzeichen dieser Macht inkarnierten sie noch in ihrem dramatischen Ende, das einem Selbstmord glich. Indem sie scheinbar aus sich heraus, wie durch Implosion, einstürzten, gewann man den Eindruck, dass sie sich umbrachten, als Antwort auf den Selbstmord der Flugzeuge.
Sind die Twin Towers zerstört worden oder sind sie in sich zusammengestürzt? Wir meinen: Die beiden Türme sind gleichzeitig ein körperlicher, architektonischer und ein symbolischer Gegenstand (der die finanzielle Potenz und den globalen Liberalismus symbolisiert). Der architektonische Gegenstand wurde zerstört, aber man zielte auf den symbolischen: Diesem galt die Zerstörungswut. Scheinbar hat die physische Zerstörung den symbolischen Zusammenbruch nach sich gezogen. Tatsächlich aber hat niemand - haben nicht einmal die Terroristen - die totale Zerstörung der Türme geplant. Der symbolische Zusammenbruch hat mithin den physischen nach sich gezogen und nicht umgekehrt.
Bis in ihr Scheitern hinein haben die Terroristen über ihre Erwartung hinaus gesiegt: Obwohl sie das Weiße Haus verfehlt haben (und die Türme über ihr Ziel hinaus getroffen haben), haben sie unfreiwillig gezeigt, dass das nicht das entscheidende Ziel war, dass politische Macht im Grunde nicht mehr viel bedeutet, dass die Stärke anderswo liegt. Die Frage, was man an der Stelle der Türme errichten sollte, ist unentscheidbar. Ganz einfach, weil man sich nichts Gleichwertiges vorstellen kann, das gleichermaßen der Mühe lohnte, zerstört zu werden - das der Zerstörung würdig wäre. Die Twin Towers lohnten der Mühe, zerstört zu werden - das lässt sich nicht von vielen architektonischen Werken sagen. Nur die namhaften Werke sind dessen würdig, da die Zerstörung eine Ehre ist. Diese Aussage ist nicht so paradox, wie sie klingt, und gibt der Architektur eine grundlegende Frage auf: Darf man nur bauen, was dank seines herausragenden Charakters auch wert wäre, zerstört zu werden? Die meisten Dinge lohnt es nicht zu zerstören oder zu opfern.
Kommen wir nun zum Globalen und zur Gewalt des Globalen in seinem Verhältnis zum Universellen und zur Singularität. Zwischen den Termini des Globalen und Universellen liegt eine trügerische Analogie. Universalität kommt den Menschenrechten, den Freiheiten, der Kultur, der Demokratie zu. Die Globalisierung dagegen bezieht sich auf Techniken, Markt, Tourismus, Information. Die Globalisierung scheint unumkehrbar, während das Universelle im Verschwinden begriffen scheint, zumindest so, wie es sich als Wertesystem auf der Ebene der westlichen Moderne ohne Entsprechung in einer anderen Kultur herausgebildet hat. Jede Kultur, die sich universalisiert, verliert ihre Singularität und stirbt. Das ist jenen geschehen, die wir gewaltsam assimiliert haben, aber das geschieht auch unserer Kultur mit ihrem Universalitätsanspruch. Der Unterschied liegt darin, dass die anderen Kulturen an ihrer Singularität gestorben sind, was ein schöner Tod ist, während wir am Verlust jeglicher Singularität, an der Vernichtung aller unserer Werte sterben, was ein "Mal-Mort", ein schlechter Tod ist. Wir denken, dass jedem Wert dieses Schicksal der Erhebung zum Universellen blüht, ohne dass er die Todesgefahr ermessen kann, die diese Beförderung mit sich bringt; alles andere als eine Erhebung, stellt sie eine Reduktion oder sogar eine Erhebung auf den Nullpunkt des Wertes dar. Zur Zeit der Aufklärung vollzog sich die Universalisierung von oben, nach dem Bild des aufsteigenden Fortschritts; heute vollzieht sie sich von unten, mittels Neutralisierung der Werte, mittels Wucherung und unbestimmter Ausdehnung der Werte. Dasselbe geschieht unter anderem den Menschenrechten, der Demokratie: Ihre Expansion entspricht ihrer schwächsten Definition, ihrer maximalen Entropie.
In der Tat geht das Universelle in der Globalisierung unter. Die Dynamik des Universellen als Transzendenz, als idealer Zweck, als Utopie, hört im Maße seiner Realisierung zu existieren auf. Die Globalisierung des Tausches setzt der Universalisierung der Werte ein Ende. Mit dem Übergang des Universellen zum Globalen vollzieht sich zugleich eine Homogenisierung und Fragmentierung des Systems ins Unendliche. Die globale Vernetzung der Netze wird durch eine Herauslösung der Fragmente verdoppelt. Nicht das Lokale folgt auf das Zentrale, sondern das Abgetrennte; nicht das Dezentrierte folgt auf das Konzentrische, sondern das Exzentrische, als Desintegration des Universellen. Die Globalisierung stellt insgesamt eine Homogenisierung und wachsende Diskriminierung dar. Zurückweisung, Ausschluss sind keine zufälligen Folgen, sie gehören zur Logik der Globalisierung, die im Gegensatz zum Universellen die existierenden Strukturen entsolidarisiert, um sie desto besser integrieren zu können. Überall überkreuzen sich die Distanzen, häufig unwiederbringlich.
Das Universelle war eine Kultur der Transzendenz, der Reflexion des Subjekts und des Begriffs, eine Kultur mit drei Dimensionen, jener des Raums, des Realen und der Repräsentation. Der virtuelle Raum ist jener des Bildschirms, des Netzes, der Immanenz, des Numerischen. Nun lässt sich dieser Raum der vierten Dimension den anderen nicht hinzuaddieren, schafft sie vielmehr ab. Indem er all diese Dimensionen aufeinanderprallen lässt, bringt der Bildschirm des Globalen ein eindimensionales Universum oder vielmehr eine Raumzeit ohne Dimensionen hervor.
Man ermisst schwerlich die Gewalt, die all unseren Repräsentationen durch dieses Eintauchen in die vierte Dimension zugefügt wird. Es ist eine virale Gewalt, jene der Netze und des Virtuellen. Eine Gewalt der sanften Vernichtung, eine genetische und kommunikationelle Gewalt; eine Gewalt des Konsens und der forcierten Zusammengehörigkeit, die, wie eine Schönheitschirurgie des Sozialen, als Gewalt der Transparenz und der Unschuld, gewaltsam und prophylaktisch mittels psychischer und medialer Regulierung die Wurzeln des Übels und jeder Radikalität auszureißen trachtet; eine Gewalt des Systems selbst, die jede Form der Negativität und Singularität einschließlich der letzten Form der Singularität, die unser Tod ist, löscht; die Gewalt einer Gesellschaft, die uns das Negative und den Konflikt und den Tod untersagt; eine Gewalt, die in gewisser Weise die Gewalt selbst beendet, die aber in jeglicher Form daran arbeitet, eine Welt ins Leben zu rufen, die von jeder natürlichen Ordnung befreit ist, sei es jener des Körpers, des Geschlechts, der Geburt oder des Todes.
Diese Gewalt ist viral in dem Sinne, dass sie nicht frontal operiert, sondern mittels Nähe, Ansteckung, Kettenreaktion und dadurch auf den Niedergang aller Immunitäten zielt. Auch in dem Sinn, dass sie im Gegensatz zur negativen und historischen Gewalt mit einem Übermaß an Positivität agiert nach dem Bild von Krebszellen, durch endloses Wuchern, Auswuchs und Metastase. Zwischen der Virtualität und der Viralität gibt es noch eine Art Komplizität. Wir müssen dieser viralen Gewalt der Globalisierung Widerstand entgegensetzen, dieser Gewalt, die den Singularitäten vom Universellen, dem Universellen vom Globalen und der Gattung von der Genmanipulation angetan wird. Nicht indem wir mit Globalisierung der ohnmächtigen universellen Werte antworten, sondern indem wir ihr eine radikale Singularität, das Ereignis der Singularität entgegensetzen.
Die Globalisierung hat nicht von vornherein gewonnen, das Spiel ist noch nicht gespielt. Gegen die auflösende und homogenisierende Gewalt sieht man überall heterogene, nicht nur differente, sondern antagonistische und unwiderstehliche Kräfte aufstehen. Hinter dem immer lebhafteren Widerstand gegen die Globalisierung, den gesellschaftlichen, sozialen und politischen Widerständen, die wie eine archaische Ablehnung der Moderne aussehen mögen, muss man die Reaktion gegen die Vereinnahmung durch das Universelle erkennen, eine Art Revisionismus, der die Errungenschaften der Moderne bezüglich der Idee des Fortschritts und der Geschichte, der Zurückweisung nicht nur der berühmten globalen Technostruktur, sondern der mentalen Struktur der Identifikation aller Kulturen, aller Kontinente unter dem Zeichen des Universellen zum Bersten bringt.
Das Wiedererstarken, die Erhebung der Singularität kann gewaltsame, anomalische, irrationale Aspekte ethnischer, religiöser und linguistischer Art je nach dem Gesichtspunkt unseres aufgeklärten Denkens annehmen, aber auch auf der individuellen Ebene sich in Charakterzügen oder Neurosen niederschlagen. Es wäre ein fundamentaler Irrtum, diese Ausbrüche als populistisch, archaisch, sprich terroristisch zu verdammen. Alles, was heute Ereignis wird, tut dies in Abgrenzung von der abstrakten Universalität, einschließlich des Islam, der sich zu den westlichen Werten antagonistisch verhält. Weil er heutzutage die vehementeste Infragestellung der westlichen Globalisierung bietet, stellt der Islam den Feind Nummer 1 dar. Aus dem Bersten des globalen Systems gehen Singularitäten hervor. Die Singularitäten sind weder positiv noch negativ. Sie stellen keine Alternative zur Globalisierung dar, sie liegen auf einer anderen Ebene, unterstehen keinem Werturteil und können folglich zu unserem Besten oder Schlimmsten sein. Ihr einziger Vorzug liegt darin, den Totalisierungsreigen zu durchbrechen. Man kann sie nicht zu einer historischen Gesamtaktion zusammenfassen. Sie bringen jedes einzigartige und dominante Denken zur Verzweiflung, aber sie sind auch kein einzigartiges Gegen-Denken: Sie erfinden ihr Spiel und ihre eigenen Spielregeln.
Der Terrorismus enthält keine ideologische oder politische Alternative, das ist offensichtlich. Darin wird er zum Ereignis: Er ist nicht Teil einer kontinuierlichen Geschichte, einer realen Geschichte; er gehört zu den reinen Ereignissen, zu jenen, die ihre Ursachen kurzschließen und im Grunde keine Folgen haben. Das Ereignis gehört nicht der Kontinuität von Ursache und Wirkung, sondern der Ordnung des Bruchs an. In diesem Sinn ist jedes Ereignis, das diesen Namen verdient, terroristisch. Eine besondere Form des Jubilierens liegt im Übergang zum symbolischen Akt. Der Terrorismus hat kein Ziel. Dieser besondere Triumph, der mit dem Ereignis und seiner Gewalt verbunden ist, hat in seinem Übergang zum symbolischen Akt etwas Jubilatorisches, wie es uns im Realen oder in der realen Ordnung der Dinge nie begegnet.
Der Terrorismus hat kein Ziel und lässt sich nicht an seinen realen Folgen messen. Wenn das Anliegen der Terroristen darauf abzielt, den Staat zu destabilisieren, ist das absurd: Da dieser bzw. die Weltordnung bereits kaum mehr existieren und Quelle einer ungeahnten Unordnung und Destabiliserung sind, ist es ziemlich sinnlos, das noch verstärken zu wollen. Es ist sogar riskant, durch zusätzliche Unordnung die Ordnung und Kontrolle des Staates zu verstärken, wie man es heutzutage überall in der Einführung neuer Sicherheitsmaßnahmen vor sich gehen sieht.
Darin liegt vielleicht der Traum der Terroristen - sie träumen von einem unsterblichen Feind. Wenn er nicht mehr existiert, wird es sehr viel schwieriger, ihn zu zerstören.
Solche Tautologien lassen sich nicht erfinden. Der Terrorismus ist tautologisch und seine Schlussfolgerung ist eine Art paradoxer Syllogismus: Wenn der Staat tatsächlich existierte, verliehe er dem Terrorismus einen politischen Sinn. Da dieser aber tatsächlich keinen hat (seine Konsequenzen sind null oder utopisch), ist das der Beweis, dass der Staat nicht existiert. Das ist eine Art, das Ende des Politischen und sein Lächerlichwerden wie das Ende des Krieges, des Begriffs des Krieges, der längst durch eine andere Art der Konfrontation, der symbolischen Konfrontation überboten wurde, zu unterschreiben (den asymmetrischen Krieg).
Was ist also die heimliche Botschaft der Terroristen? Es gibt eine Erzählung von Nasreddin, in welcher man ihn täglich mit schwerbeladenen Maultieren die Grenze überqueren sieht. Jedesmal werden die Säcke durchsucht, aber man findet nichts. Und Nasreddin überquert immer wieder mit seinen Maultieren die Grenze. Lange danach wird er gefragt, was er denn geschmuggelt habe. Und Nasreddin antwortet: Maultiere...
So wird man allerhand Interpretationen für den terroristischen Akt aufbieten, in Begriffen der Religion, des Martyriums, der Rache oder politischen Strategie. Was verbirgt sich dahinter? Welches Ziel? Welche Schmuggelware? Die geheime Botschaft ist ganz einfach der Selbstmord, der unmögliche Tausch des Todes, die Herausforderung an das System durch die symbolische Gabe des Todes. In gewisser Weise die absolute Waffe. Und offensichtlich haben nur die Türme die Botschaft verstanden und haben diese in einer Art unmittelbarer Einsicht, einer grundlegenden und mit dem Bösen verschwisterten Einsicht zurückgeworfen.
Das ist der Geist des Terrorismus, seine implizite Strategie. Man wird das System in Begriffen von Kräfteverhältnissen nie bekämpfen können. Das System selbst drängt ein (revolutionäres) Imaginäres auf, da es nur dadurch überlebt, dass es unausgesetzt seine Opponenten dazu veranlasst, sich auf seinem realen Territorium zu bekriegen. Daher muss der Kampf in die symbolische Sphäre verlagert werden, in der Regeln der Herausforderung, der Umkehr, der Überbietung herrschen. Der Tod kann nur durch einen gleich- oder höherwertigen Tod beantwortet werden. Das System herausfordern durch eine Gabe, der es nicht gerecht werden kann, außer durch den eigenen Tod und seinen eigenen Zusammenbruch. Die terroristische Hypothese heißt, dass sich das System in Beantwortung der vielfachen Herausforderung des Todes und Selbstmordes selbst umbringt. Denn weder das System noch die Macht entgehen der symbolischen Verpflichtung; in dieser Falle liegt die einzige Chance ihrer Katastrophe.
Man muss davon ausgehen, dass ein neuer Terrorismus geboren ist, eine neue Aktionsform, die sich die Spielregeln aneignet, um sie umso besser zu stören. Eine fatale Strategie, die vom System die Waffen und die Logik borgt, aber um sie gegen sich selbst zu kehren. Sie haben sich die Informations- und Weltraumtechnologien, Geld und Börsenspekulation, die Mediennetze und die Spiegeldimension angeeignet - sie haben sich von der Moderne und der Globalisierung alles angeeignet, ohne das Ziel, nämlich deren Destruktion, preiszugeben.
Das war schon in der radikalen amerikanischen Bewegung der sechziger und siebziger Jahre der Fall, die auf die Medien zurückgriffen, um sie anders zu verwenden. Schon damals überraschte diese Handlungstechnik, denn bis zu diesem Zeitpunkt war es für eine revolutionäre Bewegung unmoralisch, dieselben Mittel wie das System zu verwenden. Man musste den Zweck durch die Reinheit der Mittel heiligen. Sich die Techniken des Systems anzueignen, heißt dessen Werte zu übernehmen. Bezeichnenderweise haben insbesondere die Schwarzen Amerikas dieses Tabu gebrochen und diese moralische Demarkationslinie überschritten. Heute ist dieselbe Bestürzung angesichts der islamistischen Terroristen zu beobachten: Wie konnten sie sich alle Techniken der Moderne aneignen, ohne deren Werte zu übernehmen bzw. sie verwenden, um sie zu zerstören? Man erblickt darin etwas Inkohärentes und Unmoralisches, da der technische Fortschritt für uns untrennbar mit dem "moralischen" Fortschritt einhergeht, mit der Beseitigung aller anderen Wertsysteme als der unsrigen. Und als Gipfel der Gerissenheit haben sie über Monate und Jahre hinweg sogar in der häuslichen Klandestinität die Banalität des american way of life als Maske und Doppel von Leben und Spiel benutzt, bevor sie eines Tages wie verspätete Bomben aufgetaucht sind. Diese Meisterschaft der Klandestinität ist fast ebenso terroristisch wie die Aggression selbst, da sie jeden Bürger unter Verdacht stellt, und sei es den konformistischsten, wie nunmehr in jedem beliebigen Flugzeug, das nun suspekt wird.
In diesem Sinn ist der Terrorismus überall, ist ein Virus als letztes Stadium der Globalisierung. Er ist im Herzen des Globalisierungsprozesses selbst und benutzt jeden beliebigen Akteur (das unpersönliche Gerücht, deren Komplize jedermann ist, die Anthraxdrohung, die Naturkatastrophen). Jedermann ist photosensibel auf den Terrorismus geworden. Mit den Türmen des World Trade Center ist endgültig ein Schutzschild gefallen; in den Bruchstücken des zerbrochenen Spiegels suchen wir verzweifelt unser Bild.
Und es gibt für all das sicherlich einen tieferen Grund: Unerträglich ist weniger das Unglück, das Leid oder die Armut als vielmehr die Macht selbst und ihre Arroganz. Unerträglich und inakzeptabel ist das Auftauchen dieser ganz neuen globalen Macht.
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