European Graduate School EGS - Media Communication Studies Program
Kunst und Künstlichkeit der Wahrnehmung
Kulturphilosophie nach den Nihilismus
Wolfgang Schirmacher (Hamburg/ New York)
Art(ificial) Perception and Culture:
The Post-Nihilistic Nietzsche
Inhalt
I. Nietzsche nach dem Nihilismus. Kulturphilosophie im tragisch dionysischen Zeitalter
1. Gelebte Kultur. Anthropomorphe Welt und Künstlichkeit der Wahrheit
2.
Ästhetische Vernunft. Künstlerische Kultur und Wahrnehmungslust
II. Ethik aus Ästhetik. Wahrnehmen der Eigenwelt
1. Wiederkehr der Monade
2.
Ästhetisches Bewußtsein
3.Überwahrnehmung
III. Kultur als Kunst des Gelingens: Autopoetik der künstlichen
Wahrnehmung
1. Bewegung zur Einzigartigkeit
2. Offenheit für das zweifach Andere
3. Unmerklichkeit des Gelingens
IV. Übermensch in post-technischer Welt: Ein Vorblick
I. Nietzsche nach dem Nihilismus: Kulturphilosophie im tragisch-dionysischen Zeitalter
Nietzsche ist ein Philosoph "nach" dem Nihilismus, allein und solange dieses nach nicht, linear, sondern im Sinne einer zyklischen Wiederkehr verstanden wird. Nietzsches, Kulturphilosophie für ein tragisch-dionysisches Zeitalter verweist auf eine "Umwertung aller, Werte" als "Akt höchster Selbstbesinnung der Menschheit" (Ü 1888/89, 310). Gegen, Katastrophenangst und Untergangsgerede besteht Nietzsche darauf, daß ein "ungeheures, Quantum von Humanität" (Ü1888, 302) bereits erreicht sei. Seine post-nihilististische.
Experimentalphilosophie vertraut dem "Willen zur Macht" der Fähigkeit zur.
Selbststeigerung als dynamischer Stil des Menschen. Aktiver Nihilismus hat unser, hermeneutisches Vermögen so erweitert und vertieft, daß der Standpunkt in die unendliche.Vielfalt von Perspektiven aufgelöst wurde. Die unvermuteten Konstellationen dieser.
Perspektiven, ihr zufälliges Zusammenspiel, das temporäre Vorstellungen und Bilder, hervorbringt, erfordert eine neue Kunst der Wahrnehmung. Tradierte Anschauungen und, orientierende Begriffe erweisen sich als kraftlos, sobald sie in den Sog eines offenen Systems gelangen, dessen mächtige
Strudel bisherige Wahrnehmungen verschlingen. "Wofür wir Worte haben, darüber sind wir schon hinaus", heißt die so selbstsichere wie deskriptive Maxime aus der "Götzendämmerung" . Mit diesem "schon hinaus" wird der Grundton einer künstlichen Wahrnehmung angestimmt.
1. Gelebte Kultur: Anthropomorphe Welt und Künstlichkeit der Wahrheit
Nietzsche will eine künstlerisch gelebte und sich in "großen Werken" zeigende Kultur. Eine bloß in Gedanken entworfene und dem Leben aufgenötigte Kultur, von Nietzsche als "Zusammenwirken von Staat, Erwerbenden, Formenbedürftigen und Gelehrten" (Ü 1874,
58) beschrieben, sei als "unproduktiv" (Ü 1875, 65) zu verwerfen. "Cultur ist nur ein dünnes Apfelhäutchen über einem glühenden Chaos" (Ü 1883, 163), stellt Nietzsche fest, und er bejaht diesen Sachverhalt (im Gegensatz zu den Kulturkritikern, die ihn gewöhnlich beklagen). "Das Leben muß gefährlicher werden" (Ü 1880, 103), ist der Schlachtruf einer gelebten Kultur. Ihr Vorbild ist bekanntlich Dionysos. Dieser Gott hat - wie Emmanuel Levinas sagen würde - "das Denken unterbrochen". Dionysos lebt als Künstler des Lebens die Extreme des Lebens: im Sinne einer Ethik "jenseits der Moralität von Gut und Böse", das ganz Andere auch in sich selbst respektierend.
Die Kunst der Wahrnehmung ist entscheidend für eine gelebte Kultur, die sich prinzipiell nicht mit Hilfe von Begriffen orientieren will, sondern vorurteilsfrei aufznehmen sucht, wie Welt geschieht und ob das Leben gelingt. Zwei abgründige Einsichten Nietzsches sind dabei grundlegend und zeigen sich einer vernünftigen Wahrnehmung am "Leitfaden des Leibes".
Erstens, alle Wahrnehmung ist so aktiv wie lebenspraktisch und bringt eine anthropomorphe Welt hervor. Eine Schlüsselstelle lautet:
"Diese ganze Welt, die uns wirklich etwas angeht, in der unsere Bedürfnisse Begierden Freuden Hoffnungen Farben Linien Phantasien Gebete Flüche wurzeln - diese ganze Welt haben wir Menschen geschaffen - und haben es vergessen, so daß wir nachträglich noch einen eigenen Schöpfer für alles
erdachten, oder uns mit dem Problem des Woher? zerquälten. Wie die Sprache das Urgedicht eines Volkes ist, so ist die ganze anschauliche empfundene Welt die Urdichtung der Menschheit, und schon die Thiere haben hier angefangen zu dichten. Das erben wir alles auf einmal, wie als ob es die Realität selber wäre."14 (8) Herbst 1881, Zweitens, jede Wahrheit ist künstlich, eine von Menschen verantwortete "Umformung der Welt, um es in ihr aushalten zu können". Nietzsche betont die "Identität im Wesen des Eroberers, Gesetzgebers, Künstlers" (Ü 181, 1884). Die Bestimmung der Wahrheit als Lüge bleibt negativ abhängig von der Tradition: erst als künstlich-künstlerische Wahrnehmung wird Wahrheit "produktiv" und genuiner Ausdruck unseres "Willens zur Macht". Wir sehen einen Wert in die Welt hinein, unser Empfinden schafft die Stimmung des Lebens.
Der Landmann sieht seine Felder mit einer Emotion des Werthes, der Künstler seine Farben, der Wilde trägt seine Angst, wir unsere Sicherheit hinein, es ist ein fortwährendes feinstes Symbolisiren und Gleichsetzen ohne Bewußtsein. Unser Auge
sieht mit all unserer Moralität und Cultur und Gewohnheit in die Landschaft. - Und ebenso sehen wir auf andere Charaktere: sie sind für mich etwas anderes als für dich: Relationen und Phantasmen, unsere Grenzen gegen einander sind darin. 6 (239) Herbst 1880
In diesem Zitat spricht Nietzsche auch die Kehrseite der künstlichen Wahrheit an, die Verfälschung und Zerstörung der Welt durch Anthropozentismus, durch den
alltäglichen Wahn der Menschheit, sich für den Zweck der Schöpfung zu halten. Der christliche Gott mit seinem langen Schatten, der lebensfeindlichen Moral, war eine wirkmächtige Maske dieses Anthropozentrismus, der sich heute als moderne Technik und antiökologischer Humanismus ganz unverhüllt zeigt.
Für eine Kultur nach dem Nihilismus kommt alles darauf an, den Unterschied zwischen anthropozentrisch und anthropomorph im Umgang mit den Phänomenen wahrzunehmen. Anthropozentrik als "menschlich-allzumenschliche" gehört zur Dekadenz, ist eine tiefgreifende Schwächung des Willens zur Macht. Das Recht des Menschen dagegen, aus eigener Kraft "menschlich-allein menschlich" zu sein und seine Eigenwelt als "Urdichtung" auch zu verantworten, entspricht der von Nietzsche gewünschten "Selbststeigerung". Dieser dem Menschen gemäße Machtvollzug kulminiert in einer anthropomorphen "Unschuld des Werdens", die "ohne Hast" - wie Nietzsche an den Griechen bewunderte - vorschlägt: "Der Mensch ist etwas, was überwunden werden muß". Selbstwahrnehmung ist ohne harte Selbstkritik der anthropozentrischen Gefühlsverarmung und Blickverengung schutzlos ausgeliefert:
Nicht wo das Auge aufhört zu erkennen, sondern schon dort wo eure Redlichkeit aufhört, sieht das Auge nichts mehr. 5 (22) 1882/83
2. Ästhetische Vernunft: Künstlerische Kultur und Wahrnehmungslust
Der Künstler, in Nietzsches ambivalenter Sicht zugleich leidenschaftlicher Welterzeuger und Vampir ohne große Leidenschaften, verwirklicht die ästhetische Vernunft (und "vernünftelt" (Kant) nicht darüber). Als der - wie Nietzsche herausfordernd formuliert - "im verwegensten Sinne ...Unnütze" (Ü 37, 1870/71) will er nicht zur allgemeinen Kultur und Bildung beitragen, sondern verkörpert in seiner Person die höhere Form einer künstlerischen Kultur. Deren Signatur ist die Verwandlung des abgelehnten Lebens in ein bejahtes Dasein, der vorgefundenen Welt in einen gewollten Entwurf. Die ästhetische Vernunft ist keineswegs der zweifelhafte Versuch, die aus Praxis und Geschichte Wahrheit vertriebene Wahrheit im Schongebiet der Kunst überwintern zu lassen (das sind spätmoderne Hirngespinste), sondern schon im Ansatz leiborientierte Weltbewältigung. Wahrheit gibt es für die ästhetische Vernunft nur, solange es Lust gibt, und als Verführung zum guten Leben und Gelingensethik wird ästhetische Vernunft aktiv.
Wahrnehmungslust, eine "Suggestion für Muskel und Sinne" (Ü 290, 1888), treibt die ästhetische Vernunft an, deren Haupttätigkeit "Wertschätzung" (206) ist. Ästhetische Vernunft übt das anthropomorphes "Recht" des Willens zur Macht aus, "Werthe zu vergeben", die in Nietzsches Worten bestimmen, "welche Dinge überhaupt wir acceptieren und wie wir sie acceptieren" (206). Wahrnehmungslust schließt bei Nietzsche ausdrücklich Unlust als trickreiche Herausforderung zu ihrer Überwindung ein, und die Freude an Schönheit wird durch die "Lust am Häßlichen" (288) geschärft. Im Künstler kommt der im Alltag vergessene "Lust- und Unlust-Untergrund wieder heraus" (207). Schamlos anthropomorph ist die "erste Wahrheit", auf der die Ästhetik in aller "Naivität" nach Nietzsche beruht: "Nichts ist schön, nur der Mensch ist schön".
II. Ethik aus Ästhetik. Wahrnehmen der Eigenwelt
Jede Ethik, die mehr als ein klapperndes Gerüst von Werten ist, entsteht aus Ästhetik, der Anschauuung des gelingenden Lebens, die sich authentisch erst im lustvollen Wahrnehmen der Eigenwelt erfüllt. Die griechischen Moral-Philosophen, von Sokrates angefangen, erklärt Nietzsche, suchten das Glück: "Schlimm, daß sie es suchen mußten." Denn in der Eigenwelt, deren Wahrnehmung sie zugleich entwirft und schätzt, ist alles Glück enthalten, das der einzelne zur Lebenssteigerung braucht. Das beklagte "Verschwinden der Ethik in der Ästhetik" ist zweifellos eine Gefahr, aber noch die ethische Tugend des "Ungehorsams" bezieht ihre Kraft aus einer "Ästhetik des Widerstandes" (Peter Weiss), die am eigenen Leibe Ungerectigkeit erfährt. Drei wesentliche Momente charakterisieren eine Ethik aus Ästhetik im Horizont des Post-Nihilismus: die überraschende Rückkehr der Monade, eine ästhetisches statt kognitives) Bewußtsein und, nicht zuletzt, eine bisher für unmöglich gehaltene Erweiterung unserer Wahrnehmungskapazität, die eine neuen Bestimmung.
Überwahrnehmung' (hyperperception)nahelegt.
1. Wiederkehr der Monade Als.
Grundbestimmung der Existenz auf die von Leibniz eingeführte Monade zurückzugreifen, die Welt und Ich als endliches Ereignis versteht, leuchtet den Kindern der Ersten Welt, diesen Cyberpunks und Nomaden der virtuellen Welt, unmittelbar ein. Gilles Deleuze beschreibt in "Le Pli: Leibniz et le baroque" (1988) die post-nihilistische Kehre von Heideggers "In-der Welt-Sein" zum "Für-die-Welt-sein" der Monade. Die "Offenheit" das Daseins erweist sich als ein anthropozentrischer Nachteil, der dem Verborgenheitscharakter der Wahrheit mit seinem impliziten Schonen der Dinge nicht gerecht wird. Die berüchtigte "Fensterlosigkeit" der Monade dagegen verweist im Endlichen auf das Unendliche und gewährt (in Deleuzes Worten) "der Welt die Möglichkeit des Immer-wieder-Anfangens-Könnens" (26). "Die Welt muß ihren Platz im Einzelnen haben, damit der Einzelne Für-die- Welt-Sein kann", dieser Intentionalität als Ordnungsprinzip aufgebender Satz (von Deleuze) könnte auch von Nietzsche stammen: "die Unschuld des Werdens gewinnen, dadurch daß man die Zwecke ausschließt" (7 (21), F-S 1883). Wie Alexander Nehamas feststellte, ist die ewige Wiederkehr keine Theorie über die Welt, sondern eine Auffassung vom Selbst".
2. Ästhetisches Bewußtsein
"Bewußtsein ist so weit da, als Bewußtsein nützlich ist" (Ü 234), dekretiert Nietzsche, aber dies ist nicht so eindeutig, wie es klingt. Rätselhaftigkeit ist von größtem "Nutzen" für das ästhetische Bewußtsein, die (unaufhebbare) Andersheit der Welt und des Anderen sensiblisiert die ästhetische Erfahrung, in der die Kreativität des Künstlers und seines Publikums übereinkommen. Eine "Kultur des blinden Flecks" sieht Wolfgang Welsch vom ästhetischen Bewußtsein verwirklicht und zwar als "Anerkennung des Übersehenen, Überhörten, Unerhörten". Besonderheit, Fragment, Wachsamkeit, Unvoreingenommenheit, Begeisterung, Widerstand, Gerechtigkeit sind Züge des ästhetischen Bewußtseins, die unablässig eine Umwertung der Welt nach sich ziehen, ohne doch ein kognitives Bewußtsein vom Zweck und Ziel einer solchen Veränderung zu haben. Als "soziale Mimesis" wird gegenwärtig eine Wahrnehmungsaktivität bezeichnet, die weder abbildet noch aus dem Nichts schafft, sondern eine Welt erzeugt und in Medien "generiert", was ihr zufällt.
3. Überwahrnehmung
Gibt es zehn Dimensionen anstatt der vier, an die wir uns gewöhnt haben? Sechs weitere Dimensionen, damit - wie der Japaner Michio Kaku in seinem Werk "Hyperspace" (1994) vorschlägt - "alles hineinpaßt"? Kunst und Medien jedenfalls haben unsere Vermögen, die Unterschiede der Welt wahrzunehmen, erheblich gesteigert und ein Ende ist nicht abzusehen. Kulturkritisches Bedenken, die dem "Verlust der Mitte" (Sedlmayr) in der Kunst oder einer Industrialisierung des Sehens" (Virilio) gelten, schärfen unseren Blick auf diesen dionysischen Vorgang des Wahrnehmungsexzesses. Gewiß hat Paul Virilio eine reale Gefahr erkennt, wenn er in Video und dem digitalisierten Bild eine "Dressur des Auges" am Werke sieht und gegen eine solche "maschinelle Gestalt der Wahrnehmung" unsere immer noch vorhandene Fähigkeit zur "unmittelbaren Wahrnehmung" zur Hilfe ruft, aber irreal ist sein Vorschlag einer "Wahrnehmungsethik". Überwahrnehmung ist wie Nietzsches Übermensch eine Steigerung von Humanität und kann nicht auf die Liste der verbotenen Fähigkeiten gesetzt werden. Mehr Wahrnehmung, differenzierter, komplexer, teilhabender ist der beste Schutz gegen die Blick- und Gefühlsdressur.
Allerdings gehört zu Wahrnehmung sachlich auch das Vergessen, unser Schutz gegen die Übertreibung des historischen Sinnes, die zur Vergiftung unseres Geächtnisses führen würde. Nietzsche preist das Glück des Vergessenkönnens und hebt hervor, daß kein Handeln ohne Vergessen möglich wäre. Als ob er die Video-Süchtigen (video addicts) und Informationsverrückten (information lunatics) unserer Zeit gekannt hätte, schreibt er:
Es gibt einen Grad von Schlaflosigkeit, von Wiederkäuen, von historischem Sinne, bei dem das Lebendige zu schaden kommt und zuletzt zugrunde geht, sei es nun ein Mensch, ein Volk oder eine Kultur.
Kritisch und kreativ zugleich ist ein Überwahrnehmung, die im Zulassen wie Vergessen von Welt gleich mutig (equally bold) ist und nach dem Maß eines gelingenden Lebens praktisch wirksame Unterscheidungen trifft.
III. Kultur als Kunst des Gelingens: Autopoetik der künstlichen Wahrnehmung
Kultur dient dem Willen zur Macht, geformt und ausgesprochen in der künstlerischen Aktivität, und ist Ausdruck von Lebenskunst wie Weltfähigkeit. Der künstlerische Wille zum künstlichen Leben, von Heidegger als "Wille zum Willen" analysiert, hat kein Ziel, ist seiner Struktur nach tautologisch. Bewußt anthropomorph, will das Gelingen des Willens dieses Gelingen als Gelingen - nicht ein anderes, sondern sich selbst (allerdings in Differenz-Identität von Selbst und Andersheit). Solche Kultur als Kunst des Gelingens ist Autopoetik, ihre Rückmeldung ist zugeich ihr Enstehen. Autopoetik ist von Niklas Luhmanns funktionaler Kommunikation abzugrenzen, die Rückwirkungen in ein subjektloses System verlegt und diesem Autopoetik zuschreibt. Humberto Maturana, an den sich Luhmann anschließt, hat Selbstproduktion und Selbsterhaltung als Eigenschaft von Systemen (wie es in der Physiologie des Sehens vorliegt) als autopoetisch definiert , aber weder Selbst noch Poetik haben in dieser abstrakten Bestimmung ihre unterscheidende Kraft behalten. Autopoetik im emphatischen Sinn drückt dagegen die Erfahrung der unreduzierbaren Eigenheit aus und verschärft das selbstverantwortete Erzeugen, das im Begriff der Mimesis von Nachvollzug und Darstellung überlagert ist. Autopoetisches Wahrnehmen als Aktivität einer Kultur nach dem Nihilismus ist künstlich und nimmt in Werken allein wahr, was wir - die Künstlichen von Natur - schätzen. Nietzsche stellt sich die Frage "Was ist denn 'wahrnehmen'?" und antwortet: "Etwas-als-wahr-nehmen: Ja sagen zu Etwas." (Ü 1885, 217). Selbst und Welt lassen sich nicht gegeneinander ausspielen, sondern gehören als Wechselwirkung untrennbar zusammen, wie Nietzsche wußte: "Das Tier weiß nichts von seinem Selbst, es weiß auch nichts von der Welt." (Ü 1882/83,152)
In der Autopoetik kann es kein Maß geben, das Autorität besitzt, die über denjenigen hinausgeht, der sie sich geschaffen hat. Selbstgesetzgeber im Sinne Kants und der Aufklärung sind wir deshalb allerdings nicht, wäre dies doch lediglich dann gegeben, wenn wir uns einem (universalen) Gesetz der Konsequenz beugen mußten. Das selbstgegebene Gesetz ist auch für mich schon überholt in dem Augenblick, in dem es zu meiner Kunst des gelingenden Lebens seinen Beitrag geleistet hat. "Der Schöpfer muß immer ein Vernichter sein..., nur das Wertschätzen selber ...kann sich nicht vernichten" (Ü 1882/83, 152), heißt es bei Nietzsche.
Wie aber kann der Einzelne ohne Maßstab und ohne gesicherte Methoden überhaupt herausfinden, ob sein Leben gelingt? Dem postmodernen Zynismus, der uns auffordert, als Obdachlose zu vegetieren und ein für allemal auf eine Identität zu verzichten, ist mit Nietzsche zu antworten: DAS Leben gefällt mir nicht! Ich WILL ein anderes! Ob das Leben gelingt, ist auch nicht im Stile eudämonistischer Ethiken durch Selbstbefragung oder gar Umfragen herauszufinden. Das von Nietzsche diagnostizierte existenzielles Interesse an der Lüge betrifft gerade auch die Selbsttäuschung. Alles, was in unser Bewußtsein kommt und dort interpretiert wird, unterliegt dem Hang, sich im Interesse des Überlebens etwas vorzumachen, schönzureden, was schlimm ist, zu "verschlimmbessern" (um Schopenhauer zu zitieren), was gelungen war. Glück wie Leid sind merklich, und können daher prinzipiell nicht dzu dienen, ein gelingendes Leben auszuweisen. Denn wie Glück und Leid in meinem Leben gelingen, muß unmerklich sein, kann aber vielleicht doch wahrgenommen werden. Eine unmerkliche Wahrnehmung vollendet erst unsere Künstlichkeit, und sie wäre dem Schweigen verwandt, diesem mächtigsten Anlaß; von Sprache. In ihrer Abwesenheit durchaus kontinuierlich, könnte Unmerklichkeit sich als Gelingen durchhalten und auch dem chaotisch und gescheitert scheinenden Leben einen Hauch von Leichtigkeit geben.
Drei Nicht-Merkmale, eher Verbergungen als Auszeichnungen, dieser Autopoetik einer künstlichen Wahrnehmung legen sich von Nietzsche her nahe (ohne sich aufzudrängen): die Bewegung zur Einzigartigkeit, die nicht eigens gerechtfertigt werden muß; eine Offenheit für das Andere, das als Ruf und Sache einer "Ethik aus Ästhetik" sich unversehens ergibt, und schließlich die Unmerklichkeit des Gelingens selbst, die Anthropozentrik verwunden hat.
1. Bewegung zur Einzigartigkeit
Nietzsche ist ein "Anti-Darwin" (Ü 1888, 295) und wenig hält er von der evolutionären Vorstellung einer "höheren Gattung". Die Bewegung zum Übermenschen ist bloß eine der Möglichkeiten der Gattung Mensch, verwirklicht ihre Selbst-Steigerung in einzelnen Menschen. Als reichste und komplexeste Form (als sublimste und zerbrechlichste Maschine (Ü 1888, 297) verwirklichen wir das X in unserer Definition immer schon und solange die Gattung existiert. Kein neues Geschlecht von Übermenschen ist also zu erwarten, sondern der Übermensch wird mit prämodernen, modernen und postmodernen Menschentypen koexistieren, will niemanden beherrschen (und von niemand anderem beherrscht werden).
"Alles Erkennen hat als Schaffen kein Ende. Jedem Menschen müßte eine Erklärung der Welt entsprechen, die ganz ihm gehörte, ihm als einer ersten Bewegung" (Ü 1882/83, 152) schreibt Nietzsche und könnte eigentlich sagen: es ist der Fall - und kümmert euch nicht weiter darum. Singularität ist für unsere Ewige Wiederkehr doch nichts Besonderes! Nicht einmal zwei Klaviere seien identisch, jammerte John Cage - mit einem Augenzwinkern.
2. Offenheit für das zweifach Andere
Singularität ist eine Sache des Körpers, daran hat Jean-François Lyotard erinnert. Kunst und Ethik seien dem Anderen unterworfen -allerdings in zweifacher Weise. In der Ethik antworte der einzelne auf den Ruf einer Stimme, der du in der Tat Aufrichtigkeit und im Urteil Gerechtigkeit schuldest. In der Ästhetik, in Kunst und Literatur "gebietet" die Sache selbst. Dieses zweifache Andere nicht in diskursive Techniken aufzulösen, sondern so offen wie schmerzhaft wahrzunehmen, läßt uns im Anderen gelingen. "Die Sache ignoriert Dich..., will nichts von dir, nicht einmal deinen Willen", sagt Lyotard, aber gerade in dieser Indifferenz öffnet sie sich dem Singularen: Die Sache "ist wie ein Tier in Deinem Körper". Eine non-verbale Bildersprache, wie sie der englische Filmregisseur Peter Greenaway fordert und einlöst, hört auf dieses Tier.
3. Unmerklichkeit des Gelingens
Überhören, Verklingen, Verwinden, Verwischen, Seinlassen sind unmerkliche Wahrnehmungen, in denen Kunst wie Künstlichkeit unserer Kultur am intensivsten zusammenwirken und eine "Unschuld des Werdens" erzeugen. Mit der ewigen Wiederkehr des Gleichen wird "Gerechtigkeit", die als positives Recht prinzipiell unmöglich ist, ins Vorbewußte entlassen. Erst leben, dann bauen, schließlich denken - der gelingende Zyklus unseres Wohnens auf der Erde hat einen verborgenen Rhythmus (beat) und dessen einzige, sich alsbald verlaufende Spur ist ein "unmerkliches Lächeln" (Ü 1883, 168).
IV. Übermensch in post-technischer Welt: Ein Vorblick
Die Geburt des Übermenschen in der posttechnischen Zeit ist ein Ereignis, das so wenig Aufsehen erregt wie der Tod Gottes. Der "tolle Mensch" aus Nietzsches "Fröhlicher Wissenschaft" (Abschnitt 125) ist bloß ein Wichtigtuer, der nicht begriffen hat, daß alles Weltumstürzende "auf Taubenfüßen" daherkommt und zum Glück für uns keine Nachricht (no news) ist. You - only better, you - only worse: die tausendfältige Lust am Spiel des Übermenschen verlacht Optimimus wie Pessimismus. Eine "Nivellierung der Menschheit" ist nicht Nietzsches Programm; seine "Bewegung: ist umgekehrt die Verschärfung aller Gegensätze und Klüfte, die Beseitigung der Gleichheit, das Schaffen Über-mächtiger" (Ü 1883, 153). Kultur ist, was von einem Einzelnen zu Ende gelebt werden kann, so selbstverständlich (self-evident) wie leicht (easy) in seiner Erfüllung (fulfillment). Nietzsches "Letzte Erwägung" aus dem Jahr 1889 ist der ästhetische Aufruf zu Kultur auch noch für
1994:
Kurz und gut, sehr gut sogar, nachdem der alte Gott abgeschafft ist, bin ich bereit, die Welt zu regieren... (25) 19 Anfang Januar 1889.
That's the spirit! The eminent American philosophers Beavis & Butthead would find it "cool".
Friedrich Nietzsche: Weisheit für Übermorgen - Unterstreichungen aus dem Nachlaß (1869-1889). Ed.Heinz Friedrich. München 1994. Alle aus diesem Buch stammenden Zitate sind im folgenden mit "Ü" gekennzeichnet und enthalten das Jahr der Aufzeichnung. Cf. zum Umfeld Elisabeth Kuhn: F.Nietzsches Philosophie des europäischen Nihilismus. Berlin 1992, 268. F.Nietzsche: Götzen-Dämmerung. Werke II. Ed.Schlechta. München 1966, 10005. (= Streifzüge des Unzeitgemäßen, Abschnitt 26.) Cf. zum ethischen Aspekt der Alterität Friedrich Ulfers's Beitrag "Das 'Jenseits' in 'Jenseits von Gut und Böse'". Kultur nach dem Nihilismus. Ed.J.Poulain/ W.Schirmacher. Berlin 1995. (= Akten der Internationalen Nietzsche-Tagung, Paris 1994).
Nietzsche: Götzendämmerung. Werke II. Ed. Schlechta, op.cit., Cf. Ü 262, 1887. F.Nietzsche: Götzen-Dämmerung. Werke II. Ed.Schlechta. München
1966, 1001 (= Streifzüge eines Unbekannten, Abschnitt 20). A.Nehamas: Nietzsche - Leben als Literatur. Göttingen 1991. Gianni Vattimo: The Transparent Society. Baltimore 1992, 2. Wolfgang Welsch: Ästh/ethik. In: Ethik der Üsthetik. Hg.C.Wulf, D.Kamper, H.U.Gumbrecht. Berlin 1994, 19. Cf. Gunter Gebauer/Christoph Wulf: Soziale Mimesis. Ethik der Ästhetik. Berlin 1994, 75-84. Cf. Wolfgang Schirmacher: Homo generator - Media and Postmodern Technology. Culture on the Brink. Ed.G.Bender. Seattle 1994. Cf. Michio Kaku: Hyperspace. Tokio 1994, und die "superstring theory of space". Cf. P.Virilio: Das Privileg des Auges. In: Bildstörung. Gedanken zu einer Ethik der Wahrnehmung. Ed.J.-P.Dubost. Berlin 1994, 55. Nietzsche: Vom Nutzen und Nachteil der Historie. ed.Schlechta. Bd.I., op.cit., S.213; cf. auch S.212. Cf.Martin Heidegger: Nietzsche II. Pfullingen 1961, S.471.Cf. Niklas Luhmann: Ökologische Kommunikation. Opladen 1986. H.Maturana: Der Baum der Erkenntnis. München 1987. Cf. auch Hans Ulrich Gumbrecht: Abgeklärte Theorie. Beobachtungen zum Werk N.Luhmanns. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.1987, S.29-30. Cf. Gebauer/ Wulf: Soziale Mimesis, op.cit. S.75. Cf. Michael Schmidt: Nihilistische Musik? In: Kulturphilosophie nach dem Nihilismus. Ed. J.Poulain/W.Schirmacher. Berlin 1995. J.F.Lyotard: Das zweifach Andere. Bildstörung, op.cit., 14, 18.Cf. Revolution des Sehens. Interview mit Peter Greenaway. Focus 25/ 1994, 91-93. Cf. M.Heidegger: Nietzsche II. op.cit., 325 ff.
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