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Jean Baudrillard


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Architektur: Wahrheit oder Radikalität?


Gehen wir vom Raum aus, der immerhin die Urszene der Architektur ist, und von der Radikalität des Raums, das ist von der Leere. Gibt es eine Notwendigkeit, gibt es eine Möglichkeit diesen Raum anders als durch eine grenzenlose horizontale und vertikale Ausdehnung zu strukturieren, zu organisieren ? Mit anderen Worten : ist es möglich, angesichts der Radikalität des Raumes eine Wahrheit der Architektur zu erfinden?

Erschöpft sich die Architektur in ihrer Realität, in ihren Prozeduren, Funktionen und Techniken, oder überwindet sie nicht all das, um sich in etwas anderes zu erschöpfen, das dann ihr eigenes Ende wäre, oder ihr ermöglichen würde, ihr eigenes Ende zu überwinden? Existiert die Architektur noch jenseits ihrer eigenen Realität, jenseits ihrer Wahrheit, als Radikalität, als eine Art Herausforderung des Raumes (und nicht nur Raummanagement), Herausforderung dieser Gesellschaft (und nicht nur Unterwerfung unter ihre Zwänge und Wiederspiegelung ihrer Institutionen), als Herauforderung des Architekturschaffens selbst, des schöpferischen Architekten und der, Illusion seiner Meisterschaft ? Darum geht es. Ich möchte deutlich machen worum es bei der Illusion der Architektur in einem doppelten widersprüchlichen Sinn geht dort, wo die Architektur Illusion erzeugt und sich über sich selbst etwas vormacht, und dort, wo sie eine neue Szenerie, ein neues Bild der Stadt und des Raumes entwirft, welches über die Architektur hinauswächst.

Persönlich habe ich mich vor allem für den Raum interessiert und für all das, was in den gebauten Objekten Schwindel erregt, uns taumeln läßt. Mich interessieren also eher Objekte wie das Beaubourg, das World Trade Center, oder Biospehe 2,d.h. Objekte, die für mich eigentlich nicht architektonische Wunderwerke sind. Wenigstens nicht ihre architektonische Bedeutung ging mich an. Diese Bauten schienen mir von einem andern Stern heruntergefallen zu sein — was übrigens für die meisten grossen zeitgenössischen Bauten gilt. Was ist ihre Wahrheit ? Was ist z.B. die Wahrheit der Zwillingstürme des WTC? Damals,in den 60er Jahren,weist diese Architektur schon das Profil einer hyperrealen,wenn nicht schon elektronischen Gesellschaft, indem die beiden Türme wie Lochstreifen aussehen. Zwiefach, wie sie sind, konnte man sie heute als Klone bezeichnen und als Vorwegnahme des Endes des Originals. Haben sie unsere Zeit vorweggenommen ? Lebt der Architekt also nicht in der Realität,sondern in der Fiktion einer Gesellschaft,in der antizipativen Illusion. Oder überträgt er einfach,was bereits vorhanden ist ? In diesem Sinn möchte ich fragen : Gibt es eine Wahrheit der Architektur,eine übersinnnliche Bestimmung von Stadt und Raum ?

Versuchen wir festzustellen, was es mit dieser schöpferisches Illusion auf sich hat. Das Abenteuer des Architekten findet in einer geradezu wirklichen Welt statt. Er ist nicht wie ein Künstler im herkömmlichen Sinn. Er ist nicht einer, der vor einem leeren Blatt nachdenkt oder an einer Staffelei arbeitet. Er muss innerhalb eines genauen Zeitrahmens, mit einem bestimmten Budget und für bestimmte Personen ein Objekt herstellen. Er arbeitet mit einem Team und ist in der Lage, sich im Namen der Sicherheit, des Geldes, des Berufstandes direkt oder indirekt zensieren zu lassen. Wie kann er sich damit abfinden ? Das Problem ist jedes Projekt an ein Konzept anzubinden, dank besonderen Strategien, Wahrnehmung und Intuition, welches einen Ort definiert, den man noch nicht kennt. Wir bewegen uns im Terrain der Erfindung, des Nicht-Wissens, des Risikos, und dieser Ort kann schließlich zu einem Ort werden den man nicht beherrscht, der unwillkürlich oder gewollt unkontrolliert ist. Hier beginnt die offene Illusion,die Illusion eines Raumes,der nicht nur sichtbar ist, sondern die geistige Ausdehnung dessen ist, was man sieht. Die Grundhypothese nämlich lautet, dass Architektur nicht das ist, was einen Raum füllt, sondern das, was Raum schöpft. Das kann über Umwege, durch Ellipsen oder Zaubertricke erfolgen, aber von da ab funktioniert der Geist. Bei den japanischen Gärten gibt es immer einen Fluchtpunkt, einen Ort, wo man nicht weiss, ob der Garten aufhört oder weitergeht. Oder das Projekt des "Endlosen, Turmes" von Jean Nouvel in La Défense, mit dem er die Perspektive von Alberti überwinden wollte — nämlich alle Elemente so organisieren, dass sie stufenweise nach oben gelesen werden konnten, und den Raum in vertikaler Tiefe fühlbar machten. Dass der Turm selbst sich im Himmel verlieren sollte, als Übergang zum Immateriellen, an der Grenze des Fühlbaren und der Wahrnehmung, kennzeichnet eine Architektur, die alles andere als virtuell ist (obwohl sie virtuell blieb in dem Sinne, dass sie nie gebaut wurde), die aber mehr entwirft, als man sieht.

Für das Auge und für den Intellekt ist das ein Raum der Verführung. So bei der Fondation Cartier, auch von Jean Nouvel angesichts der Fassade weiss ich nicht, ob ich den Himmel sehe oder einen transparenten Himmel, weil die Fassade grösser ist als das Gebäude. Wenn ich durch drei verglaste Flächen hindurch einen Baum betrachte, weiss ich nie, ob ich einen transparenten Baum sehe oder den Widerschein des Baumes, und so fort. Diese Form der Illusion ist nicht willkürlich. Sie ermöglicht durch die Destabilisierung der Wahrnehmung die Erzeugung eines mentalen Raumes (cosa mentale) und einer Szenerie,eines szenischen Raums,ohne den die Gebäude nur Konstruktionen wären, und die Stadt nur eine eine Aglomeration. Und gerade an diesem Verlust der Szenerie, und also einer ganzen Illusions- und Verführungsdramaturgie leiden all unsere Städte, welche zur Sättigung ihres Stadtraumes durch eine funktionnelle (nützliche oder unnütze) Architektur verurteilt sind. Die jüngste Präsentation von Issey Myiake in der Fondation Cartier hat diese Inszenierung, in der das Architekturobjekt in seiner lebendigen Transparenz eine aktive Rolle spielt, veranschaulicht. Erste Bühne: die Kreationen Issey Myiakés beweglich, im Innenraum. Dann die Tribüne der Gäste (die Frauen meist in Issey Myiake), der ahnungslosen Statisten dieser Inszenierung. Dann das Gebäude selbst, das all das reflektiert, schliesslich all das zusammen, von aussen gesehen, als globale Aktion aufgeführt — wobei der Ausstellung ort selbst zum Ausstellungsobjekt wird, wodurch sich das Gebäude unsichtbar macht. Diese Fähigkeit, da zu sein und sich gleichzeitig unsichtbar zu machen, scheint mir eine grundlegende Eigenschaft zu sein. Denn allein diese Form geheimer (Un)sichtbarkeit kann sich der allgemeinen Sichtbarkeit entgegensetzen — dieser Diktatur der Transparenz, in der sich alles sichtbar und beinahe obszön machen muss, in der Absicht, den geistigen und visuellen Raum in Besitz zu nehmen — der dann nicht mehr ein Raum des Sehens ist, sondern des Sichtbarmachens. Dem sich eine Architektur entgegensetzt, welche gleichzeitig den Ort und den Nicht-Ort erzeugt, und das Prestige der Transparenz wahrt, ohne diese diktatorisch durchzusetzen.

Daraus ergeben sich unbekannte Objekte, nicht identifizierbare Objekte, die die umgebende Ordnung herausfordern. Welche mit der reellen Ordnung in einer Duell — und eventuell auch konfliktuellen Beziehung stehen. In diesem Sinne kann man, nicht eben von Wahrheit, sondern von Radikalität sprechen. Wenn dieses Duell nicht stattfindet, wenn die Architektur die funktionelle und programmatische Transkription der Zwänge der sozialen und urbanen Ordnung sein soll, dann existiert sie als Architektur nicht mehr. Ein gelungener Bau ist einer, der jenseits seiner eigenen Realität existiert, der auch mit dem Nutzerpublikum eine Duellbeziehung (nicht nur eine interaktive Beziehung) aus Missbrauch, Widerspruch, Destabilisierung erzeugt.

Im Denken und im Schreiben und in der Politik ist das Problem immer dasselbe: Was man immer tut, man hat nie die Wahl des Ereignisses, wohl aber die Wahl des Konzepts. Diese Wahlfreiheit des Konzepts muss man sich bewahren. Das Konzept ist etwas, das notwendigerweise mit dem Kontext in Konflikt gerät, mit all den Funktionen, die einem Gebäude oder irgendeinem Objekt anhaften. Das Konzept ist etwas, das im Verhältnis zum Ereignis ein Nicht-Ereignis erzeugt. Et setzt dem sogenannten "reellen" Ereignis ein theoretisches und fiktives Nicht-Ereignis entgegen. Ich kann das mir nicht so gut in der Architektur vorstellen wie in der Theorie, aber in bestimmten Bauten fühle ich diese Art Extrapolation eines neuen Raumes, einer neuen Szenerie — eine Inspiration, die jeglichem Projekt und jeglichem funktionnellen Zwang widerspricht. Hier, und sicher nicht in den künstlichen heutigen Freiräumen, liegt wohl die einzige Lösung für den unmöglichen Austausch von Raum und Stadt.

Was wird aber aus dem Anspruch der Architektur auf Wahrheit,aus dem entschiedenen Anspruch,ein Programm zu erfüllen Bedürfnisse entgegenzukommen, soziale und politische Gegebenheiten umzuwandeln ? Nun,glücklicherweise werden diese programmierten Finalitäten vom Nutzer,von der Masse meistens umgelenkt,deren originelle oder perverse Reaktion nie in das Projekt eingeplant werden kann. Es gibt keine "ecriture automatique" der sozialen Beziehungen, der Massenbedürfnisse,weder in der Architektur noch in der Politik. Auch hier kommt es immer zum Duell,mit einem vollwertigen Gegner,den man nur zu oft als passives Element einkalküliert,der aber nicht unbedingt den Spielregeln des Dialogs gehorcht. Die Massen bemächtigen sich des Architekturprojektes auf ihre Weise,und wenn der Architekt keinen Spielraum im Programm freilässt,dann werden die Nutzer selbst die ungepl-ante Dimension wieder herstellen. Hier ist eine: andere Form der Radikalität.

So wurden alle Intentionen ,die dem Projekt Beaubourg zugrunde lagen, durch den Bau vollständig durchkreuzt. Die positiven Kultur und Kommunikationsperspektiven wurden schliesslich von der Realität,von der Hyperrealität des Baus völlig überspielt. Statt kontextuell zu sein,schuf es ein Vakuum um sich her. Mit seinen flexiblen,verstreuten Räumen,mit seiner Transparenz stiess es an eine Masse,die es massenhaft,undurchsichtig machte und es auf ihre eigene Art missbrauchte. Das war für Beaubourg eine Art fatale Bestimmung. Das Objekt als Ereignis ist immer Träger einer bestimmten Fatalität, der man sich nicht entziehen soll. Das stellt die Meisterschaft des Architekten in Frage,aber das ist gut so. Dort, wo er versucht,einem Ort eine Funktion zuzuschreiben,werder andere daraus einen Nicht-Ort machen,eine andere Spielregel erfinden. Das ist wohl unmoralisch,aber,wie man weiss,sind nicht Moral und positive Werte der-Motor der Gesellschaft,sondern Unmoral und Laster. Und es muss im imaginären,wie im Raum,eine Beugung,eine Krümmung geben, die jedem Einebnungsversuch,jeder Linearität,jeder Programmierung widersteht. So kann sich der Architekt nie vortäuschen,das Objekt als Ereignis zu beherrschen. Die symbolische Regel nämlich lautet,dass der Spieler nie grösser als das Spiel sein darf. Wir sind alle Spieler. Wir alle hoffen,dass sich die rationalen Verkettungen von Zeit zu Zeit lösen,und dass die Ereignisse nach anderen Gesetzen ablaufen,in einer aussergewöhnlichen Abfolge, wo es einem ist,als ob die Dinge, die bis jetzt künstlich entfernt gehalten wurden, sich auf einmal von sich selbst überschneiden und ineinander fliessen,in einer höheren wechselseitigen Bestimmung.

Unsere Welt wäre unerträglich ohne diese automatische Umlenkungskraft, ohne diese Radikalität, ohne diese seltsame Anziehungskraft, die von anderswo, vom Objekt, und nicht vom Subjekt her kommt. Für die Architekten selbst liegt hier etwas Verführerisches : in der Vorstellung, dass die Gebäude, die sie entwerfen, die Raume, die sie erfinden, der Ort geheimer, zufälliger und irgendwie poetischer Eingriffe sind, und nicht nur banaler,offizieller und statistischer Reaktionen.

Ausserdem sind wir in der heutigen Welt mit einer ganz neuen Dimensionkonfrontiert. Wo sich die Frage nach Wahrheit oder Radikalität nicht einmal mehr stellt — weil wir in die Virtualität geraten sind. Und damit in die äusserste Gefahr, dass die Architektur nicht weiterexistiert, dass es sie überhaupt nicht mehr gibt.

Die Architektur kann auf verschiedene Weise inexistent sein. Jahrtausendelang hat sich eine Architektur entwickelt ohne eine Vorstellung von Architektur. Die Menschen haben ihre Umgebung nach spontanen Regeln entworfen und gebaut, und dieser Lebensraum galt nicht als Architektur,es hatte nicht einmal einen ästhetischen Wert. An bestimmten Städte: Amerikas gefällt mir,dass man sie heute noch durchqueren kann,ohne an Architektur zu denken. Man kann hier herumfahren wie in einer Wüste,ohne sich die Komödie der Kunst, der Ästhetik und der Architektur zu geben.Natürlich sind sie zu vielfachem Zweck strukturiert,aber so,wie sie dastehen,als reines Ereignis,als reines Objekt,können wir über sie zu einer primitiven Szenerie des Raumes zurückgelangen. Es handelt sich um eine Architektur,die geradezu als Anti-Architektur fungiert.(Rem Kohlhaas : Delirious New York — Manhattan ging von etwas aus,vom Vergnügungspark Coney Island,das an sich nichts Architektonisches hatte). Für mich liegt die Perfektion der Architektur darin,dass sie ihre eigenen Spuren verwischt,und den Raum als Grundgedanken walten lasst. Das gilt Überhaupt für die Kunst : jene Werke sind die stärksten,die sich die Komödie der Kunst und der Ästhetik nicht mehr geben. Das gilt für den Gedanken auch : kein Gedanke ist grösser als jener,der sich nicht mehr die Komödie des Sinns und der Tiefe,die Komödie der Wahrheit gibt.

Mit dem Virtuellen geht es nicht mehr um eine Architektur als symbolische Form, die mit dem Sichtbaren und Unsichtbaren spielt, sondern um eine solche, die ein blosser Operator der Sichtbarkeit geworden ist, die in einer bestimmte Hinsicht, statt die natürliche Intelligenz des Raumes und der Stadt vorzustellen, deren künstliche Intelligenz geworden ist. (Ich habe nichts gegen die künstliche Intelligenz, ausser wenn sie in ihrem allumfassenden Kalkül den Anspruch erhebt, alle anderen Formen zu absorbieren und den mentalen Raum auf einen digitalen Raum zu reduzieren). Um diese Gefahr eines Endes des Architekturabenteuers
zu erwägen, werde ich ein Beispiel aus einem anderen Register holen, nämlich aus der, Photographie. Wilhelm Flusser zufolge vermitteln. die meisten heutigen photographischen Bilder nicht mehr den Blick, noch die Vision eines photographischen Subjekts, sondern nur mehr die ganze Bandbreite der technischen Möglichkeiten des Apparats. Die Maschine befiehlt und möchte all ihre Virtualitäten ausschöpfen. Der Mensch ist nur mehr der virtuelle Operator der Programme. Das Virtuelle besteht gerade in der Erschöpfung aller technischen Möglichkeiten des Gerätes. Dasselbe mit dem Computer und der künstlichen Intelligenz, wo der Gedanke meist nur eine Kombinatorik der Software, die virtuelle und unendliche Operation der Maschine ist. All das, was durch die Technik und die unglaubliche Diversifizierung der Technik auf eine "ecriture automatique" der Welt zu geht, gilt auch für die Architektur, sobald sie ihren technischen Möglichkeiten ausgeliefert ist — nicht nur den Materialen und konstruktiven Möglichkeiten, sondern auch den Modellen. Wie alle Bilder vom Photoapparat aus möglich sind, der nur zu funktionieren braucht und verlangt, so können alle Architekturformen aus einem virtuellen Lager hervorgeholt werden. Dann verweist die Architektur nicht mehr auf irgendeine Wahrheit noch irgendeine Originalität, sondern nur mehr auf die technische Verfügbarkeit der Formen und der Materialen. Die auftauchende Wahrheit ist nicht einmal die der objektiven Bedingungen, noch die des subjektiven Willen des Architekten, sondern einfach jene des techni schen Dispositivs und seines Funktionierens. Man kann das noch Architektur heissen, aber so sicher ist es nicht. Als Beispiel sei das Guggenheim-Museum in Bilbao genannt, ein virtuelles Objekt par excellence, der Prototyp eines virtuellen Architektur. Am Computer aus kombinatorischen Elementen und Modulen zusammengesetzt, könnten tausend ähnliche Museen gebaut werden, mit blosser Abwechslung von Software und Rechentabellen. Sogar sein Bezug zum Inhalt — Kollektionen und Kunstwerke — ist vollkommen virtuell. So sehr es durch seine instabile Struktur und seine unlogischen Linien erstaunt, so wenig überraschend sind seine Ausstellungsräume, die konventionnellen Räumen sehr nahe sind. Es symbolisiert nur die Leistung und die Inszenierung einer Maschinerie, einer angewandten Technologie. Der Bau selbst ist wunderbar, aber es ist ein experimentelles Wunder, vergleichbar mit der biogenetischen Erforschung des Körpers, die unzählige Klonen und Schimären hervorbringen wird. Das Guggenheim-Museum ist eine räumlich Schimäre, die Frucht einer Machenschaft, die die Architektur als solche überholt hat.

Eigentlich ist es ein Ready-made. Alle Elemente, die kombiniert werden, sind schon vorhanden, sie brauchen nur mehr inszeniert werden, wie die meisten postmodernen Formen. Duchamp machte das mit seinem Flaschenträger, mit einem reellen Objekt, aus dem er ein virtuelles machte, indem er es einfach verschob. Heute macht man das mit Sequenzen und Informatikprogrammen, aber das kommt auf das Gleiche : man nimmt sie so, wie sie sind, und überträgt sie auf die Architekturszenerie, wo sie gegebenenfalls als Kunstwerke gelten Nebenbei möchte ich eine Frage stellen : ob dieses Actingout Duchamps, diese Transposition irgendeines Objekts in die Kunstsphäre mittels eines Verschiebens, das der Ästhetik ein Ende setzt, jedoch gleichzeitig eine allgemeine Ästhetisierung eröffnet, weil ja alle Objekte potentiell in diese virtuelle Performanz eintreten können — ob diese Revolution des Ready-made in der Architektursphäre ihr Ebenbild hat ? Gibt es dort so etwas wie diese brutale Nivellierung der Ästhetik? Denn was von da ab auf dem Gebiet der Kunst passiert, wird nie mehr die gleiche Bedeutung haben : alles geschieht irgendwie jenseits des Endes, und auf Grund eines Verschwindens der Kunst als solcher. Hat in der Architektur nicht etwas stattgefunden, so dass alles, was seither passiert ist, auf Grund eines Verschwindens der Architektur als solcher, als symbolischer Konfiguration einer Gesellschaft, passiert ist ? Die Frage stellt sich auch für die Politik : spielt die sogenannte politische Szene nicht auf einer Bühne, von der das Politische, der politische Willen als solcher verschwunden ist, und die dem Politischen gleichgültig gegenübersteht ? Allgemeiner gesagt : findet das, was heute in den verschiedenen Bereichen abspielt, nicht auf Grund eines Verschwindens des Realen — gerade im Virtuellen — statt ? Diese Annahme ist gar nicht pessimistisch. Das, was jenseits passiert, jenseits des Endes, kann mehr begeistern als die blosse Weiterentwicklung derselben Geschichte. Jenseits jeder Disziplin ist eine neue Welt. Alles kann noch erscheinen, wenn man zuvor das Verschwinden voraussetzt. Was jenseits dieses Verschwindens passiert, wird die Aura des Aussergewöhnlichen an sich haben. Mir gefällt die Radikalität dieser Hypothese, weil ich möchte, dass die Architektur etwas Aussergewöhnliches bleibt, und sich nicht in dem verbraucht, was heute überall lauert : in der virtuellen Realität der Architektur.

Wir sind schon mitten drin. Die Architektur dient heute grösstenteils der Kultur und der Kommunikation, d.h. der virtuellen Ästhetisierung der ganzen Gesellschaft. Sie fungiert als Container und Museum für die Konditionierung einer sozialen Form, die man Kultur nennt, und und immaterieller Bedürfnisse, die nur durch ihre Einschreibung in unzählbare Kulturgebäude definiert sind. Wenn man nicht schon die Leute an Ort und Stelle museifiziert (in den Öko-Museen, wo sie zu virtuellen Statisten ihres eigenen Lebens werden — ready-made auch sie) drainiert man sie zu ungeheuer grossen Lagerräumen hin, zu den Kultur- und Einkaufszentren auf der ganzen Welt, oder zu den Verkehrsund Transitorten (die man richtig als "Orte des Verschwindens" bezeichnen kann). Die Architektur wird heute von all diesen Verkehrs-, Informations-, Kommunikations- und Kulturfunktionen beherrscht. Darin liegt ein gigantischer Funktionalismus, der nicht mehr jener einer mechanischen Welt, organischer Bedürfnisse noch einer reellen sozialen Beziehung ist, sondern ein Funktionalismus des Virtuellen — manchmal mit nutzlosen Funktionen verbunden, so dass die Architektur Gefahr läuft, selbst eine unnützliche Funktion zu werden.

Es besteht die Gefahr einer unkontrollierten Vermehrung der Klonarchitektur, der transparenten, interaktiven, mobilen Gebäude, nach dem Vorbild der Netze und der virtuellen Realität, wodurch sich die ganze Gesellschaft die Komödie der Kultur, dir Komödie der Kommunikation, die Komödie des Virtuellen gibt (wie sie das auch mit der Komödie des Politischen tut).

Kann es eine Architektur der Echtzeit, eine Architektur der Ströme und der Netze, eine Architektur des Virtuellen und des Operationellen, eine Architektur der absoluten Sichtbarkeit und der Transparenz geben ? Eine polymorphe, oder gar zwecklose Architektur, wie dieses köstliche kleine Museum, das Kenzo Tange in Nizza gebaut hat und mehrere Jahre leer stand, irgendwie ein Museum der Leere (echt japanisch), das aber ebensowohl ein Handwerks- oder Body-Buildingszentrum hätte werden können. Die meisten heutigen kollektiven Bauten, oft überdimensioniert, geben, aus einem Zuviel von Raum, einen Eindruck von Leere, und die Werke und die Menschen die darin herumgehen, sind selbst wie virtuelle Objekte — ihre Präsenz erübrigt sich sozusagen, es hat alles keine Notwendigkeit. Funktionalität im Leerlauf (Kulturzentrum in Lissabon, die Grande Bibliotheque de France usf ).

Alle Dinge sind heute in dieser Metastase der Kultur befangen, der die Architektur auch anheimfiel. Es ist heute schwierig, zu unterscheiden zwischen dem, was zum Geheimen, zum Einzigartigen gehört, wovon wir gesprochen haben, und von dem ich glaube, dass es nicht verschwunden ist, weil ich es für unzerstörbar halte, und dem, was in die Kategorie der Kultur hinüberspielt — der Kultur als ModellenstrategieNatürlich gibt es objektive Zwänge : technische, finanziell geographische. Aber es gibt vor allem Modelle, jene in den Köpfen des Kunden und des Unternehmers, aber auch jene in den Köpfen der Architekten und in der (Geschichte der Architektur. All diese Modelle geben bestimmte Parameter vor so dass man meist bei einer Collage von Objekten als Kompromiss zwischen all diesen Parametern endet. Von den unzähligen Klonen des Wohnbaus auf der ganzen Welt bis zu den Stereotypen des lokalen Kitschs. Objekte, die nie über ihr eigenes Projekt noch über ihr eigenes Programm hinausgehen.

Hätte die Architektur also ihren Schatten verloren, gerade wie sie Peter Schlemihl an den Teufel verkauft hatte ? Dann würde sie der Transparenz wehrlos ausgesetzt, durchgängig für alle sie durchquerenden Modelle, und könnte sich nur mehr bis ins Unendliche wiederholen, wie der genetische Code seinen eigenen Bestand an konventionnellen Formen immer wieder abwandelt. Noch einmal zu den Zwillingstürmen des WTC. Man könnte sagen, jeder ist der Schatten des Anderen. Aber es ist nicht ein Schatten, es ist ein Klon. Der Schatten als Metapher der Undurchsichtligkeit, des Geheimnisses, der Alterität, ist von der genetischen Kopie, von der exakten Replik des Gleichen verdrängt worden. Das ist aber verhängnisvoll, weil der Verlust des Schattens die Verblendung der Sonne bedeutet, ohne die, wie man weiss, die Dinge nur so wären, wie sie sind.. Und tatsächlich sind die Dinge in unserer virtuellen Welt, in unserer Klonwelt, in unserer schattenlosen Welt nur so,wie sie sind — dir sind es sogar in unzähligen Exemplaren, masslos vervielfacht, da der Schatten sozusagen das Massdes Wesens ist,was es daran hindert,sich bis ins Unendliche zu reproduzieren. Und wie kann man über den eigenen Schatten springen (Nietzsche), wenn man keinen mehr hat?

Ich habe noch Hoffnung. Wenn die Architektur die Welt nicht mehr — verwandelt, kann sie doch etwas anders als eine mehr oder weniger kitschige Wiederholung von sich selbst werden,etwas anders als eine neue geologische Betonschicht eine urbane Sedimentation des Quartärs. Im Bereich der Photographie gibt es eine Möglichkeit,die Automatizität des Apparats,dessen Tendenz ist,eine unkontrollierte Bilderflut zu erzeugen,einige aussergewöhnliche Bilder abzugewinnen. Wie bekannt,ist die "ecriture automatique" niemals wirklich automatisch,es gibt immer die Chance eines objektiven Zufalls und seltsamer Verkettungen. I$ dieser visuellen Flut besteht noch Aussicht auf eine Auferstehung der primitiven,wilden Szene des Bildes. Irgendwie hat jedes Bild noch etwas Wildes und Phantastisches an sich und intuitiv kann man dieses "punctum" erfassen,dieses Geheimnis des Bildes,vorausgesetzt,man nimmt das Bild in seiner unmittelbaren Anschaulichkeit, in seiner Literalität. Es liegt an uns,diese Radikalität wieder herauzubeschwören,und damit der allgemeinen Ästhetisierung,der Kulturtechnologie ein Ende zu setzen.

So kann man in der Architektur auch ausgehend vom Genius des Ortes und unter Einbeziehung vom Zufälligen und neuer Strategien, etwas wie eine neue Dramaturgie des Raums erfinden,die gegen diese,5universale Klonen von Menschen,Orten,Gebäuden,gegen diesen Einbruch einer universellen virtuellen Realität arbeiten kann.Was ich einen poetischen Situationstransfer oder eine poetische Transfer situation nennen würde — im Sinne einer literalen,einer radikalen Architektur,von der wir natrlich immer träumen werden.

Hier gilt keine Wahrheit, kein transzendenter ästhetischer Wert. Ab von Funktion, ab von Bedeutung, ab vom Projekt, ab vom Programm, alles in der "littéralité" (Wortwörtlichkeit). Noch einmal Beaubourg als Beispiel. Wovon handelt Beaubourg? Von Kunst, Ästhetik, Kultur? Nein. Es handelt von Verkehr, Lagerung, Strömen und Strömungen von Zeichen, Menschen und Objekten. Und das sagt die Architektur von Beaubourg wortwörtlich. Es braucht nur einen Blick, um zu wissen, was Beaubourg radikal bedeutet: nämlich das Disaster der Kultur, in der Form eines Kulturdenkmals. Das ist phantastisch, wenn auch unabsichtlich : dass Beaubourg zugleich die Kultur verkörpert, und das, was die Kultur zunichte gebracht hat, nämlich die Transfusion und die Konfusion aller Zeichen. Das gilt auch für das WTC, dessen Wunder darin besteht, gleichzeitig ein phantastische Schauspiel der Stadt, des Metropols, der Vertikalität zu sein, und das offenbare Symbol dessen, dem die Stadt zum Opfer gefallen ist, an dem sie als historische Form gestorben ist.. Das macht denn auch die Kraft einer solchen Architektur aus : sie ist zugleich eine Form, die extrem antizipiert, und Verkörperung einer Sehnsucht nach dem verlorenen Objekt.

Hier sind also einige Fragmente aus der Phantasie eines Outsiders. Sie sind, wie Rimbaud es sagte, "wörtlich und in allen Bedeutungen" zu verstehen. Eine dieser möglichen Aussichten ist die, dass es jenseits jeder Illusion oder Desillusion noch eine Zukunft der Architektur gibt, an die ich glaube, auch wenn diese Zukunft nicht notwendigerweise architektural sein wird. Die Architektur hat eine Zukunft aus dem einfachen Grund, dass noch kein Gebäude, kein Architekturobjekt erfunden worden ist, das allen anderen ein Ende machen würde — keine Stadt, die allen anderen ein Ende machen würde — kein Gedanke, der das Ende aller Gedanken bedeuten würde. Davon träumen wir alle, doch so lange es nicht erfüllt wird, besteht noch Hoffnung.


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