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Jean Baudrillard


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Jean Baudrillard - Ich habe einen Traum


In der Wüste muss ich die Einsamkeit nicht erst suchen, ich bin Teil davon. Ich bin auch nicht mit mir selbst allein, das wäre wieder die romantische, westliche Form der Einsamkeit. Nein, die Wüste ist für mich die klarste, schönste, hellste, stärkste Form der Abwesenheit«

Mein Traum ist die Wüste, eine Fantasie, die mich seit langem begleitet. Dieser Traum bringt mich in eine andere Welt, die ich dennoch geografisch verorten kann: im amerikanischen Westen, in Kalifornien. Es sind die amerikanischen Wüsten, die meiner Sehnsucht am nächsten kommen, der Vorstellung einer von allem losgelösten Reise. Ich sehne mich danach, mich von sämtlichen Verantwortungen und Verpflichtungen zu befreien. Die Wüsten, in die ich mich hineinträume, können von unermesslicher Schönheit sein, aber mir geht es vor allem um diese stratosphärische Leere. Einen Zustand, in dem alles passieren könnte, aber eben nichts passiert.

Die Landschaft, die vor meinen Augen auftaucht, ist völlig trocken, fast steril, sie kann aus bizarren Canyonformationen bestehen oder einer endlosen Einöde ohne besondere Eigenschaften. Entscheidend ist das Licht. Es ist statisch, ewig. Die amerikanischen Wüsten sind untrennbar mit diesem Licht verbunden, und sie sind nahezu menschenleer. Begegnet man dort dennoch einem menschlichen Wesen, wirkt es irreal und wird zum Bestandteil dieser umfassenden Hyperrealität der Wüste. Man hat dort wirklich ein Gringo-Gefühl, man wird sich bewusst, dass man nicht mehr ist als ein winziges Epiphänomen am Rande einer unendlichen Zeitentiefe.

Ich bin in der Wüste hin und wieder zu Fuß gegangen, zum Beispiel in der großen Salzwüste von Salt Lake City. Aber normalerweise kann man sich diesen Raum nur mit dem Auto aneignen. Mit dem Wagen legt man Tausende von Kilometern zurück, in welche Richtung ist egal. Diese Unermesslichkeit des Raumes begeistert mich. Sie kommt einer Droge gleich, einer Form der Ekstase. Das Empfinden dieser Weite ist für mich sehr stark mit der Fotografie verknüpft, denn mein fotografisches Interesse wurde eigentlich erst durch die Wüste geweckt. Ich habe in der Wüste auch immer geschrieben, in Hefte. Die Hefte, die Fotografie, das Auto, die Weite - das alles ergibt für mich eine Art Urszene.

Später habe ich den Traum auf Städte übertragen, denn manchmal kann sich auch im urbanen Raum diese losgelöste Art des Reisens einstellen. Große Städte wie New York empfinde ich auch wie Wüsten, vertikale Wüsten. Sie mögen extrem dicht und bevölkert sein, aber dahinter verspüre ich die Leere dieser Urszene.

Die Wüste ist für mich also nicht nur einfach ein Traum, eine Sehnsucht, sondern ein permanentes Gegenkonzept, etwas, das sich gegen das Erscheinungsbild der Dinge stellt. So habe ich diesen Zustand immer wieder gesucht und mich von den verschiedensten Wüsten anziehen lassen. Auf diese Weise sind mir auch ganz andere Arten der Einöde begegnet. Dramatische, intensive Wüsten wie im Sudan und im Jemen, archaische Landschaften, in denen Menschen leben und wo immer noch Kultur stattfindet. Das Leben dort ist unvorstellbar hart, und für mich hatten die Wesen, deren Wege man dort kreuzt, immer etwas Phantomhaftes. Ich habe ungeheuren Respekt vor den viertausend Jahre alten Kulturen, auf deren Spuren man dort stößt, Kulturen, die etwas Gigantisches, in ihrer Weisheit unendlich Überlegenes haben. Sie mögen verschwunden sein, aber ihre Zeichen sind noch da. Und sie haben eine solche Macht, dass man sich von ihnen ausgestoßen fühlen kann, wie ein armseliger Zeitgenosse, der völlig deterritorialisiert ist. In diesen Wüsten stößt man auf verborgene Objekte, verlorene Tempel und Pyramiden, Gebäude am Ende einer fast verschwundenen Sandpiste. Aber mit diesen Entdeckungen befindet man sich auch plötzlich wieder in der Zeit, es gibt eine temporäre Struktur, die in den amerikanischen Wüsten, in Nevada zum Beispiel, völlig fehlt.

Die Wüsten der USA sind die reine Geologie, in den arabischen Wüsten hingegen begibt man sich in die Tiefen der Zivilisation. Meine Vorliebe galt immer den anonymen, unpersönlichen amerikanischen Wüsten. Ihr Nichtkultiviertsein ist für mich ein Gegengewicht zur europäischen Zivilisation, eine totale Befreiung von diesem sehr überfüllten Europa voller kultureller und sozialer Referenzen, voller Geschichte und voller Landschaften. Im Traum von der Wüste gelingt es mir, die ganzen Komplikationen der Kultur hinter mir zu lassen. Interessanterweise verbinde ich mit der Wüste nur Positives und habe sie nie als Bedrohung gesehen. Es gibt natürlich die Vorstellung, sich zu verlieren, zu verschwinden, aber das ist ja gerade Teil des träumerischen Spiels, das vom Verschwinden handelt. Man verschwindet aus der Zeit, weil alles wirkt, als existiere es schon seit Ewigkeiten. Dabei geht es sicherlich auch um die Neugier darauf, wie die Welt aussehen könnte, wenn man selbst nicht mehr da ist. Man spielt die eigene Abwesenheit durch. Dieser Zustand oder dieses Spiel ist im Herzen der Zivilisation, innerhalb der Anforderungen des Alltags, sehr schwer herzustellen. Einsamkeit und Rückzugsorte haben da immer etwas mehr oder weniger Künstliches. Man kann zum Beispiel auch in dem, was man schreibt, verschwinden, im Fernsehen oder im Computer. In der Wüste hingegen muss ich die Einsamkeit nicht erst suchen, ich bin Teil davon. Ich bin auch nicht mit mir selbst allein, das wäre wieder die romantische, westliche Form der Einsamkeit. Nein, die Wüste ist für mich die klarste, schönste, hellste, stärkste Form der Abwesenheit. Genau darum geht es ja letztlich auch bei der Fotografie: Man verschwindet als Subjekt hinter dem Objektiv. Nur die Dinge sind noch da.

Die Welt ohne das eigene Ich, das könnte auch die Welt ohne die menschliche Spezies sein. Die Welt, bevor die Menschen sie betreten haben. Oder nachdem sie wieder von ihr verschwunden sind. In meiner Fantasie steht die Wüste für diese Vorahnung eines Planeten, der nicht mehr von Menschen bewohnt wird. Natürlich geht es dabei auch darum, der Verpflichtung zu entkommen, immer da und präsent zu sein, immer identifiziert werden zu müssen. Eine Befreitung von den anderen, die manchmal durchaus eine Last im Leben sind. In der Wüste bin ich da, aber es gibt niemanden, der mich ansieht, keinen Spiegel. Also habe ich auch kein Bild von mir und bin letztlich von mir selbst befreit.


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