European Graduate School EGS - Media Communication Studies Program

DIE STADT ALS GEVIERT - Fragen einer Philosophie der Architektur



Wolfgang Schirmacher (New York)

I. Bauen und Denken

Wie beginnt eine Veränderung, wie entsteht Neues? Muß das Ungewohnte bereits geschehen sein, bevor wir eine Veränderung überhaupt wahrnehmen? Oder haben wir zunächst zu erdenken, was dann zur Tat wird? Begriffe ohne Anschauung sind leer, unterstrich Kant, und für Hegel hatten die Gestalten des Lebens erst grau zu werden, bevor sie zum Stoff der Theorie werden konnten. Aber auch solche Klärungsversuche bleiben durchaus zweideutig: Leben ist nicht mit menschlichem Handeln zu verwechseln, und die Anschauung kann doch gerade ein Denkbild sein, eine "anschauliche Idee", wie sie Schopenhauer der Kunst zutraute. Keine säuberliche Trennung der Begriffe hilft uns zu verstehen, was zwischen Theorie und Praxis vor sich geht, vor allem dann nicht, wenn wie in der Gegenwart ein radikaler Wandel bisherigen Verhaltens und Denkens zu beobachten ist.

Denken ist eine Kunst und Kunst ist Denken. Diese grundsätzliche Identität, von der die offensichtliche Differenz keineswegs beseitigt wird, ist nicht erst das Resultat einer Kunst und Theorie verbindenden Anstrengung, sondern der Ausgangspunkt und die Bedingung der Möglichkeit für Kreativität, sei sie theoretisch oder künstlerisch. Das hat die Ausstellung DER RAUB DER SPRACHE demonstrieren wollen, und dasselbe gilt für eine weitere Ausprägung des Theorie-Praxis-/ Kunst-Theorie-Spiels, die durch den Begriff SATZBAU gekennzeichnet wird. SATZBAU ist ein terminus technicus der Grammatik und zugleich eine schöne Metapher, die Architektur und Sprache verbindet. Ist diese Verbindung erschlichen, eine nachträgliche Konstruktion, oder gibt es die von Heidegger beschworene Dreiheit von Bauen, Wohnen, Denken als ursprüngliches Geschehen?1 Wie Heidegger gezeigt hat, gibt es ein "Wohnen" als "Aufenthalt bei den Dingen"2, das Bauen wie Denken umfaßt, und allein als Sprache, also "dichterisch wohnet der Mensch" (Hölderlin).3

Doch fast aussichtslos scheint es, eine solch hermetische,Hölderlins poetischer Welt abgewonnene Einsicht in die Grundverhältnisse von Existenz, Sprache und Aktivität für unsere Gegenwartsprobleme fruchtbar zu machen. Heideggers Sprachdenken mit heutigem Städtebau zu verbinden, bleibt eine Herausforderung für eine Philosophie der Architektur, die mit Hilfe einer "anschaulichen Idee" Bauen wie Denken vorantreiben möchte. In Hölderlins GEVIERT besitzen wir jedoch eine solche Theorie und Praxis vorausliegende Idee, die uns eine Anschauung von Sachverhalten vermittelt, die wir bisher nicht in Hegels Sinn "begriffen" haben. Heidegger hat auf seine Weise das GEVIERT zu denken versucht, ohne daß es ihm doch gelungen wäre, einen Begriff entstehen zu lassen, der Wort und Tat verbindet Unser Versuch im RAUB DER SPRACHE, das GEVIERT als Medienbild aufblitzen zu lassen, und so unsere Wahrnehmung zu aktivieren, soll jetzt durch Überlegungen zur Stadt als GEVIERT erweitert werden.

II. Das GEVIERT als Wahrnehmung und Phänomen

Alles, was zum GEVIERT theoretisch zu sagen ist, lädt unweigerlich zu Mißverständnissen ein, und doch zeigt sich dieses Ereignis als die eigentliche "Kehre" von der metaphysischen zur nicht-metaphysischen Lebenswelt. Die philosophische Wahrnehmung ist noch weitgehend blind und hat Hölderlins dichterisches Wort vom "GEVIERT aus Himmel und Erde, den Göttlichen und den Sterblichen" an die Stelle des X gesetzt. Die GEVIERT-Denk/Praxis ist gelebte Intuition, ein ganzheitliches Verhalten, das die zweiwertige Logik der Alltagsdiskurse ebenso transzendiert wie die Dialektik des synthetischen Denkens. Zum GEVIERT gibt es keine diskursive Vermittlung, sehr wohl aber eine Vorbereitung, die das Wagnis des "Sprunges" (Kierkegaard) erleichtert. Das Erlebnis des Erhabenen, die faszinierende Inspiration, die unerschütterliche Intuition ist eingelassen in das GEVIERT, das zugleich emotional, intellektuell, körperlich und sozial wirkt. Als ästhetische-ethische Erfahrung und authentische Sprachaktivität ist das GEVIERT keineswegs utopisch, sondern so unscheinbar wie hartnäckig die Seinsmöglichkeit des Menschen: "Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten des Verlustes dies eine: die Sprache."4

Im Ausgang von Heideggers Interpretation des GEVIERTS bei Hölderlin5 läßt sich GEVIERT als wesentliches Handeln verstehen, als Ethik eines künstlichen Lebens, wie sie sich in der selbst gelingenden Existenz ausweist. Die fade Beliebigkeit der Postmoderne erhielte damit eine Strenge, die den freien Einstieg und persönlichen Anfang unangetastet ließe, dann aber im Sog zum Anderen militant-kritisch Praxis herausforderte. Der Einsprung ins GEVIERT ist jedem Dasein eigentümlich, der Austrag der Differenzen in der Identität des GEVIERTS jedoch zur Vollkommenheit des (endlichen) Ereignisses notwendig. Das GEVIERT lädt also nicht zur Abkaspelung ein, sondern ist eine Monade im authentisch Leibnizschen Sinn, Spiegel des Kosmos, Verwirklichung uneinschränkbarer Möglichkeiten. Das ungetäuschte Selbst, das seine Erziehung verlacht und wie ein Sinnnomade die Oasen sucht, ist zur Vollkommenheit fähig, einer perfectio, die noch ihr eigenes Scheitern zu begrüßen vermag. Himmel und Erde, die Göttlichen und die Sterblichen bezeichnen die Landschaften der Menschenwelt. In welcher Gegend des GEVIERTS wir uns auch zufällig aufhalten, von welchem Aspekt wir unwiderstehlich angezogen werden, die Kunst des menschlichen Lebens besteht darin, unbefangen in allen Gegenden des GEVIERTS zu wohnen, keines seiner Dimensionen je zu vernachlässigen, im Offenen auf den Zusammenklang zu hören.

Die Gegenden - Aspekte - Dimensionen - Grundtöne des GEVIERTS brauchen einander und sind als vereinzelte stets unwahr. In der ERDE ist die Fülle, Fruchtbarkeit, Natalität angesprochen, wie sie heute in Körperphilosophie, Bio- und Technikphilosophie sowie alternativer Politik wirksam wird. Mit HIMMEL wird der Kontext evoziert, sei er Natur oder Stadt, Ökologie oder Ökonomie, Geschichte oder Zukunft, der niemals abgeschlossen gedacht werden kann: die Weite ist unser Horizont. Die GÖTTLICHEN, die Hölderlin/Heidegger zufolge gegenwärtig abwesend sind, erinnern uns an das Wagnis der Transzendenz, das stetige Selbst-Überschreiten als Merkmal des gelingenden Selbst, die Transgression und den Abgrund, wie ihn Bataille, Lacan und Julia Kristeva beschrieben haben. Und schließlich die STERBLICHEN, uns als Einsprung am nächsten und doch zugleich fernsten, ist als Intensität und Obsession der Existenz zu verstehen, durch die wir in das Wesen des Todes gehören. Für jede der einzelnen Dimensionen haben TheoretikerInnen Arbeiten vorgelegt, aber keiner Theorie ist es bisher gelungen, das "ereignende Spiegel-Spiel" der Vier in seiner Identität wie Differenz zu gestalten. Das GEVIERT bliebe eine poetische Metapher - und das würde dem Geviert gewiß nichts von seiner Erhabenheit nehmen -, mit der Philosophen an Feiertagen Wahrnehmungsspiele betreiben, wäre es nicht möglich, das Geviert auch in der alltäglichen Lebenwelt nachzuweisen.

Ist das GEVIERT kein märchenhaftes Einhorn, sondern ein Phänomen, das uns leben und sterben lehrt, dann zeigt es sich "unten, wo das Leben konkret ist"(Hegel). Was könnte in Hegels Sinn konkreter sein als die Stadt, die als Metropolis das Gesicht unseres Planeten prägt. Großstädte werden im kommenden Jahrhundert unseren vorwiegenden Lebensraum bilden werden. Wie der Mensch existiert und sich selbst als sozio-kulturelles Wesen versteht, wird von seiner städtischen Umwelt entscheidend beeinflußt. Eine Phänomenologie der Stadt, die mehr sein will als Kulturkritik, muß Anregungen aufnehmen, die von der Architektur, Stadtplanung, Soziologie, aber auch von bildender Kunst, Film und Neuen Medien kommen. In interdisziplinärer Zusammenarbeit muß in kritisch-konstruktiver Begriff von Urbanität entwickelt werden, der anthropologisch wie ökologisch neue Wege eröffnet. Die Stadt im Spannungsfeld zwischen Natur und Zivilisation, kann als paradigmatisch für eine urbanisierte Natur verstanden werden, die zum künstlichen Leben paßt. Die Stadt als GEVIERT entwirft zuallerst den Kontext für eine authentische Theorie wie Praxis der Metropole.



III. Die Stadt - Phänomenologie des GEVIERTS

1. Die Neue Stadt: Traum oder Alptraum
Der moderne Traum vom befreiten Wohnen ist in den postmodernen Städten in einen Alptraum umgeschlagen. Die Weltstädte zerfallen zunehmend in ein Zentrum, das immer mehr entvölkert wird, und eine Peripherie, die krebsartig wuchert. Ob Fußgängerzone oder autogerechte Stadt, was übrigbleibt vom schützenden Rechteck oder einladenden Kreis, ist oft nur eine Tageskulisse für Geschäft und Einkauf, nach Einbruch der Dunkelheit verödet und gefährlich. Biomorph statt anthropmorph entwickeln sich die Stadtlandschaften, deren Verländlichung offenkundig ist. Die Stadt ist aufgelöst in endlose Bungalow-Vororte in den USA und in chaotische Streusiedlungen in Deutschland wie Japan, die den ungeplanten afrikanischen und asiatischen Siedlungen immer ähnlicher werden. Stadtdichter wie Stadtneurotiker trauern einem Kulturlandschaft nach, die auf Verdichtung beruhte und zu Fuß durchwandert werden konnte. Zerstreuung, Dezentralisierung, Auflockerung, Offenheit sind postmoderne Kriterien, denen die heutigen Städte offenbar genügen, aber der Preis ist zu hoch. Die glitzernde "Haut der Stadt" ist zerfetzt, die Stimmung in den Singles-Haushalten, die heutige Städte mehrheitlich bewohnen, ist von Furcht und Langeweile geprägt. Die Achtung der Unterschiede, die den Freiraum Stadt begründete, ist in Verachtung umgeschlagen: Arme und Reiche stehen sich unvermittelt gegenüber.

Dabei ist der Mythos der Metropole ungebrochen. Ihr großes Versprechen einer sozialen wie kulturellen Autonomie wird unbeirrt von aller Kritik von den mehr als einhundert Millionen Menschen geglaubt, die weltweit jährlich das Land verlassen und in die Städte ziehen. Die Stadt gilt diesen Wanderern als die erweiterte Wohnung der Menschheit, in die auch sie nun endlich einziehen wollen. Die Anziehungskraft des Urbanen als Ausdruck der spezifisch menschlichen Umwelt hat eine lange Geschichte 6 und vermutlich eine noch größere Zukunft. 7 Stadtutopisten unter den Architekten haben immateriell schöne Bauten entworfen, Licht, Wasser und Grün den Metropolen verheißen, oder uns darauf vorbereiten wollen, daß es bald endlos wachsende mobile Wohn-und Arbeitsstätten geben wird, "wandernde Städte" gar, die je nach Bedarf "eingestöpselt" werden können. Aber erst ein Stadtphilosoph wie der Berliner Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm hat mit seinem Buch "Die Dritte Stadt" 8 begonnen, die wirklichen Fragen zu stellen. Wie wirken sich die fundamentalen Konflikte der nach-metaphysischen Lebenswelt in der Stadt aus? Wie kann das "Wahnsystem" (Hoffmann-Axthelm), dem die modernen Städtebauer verfallen sind, durch eine neue "Leistungsform" der Stadt abgelöst werden? Um der Metropole ihre Identität zurückzugeben, wird man jedoch noch grundsätzlicher fragen müssen: Worin drückt sich das Urbane, die Lebenshaltung der Urbanität aus? Wie wirkt das GEVIERT aus Himmel und Erde, den Göttlichen und den Sterblichen in der Metropole? Beide Fragen zielen auf dasselbe, die Kraft, den Kern, die Attraktion dessen, was Stadt heißt. Was macht die Stadt zur Stadt, was gibt ihren Details eine einigende Mitte? Wenn wir den gordischen Knoten durchhauen, erhalten wir eine verblüffend einfache Antwort: die Metropole ist unsere "Wunschmaschine" (Deleuze/Guattari), die tatsächlich funktioniert.


2. Überfluß statt Knappheit: Ökologie als Prinzip der Ökonomie.

Die reine Freude am Bad in der Menge, wie Baudrillard ironisch anmerkt 9 die Reibungsenergie, die durch die schiere Masse entsteht, und ein unaufhörlicher Austausch, bei dem der Unterschied von Tag und Nacht aufgehoben ist, kennzeichnet eine paradigmatische Stadt wie New York, vielleicht unser bisher einzige wirkliche Weltstadt. 10 Auf engstem Raum, konzentriert und kompakt ist in der Stadt eine Synthese aus allen menschlichen Lebenstechniken verwirklicht: das Schlimmste wie das Beste, was wir zu tun vermögen, kann in der Metropole gefunden werden. Für jeden Lebensstil, jede Spezialität und jede Denkweise ist Platz in der Stadt, gerade weil der imaginäre Raum mit der Beschränkung des realen Raumes zunimmt. Die Stadt ist das Gedicht unter den Wohnformen, kunstvoll verkürzt und auf den Punkt gebracht, und ausgezeichnet durch einen Überfluß an Möglichkeiten. Die Knappheit, diese Peitsche bisheriger Ökonomie, scheint in den Metropolen prinzipiell aufgehoben, denn in New York, Tokio, Paris, Sao Paulo gibt es buchstäblich alles, zu jeder Zeit, für jedermann, der bezahlen kann. Geld bleibt im individuellen Leben gewiß ein knappes Gut, aber die Stadt ist ja auch kein Schlaraffenland mit gebratenen Tauben, die in unsere vor Staunen offenen Münder fliegen. Prinzipiell ist das Schlüsselwort, und Geld ist lediglich als Medium allverfügbar.

Dennoch ist Überfluß die Spur des GEVIERTS, wie wir es als Stadt leben, und damit authentische Ausprägung der Urbanität. Anthropologisch bezieht sich die Stadt nicht länger auf den Mangel mit seiner Lehre von den Bedürfnissen, sondern bestätigt nachdrücklich die Fülle, deren Praxis die Askese ist. Wir brauchen nichts, denn wir haben immer schon alles! 11 Wer dies im Hinblick auf die Obdachlosenheere, die sprunghaft ansteigende Armut in den Städten und die unzumutbar hohen Verbrecherraten in den Metropolen zynisch nennt, verkennt die Radikalität der Kehre, die die Stadt als GEVIERT von uns verlangt. Das GEVIERT ist kein Heilmittel und wird auch nicht als Lösung für alle Übel vorgeschlagen, sondern beschreibt die authentische Welt des Menschen, wie wir sie noch immer verfehlen. Obdachlose, Arme, Minderheiten, aus der Bahn Geworfene, Kranke, Alte zieht es so unwiderstehlich wie die jungen Menschen, die ihre Lebenschance suchen, in die Metropolen, weil sie spüren, daß sie der Fülle nirgendwo näher sind als an den Orten, wo das GEVIERT sich einrichtet. Überfluß ist ein Merkmal der Erde, ein Wink des Himmels, das Geschenk der Göttlichen und wesentliche Erleichterung für uns Sterbliche. Die Erfolgreichen und die Erfolglosen profitieren beide von der Stadt, können dort - wie armselig auch immer - leben, wenn sie anderswo längst verkommen wären. In der oft inhumanen Wirklichkeit heutiger Städte ist mehr Humanität ins Werk gesetzt, als sich post-urbane Ideologen vorstellen wollen. Die Selbstorganisation und informelle Ökonomie lateinamerikanischer favellas ist dafür ebenso ein Indiz 12 wie die funktionierende Altenhilfe in einer Metropole wie New York.13

Überfluß darf jedoch nicht als Einladung zur sinnlosen Verschwendung mißverstanden werden, sondern ist - so paradox dies auf den ersten Blick auch klingen mag - ein ökologisches Prinzip. Die biologische Evolution ist vom Überfluß bestimmt, und er erweist sich doch im Rückblick als die sparsamste Strategie, die erfolgversprechendsten Varianten herauszufinden. Daß die Stadt den "Regulierungscharakter der Natur ins Gesellschaftliche" überträgt, hat auch Hoffmann-Axthelm herausgestellt, und die Ökologie der Stadt zu Recht in ihrem "flächen- und ressourcensparenden Zusammenleben" gesehen. Aber die ökonomische Durchführung von Lebenstechniken muß sich stadtzerstörend auswirken, wenn diese der Knappheit als Leitprinzip folgen anstatt den Überfluß zuzulassen, der erst die Vitalität einer Metropole garantiert. Überfluß leitet eine Stadtökonomie an, deren Regeln lediglich sicherstellen, daß wir von unseren Erfolgen lernen und den Mißerfolg nicht ableugnen. Deren Maßstab ergibt sich dabei nicht aus einem Vergleich mit vorheriger Planung, sondern kann als Lebensqualität der Stadtbewohner bestimmt werden, subjektiv wie objektiv.14


3. Infrastruktur für eine Architektur der sinnvollen Verschwendung

So großzügig sein zu wollen wie die Natur, braucht kein Rückfall in ein biomorphes Weltbild sein, sondern entspricht der Urbanität, wie sie im GEVIERT als Infrastruktur der Stadt konkret wird. Der Vereinseitigung des GEVIERTS, wie sie in den konkurrierenden Modellen einer Stadtarchitektur vorliegt, muß schon im Ansatz widerstanden werden. Klimaschutz und naturgerechtes Bauen ist so wenig absolut zu nehmen wie die "biologistische Sonnenorientierung" der Verfechter einer "aufgelockerten und organischen Stadt".15 Zum Göttlichkeitswahn tendieren die Universalstädte des "Mobilen Bauens", und die eigene Sterblichkeit überbewertet ein Lob katastrophischer Städte wie Neapel 16 oder die Furcht vor einer Verwandlung Venedigs in ein Disneyland.17 Doch als Momente sind alle diese Hinsichten einzubeziehen, wesentliche Ausprägungen des GEVIERTS Stadt, wenn nur deren Mitte kraftvoll bleibt. Eine Architektur sinnvoller Verschwendung folgt der eigenen Kreativität, die sich immer schon dem Überfluß verdankt, und überwindet Wahrnehmungsverbote, die das Bild der Stadt bis zur Unkenntlichkeit entstellt haben. Natur, Kultur, Lebensentwürfe und individuelle Begrenzung sind in einen einheitlichen Entwurf einzubringen, und weder Baurecht noch psychologische Hemmschwellen, aber auch keine vorgegebene Ästhetik darf Vorschriften erlassen. Von der Chaos-Theorie, einem Sprungbrett zum GEVIERT-Denken, läßt sich Vertrauen zur selbsttätigen Formbildung lernen, zur Ordnung in einem Chaos, das unserer Kontrolle entglitten ist.18

Experimentelles Wohnen nach der Weise des GEVIERTS ist allerdings weder in der infantilen Haltung des Verbrauchers noch durch eine selbstherrlichen Planung des Herstellers zu erreichen. Innere Wandlungen wie politische Veränderungen sind ebenso unabdingbar wie neue Baugesetze, wenn aus der GEVIERT-Wahrnehmung eine GEVIERT-Praxis werden soll. Utopisch ist eine solche Erwartung jedoch keineswegs, denn der Problemdruck wird zunehmen, der aus der paradoxen Situation entsteht, daß einerseits unsere Städte immer unwirtlicher werden, es andererseits aber keine Alternative zur Stadt als Wohnort des Menschen gibt. In Ansätzen finden sich bereits "Blaupausen", die vom GEVIERT bestimmt sind, ohne daß dieser Aspekt bisher beachtet worden wäre. Zu einer gelingenden Baupraxis gehört eine gelingende Sprache - beide brauchen einander und legitimieren sich durch ihr Verständnis vom GEVIERT. SATZBAU und Weltbau folgen dem Bauen, das Heidegger als Seinlassen des GEVIERTS dachte. Eine Philosophie der Architektur wird den Kunstcharakter des Bauens betonen und den "Baumeister" nicht länger nach dem Vorbild des Schöpfergottes modellieren. Weder theoriegebundene Planung noch postmoderne Spielerei, die dem persönlichen Geschmack folgt, bringt den Architekten ins GEVIERT. Zum Bauen gehört eine bisher seltene Haltung oder Stimmung, ohne die keine wohnliche Stadt entstehen oder bewahrt werden kann. Diese Haltung des Architekten, von deren Stimmung auch Auftraggeber angesteckt werden, ist eine Gelassenheit als Einlassen, Offenhalten, Andenken und Zuhören. Eine solche vierfache Gelassenheit zu den Phänomenen ist nicht bloß subjektiv, sondern intersubjektiv ausgewiesen als Antwort auf Lebensfragen, die von der Stadt aufgeworfen werden. Erst diese veränderte Haltung und Stimmung, das architektonische "Gewissen" (Heidegger), erlaubt eine sachgemäße Beurteilung von Vorschlägen zur Stadterneuerung, ohne Moden und reduktionistischen Theorien zu verfallen.
Einige wenige Beispiele müssen hier zum Schluß genügen: Unser "Platz in der Welt" (Merleau-Ponty) ist leibgebunden, Erde, so daß der universalistische Maßstab einer "Weltgesellschaft von Hotelgästen" (Michael Walzer)19 selbst bodenlos ist. Lokal und regional bilden Menschen heute Moral und Recht aus, denn zunehmend sind wir in der globalen Informationsgesellschaft nur noch unserem Stadtteil gegenüber loyal. Die erlebte Stadt ist die gebaute Stadt, denn allein eingeschrieben in unseren Leib existiert die Metropole. Hüten müssen wir uns jedoch, auf biosoziologische Abwege zu geraten. Eine Ökologie der Stadt verlangt im Gegenteil, ihrer biomorphen Auflösung zu widerstehen, ohne doch die traditionelle Orthogonalität, den "Zwang des rechten Winkels"20, wieder einzuführen. Die Identität einer Stadt beruht ebensosehr auf ihrer Akustik wie auf ihrem Grundriß. Kleine und große Städte unterscheiden sich bloß graduell, sind beide im Horizont der Urbanität angezogen von der Transzendenz, Himmel, und daher ungeeignet für Abkapselung und Provinzialität. Städte wachsen aus der eigenen Landschaft, aber sie bleiben nicht in der Provinz, sondern öffnen sich zur Weite und zum Abenteuer. Im alten Rom waren wie im heutigen Manhattan die öffentlichen Plätze Teil der eigenen Wohnung, die deswegen durchaus klein und teuer sein konnte. Eine Stadt, die mich zurückwirft auf das private Ich, hat das GEVIERT vergessen und mit ihm die Göttlichen, wie sie sich in innovativer Kunst und Technik ankündigen. New York dagegen ist das Beispiel einer Metropole, die zugleich eine unvergleichliche Universität des Lebens bietet, eine Herausforderung an Geist und Gefühl, die Hölderlins Göttern würdig ist. Informationsdichte und Menschennähe, die tolerante Achtung der Differenzen wie die selbstverständliche Einladung zu Netzwerken, verwirklicht eine ambivalente Lebenstechnik, die uns Sterblichen eigentümlich ist. Sie ist geprägt von Vielfältigkeit und Eigensinn, unweigerlich angewiesen auf andere und doch immer auch in Sorge um das eigene Selbst. Keine Stadt im Grünen weist die nötige Dialektik von Anziehung und Abstoßung, von Realität und Simulation auf. Man bietet uns einseitig Telepräsenz an, während wir gerade die Komplexität von Gesellschaft brauchen. Erst im künstlichen Leben der Metropole verwirklicht sich die höchste Lebenskunst, die als GEVIERT wahrgenommen werden kann. Damit ist eine Hoffnung verbunden: Was Theoretiker begreifen, können die Architekten bauen.


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