European Graduate School EGS - Media Communication Studies Program

Wolfgang Schirmacher (New York)

INDIREKTE KOMMUNIKATION UND ÄSTHETISCHE ETHIK: EINE IRONISCHE LEKTÜRE KIERKEGAARDS




1. Der Sprung aus der postmodernen Langeweile

In der postmodernen Kultur, in die wir hineingeworfen sind, wird nichts weniger verziehen als die Langeweile. Sie ist die Gefahr, vor der wir uns in das Spektakel retten. Langeweile wurde von Schopenhauer wie Kierkegaard als anthropologische Konstante beschrieben, und ist daher für den postmodernen Geschmack von unerträglicher Einseitigkeit, ein anthropozentrischer Popanz, in dem sich Hybris als Bescheidenheit maskiert. Anders steht es mit dem postmodernen Spachspiel, das bloß meisterhaft Langeweile simuliert. Derridas Philosophie der Umständlichkeiten ist völlig zu Recht als "einschläfernd" charakterisiert worden und Lyotards postmoderne Fabeln führen durch ihre Mikrologie zu extremer Verlangsamung intellektueller Reaktionen. Aber so zu tun, "als ob" die Welt in Zeitlupe abläuft und jedes Zeichen zum unüberwindlichen Hindernis wird, durchbricht eingefahrene Lektüren und kann unerhört spannend sein. Das Leben - gespannt zwischen Schmerz und Langeweile, wie Schopenhauers böser Blick es sah - lehrt uns, am Ende die Langeweile mehr zu fürchten als den Schmerz. Dies ist der phänomenale Anlaß einer Ästhetik als rechter Lebensführung, der authentischen Wahrnehmung als Ethik. Auf die Langeweile, die den Menschen so unaustilgbar zeichnet, reagieren wir nach Kierkegaards Einsicht mit ästhetischer Vielfalt. In ENTWEDER/ODER wird der kreative Schub deutlich, die der Zusammenbruch langweiliger Autoritäten auslöst, das Ende des alleinigen Diskurses und der Anfang der munter plätschernden Sprechweisen. Die Logik des Seins wird von einer Rhetorik der Sprachen abgelöst, die einmal festgelegte Realität in ein Kontinuum von Möglichkeiten aufgebrochen. Verwirklicht wird dies in der Magie des Ästhetischen, in der "alles möglich" ist und die "Dinge ihren Lauf nehmen". Statt zu wählen, und mit dieser Wahl dann auch zu leben, wird jede Wahl lediglich simuliert und spielerisch kann abgelöst werden, was immer unsere Aufmerksamkeit gerade fesselte. Kierkegaards ästhetische Existenz, die sich vor der Wahl drückt und den Sprung verweigert, ist die Antwort der Postmoderne auf das Problem einer Langeweile, wie sie durch Festlegung und Wiederholung entsteht. Kierkegaard hatte Melancholie und Verzweiflung unter der ästhetischen Oberfläche lauern sehen, den Katzenjammer nach dem Spektakel, den Baudrillard ebenfalls verspürt, wenn er die Postmoderne fragt: "Was machen wir nach der Orgie?"1 Der selbstverständliche Umgang mit den Möglichkeiten, der prinzipiell grenzenlose Einkauf mit Kreditkarte im Supermarkt der Kultur, hat einen Überfluß an Identitäten und Differenzen entstehen lassen, der uns zunehmend gleichgültig läßt. Ob Madonnas "Sex" oder Spike Lees "Malcolm X" - um die beiden Großereignisse postmodernen Kultur im Herbst 1992 anzusprechen - der Kitzel wird absolut vorübergehend sein, ein Orgasmus, dem selbst noch der "kleinen Tod" genommen wurde. Die postmoderne Langeweile ist zweifellos weniger metaphysisch als in Schopenhauers grauer Anthropologie und nimmt sich auch nicht im entferntesten so wichtig wie der existenzielle Weltschmerz der Nachkriegslangweile in Europa. Postmoderne Langweile hat mindestens 64 Fernsehprogramme zur Verfügung und hat sich überfressen an der unaufhörlichen Abwechslung und den stereotypen Superlativen. Ironie scheint das einzig wirksame Gegenmittel in einer Welt, deren Kultur das permanente Feiern nicht lassen will, und ist doch inzwischen auch weitgehend neutralisiert. Die postmoderne Ironie, diese Lebenstechnik der entwickelten Industrieländer, hat den Überdruß, der aus der ununterscheidbaren Fülle stammt, nur kanalisieren können. Wir sind niemals, was wir scheinen, aber wir scheinen auch nicht zu sein, was wir tun, und doppelte Botschaften sind die Regel - solch kühle Ironie ereifert sich nicht und ist eines Bankiers im Devisenhandel würdig. Die Ironie, die sich rühmt, es nicht besser zu wissen und zum Sarkasmus unfähig zu sein, ist so wohltemperiert, daß jeder in ihr baden kann. Lauheit ist ein Hauptmerkmal postmoderner Ironie, die durch Vielfalt unweigerlich Langeweile erzeugt. Das Jähe, Ungeheure, Umstürzende, Anfangende, Heilige hat im immergleichen Wechsel keinen phänomenalen Ort, ist Utopie, die sich im Widerstand verbirgt. Aus kreatürlicher Angst vor einer Langweile durch Autorität und Eindeutigkeit hat die Postmoderne höchst kunstvoll eine Langweile erzeugt, die aus Vieldeutigkeit und Dezentralisierung gespeist wird. Ein Ausweg ist nicht in Sicht, denn die Logik von ENTWEDER/ODER signalisiert uns, wir sitzen in der Langweile-Falle. Sogar die Ironie, Kierkegaards rhetorisches Mauseloch, ist modern wie postmodern verstopft worden. Seine Waffen wie "kein letztes Wort" und "indirekte Mitteilung" sind stumpf geworden und gehören längst zum Repertoire modernen Avantgarde-Kunst wie alltäglicher postmodernen Kultur. Was bleibt? Wenn mit Vernunft, auch der postmodernen, kein Ausweg gefunden werden kann, dann ist es - nach Kierkegaards ironischem Vorbild - höchste Zeit für den Sprung, mit beiden Füßen zugleich abhebend, ein Sprung in den Abgrund, den Kierkegaard Glauben nennt (aber dies ist nur ein Wort). Verlangt wird ein salto mortale rückwärts, ohne hinzuschauen, eine Opferung wider jede Verunft, von einer unironischen Ironie allein dazu angefeuert. (Ich bezweifele allerdings sehr, ob wir dazu schon bereit sind!)

2. Kierkegaards Kritik der ästhetischen wie ethischen Existenz

Kierkegaard wurde magisch angezogen von der Aussicht auf eine ästhetische Ethik, die das schön Gefühlte und das moralisch Gewollte harmonisch miteinander verbindet. Die Unmittelbarkeit des Erlebens, die Freude, die Freiheit, die Selbstverwirklichung in der unerschöpflichen Vielfalt hat in Kierkegaard einen beredten Anwalt gefunden. Aber auch die ethische Realität des guten Gewissens, der persönlichen Verantwortung, des Mitempfindens mit dem Anderen, die immer vermittelt sein wird, sprach Kierkegaards mit bezwingender Kraft an. Das traditionelle ENTWEDER/ODER in ein SOWOHL/ALS AUCH zu verwandeln, in der ethischen Wahl die Schönheit des Daseins erst recht genießen zu können, war Kierkegaards hartnäckiger Traum, den wir noch heute träumen. Eine ästhetische Ethik, die ideale Möglichkeiten mit individueller Wirklichkeit füllte, und vom Aussehen der Welt ihr Gelingen ablesen würde, hätte im Horizont der ökologischen Krise ebenso lebensentscheidende Bedeutung wie für das Zeitalter der Medien. Die Wahrheit, für die wir leben und sterben, könnte dann mit der Wahrheit identisch sein, die lebt und stirbt, mit dem Prozeß des Lebens, den wir verantworten.

Aber Kierkegaards Harmonietraum, und das läßt ihn am Ende in einen Alptraum umschlagen, ist zugleich ein Echo auf Hegel, den gehaßten Lehrmeister, und dessen "absolute Idee", in der Wirklichkeit und Idealität im Besonderen so spannungsreich wie dynamisch übereinkommen. Daher wandelt sich Kierkegaard zum scharfsichtigsten Kritiker der Hegelschen Schritte, bei denen ein Fuß immer auf dem Boden bleibt, und verlangt den Sprung, den keine Vernunft begründen und kein Herz sich erhoffen kann. Das Paradox von Unendlichkeit und Endlichkeit, von universalem Sinn und konkreter Existenz darf nicht aufgelöst werden, sondern ist im Raum der Innerlichkeit schlicht zu leben. Kierkegaards Glaubenssprung, der Ästhetik wie Ethik im Sinne Batailles verlacht und keineswegs gut Hegelisch "aufhebt", erreicht erst die Authentizität der "indirekten Kommunikation", die in der ethischen Wahl noch unauthentisch blieb. Im Sprung auch gewinnt Kierkegaards Ironie das "unendliche Schweigen" zurück, die unterbrechende Kommunikation (wie Levinas sagt), ohne die Sprache und Verstehen instrumental bleibt.

Die ästhetische Existenz des Verführers ist ebenso wie die ethische Existenz des Einzelnen von der "absoluten Ironie" verschont geblieben und daher - auf der Waage der Ewigkeit - für zu leicht befunden worden. Was von sich her in uns geschieht, kann nicht mitgeteilt werden, sehr wohl aber als konkrete Innerlichkeit kommuniziert werden. Das Schweigen spricht, nicht der Mensch, und wir verderben, wenn wir Antworten vernehmen, wo es allein Fragen gibt. Kierkegaards Ironie aus Glaubensgewißheit ist der abrupteste Abschied von Anthropozentrismus wie Logozentrismus, den das Denken seit Hegel bietet. Verdunkelt wurde dieser Sachverhalt bis heute durch die mit vielen Zitaten abgesicherte Unterstellung, Kierkegaard habe stattdessen den christlichen Gott ins Zentrum gerückt. Doch Kierkegaards Gott ist ein sich auflösendes X, das völlig verschwindet, sobald der Einzelne springt. Der Glaubenssprung als Lebensweise erreicht weder den Gott der Tradition noch den Anti-Gott des Nihilismus, sondern verwirklicht eine nach-metaphysische Existenz, ausgezeichnet durch indirekte Kommunikation. Das endlose Geschwätz der Postmoderne mit ihrer Spießerwahl der ungefährlichen Genüsse wird jäh unterbrochen durch das Schweigen der Innerlichkeit und den Sprung in den Glauben. Was das überraschende Wiedererstarken fundamentalistischer Bewegungen bloß signalisiert, hat Kierkegaard, wie vor ihm Hölderlin und nach ihm Heidegger, zu Ende gedacht: Das Rettende verbirgt sich in der Gefahr, im Entmenschlichen des Menschen, im Entgöttlichen des Göttlichen, im Fundament ohne Fundament, im Künstlichen des Natürlichen. Authentisch ist die Existenz, die sich abwendet, und vertrauen können wir der Mitteilung,die hermetisch bleibt. Das Reden in fremden Zungen, Alltags-Pfingsten, verbürgt Kommunikation.

Ist solches Denken in Paradoxien, dieses Lob der Zweideutigkeit, die ironische Wahrheit der Lüge nicht ebenfalls abgenutzt, ein rhetorisches Ritual, das uns bestenfalls die Dekonstruktion verfestigter Formeln erlaubt? Kierkegaards Blick für die befreiende Dialektik von Parodie, Satire, Fabel war in seiner Frische unschuldig, aber können wir uns nach 150 Jahren experimenteller Kunst und Literatur noch unbefangen darauf berufen? Das Fragment hat uns der Ganzheit nicht näher gebracht, die Ironie die unscheinbare Wahrheit auch nicht schützen können, und Indirektheit wurde zum Merkmal einer modernen Technik, die uns heute Sinn diktiert. Das Auseinanderfallen von Bedeutung, Sprache und Sein ist durch Anerkennung nicht beendet worden, und vor den Fanatikern des Glaubens haben wir uns seit Kierkegaard mit noch mehr Recht zu fürchten gelernt. Die Ironie ist zum vorherrschenden Gefühl der postmodernen Kultur geworden, aber hat uns dies etwa eine Vernunft des Leibes gelehrt?

Aber vielleicht waren wir bloß nicht "töricht" genug, wie es in der Bibel heißt, nicht so einfältig und demütig, um den Gott in seiner Knechtsgestalt zu erkennen. Die Zeitgenossen des 20.Jahrhunderts sind gesprungen - daran kann kein Zweifel bestehen - und haben aufgegeben, freiwillig und gezwungen, woran sie seit Menschengedenken gehangen haben. Aber wie sind wir aufgefangen worden, haben wir denn erfahren, was uns zum Sprung verleitete, hat sich der angesichts der mörderischen Realität so absurde Glaube an die heile Welt und das gelingende Leben irgendwo bewahrheitet? Kierkegaard hat noch deutlicher als Schopenhauer in der nachhegelschen Philosophie hinter der Maske der Vernunft gelüftet und den Mystiker durchblicken lassen. Doch dies hat seine Leser eher in die Irre geführt, die nach einer neuen Religion Ausschau gehalten haben. Eine mystische Gelingensethik aber, die sich als ästhetische Ethik zu erkennen gibt, konkretisiert sich in kommunikativen Prozessen und gestaltet die Medienwelt. Kierkegaards zentrale Hinweise auf die "indirekte Kommunikation" sind in der Wirkungsgeschichte zu sprachlicher "Mitteilung" verengt worden oder wurden überhaupt ignoriert. Im Zeitalter der Medien jedoch wird jede Kommunikation medial vermittelt, ist "unmittelbares" Erleben ebenfalls unweigerlich vorgeprägt und so zu einer bloßen Sonderform des Indirekten geworden. Zeigt Kierkegaards Gott also sein Angesicht in den heutigen Medien - vom Buch über den Computer bis zum Video -, verlangt daher der Glaubenssprung ein bedingungsloses Einlassen auf die paradoxe Wirklichkeit lebensweltlicher Kommunikation? Wäre es nicht ironisch, wenn unser Sprung ins einst höchste Sein, Gott, enden würde im einst niedrigsten Sein, der Maschinerie? Aber vielleicht lassen wir im Sprung solche Hierarchien auch endgültig hinter uns.

3. Glaubenssprung in die Medienwelt: Vom Heil im Unheil

In postmoderner Zeit hat Ironie die Extreme durchgestrichen und mit einschränkenden Erläuterungen versehen, und dennoch fasziniert uns, was vom durchstrichenen Phänomen sichtbar bleibt. In seiner Archaik ist Kierkegaards Glaubenssprung, der den ironischen Diskurs sowohl braucht wie auch verläßt, bestürzend fremdartig. Man sollte eigentlich vermuten, daß Kierkegaards religiöse Selbstzweifel im postmodernen Supermarkt zu den Ladenhütern zählen. Aber gerade die phänomenologischen Merkmale, die am Glaubenssprung unhistorisch sind und auch von anderen Kulturen berichtet werden, führen dazu, daß unser Interesse nicht erlahmt. Wieviel Widerstand und Differenz enthält doch die absolute Opfergeste, das uneingeschränkte Vertrauen, die totale Abkehr vom gesunden Menschenverstand? Der Glaubenssprung widerspricht stärker als jede andere Lebenstechnik unserem Weltbild zwischen Moderne und Postmoderne, den Erfahrungen der menschlichen Geschichte und den Einsichten praktischer Vernunft. Der hartnäckigste Reaktionär in unserer Zeit würde nicht wagen, uns Kierkegaards Sprung pur anzubieten. Was ist es also, was nach dem Tode Gottes, ohne jede Hoffung auf ewige Gerechtigkeit, unendlich gelangweilt von den Kindergeschichten der Religionen Kierkegaards Glaubensprung so anziehend macht? Es scheint eine anthropologische Basiserfahrung zu sein, die in der ästhetischen Wahrnehmung unabweisbar wurde und die doch erst die postmoderne Ironie auszusprechen wagt. Schopenhauer hatte diese Wahrnehmung noch in die grimmige Formel gepackt: Das Leben ist nicht wert gelebt zu werden! Aber sachnäher heißt es schon bei Kierkegaard, daß Sinn bloß nicht durch gemeinsame vernünftige Praxis zu erreichen ist, sondern das Signum des Absurden trägt, das vom Einzelnen innerlich in Gelingen zu verwandeln ist. Der Sachverhalt, wie er am Übergang zum 21.Jahrhundert augenfällig wird, läßt sich am ehesten ironisch fassen: Was immer wir vernünftig planten, wendete sich zumeist gegen uns. Was lächerlich, abseitig und unwichtig erschien, erwies sich dagegen oft als fruchtbar und lebensfördernd. Oder für das philosophische Denken gesagt: Je überzeugender die Theorie, je stärker die Argumente, je blitzgescheiter die Konstruktion, umso inhumaner die Praxis, umso uneinsichtiger die Akteure, umso vernichtender die Folgen für die Umwelt.

Gewiß läßt sich diese Erfahrung argumentativ nicht umdrehen: Das Widersinnige ist nicht in jedem Fall das Wahre. Aber wir lernen in der heutigen Welt - oft auf die harte Weise durch Zerstörung und Katastrophe - daß das Absurde keineswegs Wahrheit verschließt. Ob Wahrheit oder Irre, Gelingen oder Scheitern, Humanität oder Anthropozentrismus - an Sinn oder Widersinn der Theorie ist dies nicht abzulesen! Kriterien gibt es weiterhin, aber sie sind Winke und Spuren, vorsichtige oder törichte Annahmen, und wir hüten uns zu recht davor, inhaltliche Vorgaben einzubeziehen. Unsere Aufmerksamkeit gilt stattdessen unseren eigenen Voraussetzungen, den unbeachteten Vorurteilen und selbstverständlichen Rahmenbedingungen, die unsere Wahrnehmung verdunkeln, unseren Blick verstellen und unser Ohr ertauben lassen. Offenheit, Vertrauen, Wahrnehmung sind die Kriterien einer ästhetischen Ethik, die das Sich-Zeigen und Sich-Melden der Welt erstmals unbefangen zuließe. Eine solche wahrnehmnde Ethik, die am Zustand des eigenen Wohnens bei Menschen und Dingen ihre Wahrheit abliest, wäre "technisch" und "praktisch" zugleich und als Gelingensethik von theoretischer Falschheit weitgehend geschützt. Allerdings scheint die menschliche Selbsttäuschung, über Jahrtausende im Kampf um das Überleben trainiert, so ausgeprägt, daß kein diskursiver Weg zur Gelingensethik führt. Immer wieder bleiben wir vorher stehen - bei kommunikativer wie religiöser Ethik, bei kulturellem Respekt wie bei historischer Wiedergutmachung, bei New Age und Virtual Reality. Unser Hang zur Normalität, unsere Angst vor der Veränderung, unser Ausweichen vor weltumstürzender Erfahrung läßt uns immer wieder den Ersatz wählen, die Pantomime, die Ironie. So ist es doppelt ironisch, daß wir offenbar Ironie und Widersinn brauchen, den durch nichts zu rechtfertigenden Glaubenssprung, um uns aus dem selbstverschuldeten Unheil hinauszukatapultieren. Wohin springen wir? In das X, das Kierkegaard mit dem historischen Namen Gott benannte. Aber auch schon für ihn war es der Gott nach dem Tode Gottes, und der Sprung verlangte damit nach einem schöpferischen Akt ohne Vorbild. Das X, in das wir heute springen, sind die Medien, der neue Gott und Götze, der die postmoderne Welt in jeder Fernsehwoche neu erschafft, permanent simulierte Wahrheiten ausstößt und uns sogar ein jüngstes Gericht in Form von "interaktives AIDS" (Hazen Reed) verschafft. Der postmoderne Ironiker trifft seine ästhetisch-ethische Wahl, indem er in die Medienwelt springt, bedingungslos, ohne Rückweg, in völliger Selbstaufgabe. Die Medien erziehen gegenwärtig unsere Wahrnehmung, die Programmgestalter sind die wirksamsten Philosophen, und was immer wir für unsere persönlichen Erfahrungen halten mögen, ist durch die Medien vermittelt und durch deren Figuren wie Gesten vorgeformt. Das Unheil der Welt verantworten daher auch die Medien, gerade so wie zu Kierkegaards Zeit das Christentum die Menschenwelt im dogmatischen Griff hatte. Von Kierkegaard können wir somit lernen, was wohl der Gipfel der Ironie ist: das Heil im Unheil zu suchen. Ebensowenig jedoch, wie Kierkegaard in seiner Kritik am Christentum nachließ, sollte unsere harsche Medienkritik durch den Glaubenssprung sanfter werden. Aber die Kritik an den organisierten Medien (wie am etablierten Christentum) käme nach dem Sprung von einer Persönlichkeit, deren Medienliebe nicht übertroffen werden kann, von innen, aus dem kreativen Potential der Medien selbst. Die Lebensfolgen einer solcher kommunikativen Existenz zeigen sich in einer gelingende Medienwelt. Die Medien, der verlebendigte Sinn, wird dann nicht wie bisher bloß von außen kritisiert, sondern innerlich wie äußerlich in einem befreienden Glaubensakt neu entworfen. Indirekte Kommunikation bleibt diese ästhetische Ethik auch dann noch, sind ihre fiktiven Gestalten und realen Ideen doch künstlerische Phänomene, zwingen niemanden zu Tat und Konsequenz, sondern laden anmutig zur freien Nachschöpfung ein. Kierkegaards Sprung erweist sich so im nachhinein als "Schritt zurück" (Heidegger) in unsere Bestimmung als Homo Generator: Der Mensch als das von Natur aus künstlerische Dasein.


1 Cf.Jean Baudrillard: The Transparency of Evil - Essays on Extremes Phenomena. Transl.J.Benedikt. London/ New York 1993, S.3.



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